AIDS kommt an in Bayern – Ende 80er

28. September 2014

Mit einem „Massnahmenkatalog“ beantwortete Peter Gauweiler (ehemaliger bayerischer Staatssekretär) das Auftauchen der AIDS Seuche mit ebenso drastischen wie schockierenden Vorschlägen. Nicht etwa die Prävention der Krankheit steht im Vordergrund von Gauweilers Massnahmenkatalog, sondern die Ausgrenzung und letztlich die Auslöschung der „Keimträger“, sprich der Sexarbeiter_innen und Homosexuellen. Diesen Ressentiments stellt Gufler die emanzipatorischen Schlachtrufe der Münchner Schwulen- und Lesbenbewegung entgegen und zeichnet somit ein oszillierendes Bild münchnerischer und zugleich deutscher Geschichte.“ (Schwulesmuseum)

AIDS-Kranke ins Ghetto?“ titelte 1987 das Magazin „Stern“, und in München trugen Aidsaktivisten bei einer Anti-Gauweiler-Demo ein Banner mit der Aufschrift „Wer schützt uns vor dieser AIDS-Politik?“

Projektion auf die KriseGuido Vael, Urgestein der Münchner AIDS-Hilfe und der Schwulenbewegung, erzählt nicht nur lebendig von der in jenen Jahren herrschenden Ausnahmesituation, sondern analysiert auch Gauweilers perfide Taktik, mit der er die schwule Subkultur zu eliminieren gedachte.“ (Axel Schock)

Ich denke, die Menschen im Allgemeinen und natürlich auch nicht-heterosexuelle Menschen sollten wieder offener für Solidarisierung und Gemeinsamkeit, fürs Kollektive sein und mehr Verantwortung füreinander übernehmen. Wir sollten uns nicht nur in Zweierbeziehungen einmauern, sondern offen für neue Formen von Freundschaften mit anderen sein, die Elemente von wechselseitiger Verantwortung umfassen.“ (Philipp Gufler)

Einblick in die Ausstellung

Norbert Niedermayer auf queer.de

Axel Schock auf dem Aidshilfe-Blog

Interview mit Philipp Gufler auf querverlag.de

Das Buch ist bei ARCADOS erhältlich, CHF 19.80

Rechtskonservative und Linksliberale

27. Juni 2014

Gabriele Kuby’s “Die globale sexuelle Revolution” Darin legt sie dar, warum sie gegen die sexuelle “Freiheit” ist und was sie im Eigentlichen gegen die Homosexualität, die männliche natürlich, hat. Kuby ist ursprünglich evangelisch und dann zum Katholizismus übergetreten. Bei ihr kann man nachlesen, was die Rechtskonservativen missverstehen an Gender-Theorie und am “Relativismus” in der Sexualkultur. Mir ist während des Lesens aufgefallen, dass sie “ausgewählte” Studien zitiert und einen grossen Bogen um Thematas macht, die reale Verhältnisse in der realexistierenden Familie kritisieren.

Für die bei uns noch anstehende Diskussion mit den Rechtskonservativen und Gläubigen, wie Chaaban, Riklin und Konsorten wichtig! Da können wir uns politisch vorbereiten!

Ulrike Heiders „Vögeln ist schön“: Die Sexualrevolte von 1968 und was von ihr bleibt. Heider schaut zurück in die Anfänge des Aufstands gegen die Moral der Kriegs- und Nachkriegszeit, die Rolle des Konsumismus und die Bedeutung der Frauen in der industrialisierten Gesellschaft. Schön zeichnet sie nach, wie die Zensur langsam fiel und mehr Fleisch gezeigt werden konnte. Sie schildert ihre Mütter- und Vätergeneration und wie sie sich daraus befreien konnte. Sie erinnert sich an die Auseinandersetzungen mit der Linken, den Frauenbewegungen, der Feministinnen und der Schwulenbewegung. Sie liefert das Material, das gegen Cohn-Bendit und die Grünen verwendet wurde und setzt es in den historisch-kulturellen Zusammenhang, wie es sich gehört!

Sie erinnert uns aus gutem Grund an die Zusammenhänge von Wirtschaft und Sexualität, sowie den Unterschied von Marktfreiheit und sozialem Freiraum. Sie bringt uns auch die ehemals prägenden und wichtigen Bücher, die diskutiert wurden, nahe, indem sie dieselben wiedergelesen hat und kurz zusammenfasst. Auch Alice Schwarzer und ihre letztlich zwiespältige Rolle wird von ihr eingeordnet.

Sie spannt den Bogen von den Frühsozialisten und Sexualreformerinnen bis zur aktuellen SM-Diskussion und zu Judith Butler und macht sichtbar, wie hin und hergetrieben unsere Sexualkultur sich entwickelt (hat)!

Das Buch ist stark BRD-orientiert und die Einblicke in den SDS, in die Kommunen und WGs und die deutsche Politik könnten die Geduld strapazieren. Auf jeden Fall ist ihre respektable Arbeit ein Informationsgewinn. Mit dieser Frau möchte ich mal diskutieren können!

(Bei ARCADOS am Lager!)

Hier das detaillierte Verzeichnis von Kuby’s Buch

Barbara Eder: Die Linke und der Sex, Promedia 2012 - hier ein Interview mit der Autorin, in welchem sie die Vorstellungen von Linken und Rechten vergleicht.

Hier eine andere christlich-konservative Stimme:  Christl R. Vonholdt: HS verstehen (sic!)

Tischler, schwul, 14

esoterisch oder so! :)

der schwule Roman als “Ware”

21. Juni 2014

Nachdem die Stimmen von Schwulen erst in politischen Diskussionen aufgetreten sind, wurde nach Literatur von und über Schwule geforscht. Dabei gab es bekannte und verschollene Texte aus allen Zeiten neu zu entdecken. In der jungen Basler Literaturzeitschrift „drehpunkt“ bin ich 1977 von Christian Fink als schwuler Buchhändler interviewt worden. Hansruedi Fritschi schrieb im hey Nr. 4 und 5/1982 über „Schweizer Literatur und Homosexualität“. 1995 fand in Bern eine Tischdiskussion darüber statt, ob es „schwule Literatur“ überhaupt gebe!

2012 publizierte Joachim Bartholomae bei Männerschwarm ein schmales Bändchen: Wie der Keim einer Südfrucht im Norden (Kleist, Kafka und andere Aussenseiter der Literatur).

In den 80er und 90er Jahren erschien wichtige schwule Literatur bei etablierten und bei grossen Verlagen. Daneben profilierten sich eine handvoll schwuler Verlage. Der grösste ist Bruno Gmünder, der auch wichtige ältere Bücher in Neuauflage herausbringt. Zusätzlich erscheinen Texte in „Selbstverlagen“, die leider meistens keine Bearbeitung durch ein Lektorat bekommen.

Heute können sich viele Gays ihre Lektüre direkt übers Internet herunterladen und auch gleich bezahlen – dabei spielt natürlich die „Diskretion“ eine Hauptrolle. Die „Emanzipation“ von – im weitesten Sinne – homosexuellen Bedürfnissen findet seit längerer Zeit über die Marktplattformen im Internet statt. Seit die Homosexuellen eine ziemlich klare Zielgruppe des Marktes geworden sind, erfahren sie eine den Frauen ähnliche „Umwerbung“. So wie es in allen Städten an jeder Ecke einen Shop für Frauen hat, gibt es im Internet überall Angebote für Gays. So können auch diese immer wieder ihre Minderwertigkeitsgefühle „aufpolieren“ und an besonders „interessanten“ Angeboten ihre diskrete subjektive Emanzipation erleben.

Es sollte ihnen aber – wie den Frauen auch – zu denken geben, dass antihomosexuelle Reaktionen erfolgen, wenn den Hetero/as die Sichtbarkeit „zu viel“ wird. Denn Männer reagieren auf das Getratsche und die Exaltierheit von Frauen nur solange, bis sie ihr Sexualziel erreicht haben. Nachher ist es ihnen einfach nur lästig. Als Konsument“innen“ sind Frauen und Homosexuelle interessant für den Markt, aber als selbstbewusste IndividualistINNen sind sie in der Gesellschaft unerwünscht.

Seit Generationen von jungen Männern (auch Migranten) heranwachsen, die nicht mehr lesen, oder die ihre homosexuellen Bedürfnisse „diskretestens“ übers Internet anbringen, haben die etablierten Verlage auch ihre „schwulen Titel“ drastisch reduziert. Gleichzeitig wurde von Anderen ein vielfältiges Angebot für diese im Internet aufgebaut, das rasch angeboten und ökonomisch abgeschöpft werden kann. Dabei geht es vor allem um Gesundheitspillen und -wässerchen, Unterhaltung, Bilder und Illusionen und weniger um gezielte pornographische Angebote.

Nicht zu vergessen ist dabei das spezielle Erlebnis als Form von phantastischem Roman, das sich in Klemmschwesterns Köpfen von alleine „zusammensetzt“. Der schwule Roman geht nicht nur in die virtuelle Form über. Er bildet sich in jedem Kopf und mit jedem Erlebnis individuell und neu in allen Vorstellungen der Phantasierenden. Denn mit jedem Kauf und jedem Erlebnis erhofft sich der Konsument ganz bestimmte Erlebnisse und Wunscherfüllungen, mit denen er SEINE homosexuellen Bedürfnisse befriedigen kann. Der Individualist ist Konsumist und sein eigener Romanschreiber…

Liselotte Brodbeck hat 1974 über den „Roman als Ware“* für die Frauen geschrieben. Sie bezog sich dabei auf Fortsetzungshefte wie „Jerry Cotton“, Arztromane und Königstöchter, etc. Dabei stiess sie auf unglaublich einfache oder vereinfachte Vorstellungen von Frauen über das Leben, die Familie und eine „Karriere“ an der Seite erfolgreicher Männer.

Brodbeck, Roman

Etwa so ähnlich ergeht es den homosexuellen Jungs heute! Vereinfachte Vorstellungen über Gesundheit, Karriere und ökonomischen Erfolg finden wir in den aktuellen Gay-Magazinen angeboten. Der Erfolg der Schwulenbewegung war auf rechtliche Gleichstellung ausgerichtet, der Erfolg von Junghomos wird auf kulturelle und ökonomische Gleichstellung mit erfolgreichen Heterosexuellen ausgerichtet. Dabei geht die Arbeit mit und in der Gesellschaft verloren.

Brodbeck schrieb 1974: „Dem Gegenstand der vorliegenden Untersuchung nach sind kapitalistische Produktionsbedingungen nicht Folge, sondern Voraussetzung“… – und so meine ich: … für eine erfolgreiche Emanzipation. Die ökonomischen Verhältnisse bestimmen das Wohlergehen von Homosexualität und von Schwulen.

Durch Vielfalt und endlose Variationen erscheint das grundsätzlich „immergleiche“ Angebot als das „Immerneue“ und wird so im Bewusstsein der Leser zum unabänderlichen persönlichen „Schicksal“ – frei nach Brodbeck abgewandelt!

Die stete Veränderung von Gesellschaft und Lebensweisen wird aus den Augen verloren und das Nachäffen traditionell-heterosexuellen Verhaltens und heterosexueller Vorstellungen wird als oberste Bedingung für den Erhalt der eigenen Wertschätzung übernommen. Das sind ganz andere Erziehungsmechanismen als sie die Schwulenbewegung noch im gemeinsamen physischen Sein angestrebt hatte.

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

* Brodbeck, Liselotte: Roman als Ware, edition etcetera Basel, 1974, 70 Seiten (nur antiquarisch)

P.S. “Im Mittelpunkt der Werbung steht die Metapher, dass die Beziehungen zwischen Menschen und Individuen durch Dinge vermittelt werden.” (Eva Illouz: Der Konsum der Romantik, Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus, Campus 2003, S. 73)

Vor 40 Jahren begann ich in Basel mit dem ARKADOS Versand

26. März 2014

Auf Schnapsmatrizen umgedruckt wurden die ersten Verzeichnisse, die ich ab einer Postfachadresse verschickt habe. Ich arbeitete in jener Zeit im Bestellbüro meiner vorherigen Lehr-Buchhandlung und hatte angefangen, in Deutschland „einschlägige“ Magazine zu bestellen. Es gab du&ich, DON und him. Diese bestellte ich an meine Privatadresse und versendete sie an interessierte Kunden. Selbstverständlich diskret in Zeitschriftenumschlägen. Das muss so im Juli 1974 begonnen haben. Später kam noch das Schweizer Heft „hey“ dazu.

Abends kam ich nach hause und leerte erstmal das Postfach, um dann einige Treppen in einem Altbau hochzusteigen, wo ich meine erste Wohnung gemietet hatte. Im Schlafraum stand ein weisser Schaft und ein weisser kleiner Tisch, den ich mir später gekauft habe. Das war mein Büro.

In diesen deutschen Schwulenmagazinen standen auch Hinweise auf Bücher zum Thema, die ich mir bestellte und weiterverkaufte. So viele gab es damals noch nicht – und die wenigen anderen kannte ich einfach noch nicht!

Meine Kundenadressen suchte ich anfangs mittels kleinen Rubrikinseraten in der TAT, dem Brückenbauer und der Zürcher Studentenzeitung zusammen. Dann in linken Magazinen. Die Coopzeitung verweigerte die Publikation.

Informationen über homosexuelle Thematik: Bücher, Beratungsstellen, Elternkontakte, Schriften, Infos, Freundschaftsanzeigen. Arcados-Verlag, Postfach, Basel. (gegen 40 Rp in Briefmarken)“

Laud Humphreys „Klappen-Sexualität“, das ursprünglich 1970 in Chicago erschienen war, bildete das einzige wissenschaftliche Fenster in homosexuelles Verhalten in öffentlich zugänglichen Räumen, es erschien 1974 bei F. Enke. Der Autor bewegte sich über längere Zeit auf öffentlichen Toiletten und beobachtete das Verhalten von Männern. Schon hier war klar, dass es mehr Sex zwischen Männern gibt auf der Welt, als solchen mit, oder unter Schwulen! Ein Klassiker, ebenso wie Guy Hocquenghems „Das homosexuelle Verlangen“, das 1972 in Paris erschienen ist. Es erläutert die Begriffe der Homo- und Heterosexualität, die Ideologie, die sie geschaffen hat und warum die Gesellschaft das aufrecht erhalten will.

Das „Kritische Lexikon Homosexualität“ war ein von Laien zusammengestelltes und billig gedrucktes Büchlein aus Deutschland. Siebzig Stichwörter über alles, was das Schwulsein betrifft.

Ergebnisse zur Sexualmedizin“ war 1973 erschienen, als Publikation junger Mediziner in Köln, die sich über fehlende Studien auf diesem Gebiet beklagten. Entweder wurde damals den Frauen jegliche Orgasmusfähigkeit abgesprochen, oder sie wurden „ersatzweise“ auf die Kinderaufzucht verwiesen. Lust hatte der Mann „zu erbringen“, Frauen durften „empfangen“. Auch über sexuelle „Abweichungen“ gab es wenig Informationen. (Angebot Juli 1974)

Im Herbst des gleichen Jahres erschien „Der gewöhnliche Homosexuelle“, DRgewHSeine soziologische Studie von Martin Dannecker und Reimut Reiche im Fischer Verlag. Für viele Jahre war das der Klassiker der Sozialforschung zum Thema Homosexualität im deutschsprachigen Raum. Vergleichbar mit Kinsey’s Befragungen aus den 40ern.

Hans Giese hatte Ende der 50er Jahre aus Daten, die er anonym unter homosexuellen Kreisen, sowie in seiner Sprechstunde erhoben hatte, „Der homosexuelle Mann in der Welt“ 1957 bei Kindler publiziert. Aus der Schweiz war Theodor Bovets „Probleme der Homophilie“ bereits 1965 bei Haupt, Bern erschienen. Darin enthalten ist die erste neuzeitliche theologische Interpretation antihomosexueller Bibelstellen durch Else Kähler (1917-2011), eine strafrechtliche Würdigung von Günther Stratenwerth, sowie die Betrachtungen der Zürcher Sittenpolizei, von Hans Witschi.

Sehr vieles in der damaligen Zeit wurde entweder theologisch, philosophisch, oder medizinisch umrahmt. Eine „Sexual“-Wissenschaft war erst am Entstehen! (für Interessenten gibt es hier einen Katalog erster Sachbücher (1978) in deutscher Sprache zur Homosexualität)

(wird fortgesetzt!)

35 Jahre ARCADOS gaybuchladen, Interview in Männer Mai 2012

35 Jahre ARCADOS gaybuchladen, Interview in Männer Mai 2012

Was ist der Buchladen heute?

Der älteste schwule Buchladen der Welt hat 2009 geschlossen

Der zweitälteste schwule Buchladen der Welt schloss 2014

coming out ist lebenslang!

08. Oktober 2013

Der „coming out day“ wurde 1988 in den USA ins Leben gerufen, um jährlich daran zu erinnern, dass es irgendwann eine Linie im Leben eines Mannes gibt, die ihn zu einer Selbsterkenntnis und zur Wahrnehmung durch Andere führt.

Für die heterosexuelle Kultur ist das etwas ganz Selbstverständliches! Unter Jungs die erste Ejakulation, in der Schule der erste Schulschatz, der „mit einem geht“. Später der erste Kuss und der erste Koitus! Alle freuen sich darüber und Eltern warten meistens auf diese „ersten Male“. Auch nicht mehr solange bis zur Verlobung oder Heirat…

So hat jedeR Hetero/a einen natürlichen Verlauf von coming out als Person, als Sexualpartner und Bezugsperson. Und selbstverständlich sind sie stolz darauf, wollen die Freude der ganzen Welt erzählen! Dazu gibt es triviale und literarische Vorlagen, Filme, und Musik, oder heute das fb, das Iphone und die verschiedensten Apps…

Eigentlich könnten sich ja alle auf denselben Plattformen bewegen. Aber das würde nur „stören“! Da schleichen sich die viertel-, die halb- und die „ganzseidenen“ Heteros lieber in die schwulen Plattformen hinein.

So ist es Tradition, dass die Schwulen ganz eigene Kontaktebenen entwickelt haben. ARCADOS war der erste schwule Buchladen im deutschsprachigen Raum (1977). Wenigstens der erste, der als solcher auch so offen auftrat, mit einer handvoll deutschsprachiger Bücher.

In den 70er Jahren gab es nur furchtbar verkopfte Bücher, vor allem linker Provenienz. (Homosexualität als „Nebenwiderspruch“!) :P

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In den 80ern kamen dann die „unkomplizierten“ Taschenbücher – sogar in allgemeinen Verlagen wie Rowohlt! Unvergessen „schwul na und?“ von Thomas Grossmann (1981) Sie kamen im outfit jener Zeit daher und vermittelten Luft. Besonders in Erinnerung eine Zeichnung: Ein Vater am Bett einer Domina, mit Hundehalsband: „Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass mein Sohn ein perverser ist? Stell dir vor er ist schwul!“

Ein Jahr später: Männer. LiebeEin Handbuch für Schwule und alle, die es werden wollen.“ von Matthias Frings und Elmar Kraushaar (1982) Sie gaben Einblick in die Szene, die Ikonen und das Privatleben. Sogar die Schwulenbewegung kriegt ihr Kapitel darin. Ein wunderbares Zeitbild.

Dann kam 1984 eine Handreichung für Eltern, wiederum von Thomas Grossmann. Doch ihr Einbezug war schwierig, wegen der Familiensituation.

Schliesslich „Beziehungsweise andersrum schwul – und dann?“ nochmals von Grossmann. In allen diesen Büchern fand eine Auseinandersetzung mit sich und Anderen statt. Der Leser bekam eine vielfältige Sicht auf Biographien und Lebensläufe. Schwulsein öffnete sozusagen die bürgerliche Sicht auf das Leben in seiner schwulen Vielfalt. Doch davon ist heute nicht mehr viel übrig geblieben.

Eigentlich geht es den Schwulen wie den Kindern! Sie erhalten Sexualinformationen, die eigentlich ihrer Lebensweise schon vorgefertigte heterosexuelle Erfahrungen und Empfehlungen vorgesetzt bekommen. Schwulen Sex macht man, mit dem Ziel den Mr. Right gleich fürs Leben zu finden. Dazu braucht es – wie bei den Frauen – viel Kosmetik, sowie Sport, Fitness, Parties und Ferienreisen…

Eine Meditation oder Auseinandersetzung ist nicht mehr nötig. Es kommt auf die Accessoires und die Fetische an. Zudem steht uns das Kamasutra mit allen möglichen Sexualpraktiken zur Verfügung, so dass es uns eigentlich bis 80 nicht langweilig werden kann! Hä?

Schwule sind inzwischen nur noch eine Gruppe unter vielen Sexualorientierungen, wie Asexuelle, Transsexuelle und andere. Wir sind zu einer Minderheit in den Minderheiten geworden. Der Buchladen als Treffpunkt hat sich längst überlebt. Schon ARCADOS wurde übrigens mit dem Vorwurf eines „Pädophilentreffpunktes“ – noch im letzten Jahrhundert – angegriffen. Redet keineR mehr davon heute… So schlimm kann es also nicht gewesen sein! ;)

Es gibt aktuell auch keine Bücher mehr für Jungs, die wissen wollen, was auf sie wartet. Das suchen sie sich im Internet zusammen. Oder stellen ihre Sexualität selbst darin dar. Aber das ist den Heter/as ein Dorn im Auge. Mittels Kriminalisierung von „Kinderpornografie“ (bald bis 18) versucht Frau, dies wieder in den Griff zu bekommen. Meistens fehlt auch die Angabe, was denn genau darunter verstanden werden muss. Kann jedeR die schlimmsten Sachen damit meinen – eine inhaltliche Auseinandersetzung darüber ist obsolet.

Die aktuellen Sexualinformationen werden von den Aidshilfen produziert und verteilt und diese wiederum nehmen Rücksicht auf die Kontrolle aus der Politik. Kein wagemutiger grösserer Verlag mehr und schon keiner, der an schwulen Käufern interessiert ist. Die meisten Kinder- und Jugendbücher zum Thema werden von Frauen geschrieben und sind so ziemlich „asexuell“.

Das relativ neue „Milchbüechli“ (aus Baden) nimmt sich – auch mit Unterstützung staatlicher Stellen – der Sexualinformation – jetzt verschiedenster – Minderheitengruppen an. Aber wenn es um Analverkehr geht, dann sollte schon klar werden, dass es bei Frauen und Männern nicht das gleiche Gefühl und die Wirkung sind. In der aktuellen Nummer fünf gibt es Rat: „In Pornos habe ich gesehen, dass mit Urin Sexspiele gemacht werden, ist das normal?“(J. -17 J.)

Die sehr „weibliche“ Antwort darauf ist: „Um herauszufinden, was dir gefällt, probierst du es am besten aus. Herumexperimentieren macht Spass…“ Klar, dann sind die Leute beschäftigt. Und es muss sich für die Beteiligten „gut anfühlen“. (S. 15)

Jeder Fetisch ist dann „normal“, wenn er auch von allen verstanden wird – und nicht nur Spass macht. Wir halten es allgemein auch mit „der Homosexualität“ so! Anstelle der Fachausdrücke ist der Zusammenhang wichtig. Letztlich ist heute „alles normal“, nur verstehen tut es keineR… (Das erwarte ich schon von StudentINNen und Linken!)

Ganz zu schweigen von der politischen Dimension. Pornokonsum wird bald erst ab 18 Jahren erlaubt sein und vorläufig sind Darstellungen wie „Watersports“ und „das was ins Klo gehört“ ebenso schwer strafbar wie die allseits verfolgte Kinderpornografie. Und Unwissen schützt vor Strafe nicht… (Aber das ist wohl wieder so ein „Nebenwiderspruch“.)

Ein „coming out“ ist also auf allen Ebenen und zu allen Zeiten wichtig. Daher sollten wir aufhören, einen „Spezialtag für jugendliche Schwule“ zu zelebrieren, denn heraus kommen wir in allen Lebensaltern. Ausserdem würde die – zwar politisch korrekte – Trennung zwischen jungen und erwachsenen und älteren Schwulen aufgehoben und die Angst aller voreinander würde gebannt.  (Die öffentliche Vorstellung von den Jungs “und ihren Verführern“!)  Es ist durchsichtig, wieso keineR daran politisch interessiert ist! Aber genauso wie zwischen Hetero- und Homosexualität muss die trennende Ordnung sein, wo kämen wir denn da sonst hin?

Meine Generation hat auf den Forschungen der Heteros aufbauen müssen. Wir waren ihren „Erkenntnissen“ sozusagen ausgeliefert. Inzwischen haben Schwule und Lesben eigene Forschungen und Erkenntnisse zusammengetragen – sie müssten nur noch aufbereitet und in geeigneter Form angeboten werden. Damit nicht jede Generation wieder bei Null anfangen muss!

Ausserdem gibt es heute eine „homosexuelle Sichtweise“ des Ganzen, die ebenso wichtig ist, wie die „weibliche“ Sichtweise zur männlichen.

Dazu braucht es auch reale Kontakte und Vertriebswege, wie zB schwule Buchläden. Denn offenbar interessieren sich Hetero/as nicht so sehr dafür. Da können wir noch so „heterofriendly“ oder „heterolike“ tun, wie wir wollen. Zum Schluss die schon früher gestellte Frage: „Wieso müssen eigentlich immer die Homosexuellen ihr coming out machen? Eigentlich wären es uns die Hetero/as schuldig, ihre Toleranz – jeden Tag – wie selbstverständlich zu „beweisen“. Vor allem und zuerst die Eltern, denn die sind eigentlich an allem „schwuld“! :P

Peter Thommen-63, Buchhändler, Basel

 

Der Heterror im Umgang mit Homosexualität besteht darin, homosexuelle Jungs nur halb ernst zu nehmen und sie vor erwachsenen Verführern zu bewahren, sowie die erwachsenen Schwulen von ihnen fernzuhalten mit Drohungen von „Pädophilie“!
Damit lernen wir, den heterosexuellen Missbrauch in der Jugend zu vergessen und uns damit abzufinden, dass wir “nicht alt werden können”!!
Es fehlt uns die Verbindung der Generationen, die für Heterosexuelle selbstverständlich und wichtig ist.  
Daraus werden alle Manöver wie Adoptionsverbot und “Schutz vor Ausbeutung” bis 18 Jahre verständlich. Aus diesem Grund hat die Schwulenbewegung auch das frühere Schutzalter von 20 auf der Strasse bekämpft! Es hat gerade mal 20 Jahre gehalten…

Biologie & Homosexualität

21. Juli 2013

Der Titel eines schmalen Bändchens das von Heinz-Jürgen Voss, einem Biologen und Geschlechterforscher im unrast-verlag im Februar dieses Jahres publiziert wurde.

Gedacht für die Diskussion über „Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext“. Ob der Text allerdings die Diskussionen in den Medien und unter Schwulen erreichen wird, bleibt offen. Der „Gesch-lechterdschungel“, der sich in den letzten Jahren eröffnet hat, wird nur noch von wenigen wirklich überblickt!

In der aktuellen Diskussion um die „Homo-Ehe“ ist der Streit um Natur und Natürlichkeit von Männersexualität* erneut heftig entbrannt. Soll jetzt die Homo-Ehe endlich das beweisen und „besetzen“, was die „Normalen“ heftigst für sich alleine verteidigen?

Vorab sei angemerkt, dass erfolgreiche Fortpflanzung weder ihre Natürlichkeit, noch die Unnatürlichkeit alles Anderen zu beweisen imstande ist. Ich glaube es war Dominique Fernandez, der darauf hingewiesen hat, dass Freud ein Zeitgenosse der aufkommenden kapital-intensiven (-istischen) Produktions-weise gewesen war. Voss weist selbst darauf hin, dass in der christlichen Glaubenslehre das menschliche Sexualverhalten völlig auf die „Produktion“ reduziert worden ist, egal ob das nun Lust bereitete, oder mühsame Pflicht war.

Bei Magnus Hirschfeld habe ich den historischen Verlauf der religiösen Verfolgung von Sexualität zwischen Männern nachlesen können. Aber irgendwann hatten die Kirchen die Macht darüber verloren und die Unterdrückung setzte sich im „irdischen“ Bereich fort!

Sexualhistorisch wurden die Bezeichnungen für Abweichendes vor dem Begriff der Normalität „erfunden“. Es gab also ursprünglich nur ein „Sammelsurium“ von Vorstellungen über die Fortpflanzung, woraus die Bezeichnungen für die Beteiligten abgeleitet worden sind.

Jedenfalls waren die sexuellen Betätigungen zwischen Männern lange vorher „da“ – also bevor Begriffe und Bezeichnungen dafür gesucht und dann ange-wendet wurden!

Michel Foucault hatte ein Konzept der „Bio-Politiken“ in seinen Büchern über „Sexualität und Wahrheit“  und „Überwachen und Strafen“ (dt. 1977 und 1983) entwickelt.

„Dieser Beitrag setzt hier an. Er fokussiert Fragen um die „Natürlichkeit“, die „biologische Bedingtheit“ gleichgeschlechtlichen Begehrens und Handelns, behält dabei aber auch die gesellschaftlichen Entwicklungen im Blick. Damit wird nachvollziehbar, wie sich in der bürgerlichen Gesellschaft die Idee durchsetzen konnte, Sexuelles mit physischen und physiologischen Merkmalen theoretisch zu verbinden, Abweichungen von einer Norm zu konstruieren und tilgen zu wollen. Praktische Möglichkeiten zur Auslöschung von Abweichungen wurden zunächst theoretisch erarbeitet und ihre Anwendung ausführlich diskutiert; schliesslich wurden sie – äusserst qualvoll für die betroffenen Menschen – umgesetzt.“ (Voss, Einleitung, S. 5) (1)

Wesentlich in der historischen Diskussion (siehe auch bei Hirschfeld: Die religiöse Verfolgung…) ist der Begriff der „Sodomie“. Hierunter konnte alles verstanden werden, von Ketzerei gegen den Glauben, Politisches, Analverkehr mit Männern und Frauen, bis zum Sex mit Tieren, die als einzige Tat in der deutschen Sprache noch unter diesem Begriff übrig geblieben ist! (im Französischen: sodomiser = Analverkehr) Die Biologie hatte sich also längst „brauchen lassen“, bevor der Begriff „Homosexualität“ überhaupt in der Neuzeit formuliert worden ist.

„Geistesgeschichtlich wird die Renaissance (ab dem 15. Jh.) als Ausgangspunkt der europäischen Moderne gesehen. In dieser Zeit sind auch die Anfänge der modernen Kolonialismus und des Rassismus zu verorten. Ökonomisch gilt die Moderne ab der Industrialisierung seit Mitte des 18. Jh. und der damit verbundenen dominanten Verbreitung kapitalistischer Produktionsverhältnisse als durchgesetzt. Politisch setzte sich die Moderne – die Herrschaft der Bürgerlichen in der Gesellschaft – Ende des 18. Jh. mit der französischen Revolution und schliesslich mit der Herausbildung von Natio-nalstaaten im 19. Jh. durch.“ (Voss, S. 7)

„Diese Eckdaten im Blick zu haben ist bedeutsam, da die Konstituierung des „Homosexuellen“, die schliesslich insbesondere über einen biologischen und medizinischen Diskurs erfolgte, nicht von den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ablösbar ist.“ (Voss, S. 7)

Ursprünglich wurden „Handlungen“ von Individuen – also unter Männern – verboten! Noch genauer, von Männern, die aus den Vorstellungen der Gesellschaft und ihren „Nominierten“ heraus-„gefallen“ waren und erst mit Strafe und Unterweisung „korrektioniert“ werden mussten. Grob gesagt geht es in der Bibel niemals um „Homosexuelle“ – und historisch sehr lange darum, dass quasi Normale einzelne Handlungen begangen hatten, von denen sie dauerhaft abzubringen waren. (2)

„Die wirtschaftlichen Veränderungen bildeten die Grundlage für die Herausbildung erster Ansätze von „Subkulturen“ gleichgeschlechtlich Begehrender, die Verfolgungswellen gegenüber den Sodomiten bildeten einen weiteren und massiv identitätsstiftenden Hintergrund.“ (Voss, S. 8)

Hier wird es enorm wichtig, darauf hin zu weisen, dass sich allmählich die Handlung Schritt für Schritt auf den Handelnden als Identität übertrug! Subkulturen wie die geschlechtsgetrennten Pissoirs, oder der Park, oder die nach Geschlechtern getrennten Schlafräume (seit vorgeschichtlichen Zeiten!) bildeten einen Raum, in welchem auch Männer bewegten und gleichgeschlechtlich aktiv waren, deren Identität nicht eine „sodomitische“ oder „homosexuelle“ war, oder gar eine daraus wurde!

Geschätzte dreissig Prozent der User auf einer schwulen Plattform im Internet definieren sich selbst nicht als „gay“. Und trotzdem wird die Plattform als „schwule Plattform“ definiert. Nicht nur das „Beichtgeheimnis“ und das intensive Sprechen über Handlungen formten eine Identität. Auch ein Schweigen kann Identität stiften, oder eine solche gerade verhindern. Damit bleibt dann ein Mann ein „Mann“ – obwohl er sich auch „unmännlich“ betätigt…

Vor allem in Bezug auf „Biologie und Homosexualität“ sollte klar(er) werden, dass es dabei immer um „alle“ Männer geht, nicht nur um die „spezifizierten“. Schliesslich haben alle Männer eine Prostata und nicht nur „die Homosexuellen“!

Während also im Bereich des Kirchenrechts und bis zur Moderne keine „handlungsadäquate“ Identität existierte, „änderte sich das mit der Moderne, eng verknüpft mit der Entwicklung kapitalistischer gesellschaftlicher Verhältnisse und moderner Staatlichkeit…“ (Voss, S. 10.)

Ich kann mich erinnern, im Strafgesetzbuch des Kantons Basel-Stadt (also vor 1942) gelesen zu haben, dass die gelegentliche Prostitution als „Abhalten von Schule und Arbeit“ mit einer Busse bestraft worden ist – egal welches Geschlecht die Person hatte.

„Im Lauf des 19. Jh. änderten sich auch die Strafsysteme und man ging von Körperstrafen ab – und auch das ist relevant für die Etablierung klarer Identitäten und die zunehmende Bedeutung der Medizin hierbei.“ (Voss, S. 11)

„Die Medizin wurde bezüglich Homosexualität zur klassifizierenden und entscheidenden Instanz. Einer der Ersten, die sich dazu auf den (natur-) wissenschaftlichen Stand der Zeit beriefen und diesen weiter entwickelten, war Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895).“ (Voss, S. 11) (3)

Während in der Zeit nach Ulrichs die allgemeinen medizinischen, biologischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse und Forschungen immer breiter werden, engt sich der Blick von Voss auf die Homosexualität als solche ein.

Nach den Hinweisen auf die Kolonialpolitiken und den sich entwickelnden Rassismus, weist er nun auf die Eugenik und die Sichtweise der sogenannten „Degenerationserscheinungen“ hin. Voss stellt die Theorien chronologisch vor. Erst die konstitutionelle Bisexualität, dann die Rolle des Keimdrüsengewebes (Hoden und Eierstöcke) und seine Absonderungen bis zu den Hormonen. Auch die operationellen und medizinischen Versuche auf diesem Gebiet werden aufgeführt!

Als verhängnisvoll erweist sich historisch der Drang nach Beschreibung von Personen, von denen mann-männliche sexuelle Aktionen bekannt geworden sind. Was ich hier bereits „Sexismus“ nennen muss, entspricht völlig den Entwicklungslinien von Rassismus und „Verbrechensforschung“ (Physiognomik, nach Lavater und Huter). Mann glaubte an äussere „Erken-nungszeichen“ und begann äussere Handlungen mit inneren „Orientierungen“ gleich zu setzen.

Später ortete die „Wissenschaft“ die sexuelle Orientierung in Hormonen und im Gehirn. Günter Dörner hatte in der DDR mit seinen endokrinologischen Expe-rimenten umstrittene Ergebnisse publiziert.

Bei der Entwicklung der Genforschung stellte sich erneut die Frage nach der Vererbung und Natürlichkeit „sexueller Handlungen“. Voss lässt sich auf die evolutionsbiologische Diskussion ein: „ … dabei werden dann ausgewählt nur diejenigen Ergebnisse der Zwillingsstudien und der Genetik präsentiert, die die These der Erblichkeit zumindest teilweise stützen. Die Studienergebnisse, die der These widersprechen, werden in der Regel gar nicht angeführt.“ (Voss, S. 62)

Emanzipatorisches Streiten: „Deutlich wird auf jeden Fall, dass die Selbstermächtigung der Lesben und Schwulen bei Bezug auf biologisch-medizinische Wissenschaften beschränkt ist… Ob die in zahlreichen Ländern zu beobachtenden neueren gesellschaftlichen Entwicklungen, die eine stärkere soziale Anerkennung von Homosexualität versprechen, zu grundlegenden Änderungen führen, bleibt abzuwarten.“ (Voss, S. 67)

Heinz-Jürgen Voss fügt am Schluss noch eine zusammenfassende Darstellung der zentralen Studien zur Biologie männlicher und weiblicher Homosexualität an, sowie eine Liste der zitierten und der von ihm empfohlenen Literatur.

Ich denke, dass die Einschätzung „homosexueller Handlungen“ von „nicht homosexuellen Männern“ noch ein wichtiger Schritt sein wird, der die Diskussion um „Natürlichkeit“ beruhigen könnte. Denn schliesslich dreht sich die Forschung auch nicht nur um die “Minderheit der notorischen“ Heterosexuellen! Inzwischen werden die Männer weiterhin denken, dass es viele Möglichkeiten der sexuellen Entspannung gibt – auch mit anderen Männern! :)

Peter Thommen_63

 

Heinz Jürgen Voss: Biologie & Homosexualität. Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext, unrast Verlag 2013, 88 S.  ca. CHF 9.80

 

(1) Siehe auch meinen Text über Braunschweig: Das Dritte Geschlecht, PDF, S. 8!

(2) Puff, Helmut: „Und solt man alle die so das tuend verbrennen, es bliben nicht funffzig mannen in Basel… (Forum HS+Literatur, Nr. 10, S. 83-92)

(3) Für die Schweiz sei auf Heinrich Hössli (1784-1864) hingewiesen!

*Die Diskussion im Frauenbereich muss redlicherweise von diesen geführt werden!

 

P.S. Über die „Medizinialisierung“ homosexueller Handlungen in der Schweiz muss ich auf die Publikation „Männergeschichten“ (Buchverlag der Basler Zeitung, 1988) verweisen:

Rolf Trechsel: Die Medizinalisierung der Homosexualität, S. 204-206

Sigi Friedli: Psychiatrie und Homosexualität, der Fall Ernst Rüdin (Friedmatt, Basel), S. 207-212)

Rolf Trechsel: Die Kastration Schwuler in der Schweiz, S. 213-25

Ein im Wesentlichen noch unaufgearbeitetes Kapitel!

Nordafrikanisches Liebesleben im Wandel

27. Mai 2013

Shereen el Feki hat ein aktuelles Buch mit sehr viel historischen, ethnologischen und sexuellen Informationen geschrieben, das ich mit Spannung gelesen habe.

Die Sexualkultur unter Moslems ist darin sehr anschaulich beschrieben, sowie die Doppelmoral, die sich aus Religion und Wirklichkeit ergibt. Neben der Situation von Frauen beschreibt sie auch die desolate Wirklichkeit von Männern. Unter der heute gültigen Kultur leiden beide Geschlechter, weil sie eine Ideologie für Gläubige (mönchisch) und keine mit Bezug auf Alltagserfahrungen mehr ist. Aberglaube, Unwissen und “vorauseilender Gehorsam” sind wichtig! (Also Handlungen, die etwas Positives durch “Gehorsam” in Aussicht stellen. Ein typisches Familienritual, wie ich meine!)

Obwohl der Islam und sein Prophet ihren Gläubigen sexuelle Freuden gönnt, lassen die sich aber nicht so einfach umsetzen und geniessen! Daher wogt ein stetiger Streit mit sogenannten religiösen Autoritäten, die angeblich wissen wollen, was “halal” (gottgefällig) und was “haram” (sündhaft) sei…

Mich interessieren solche Kulturschilderungen, weil sie das Grab unserer eigenen Vergangenheit öffnen und Erinnerungs- und Rekonstruktionshilfen für unsere Kultur sind, von denen die meisten nichts mehr wissen…

Bis heute sind die Bedürfnisse von Frauen und Männern sehr verschieden und müssen erst “koordiniert” und eingeübt werden. Von “natürlicher Ergänzung” kann keine Rede sein – abgesehen von der Penetration zur Fortpflanzung. Heterosexualität ist ein Konstrukt. Im Zusammenleben wie im Sexualleben. Rituale haben das menschliche Gespräch historisch zunehmend ersetzt.

Als Schwuler erkenne ich in den Schilderungen Fekis auch die verschütteten homosexuellen/homosozialen Elemente aller Männer wieder, an denen sie von Müttern, Gesellschaft, Freundinnen und Ehefrauen vorbeigemogelt werden.

Mir fällt bei den Gebräuchen der Moslems auch auf, dass es darum geht, den Sexualorganen mit Beschneidungen Gewalt anzutun, um sie früh zu zähmen. Aber um als erwachsen gelten und erwachsenen Sex haben zu können, braucht es weitere. (Ähnlich wie mit den religiösen Riten der Taufe/Konfirmation/Ehe) Es geht auch darum, dass vorehelicher Sex unter Kindern oder Jugendlichen “verhindert” werden soll. Aber wer soll damit vor wem geschützt werden? Die Frauen vor Empfängnis und/oder die Männer vor Homosexualität?

Klar ist mir geworden, dass die Religionen ihre Macht auf Sexualeinschränkungen aufbauen. Dem Kind wird versprochen, es erhalte für den Gehorsam dann später eine Erfüllung im Sex und in der Liebe. Und dem Erwachsenen wird wiederum versprochen, er erhalte gegen seinen Glauben nach dem misslichen Leben, ein ewiges Paradies im Himmel…

In der administrativen und religiösen “Vergewaltigung” in der Geschichte der Sexualität erkenne ich die heutige Sehnsucht von westlichen Schwulen und Bisexuellen, tatsächlich “entjungfert” zu werden und von sexuellen Übergriffen zu träumen, letztlich um die Verantwortung dafür nicht übernehmen zu müssen. Nach dem Schmerz wird verlangt, aber nicht nach der Fähigkeit, (da)mit Sex(uell) umzugehen!

Feki Zit

in englisch und deutsch

Das schliesst unsafen Sex, barebacking und das “Schlampe” spielen ebenfalls mit ein. (Phil Langer nennt das “beschädigte schwule Identität durch Risikoverhalten!”) Dies spielt – wie beim normalen hetero Verhalten unter so vielen Vorschriften, eine wichtige Rolle.

“Zu starke Sexualität” wird angeblich gebremst und erzeugt bei beiden Geschlechtern offenbar Ängste, die mit Gewalt überwunden werden müssen, was wiederum ein verängstigtes Bedürfnis nach Gewalt erzeugt…

Wobei ich den Eindruck bekomme, dass Frau(en) sich in Kairo wohl um eine weibliche Identität bemühen, aber die Männer z.B. unberücksichtigt bleiben, wenn es um die Einheit mit anderen Männern geht, oder bei der Untersuchung von Spermien auf deren „Fruchtigkeit“. Traditionell wird alles über die Frau abgehandelt, sie muss sich rechtfertigen.

Wichtig und interessant ist die Feststellung El Fekis, dass sexuelle Übergriffe und Missbrauch keine sexuelle Identität verändern oder gar eine HS erst herstellen können, (Pädophilie-Vorwurf) wie das bei uns und offenbar auch dort geglaubt werden will.

Manchmal erscheint mir die Situation der ägyptischen Frauen wie diejenige von verklemmten und versteckten Schwulen. Die Gesundheits-Politik ist ähnlich wie die unserer Schwulenbewegungen anfangs des letzten Jahrhunderts.

Feki hat ein eigenes Kapitel über gleichgeschlechtlichen Sex und über Transgender geschrieben. Auch über die AktivistINNen und ihre Vorstellungen, wie sich diese auch von unseren westlichen Vorstellungen unterscheiden. Ähnlich wie früher in der Schwulenbewegung bei uns, will sozusagen keineR eine Homo-Ehe und deren Rechte einfordern, sondern überhaupt mal ein Recht auf Privatleben einklagen – nämlich für ALLE. Damit ist der Bezug zur Alle umfassenden Politik in der Gesellschaft so nahe wie er mal bei der Schwulenbewegung war.

Ein interessantes Buch für die Diskussion um die Homo-Ehe, für die Arbeit mit MigrantINNen, über Geschlechtsrollen, über Bisexualität, über Parallelsexualitäten (mit m und w), über Rollenverhalten. Generell wichtig für die Gender-Diskussionen!

Es ist anspruchsvoll, sich durch die dargestellte Frauensexualitätsgeschichten durchzuarbeiten, was nicht jedem zusagen mag. Aber wir sind nun mal alle von Frauen geboren und hängen da mit drin („schwul = weiblich“) – auch wenn wir keinen Sex mit ihnen haben!

Shereen el Feki: Sex und die Zitadelle, Hanser, 2013 (orig. engl. – pas encore fr.)

Es ist kein “wissenschaftliches” Buch, sondern sehr leicht verständlich geschrieben und spannend zu lesen! Für viele aber dennoch eine Herausforderung!  Peter Thommen_63

Aktualisiert 11.6.2013

Shereen El Feki: Wie man eine Epidemie unter schlechten Gesetzen bekämpft! HIV

Ein Interview mit El Feki in englisch, über ihr Buch

bis zum eigenen Begehren

01. April 2013

Oder: „Wer könnten wir sein, wenn wir anders sind als die Norm?“ 

Carolin Emcke hat 2012 ein vielbeachtetes und sehr persönliches Buch darüber, „wie wir begehren“ veröffentlicht. Wie immer finden Bücher von lesbisch begehrenden Frauen eine „andere“ Beachtung im heterosexuellen Publikum, als solche üblicher Autorinnen. Besonders dann, wenn sie die Partnerin einer bekannten Frau ist…

„Von außen betrachtet bin ich homosexuell. Im öffentlichen Diskurs, wenn dieses Begehren verortet werden soll, bin ich »lesbisch«, »schwul«, »eine Lesbe«, das ist dann schon ein Substantiv. Mal abgesehen davon, dass ich mich selbst so nie bezeichnen würde, ist, wie ich begehre, auf einmal keine Handlung mehr, lebendig, dynamisch, wandelbar. Wie ich begehre, das ist dann eine Identität“ (zeitmagazin, 15.3.12)

Emckes Buch wurde in den wichtigen Medien diskutiert und ich gebe hier ein paar Links zur ergänzenden und vorausgehenden Information: Verena Lueken, FAZ 4.3.2012, bei „perlentaucher“ eine Übersicht über verschiedene Ein-schätzungen, Kim Kindermann im deutschlandfunk, 15.3.2012, Daniel Schreiber in Cicero 18.3.2012, Christina Bauer (Fachärztin für Psycho-therapie), Jan Feddersen in der taz vom 10.3.2012, Ellen Kositza in Sezession, 20.3.2012,

SRF2-Reflexe (Audio), 3.4.2012: „Es ist eine sensible Erzählung über ihr Erwachsenwerden, über die Entdeckung ihrer Homosexualität und ihre Liebe zur klassischen Musik. Emcke bettet das ein in Überlegungen über das Recht auf Anderssein.“

L-talk (cb) vom 8.2.2013. Die obige Auswahl von Rezensionen enthält auch Kritik an ihrem Buch.

Ich kann dieses Buch einer „frauenbegehrenden Frau“ als „Schwuler“ lesen. Damit meine ich meinen ganz persönlichen Erfahrungsschatz. Mein Blick richtet sich auf ihre Darstellung von homosexuellen Männern in dem Buch und ihr Verhältnis zu ihnen. Alles nach dem Motto: Wer sich exponiert, der/die wird kritisiert. Dies zeigt sich auch in der „hetera-sexuellen“ Sicht von Ellen Kositza (> oben)!

„Es ist ein Balanceakt zwischen der Forderung nach Anerkennung als Gleiche und der nach Anerkennung als Andere und der Erwartung, dass andere erkennen können, wann das eine und wann das andere angemessen ist, wann es sich richtig anfühlt, als schwul oder als weiblich oder als muslimisch wahrgenommen zu werden, und wann es sich verletzend anfühlt.“ ( Emcke, zeitmagazin, 15.3.12)

Mit dem obigen Zitat ist gleichzeitig auch die weibliche Sichtweise angegeben. Eine Sichtweise, die „gleitend“ ist und für mich irgendwie typisch für eine Erziehung zu weiblichem Status in einer heTerrorsexuellen Gesellschaft. Nichts ist sicher, alles offen und ein „Dank fürs Begehrtwerden durch den Mann“ nicht selbstverständlich. Ich spiele hier auf etwas an, was mir im Gespräch mit bisexuellen Männern aufgefallen ist. Männer untereinander bedanken sich in der Regel nicht für die Befriedigung durch den Anderen. Ich habe hier gegenüber bisexuellen Männern immer irgendeine unsichtbare Wand gespürt, die mich letztlich von ihrem Begehren trennte, obwohl wir uns im Sex sehr nahe waren.

Ihre Freundinnen wollen als Dank den Beweis einer Liebe, die frau Mutter ihnen wohl schon in Aussicht gestellt hat. Oder als „Sichersein“, den Bedürfnissen eines Mannes entsprochen zu haben. Frauen ficken mit der Liebe und erwarten das auch vom Mann. Dies klingt in der Rezension von Ellen Kositza irgendwie an. Wahrscheinlich geht es schwulen Männern ähnlich!? Ich habe dazu noch ein wunderbares Zitat von Martin Dannecker gefunden: …dass die Frau vor allem einen Sexualkörper, der Mann hingegen vor allem ein Sexualorgan, aber keinen sexuellen Körper hat.“ (1)

Die heterosexuelle Sichtweise von Männersex und schwulem Sex findet sich in Spuren auch bei Emckes Diskurs um die Missbrauchsdiskussion. Sie greift alte Klischees von Pädophilen auf, die Knaben missbrauchen. Und während sie kindlich-unschuldig mit ihren heterosexuellen Jugenderfahrungen umgeht, ignoriert sie die weibliche Dimension dieses Problems und handelt es politisch korrekt nur an den Männern ab. Andererseits schreibt sie wieder Sätze wie: „Es hätte ja bedeuten können, explizit zu machen, dass Jugendliche als Objekte der Lust gelten konnten, dass unsere Körper begehrenswert sein könnten. Dass wir selbst hätten begehren können, das war gänzlich unvorstellbar.

In einer Welt, in der Sexualität tabuisiert wird, in der die Lust als ambivalente, unheimliche Leerstelle firmiert, kann über Formen der Lust nicht verhandelt werden. (2)

Nur leise klingt zwischen den Zeilen an, dass dabei unwichtig ist, ob das alles in einer „reformpädagogischen“ Odenwaldschule, oder in einem strengen katho-lischen Internat abgeht. Totschweigen verhindert durch den verunmöglichten Dialog auch die verbale Distanzsuche zwischen den Mächtigen und den Ohnmächtigen, um zu verhandeln. Das hat Folgen!

„In einer sexuell repressiven Welt, ob muslimisch oder katholisch, in der das Entdecken der eigenen Lust unterbunden, die Pubertät abgebrochen oder in ewiger Zeitschleife gehalten wird, verbleiben erwachsene Männer in einem infantilisierten Zustand des Vor-Begehrens, gehüllt in einen Kokon der aner-zogenen Scham.“

Hier klingt für mich auch die traditionelle Rolle der Frau an, die – aus-schliesslich auf den Mann vertröstet, dann meist auch gleich den „Täter“ an ihrem Körper hat. Zwischen Frauen scheint das nicht stattzufinden, aber wiederum zwischen Knaben und Männern ist es „zwingend“. Sie beschreibt das als „symmetrischen“ und „asymmetrischen“ Gegensatz.

Des … „ängstlich-ahnungslosen Sehnens nach Anerkennung von dem verehrten Lehrer. Hier leugnen die Täter die eigenen Taten, weil sie das Macht- und Gewaltverhältnis leugnen. Den asymmetrischen Missbrauch, die Vergewal-tigung verklären sie so zu symmetrischem Begehren.“

In der männlichen Sozialisation wurde anstelle des Dialogs oder einer genitalen Lust (bei der hetero-korrekt die Penetration als Gefahr in der Fantasie auf-scheint) die Rauferei und die gewaltsame Annäherung an den gleichge-schlechtlichen Körper entwickelt und bis heute als „normal“ empfunden. (Mit Recht erwähnt Judith Butler in einem Text, dass das Tabu der Homosexualität in der Familie noch vor dem Inzesttabu etabliert wird.)

Seltsamerweise war über den Roman und Film von Christa Winsloe, „Mädchen in Uniform“ seit ihrem Erscheinen niemals von „sexuellem Missbrauch“ die Rede. Unter Mädchen gibt es keinen Penis und vor allem nur „eine Inter-natsschülerin, die für eine Lehrerin starke Gefühle entwickelt“. Mann und Frau lasse sich das auf der Zunge zergehen! Frau verzeihe mir den Ausdruck: Frauen ficken halt mit Gefühlen, was bei Entzug aber genauso schmerzhaft sein kann…

Ich möchte dieses Thema mit einem Hinweis auf das Gedicht „Erlkönig“ abschliessen, in dem es neu-psychoanalytisch um sexuellen Missbrauch eines Knaben durch einen Mann geht. Hingegen in dem Märchen „Hänsel und Gretel“ kann Frau nichts davon erkennen, obwohl die Hexe nicht an dem Finger von Hänsel, sondern an seinem Penis interessiert ist, ob der schon „richtig gross“ werden kann!

Carolin Emcke liebt es, Un-Eindeutigkeiten zu beschreiben und zu umschreiben. So wie sie selbst sich schon immer verstanden hat. Gender. Rumbalgen mit Jungs und alles offen lassen. Gewertet und eingeordnet wird am Ende – und nie gemeinsam…

Interessant sind ihre Beschreibungen aus Gaza, wo sie von Einheimischen begleitet wird. Sie erlebt zunächst die Begegnung mit Frauen, die traditionell gekleidet, sie mit ihren kurzen Haaren und Hosen, nicht als „Ihresgleiche“ erkennen können. Noch interessanter ist ihre Begegnung mit einen Mann, den sie wiederum nicht als „Hetero“ erkennen kann!

„Und da stand er nun vor uns, und wir schauten fassungslos auf diese Erscheinung, als sei er eine Fata Morgana, die sich gleich in gestaltloses Flirren auflösen würde: Ibrahim trug eine Jeans, einen strahlend weissen, puffigen Daunen-Anorak und eine überdimensionale Sonnenbrille, die George Michael bei seinen Konzerten in den Achtzigern hätte tragen können.“

„Schon bei den ersten Sätzen zur Begrüssung … war klar, was nicht klar sein durfte: Ibrahim war schwul. Ein Schwuler in Gaza.“

Für sie war er ein Gender, der nach europäischen Massstäben ein Schwuler war, während in Gaza natürlich kein Mensch für so einen wie ihn eine Bezeichnung hatte. Und der langsame Annäherungsprozess zu ihm als Dolmetscher verharrte in einer Art sexlosem Raum, wie es auch „territo-riumslose“ Räume auf Flughäfen für Durchreisende gibt.

„Vielleicht wusste Ibrahim nicht, wie er wirkte? Woher sollte er das auch wissen? Aber musste er nicht zumindest bemerken, dass er anders aussah, sich anders gab als alle anderen jungen Männer um ihn herum? Wie konnte das sein? Wusste er nicht, wie schwul er sich gab? War er überhaupt schwul?“

Das erinnert mich an die frühen Beschreibungen orientalischer und arabischer Händler, die sich mit allerhand Tand schmückten, farbig kleideten und sich mit duftendem Parfum versorgten…

„War das Tabu zum Opfer seiner selbst geworden: Wurde Homosexualität derart unterdrückt, dass Hamas es nicht einmal erkannte, wenn ein Schwuler vor ihnen stand? Wenn über Homosexualität nicht gesprochen werden darf, dann darf auch nicht gesprochen werden, was Homosexualität ausmacht.“ (3)

Nicht einmal auf eine beiläufige aber direkte Frage nach Homosexuellen konnte der „Mann“ antworten, offenbar gab es keine entsprechende Identität oder Gender für ihn. Sehr wahrscheinlich gab es für ihn einen anderen Begriff, eine andere Auffassung, eine andere Sicht. Als Junge nahm ich zwar typische Homosexuelle zur Kenntnis, aber da ich ja nicht so erschien wie dieselben, empfand ich mich auch nicht als schwul. Ich bin zwar in der Schule und auf dem Weg gemobbt worden, aber keineR sagte je etwas über das Warum! Dabei sagte mir ein Schülerkollege später, er hätte schon immer gewusst, dass ich schwul sei.

Nach einem Angriff der Israelis auf Gaza, reiste Emcke wieder ein und begegnete erneut diesem Ibrahim. Und es war, als sei er so geschockt worden, als er ihr gegenüber erklärte, dass er schwul sei. (Leider gibt sie das Original-Wort nicht an.) Er hätte es bisher noch niemandem gesagt. Die Geschichte von Ibrahim geht in dem Buch weiter, bis zu seiner Flucht nach Europa. Die Scham von zuhause verwandelte sich: „er war froh, sich seiner Homosexualität nicht mehr schämen zu müssen, aber musste sie deswegen gleich schamlos sein?

Was mich an der Geschichte mit Ibrahim störte, ja ärgerte, war das Schweigen über die Gründe der Diskriminierung männlicher Homosexualität in Gaza. Auch wird die historische Entwicklung der Diskriminierung, erst von Männern, dann auch von Frauen völlig ignoriert. Denn Frauen waren traditionellerweise kein Teil des öffentlichen Lebensraumes! Und da Emcke sich vor allem als „queer“ versteht, musste sie auch die Geschichte mit dem § 175 in der BRD, der sich auf Männer beschränkte erst nachlesen. Die Tatsache, worauf die sozial-politische Kriminalisierung der Männer wirklich beruht, erfahren wir von ihr auf S.116, fast in der Mitte des Buches. Und welcheR LeserIN findet da noch die Verbindung zum vorher erwähnten sexuellen Missbrauch?

„Was an den männlichen biologischen Verschiedenheiten wird denn in den Begegnungsformen so bedrohlich? Analverkehr? Das ist ja keine sexuelle Praxis, die ausschliesslich Schwulen vorbehalten ist, das kann auch Frauen Lust bereiten. Oder ist es die misogyne Angst vor Penetration, die Vorstellung, dass Männer nicht nur gefickt werden können, sondern dass Männer gefickt und dadurch erregt werden könnten, die als staatsgefährdend gilt?“

Die Begehrensformen werden nicht weiter ausgeführt. Weiter hinten findet sich dann ein Satz, der mich wieder ärgert: (wie die Fragezeichen im vorhergehenden Zitat) „Homosexuelle Frauen begehren Frauen, weil sie begehren – nicht, weil sie nicht begehren.“ (S. 127) Er wird zur zentralen Aussage erst dann, wenn er wie folgt lauten würde: Menschen begehren das gleiche Geschlecht, weil sie Identität begehren, nicht, weil sie nicht begehren! (P.Thommen) (4) Emcke formuliert das so: „Aber mit Frauen ist es einfach aufregender.“ (S. 142) Und sie hat auch eine Erklärung für sich formuliert.

In einem Kapitel über Prostitution und Huren formuliert sie ihr Entsetzen über die heterosexuellen Verhältnisse und wie sie sich mit den Nutten identifiziert. (5) Frauen verstehen aber nicht den Unterschied zwischen der heterosexuellen Prostitution und der homosexuellen! Diese bietet nicht das gleiche wie in der Ehe, sondern etwas „anderes“ und sie findet nicht unter den gleichen Bedingungen statt.

S. 192 sortiert sie ihre frühen Erfahrungen neu: „Ich wollte andere Mädchen oder Frauen lieben dürfen. Und dieses Verlangen, ohne dass ich das darin enthaltene Lustvolle erkannt hätte, dieses tiefe Verlangen taucht auch auf, immer wieder, bei verschiedenen, meist älteren Frauen, nur verband ich es nie mit der Vorstellung von Homosexualität. Ich verband es nicht einmal bewusst mit „Liebe“.

Diese Definition gilt es zu respektieren, sie ist authentisch und glaubhaft. Aber es gibt auch noch schwule Sichtweisen, Erlebnisweisen, die zwar auch „gleichgeschlechtlich“ konnotiert sind, aber viel „sexueller“ ausgeprägt. Und wenn ich sexuell meine, dann bitte nicht nur „ficken“! Und hier verweise ich nochmals auf Martin Danneckers Zitat!  Peter Thommen_63, Buchhändler

 

Carolin Emcke moderiert regelmässig öffentliche Diskussionen zu verschiedensten Themen. Hier über Religion und Sexualität, worin auch die Analität erwähnt wird.

P.S. Das Buch gibt Anlass zu weiteren Diskussionen dieser Art. Es enthält weitere Erzähl- und Themen-Stränge.

Carolin Emcke: Wie wir begehren, Fischer 2012, 256 S.

 

1) Die Geschlechtsspezifische Durchsetzung des Genitalprimats findet (nach Freud) „ihren Niederschlag auch darin .., dass die Frau vor allem einen Sexualkörper, der Mann hingegen vor allem ein Sexualorgan, aber keinen sexuellen Körper hat.“

(Indem das Sexualziel darin besteht, mit dem Penis in die Vagina einzudringen, was – wie Dannecker daraus folgert – den Penis zu seinem einzigen Sexual-organ macht.)

„Historisch betrachtet erscheint das durchaus zutreffend. Ein ganzes Bündel von Phänomenen deutet darauf hin, dass heterosexuelle Männer bis vor kurzem keinen sexuellen Körper hatten, jedenfalls nicht in dem Sinn, wie er Frauen und homosexuellen Männern eigen ist. Das will sagen, dass sich der Körper der heterosexuellen Männer der Sexualisierung entzog. Ein sexualisierbarer Körper erschien lange gleichbedeutend mit einem Frauenkörper oder einem „Schwulenkörper“ … Martin Dannecker: Männliche und weibliche Sexualität, in: Quindeau/Sigusch: Freud und das Sexuelle, S. 87)

2) Es gibt Knaben, die haben NICHT kein Begehren, sondern eben ein Begehren nach Männern, auch neben der Bereitschaft für Frauen! Aber das ist für Frau Emcke wiederum so unwichtig, wie ihr lesbisches Begehren es für die Heterokultur ist. Und es gibt nicht nur Männer, die Knaben missbrauchen, sondern auch Knaben, die Männer ficken wollen! Doch das trauen sich viele Schwule nicht öffentlich auszusprechen! Damit nimmt man/Frau uns Männern aber einfach einen Teil unserer sexuellen Biografie weg! Kriminalisiert und entsorgt in der Schublade „Missbrauch“!

3) Sinngemäss kann davon geschrieben werden, dass, wenn über männliches Begehren, vor allem nicht über dasjenige des Jüngeren zum Älteren, nicht gesprochen werden darf, dann darf auch nicht darüber gesprochen werden, was diese Liebe (Gerontophilie) ausmacht! Praktischerweise wird sie im Wort „Pädophilie“ gefasst und generell als Missbrauch entsorgt.

4) Und nicht erst politisch-korrekt ab 16, oder gar 18 Jahren! Ich wiederhole, es geht hier ums Begehren und nicht um „strafbare Handlungen“!

5) S. 145-153

Kultur, Ästhetik, Gender

23. März 2013

“Mediale Selbstentwürfe von Homosexuellen” 2013

Hier mehr über den Inhalt

privat

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Mein Kind liebt anders. Ein Ratgeber

22. Februar 2013

Ein Ratgeber für Eltern homosexueller Kinder. Leider erfahren die meisten Eltern von der sexuellen Orientierung ihrer Kinder erst, wenn diese bereits angenommen und weitgehend verarbeitet worden ist. Damit ergibt sich eine Differenz zwischen ihnen, die auch nicht mehr aufzuholen ist. Die meisten Eltern sind nicht neugierig, was ihr Kind alles mitbringt, auch in der Sexualität. Sie haben schon Pläne für deren späteres Leben und welche Rolle sie ihnen auch später in Bezug auf sie selber zudenken! (Enkelkinder, Grossmutti, etc.)

Es handelt sich dabei immer um denselben heterrorsexuellen Kreislauf, mit denen sich Eltern auch ihr „ewiges Leben“ vorstellen. Weiterleben in den eigenen Kindern…

Diese Fantasien sind meist schon sehr weit gediehen, wenn das Kind dann überhaupt wagt, sich zu melden mit seiner Realität. Aggressive Reaktionen, Verzweiflung, Angst oder Hass sind dabei die „normalen“ Begleiterscheinungen in den heterosexuellen Familien. Rauchfleisch bietet mit seinem Buch wenigstens einen Ansatzpunkt für eine Realitätstherapie, die aber nur wenige Eltern wirklich in Angriff nehmen wollen…

Rauchfleisch gibt eine informative Einleitung über die Theorien und ihre Ernsthaftigkeit. Im weiteren behandelt er die bekannten Geschlechterklischees über Schwule und Lesben und kommt zur Erkenntnis, dass sie weitgehend nicht mehr „stimmen“, auch wenn sie noch vorhanden sind und oft auch von später heterosexuellen Kindern ausgefüllt werden.

Bei den Konflikten zwischen homosexuellen Kindern und Eltern wird sichtbar, dass es auch versöhnliche Szenen geben kann. Aber dass sich Mütter gegen ihre Partner wenden und sich mit den Kindern solidarisieren ist nicht häufig. Der klassische Konflikt ist der zwischen Sohn und Vater, über denjenigen zwischen Mutter und Tochter ist weiterhin weniger bekannt. Aber es gibt nicht nur den familiären Konflikt, der von Geschlechtsrollen und –Bildern gesteuert wird. Die Familie ist auch selber Teil der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung, wie Claudia Müller in ihrer Studie feststellt. (1) Mütter reagieren in der Regel „verhaltener“ als die Männer mit direkten Aggressionen.

Separat wird die Gewalt gegen „Schwules“ in der Schule thematisiert und mit Tipps ergänzt. Leider sind Pädagogen recht zurückhaltend mit diesem Thema, obwohl es auch Studien und Besuchsgruppen mit Erfahrungen darüber gibt! (2) Aber auch im Beruf und im öffentlichen Raum gibt es Gefahr für „Unmännliches“, sofern es eben sichtbar wird.

Speziell nimmt sich Rauchfleisch auch der Diskriminierung durch die „abrahamischen Religionen“ an.

„Die Zeiten sind vorbei, in denen homosexuelle Menschen in erheblichem Masse diskriminiert wurden und gefährdet waren. Heute wird etliches unternommen, z.B. in Schulen, um die Gewalt gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen einzudämmen bzw. zu unterbinden. Auch in den Kirchen und im Hinblick auf die rechtliche Situation ist derzeit in unserer Gesellschaft viel im Fluss. Sie können Ihrer lesbischen Tochter oder Ihrem schwulen Sohn eine grosse Hilfe sein, wenn Sie Ihr Kind in schwierigen Situationen unterstützen und sich für die Verhütung von Gewalt, z.B. im Rahmen von Präventionsprojekten, einsetzen.“ (S. 66)

Am Ende eines jeden Kapitels bringt Rauchfleisch das Wichtigste übersichtlich auf den Punkt

„Je offener hingegen das Klima im Elternhaus ist, in dem die Kinder aufwachsen, desto unproblematischer ist es für sie (die Kinder, Th) sich ihrer gleichgeschlechtlichen Orientierung bewusst zu werden, sie zu akzeptieren und in die zweite Phase des coming out einzutreten, in der sie ihr Umfeld über ihre Homosexualität informieren. Häufig sind es nicht die Eltern, denen sich die Kinder zuerst anvertrauen, sondern die Kameradinnen und Freunde, bei denen die homosexuellen Kinder spüren, dass sie von deren Seite keine Ablehnung, sondern Akzeptanz und Unterstützung erfahren werden.“ (S. 71)

Das „coming out“ der Eltern ist etwas ganz spezielles. Hier wird die politische Dimension der Sexualität in der Gesellschaft definitiv sichtbar. Wie ist das Verhalten gegenüber den Verwandten, Nachbarn und an diversen Anlässen. Besonders wenn danach gefragt wird, ob die Kinder nun Heiratsabsichten haben oder nicht! Bei der Gleichstellung mit der Hetero-Ehe wäre es ein leichtes, zu antworten, wenn das Geschlecht der Partner jeweils offenbleiben könnte! ;)

Die Vernetzung der Schwulen und Lesben mit Anderen war in der Schwulenbewegung etwas Wichtiges. Heute hat dies leider an Bedeutung verloren. Eltern vernetzen sich noch weniger. Aus Scham und aus bürgerlicher Feigheit vor dem „gesellschaftlichen Feind“! ;)

Die Beziehungen zwischen Eltern und ihren homosexuellen Kindern sollten möglichst positiv verändert werden können. Dies ist ein offen referiertes Postulat von Rauchfleisch, hängt aber weitgehend von einer Kooperationsbereitschaft der Eltern ab. Sogenannte „geschlossene“ Familien bekunden auch Mühe im Umgang mit den gleichgeschlechtlichen PartnerINNen ihrer Kinder. Ganz zu schweigen von den „Schwiegereltern“.

Nun, die Schwulen haben da meist eine pragmatische Vorgehensweise gewählt. Was nicht unbedingt sein musste, wurde einfach unterlassen. Manchmal kann es auch peinlich sein, wie „Schwiegereltern“ oder „Schwager“ miteinander umzugehen versuchen. Und zwei Männer legen wohl auf Anderes mehr Wert als zwei Frauen…

„Wie ich in Kapitel 1 ausgeführt habe, stellen bisexuelle Menschen eine eigenständige Gruppe dar. Sie sind weder Heterosexuelle, die Eskapade in „exotische Gefilde (nämlich in homosexuelle Beziehungen) unternehmen, wie ihnen mitunter von Heterosexuellen vorgeworfen wird. Noch sind sie verklemmte Lesben und Schwule, die sich in heterosexuellen Beziehungen verstecken, weil sie nicht den Mut haben, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen, wie die Kritik von Seiten der Lesben und Schwulen mitunter lautet. Beide Ansichten sind indes falsch und werden bisexuellen Menschen nicht gerecht. Ihr sexuelles Begehren und ihre erotischen und sexuellen Fantasien richten sich nämlich auf beide Geschlechter.“ (S. 137)

Das ist zwar eine an sich richtige Feststellung, ermangelt aber der realistischen gesellschaftspolitischen Einordnung. Sie unterschlägt auch die Erfahrungen, die Homosexuelle mit Bisexuellen im Allgemeinen machen und auch die Haltung, die Bisexuelle ihren gelegentlichen, oder parallelen PartnerInnen gegenüber zum Ausdruck bringen. Mit Schuldzuweisungen kommen wir nicht weiter. Ich möchte hier nur die unterschiedliche Wertzuschreibung anführen, die der weiblichen und der männlichen Homosexualität entgegengebracht wird. Das schlägt quasi auf beides zurück!

„Die Irritation, die bisexuelle Menschen spüren, betrifft indes nicht nur sie selbst. Wenn sie, wie im fingierten Beispiel Ihr Sohn, in einer heterosexuellen Partnerschaft leben, hat die Entdeckung der Bisexualität auch direkte Konsequenzen für den heterosexuellen Ehepartner. Im Falle Ihres Sohnes würde die Ehefrau mit einer Situation konfrontiert sein, der sie völlig unvorbereitet gegenübersteht. Dass sich ihr Mann unter Umständen in eine andere Frau verlieben könnte, mag ein Gedanke sein, mit dem sie sich schon beschäftigt hat. An einen Mann als Konkurrenten hat sie aber vermutlich noch nie gedacht. Das verunsichert die Ehefrau eines bisexuellen Mannes im Allgemeinen enorm, zumal sie – wahrscheinlich zu Recht – spürt, dass sie keine Chance hat, wenn sie gegen einen anderen Mann „antritt“.“ (S. 137/138)

Die Regel besteht darin, dass eine „doppelte Frau“ wohl eher von einem Ehemann akzeptiert wird, als ein „doppelter Mann“ von einer Ehefrau. Daher werden aussereheliche Partner meistens geheim gehalten. Von den Kindern der Beteiligten mal ganz zu schweigen. Hier kommt nun das bürgerlich-eheliche Element sehr stark zum Ausdruck! Bisexualität ist ebenso ein Spiel wie die Heterosexualität. Abgesehen von der bürgerlich verstandenen „Liebe“ sind die Teilnehmer austauschbar. Frauen eher noch als Männer. Daher sind homosexuelle Teilnehmer einer heterosexuellen Beziehung auch marginalisiert und entwertet. Das ist die Folge der heterosexuellen Dominanz, die sich wiederum auf die Fortpflanzung stützt.

Als homosexueller Partner von heterosexuellen Männern weiss ich aber seit Jahren, dass die Homosexualität eine Ergänzung der heterosexuellen Bedürfnisse und Partner darstellt und nicht einen schalen Ersatz derselben. Die Praktik vieler bisexueller Männer, zwischen den Freundinnen „über den Hag zu fressen“ und dann wieder eine zeitlang brav hetero-monogam zu sein, drückt dies gut aus. Vielleicht meinte Rauchfleisch Ähnliches wie ich, wenn er ein Kapitel über die „Homosexualität als eine besondere Begabung“ angefügt hat. Verschiedenheit von Anderen als quasi „evolutive Chance“ (Diversity) in Teamarbeit und Gesellschaft.

Die Regenbogenfamilien mit den jeweiligen in die Partnerschaft gebrachten Kinder, sowie mögliche gegenseitige Adoptionen gehören heute berücksichtigt und diskutiert. Womit gesellschaftspolitisch klar ist, dass sich Homosexuelle auch fortpflanzen können, oder wollen. Meist wird ja nur das Gegenteil behauptet…

Letztlich enthält Rauchfleischs Buch noch ein Kapitel, das selten Erwähnung findet: Lesbische Mütter/homosexuelle Väter und ihre homosexuellen Kinder. So einfach das auf den ersten Blick erscheinen mag, so kompliziert kann es aber auch werden.

„Eine völlig andere, für alle Beteiligten ungleich schwierigere Situation besteht indes, wenn Sie Ihre Homo- oder Bisexualität nicht offen leben. Bereits die vage Vermutung, Ihr Kind könnte homosexuell sein, aber erst recht die Gewissheit, dass dies eine Tatsache ist, wird Sie in diesem Fall wahrscheinlich in grosse innere Probleme stürzen, sehen Sie sich doch mit mehreren, für Sie heiklen Problemen konfrontiert:

So könnte sich die Umgebung beispielsweise fragen, „woher“ denn die Homosexualität Ihres Kindes kommt, ob unter Umständen Sie homosexuell sind. Oder Ihr Kind könnte im Verlauf seines coming outs Ihnen diese Frage stellen…“ (S. 163/164)

Es gibt in der erotischen homosexuellen Literatur immer mal wieder Szenen, in denen sich die Familie in der homosexuellen Szene begegnet. Aber das ist nicht die Regel. Ich selber bin auch schon einigen Jungs begegnet, die sich in ihre Väter verliebt haben und unbedingt mit ihnen Sex haben wollten, aber nicht wussten, wie sie es ihnen sagen sollten. Und ich kenne auch einen Fall in einer Familie in Österreich, in der das Inzesttabu überschritten oder ignoriert wurde. Es ist schwierig, mit solchen Situationen umzugeben, aber auch ich hatte als junger Teenager keine andere Wahl, als von meinen Cousins zu schwärmen, oder gar einen zu verführen! ;)

Es ist in jedem Falle zu empfehlen, dass sich Familien – egal welcher Zusammensetzung – sozial öffnen und Aussenkontakte zulassen. Wir sollen ja nicht in ihnen versauern.  Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

Udo Rauchfleisch. Mein Kind liebt anders, Patmos 2012, 184 S. CHF 19.–

Siehe auch meine kritische Einordnung auf gaybasel: Die Bringschuld der Eltern

sowie: Kinder dürfen SO und “anders” lieben

1) Claudia Müller (Pädagogin): Mein Sohn liebt Männer, 2008, eine qualitative Studie über 5 Mütter)

2) Stefan Timmermanns: Keine Angst, die beissen nicht! Evaluation schwul-lesbischer Aufklärungsprojekte in Schulen, lambda-nrw 2003