neue Literaturzeitschrift GLITTER

„Die Gala der Literaturzeitschriften“ im Untertitel.

Aus dem Editorial: „Wir haben sie vermisst, die Erzählungen, die sich mit hohem Unterhaltungswert und auf hohem literarischen Unterhaltungswert und auf hohem literarischen Niveau mit unseren queeren Lebensrealitäten auseinandersetzen. Als Autor*innen und Designer können wir sie selber schaffen…

Antje Strubel ist eine der wenigen Autorinnen, die mit ihrem Schreiben ungeniert heteronormative Muster verlässt. Und ihr scheint mit Leichtigkeit zu gelingen, womit die meisten deutschsprachigen Autor*innen kämpfen: Literarisch anspruchsvolle und vielschichtige Liebes- und Sexszenen zu schreiben.“

Lann Hornscheidt legt für Glitter mit einem Essay ein weiteres Sprachbild nach, das herkömmliche Denkmuster zu sprengen vermag: „Nahbeziehungen“.

Donat Blum: „Dem deutschsprachigen Raum fehlt es weitgehend an queerer Literatur. Wo es sie gibt ist sie kaum sichtbar. Dabei bieten doch gerade die Intimität des Lesens und die Nähe, die zu literarischen Figuren entstehen kann, die einzigartige Möglichkeit, sich in unbekannte Lebensweisen einzufühlen und Visionen ausserhalb traditioneller Rollenbilder zu entwickeln.“

Ivona Brdjanovic: „Geschichten sollten sich wie ein Fluss mit unzähligen Zuläufen aus den Besonderheiten und Geschehnissen unseres Zeitalters lesen lassen und sie sollten die vielseitigen Merkmale unseres Zeitalters wiederspiegeln, egal ob diese uns nun euphorisieren, verblüffen oder bestürzen.

Der Aktivist Tobias Urech schliesslich zieht den Bogen in die 1930er Jahre. Achtung Click-bait: Aus dieser Zeit hat er eine Zeitschrift und eine Kurzgeschichte ausgegraben, die mensch im damaligen Zürich kaum erwartet hätte.“ HUY DO

Diese Kurzgeschichte ist interessant und ein Zeitdokument. Eine Frau geht skifahren und tritt sehr männlich auf, was durch Kleidung und Frisur sehr gut Eindruck machen konnte.

Obwohl sehr viel in dieser „trivialen“ Novelle imaginiert wird, scheint sie wie real erlebt worden zu sein. „… natürlich total queer.“ (Urech)

Die Geschichte „Zufall“ handelt von einer Liebe zwischen zwei Frauen. Oder von einer Frau und einem Mann? Was die Zeitschrift „Freundschaftsbanner“ und auch diese Geschichte zeigt: Unsere Artgenoss_innen der 30er Jahre gingen mit Geschlechtergrenzen ganz anders – vielleicht sogar spielerischer – um, als wir heute.“ (Urech)

Ich möchte davor warnen, historische Bilder mit heutigem Blick und Begriff zu interpretieren. Beispiel: Gilgamesch und Enkidu (vor 5500 Jahren) waren keinesfalls Homosexuelle oder gar Schwule. Sie waren schlicht und einfach „männerliebende Männer“ und schon gar nie „queer“!

Die europäischen Sichtweisen und Bezeichnungen sind nicht auf andere Kontinente und Ethnien anwendbar, weil dann ihre spezifische Geschichte ignoriert wird.

Frauenliebende Frauen gingen in den 30er Jahren ganz anders durch die Männerwelt als die „Queerunity“ heute. Ich kenne selber ein paar Artgenossen-Geschichten aus den Publikationen jener Zeit und darin geht es ganz anders zu als bei Artgenossinnen. Urech präsentiert uns eine art-typische „Frauengeschichte“ aus einer männergeprägten Zeit. Sie gingen sicher anders, aber nicht unbedingt „spielerisch“ wie heute um. (Den geneigten Leser*innen empfehle ich zum Thema unbedingt den Film „Katzenball“ von Veronika Minder!) Peter Thommen_68

Erhältlich bei queerbooks.ch/Weyermann Bern, 60 S. A5, CHF 12.-

P.S. Wenn ich mich in der Literatur von männerliebenden Latinos umschaue, dann finde ich ähnliche Verhaltensmuster! Wer in einer binären Geschlechterkultur lebt, kann auf den Gedanken oder die Notwendigkeit kommen, Aussehen und Verhalten des Gegengeschlechts anzunehmen, um überhaupt beim bevorzugten eigenen Geschlecht Aufmerksamkeit zu erregen. (> Pedro Lemebel: Träume aus Plüsch/Tengo miedo Torero, 2004/2001, dt suhrkamp tb)

Auch kommen mir türkische und napoletanische Schwestern in den Sinn, die die homosexuellen Bedürfnisse heterosexuell lebender Männer „in weiblicher Tarnkleidung“ befriedigen. Oder die Novelle von Manuel Puig: Der Kuss der Spinnenfrau (auch als Film). Darüber gäbe es einen Essay zu schreiben, der natürlich ein literarisches Boot sprengen würde.

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Schwule „unzüchtige“ Texte 1977

Ein halbes Jahr nachdem ich meinen Buchladen eröffnet hatte, publizierte der schwule Verlag rosa Winkel in Berlin einen aktuellen Anthologieband mit dem Titel „schwule Lyrik, schwule Prosa“.

Aus einem neckischen Grund schickte ich ein Exemplar an die damals zuständige Bundesanwaltschaft in Bern zur „Vorbeurteilung“. Nach einiger Zeit erhielt ich es zurück mit der Qualifikation: Unzüchtig. Das bot mir eine Steilvorlage für die Öffentlichkeitsarbeit.

Die damalige „Basler Zeitung“ schrieb u.a.: „Für die schweizerischen Homosexuellen-Organisationen drängt sich der Verdacht auf, dass unter dem Vorwand der Unsittlichkeit die autonomen Äusserungen der Homosexuellen zensiert werden sollen.“ Auf deren Rückfrage erklärte Ulrich Hubacher, das fragliche Buch nun enthalte zwar verschiedene wertvolle Beiträge, daneben aber auch solche, die zweifelsfrei den Tatbestand der unzüchtigen Veröffentlichung erfüllten. Im übrigen stehe es jedermann frei, das Buch im Ausland zu bestellen. Sendungen an Private könnten gemäss einem Bundesgerichtsentscheid aus dem Jahre 1974 nicht beschlagnahmt werden.

Das witzige war, dass unter dem Brief- und Postgeheimnis nur der Zufall die zollamtliche Öffnung einer Sendung veranlassen konnte. So hatten verschiedene Einfuhrversuche per Post oder hinter dem Zoll bei Entdeckung keine strafrechtlichen Konsequenzen, da es sich nur um „Zollvergehen“ handelte.

In der NZZ las ich dann aber 2014 folgende Leserin-Reaktion: „Als ich bereits erwachsen war und im Zusammenhang mit einem homo-erotischen langjährigen Freund mehr darüber erfahren wollte, wie er und seine Freunde damit leben/zurechtkommen, gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden, bestellte ich in Deutschland einige Sachbücher (von rororo zB.) – statt der Bücher erhielt ich ein Schreiben von der Bundesanwaltschaft dass die Bücher am Zoll beschlagnahmt worden seien, da in der Schweiz unerwünscht! Zu wahr, um lustig zu sein! Tina aus dem Bernbiet.“ (Kommentar zum Thema Telearena 1978, in NZZ 8.9.14)

Ich habe damals u.a. wie folgt kommentiert: „Wir befinden uns in einer Umbruchszeit der politischen, das heisst öffentlichen Normen und Werte. Das liberale Gedankengut in unseren Gesetzen lässt uns (den Gerichten) recht grosse Handlungsspielräume in ihrem Umgang. Es liegt an den Politikern, respektive den öffentlich gewählten Richtern diese Spielräume im intensiven und nicht mehr expansiven Rahmen der Norm auszufüllen. Der bisherige expansive Rahmen ist nach dem Prinzip des „Gewährenlassens“ geschaffen: Je mehr du arbeitest und damit Profit bringst, desto mehr darfst du Sex und möglichst Kinder machen… Er würde auch eine freie und offene Information zulassen und das ‚Zurschaustellen‘ in unserer Gesellschaft wesentlich reduzieren. Glaubwürdige Parlamentarier setzen auf das Volks und nicht auf einen ‚Volksgerichtshof’“.

An den Generalsekretär des Eidg. Justiv und Polizeidepartementes schrieb ich damals u.a.: „Wenn nun die Beschreibung, respektive die literarische Beschreibung homosexueller Beziehungen und Kontakte und damit deren Diskussion verhindert wird, dadurch, dass die Verbreitung schriftlicher Unterlagen verboten wird, so verstösst das gegen das Gleichheits- und Gleichbehandlungsprinzip. Es gibt im derzeitigen Buchangebot einen nicht unbeträchtliche Menge Literatur, welche ähnliche Ziele verfolgt wie dieses Buch. Allerdings steht da die Heterosexualität im Mittelpunkt.“ (10.10.1977)

Ich erhielt auf meinen Brief nie eine Antwort.

Diverse linke und alternative Verlage aus Deutschland und in der Schweiz schrieben eine Protestveröffentlichung.

Elmar Kraushaar: Schwule Lyrik, schwule Prosa, eine Anthologie. Verlag rosa Winkel 1977, 256 S. (nur antiquarisch)

„Als ich bereits erwachsen war und im Zusammenhang mit einem homo-erotischen langjährigen Freund mehr darüber erfahren wollte, wie er und seine Freunde damit leben/zurechtkommen, gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden, bestellte ich in Deutschland einige Sachbücher (von rororo zB.) – Statt der Bücher erhielt ich ein Schreiben von der Bundesanwaltschaft dass die Bücher am Zoll beschlagnahmt worden seien, da in der Schweiz unerwünscht! Zu wahr, um lustig zu sein!  Tina aus dem Bernbiet.“ (Kommentar zum Thema Telearena 1978, in NZZ 8.9.14)

Die damalige Pressedokumentation als PDF

Das aktuelle Angebot von ARCADOS 2017

siehe auch: Hirschfeld Lectures

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Neue Forschungsergebnisse Sexualität

Jahrbuch Sexualitäten 2016

Jahrbuch Sexualitäten 2017  NEU

am Lager

UND HIER NOCH das aktuelle Bücherangebot bei ARCADOS

 

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Eltern hetero/a – Kinder homo

Wie Eltern den Wertewandel zur Homosexualität erlebt und mitgestaltet haben. Das Buch von Ursula Christen bietet knapp und übersichtlich eine Orientierungshilfe zum aktuellen Stand der gesellschaftlichen Diskussion.

Mütter und Väter lesbischer Töchter und schwuler Söhne schildern rückblickend, wann und wie sie von der gleichgeschlechtlichen Orientierung ihres Kindes erfahren haben, welche Herausforderungen sich dadurch für sie und für die ganze Familie ergaben und wie sie diese gemeistert haben – oder noch immer zu meistern versuchen.

Interact Verlag 2017, 182 S. br.  CHF 33.- / € 32.-

Stimmen der Eltern – rechtliche Situation – Wertewandel in der Gesellschaft – Strategien

Siehe auch: Claudia Müller, Mein Sohn liebt Männer, VDM 2008

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Neue Erkenntnisse und alte Mythen

Die Schwulenbewegung war noch auf „Material“ von heterosexuellen ForschungsbeiträgerInnen angewiesen.

In den letzten Jahrzehnten haben Beitrage aus allen Bereichen und Geschlechtern die Erkenntnisse vermehrt, präzisiert oder „umgeworfen“. Die Sondernummer trägt einen vorläufigen „Stand“ zusammen!

 

Hier ist das Inhaltsverzeichnis überblickbar.  CHF  29.-

Besten Dank meinen Kollegen von Löwenherz in Wien, die das aufführten!

 

 

 

 

Ich füge noch ein „lebendes Beispiel“ für die Diskriminierung homosexueller Therapeuten aus dem Jahr 1989 an. Erst in deutsch und dann original in englisch.

(Jul und August 2017 Betriebsferien! closed / Tel. und email erreichbar! / answering phone and email)

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Bürgerliche, Traditionalisten, hetero Sexisten und Maskulinisten …

Seit Schwule sich um Informationen für Heterosexuelle bemühen, wurde ihnen immer wieder Widerstand entgegengebracht. In der letzten Zeit griffen Heteros sogar zu Kampfmassnahmen aller Art, wie Demos und politischer Bremsung von Bildungsmassnahmen.

(Siehe arcados.com > Dokumente Emanzipation, Repression > 2005 St. Gallen und 2006 Neuenburg, um auf neuere Vorkommnisse hinzuweisen!)

In den „Hirschfeld Lectures“ ist nun ein Bändchen erschienen, von Elisabeth Tuider und Martin Dannecker, mit dem Titel „Das Recht auf Vielfalt“ (*), welches ich als Antwort auf diverse Vokommnisse in Deutschland verstehe.

In den Anfang 2014 begonnenen Debatten um den Bildungsplan in Baden-Württemberg wurde der Versuch der rot-grünen Landesregierung, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt als Querschnittsthema im Schulunterricht zu etablieren, zum Ausgangspunkt von homophoben und antifeministischen Angriffen in den Medien und aus der Zivilgesellschaft.“

Die 9. Hirschfeld-Lectures am 17. September 2015 in Düsseldorf wollten genau diese Diskrepanz aufgreifen… Wie könnte eine – als Querschnittsthema angelegte – Sexualpädagogik der Vielfalt funktionieren? Was wären ihre theoretischen Prämissen und methodischen Ansätze?

Der vorliegende Band fragt nach den Mechanismen und Mustern der homophoben und antifeministischen Angriffe und danach, wie die häufig heraufbeschworene Bedrohung durch eine vermeintliche Sexualisierung einzuordnen ist. Sexualerziehung scheint heute zu einer Streitfrage geworden zu sein, einem Feld, auf dem verschiedene politische Interessen ebenso verhandelt werden, wie Fragen gesellschaftlicher Anerkennung gegenüber geschlechtlicher und sexueller Diversität.“

Beiträge von Burkhard Jellonek, Pädagoge, und Publizist über historische Schwulenverfolgung, Elisabeth Tuider, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Kassel, sie hat bereits Erfahrung mit „shit-storms“ und Morddrohungen – sie geht auch speziell auf antifeministische Diskurse ein, und Martin Dannecker, Sozialwissenschaftler, der bereits vor Jahren vor „rollbacks“ warnte.

Derzeit, so meine These, können wir die Re-/Normierungen des Sexuellen über die Diskursivierung (1) von sexueller Vielfalt und einer Sexualpädagogik der Vielfalt beobachten.

Insbesondere die hasserfüllte Rede („hate speech“/Butler) ist das Mittel zur Regulierung und Re-/Konfigurierung von Normalität.“ (Tuider)

Ich bin der Ansicht, dass sich Definitionen aus Selbstbestimmungen der Betroffenen ergeben sollten und nicht aus irgendwelchen „politischen Korrektheiten“. Das fing in den 70er Jahren in der Schweiz damit an, dass sich die „Schweizerische Organisation der Homophilen“ in eine der Homosexuellen umbenannte. Die Homosexuellen-Organisationen der öffentlich Auftretenden nannten Schwul- und Lesbischsein ‚beim Namen‘!

Heute ziehen sich Junghomos und Homo-Lobbyisten eher wieder auf „die Liebe“ zurück. Wie LondonJames (*1985) so schön schreibt: „Und wenn sie die normalen Rechte haben wollen, sprich heiraten, heisst es in den Akten schlicht und einfach: verheiratet. Dann braucht es weder ein coming out am Arbeitsplatz oder sonst wo. Man wird nicht blossgestellt.“ (2)

Nebst der „Zurückhaltung“ der Betroffenen wollen aber bestimmte politische Kreise auch wieder zur traditionellen Politik der Angstmacherei zurückkehren. Heute geht das über die Schiene der angeblichen „Sexualisierung“ von Kindern und – wie Peter Winkler in der NZZ kürzlich feststellte – in den USA mit der Angst vor „Transsexuellen“. (3)

Diese Kreise beschränken sich bei weitem nicht auf Klerikale und Religionsgläubige und umfassen auch Frauen aus allen Schichten. Ich glaube, dass diese Ängste auf der Basis der Verfügungsgewalt über die „Früchte der Fortpflanzung“ politisch aktiviert werden können. Wir sehen das auch bei Kindesentziehungen und – Entführungen – nicht nur über Kulturen und Traditionen hinweg. Das Kind ist (möglichst lange natürlich) Eigentum der Familie, oder der Mutter, oder des Vaters. Wir sehen das an Familien, die ihre Kinder in den eigenen Räumen „schulen und ausbilden“ wollen, zum Beispiel nach biblischen Grundsätzen! Witzig daran ist, dass diese Kreise nicht sehen, dass sie selbst das praktizieren, was sie „anderen Religionen“ vorwerfen!

Ängste (Homophobie) schüren ist das eine, aber es gibt auch feindliche Stellungnahmen aus beschränkter Sicht, oder beharrlicher Realitäts-Verweigerung, wie beim Antisemitismus auch. Meinungen sind immer verdächtig, bereits „gefressen“ zu sein, weil sie angeblich ihrem Träger Sicherheit vermitteln sollen, oder seine eigene unbewusste „Betroffenheit“ überdecken müssen.

Ein weiteres Beispiel bildet die sexualpädagogische „Umerziehung“, die mit der Gender-Debatte an die politische Wand projiziert wird. Dabei sollten die Heterosexisten eigentlich wissen, dass ihre „Hetero-Umerziehung“ von Schwulen ja auch nicht funktioniert. Also grosse Verdrängungsleistungen nach allen Seiten. Auch Homosexuelle sind selber davon betroffen, wie ich oben am Beispiel von LondonJames dargelegt habe.

Doch im selben Zeitraum wird medial nicht nur „Sexualisierung“ sondern auch Missbrauch diskursiv mit dem sexualpädagogischen Reden über Sexualität verbunden.“ (Tuider)

Inwiefern sexuelle Minderheiten aber von der Mehrheit missbraucht werden, ist kein abendfüllendes Thema. (Die Diskussion über die Mehrheit habe ich schon 2009 geführt! arcados.ch > Heterosex > Welche Mehrheit?) Die Diskussion dreht sich nur darum, wie die allgemein als herrschend und frauschend eingeschätzten Normen und Mehrheiten (durch selbstverständlichen Missbrauch gegenüber Minderheiten) möglichst vollständig „eingehalten“ werden können. Dabei ist das im wortwörtlichen Sinne eine sich selbst fortpflanzende Doppelmoral/Illusion.

Hasserfüllte Sprache und Postings sind eine Form von Gewalt, ähnlich wie Blicke unter Frauenröcke. Dabei lernten wir in der Schwulenbewegung, damit umzugehen und die Formen und Wirkungen einigermassen zu verstehen. Das fehlt heute den Junghomos und Lobbyisten weitgehend wieder.

Martin Dannecker nimmt in seinem Beitrag das Problem bei den Hörnern! „Dass die Sexualpädagogik der Vielfalt diese Idealisierung der Heterosexualität, die immer mit einer Abwertung der nicht heterosexuellen Sexualitäten einhergeht, unterläuft, ohne freilich der heterosexuellen Orientierung und heterosexuellen Lebensformen ihr Recht abzusprechen, wird ihr von den KritikerInnen rachesüchtig vorgehalten.“

Er meint, dass die Hierarchie der „besseren“ Orientierung oder Lebensweise durchbrochen wird, um mehr Gerechtigkeit herzustellen gegenüber all „den anderen“. Nun, diese Diskussion stellt sich ja wiederum bei der Forderung nach Öffnung der Ehe, mit Verlaub! 😉 Meiner Ansicht nach findet schon längst eine Heterosexualisierung der Homos statt und nicht umgekehrt, wie behauptet wird.

Die Erkenntnis, dass es seit dem Talmud in allen Schriften kulturell darum ging, Normale in ihrer Normalität zu bewahren, während eigentlich die „Anderen“ nicht so interessant waren, sollte sich endlich weiter verbreiten. Ausserdem war die sexuelle Praktik zwischen Männern immer ein Ärgernis unter vielen anderen, die heute übrigens auffälligerweise keine Rolle spielen…

Mit Pornografie im Internet kommen Jugendliche heutzutage fast alle in Berührung. Allerdings gibt es in dieser Hinsicht bedeutsame geschlechtsspezifische Differenzen. Mädchen sind weitaus weniger an Pornografie intereressiert als Jungen.“ (Dannecker)

Mit Verlaub, Herr Professor, darüber nachzudenken würde sich sicher lohnen – besonders aus dem schwulen Blickwinkel! Ich erinnere daran, dass die „Pornografisierung“ in der Gesellschaft vor allem dazu dient, Männer an die Frauen als Lustobjekt zu erinnern, während Sex unter Männern immer konsequent kriminalisiert worden ist. (4) Da passt irgendetwas in der Natur nicht zueinander… 😉

Der Sexualpädagogik fällt die Aufgabe mit Jugendlichen über ihre sexuellen Erfahrungen im Netz zu reflektieren – wozu selbstverständlich auch das vor allem an Mädchen herangetragene Sexting, also das Herstellen und Weiterleiten von sexuell aufgeladenen Bildern – auch deshalb zu, weil sie darüber mit ihren Eltern in der Regel nicht sprechen wollen oder können.“ (Dannecker)

Hier ist auch die Frage zu stellen, welche Gründe das haben mag! Weiter unten weist Dannecker nochmals auf die individuelle Eigenheit von Jugendlichen und ihrer Sexualität hin, die sie von ihren Eltern trennt. Dazu gehört aber auch die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche – um es mal ganz allgemein zu formulieren – ihre Eltern fast immer als asexuelle, zumindest auch a-erotische Menschen erleben. Und hier wiederum die Tatsache, dass homosexuelle Männer sich viel öfter Zärtlichkeiten oder Berührungen zukommen lassen. Dies wird aber als „Jugendgefährdung“ interpretiert, besonders bei schwulen Eltern – bei lesbischen wird es nicht dramatisiert.

Peter Thommen_66, Buchhändler, Schwulenaktivist, Basel

Tuider/Dannecker: Das Recht auf Vielfalt. Aufgaben und Herausforderungen sexueller Bildung, Hirschfeld Lectures Bd. 9, Wallstein Verlag 2016, 50 S. CHF 13.50

1) gemeint ist die aktive methodische Einflussnahme auf Definitionen und Begriffe in der Sprache

2) siehe swissgay.info nr. 5, März 2016

3) NZZ vom 15. April 2016

4) Ich erinnere mich an ein Telefonat mit jemandem von der damals zuständigen Bundesanwaltschaft in Bern, der dazu nur sagte: Bei den Frauen sieht man ja halt nichts…

Siehe auch meine Bemerkungen über „Frauen und Schwänze“ > Thommens Senf (arcados.com)!

Siehe auch > Küsse öffnen die Welt (NZZ)  Wie schwierig Genderdiskussionen sind, zeigen die Postings/Leserbriefe unterhalb der Buchbesprechungen!

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der schwule Buchladen ist…

… diesen Monat ins 40. Jahr seines Bestehens getreten!

Jubiläum im April 2017

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Wer nostalgische Erinnerungen hat… oder einfach nur neugierig ist, der kann Di-Fr 14-18 Uhr, oder nach vereinbarter Zeit vorbeischauen!

SAM_1153     Es gibt eine Anzahl   Occ. DVDs  für CHF 20.-  Auch Kino-DVDs  für CHF 15.–, sowie eine handvoll aktuelle Magazine –  occ. Bücher, Sachbücher. etc.

SAM_1154   Dies ist der Schaft mit der Belletristik, den Romanen und Geschichten für Reisen, Baden oder Sünnelen.

Wie zu sehen ist, sind die neuen Erscheinungen vorhanden!  Auch die Bücher, die unter ARCADOS-Verlagsnummer erschienen sind. Wer Bücher bestellen möchte, kann das unter bestellung@arcados.ch  tun.

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(Für kleine Buchläden betragen die Versandspesen  2-7 CHF)

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Am besten ist immer noch der persönliche Besuch im Laden!

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eine schöne Fresse!

Was man damit anfangen kann, das erzählt uns Edouard Louis in seinem autobiographisch gefärbten Roman „das Ende von Eddy“. Für viele ist nicht klar, warum er ein „Ende“ beschreibt. Das tut er, weil er mit seiner Kindheit und Jugend endgültig abgerechnet hat. Der Roman ist seine Abrechnung mit allem und allen. Darum hat er sich auch einen neuen Autorennamen zugelegt.

Ich habe die Geschichte von Eddy erzählt, ein Porträt des Dorfes gezeichnet, in dem er aufwächst, der Menschen, die ihn umgeben, um die Erfahrung des Dominiertwerdens greifbar zu machen.“ (1)

Das heisst also, dass er sein „persönliches“ Drama in den politischen Zusammenhang stellt. So wie es die Schwulenbewegung gemacht hat. „Im Flur fragten sie mich, wer ich sei, ob ich wirklich Bellegueule sei, über den alle reden. Sie stellten mir jene Frage, die ich mir dann selbst stellte, monate-, jahrelang, bist du der Schwule?“ (2)

Wie viele schwule Kinder fragte er sich, woher das kam, was andere „Schwuli“ nannten: „Meine Eltern nannten das „Getue“. Sie sagten: Lass doch das Getue. Sie wunderten sich. Warum benimmt Eddy sich wie eine Tussi? Sie sagten: Reg dich ab, muss das sein, dieses tuntige Gefuchtel. Sie dachten, es sei meine Entscheidung, dass ich mich so benahm, als wäre das eine Ästhetik, die ich kultivierte, um sie zu ärgern.“ (3)

Die Metapher vom „schwulen Kind“ gibt es noch gar nicht. Die Eltern stossen sich daran, weil es ihnen etwas sichtbar macht, das sie ja „gar nie vermittelt haben“! Nach der bewährten Hetero/a-Legende: So etwas gibt es in unserer Familie gar nicht.

Auch der Versuch, sich in die Mädchenkleider seiner Schwester zu stürzen, erschien ihm schliesslich zu absurd.

In der Mittelschule ausserhalb seines Dorfes war er mit neuen Leuten konfrontiert, die ihn neu taxierten. Ein Schüler liess ihn vor den Kollegen auf und ab laufen. Er sagte zu ihnen: „Passt mal auf, wie der läuft, total schwuchtelig, und er versprach ihnen, sie würden was zu lachen haben. Als ich mich weigern wollte, machte er mir klar, dass ich keine Wahl hatte und dafür büssen würde, wenn ich mich weigerte. Wenn du es nicht machst, kriegst du ein paar aufs Maul.“ (4)

Es ist erstaunlich, wie das Kind und der Jugendliche sich an der Rolle der Männer, dem Dorf und seiner Familie abarbeiten musste. Er porträtiert die Mutter, die Familie und die Menschen um ihn herum mit Geschichten aus ihrem Leben – bis ins Schlafzimmer der Eltern. Auch die sexuellen Übergriffe von heterosexuellen Jungs bekommen ihren Platz. Wir sehen, wie gewisse Sexualfantasien entstehen, sich verstärken und etablieren können.

EdLouis

Edouard Louis

Alles was man nicht hören wollte, wurde als Privat-angelegenheit ausgelegt. Mich hat es interessiert, diese Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem neu auszuloten.“

In allen Ländern, in denen der Roman bisher erschienen ist, wurden beide Themen, Klasse und Homosexualität, immer zusammen gesehen. Genau darum ging es mir ja auch, zu zeigen, wie sich beides bedingt. Schwul zu sein im Iran, in Russland, im Marais in Paris, in Berlin, oder in einem kleinen Dorf in Nordfrankreich, ist eben nicht dasselbe.“ (1)

Er versucht erfolglos zu fliehen. Er versucht auch, eine Freundin zu haben. Erst der Wegzug an eine höhere Schule und in ein Internat ermöglichen es ihm schliesslich, mit seiner Vergangenheit abzuschliessen. Und mit dem Namen Edouard Louis ist sein Leben als Edouard Bellegueule definitiv beendet.

Edouard Louis: Das Ende von Eddy, S. Fischer 2015, 205 S. ISBN 978-3-10-002277-6

Auch die französische Ausgabe ist lieferbar! Und die italienische besorgt ARCADOS auch!

1) Edouard Louis im Interview mit Friederike Schilbach

2) EL, dt. S. 13

3) EL, dt. S. 24 (hierzu sh. im Interview bei France Culture wie er – ab min 9’55 mit den Händen spricht!)

4) EL, dt. S. 32

Besprechung im „Spiegel“

SRF2 Kultur

Interview mit dlf

Epilog

Erfreulich, wie ein Junge die Worte wieder findet, die schon frühere Generationen formuliert haben! Und die „Tränen“ der Heteros darüber sind so heuchlerisch. Jedesmal müssten sie sich fragen, wer die Verantwortung dafür trägt und jedesmal wird das ausgeblendet. Auch wenn geschrieben wird: „Seine Tränen sind politisch!“ Denn niemals hatte es Konsequenzen in der Politik. Es wurden die juristischen Vergewaltigungen beseitigt, denn damit drang nichts mehr in die Medien und die Öffentlichkeit. Selbst die anale Vergewaltigung durch Heteros wird in keinen Interviews, die ich gesehen habe, thematisiert. Denn eigentlich ist ja immer der Schwule der Täter an den Heteros. Und so soll es ja auch weiterhin bleiben. Auch in der Sicht von Frauen. Denn wenn es „gebürtige Schwule“ geben würde, stimmte das Bild nicht mehr vom verführten und sexuell missbrauchten männlichen Kind! Es wäre zu revolutionär.  Peter Thommen

 Der Text als PDF

Edouard Louis und die Wahlen 2017

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Rechtskonservative und Linksliberale

Gabriele Kuby’s „Die globale sexuelle Revolution“ Darin legt sie dar, warum sie gegen die sexuelle „Freiheit“ ist und was sie im Eigentlichen gegen die Homosexualität, die männliche natürlich, hat. Kuby ist ursprünglich evangelisch und dann zum Katholizismus übergetreten. Bei ihr kann man nachlesen, was die Rechtskonservativen missverstehen an Gender-Theorie und am „Relativismus“ in der Sexualkultur. Mir ist während des Lesens aufgefallen, dass sie „ausgewählte“ Studien zitiert und einen grossen Bogen um Thematas macht, die reale Verhältnisse in der realexistierenden Familie kritisieren.

Für die bei uns noch anstehende Diskussion mit den Rechtskonservativen und Gläubigen, wie Chaaban, Riklin und Konsorten wichtig! Da können wir uns politisch vorbereiten!

Ulrike Heiders „Vögeln ist schön“: Die Sexualrevolte von 1968 und was von ihr bleibt. Heider schaut zurück in die Anfänge des Aufstands gegen die Moral der Kriegs- und Nachkriegszeit, die Rolle des Konsumismus und die Bedeutung der Frauen in der industrialisierten Gesellschaft. Schön zeichnet sie nach, wie die Zensur langsam fiel und mehr Fleisch gezeigt werden konnte. Sie schildert ihre Mütter- und Vätergeneration und wie sie sich daraus befreien konnte. Sie erinnert sich an die Auseinandersetzungen mit der Linken, den Frauenbewegungen, der Feministinnen und der Schwulenbewegung. Sie liefert das Material, das gegen Cohn-Bendit und die Grünen verwendet wurde und setzt es in den historisch-kulturellen Zusammenhang, wie es sich gehört!

Sie erinnert uns aus gutem Grund an die Zusammenhänge von Wirtschaft und Sexualität, sowie den Unterschied von Marktfreiheit und sozialem Freiraum. Sie bringt uns auch die ehemals prägenden und wichtigen Bücher, die diskutiert wurden, nahe, indem sie dieselben wiedergelesen hat und kurz zusammenfasst. Auch Alice Schwarzer und ihre letztlich zwiespältige Rolle wird von ihr eingeordnet.

Sie spannt den Bogen von den Frühsozialisten und Sexualreformerinnen bis zur aktuellen SM-Diskussion und zu Judith Butler und macht sichtbar, wie hin und hergetrieben unsere Sexualkultur sich entwickelt (hat)!

Das Buch ist stark BRD-orientiert und die Einblicke in den SDS, in die Kommunen und WGs und die deutsche Politik könnten die Geduld strapazieren. Auf jeden Fall ist ihre respektable Arbeit ein Informationsgewinn. Mit dieser Frau möchte ich mal diskutieren können!

(Bei ARCADOS am Lager!)

Hier das detaillierte Verzeichnis von Kuby’s Buch

Barbara Eder: Die Linke und der Sex, Promedia 2012 – hier ein Interview mit der Autorin, in welchem sie die Vorstellungen von Linken und Rechten vergleicht.

Hier eine andere christlich-konservative Stimme:  Christl R. Vonholdt: HS verstehen (sic!)

Tischler, schwul, 14

esoterisch oder so! 🙂

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der schwule Roman als „Ware“

Nachdem die Stimmen von Schwulen erst in politischen Diskussionen aufgetreten sind, wurde nach Literatur von und über Schwule geforscht. Dabei gab es bekannte und verschollene Texte aus allen Zeiten neu zu entdecken. In der jungen Basler Literaturzeitschrift „drehpunkt“ bin ich 1977 von Christian Fink als schwuler Buchhändler interviewt worden. Hansruedi Fritschi schrieb im hey Nr. 4 und 5/1982 über „Schweizer Literatur und Homosexualität“. 1995 fand in Bern eine Tischdiskussion darüber statt, ob es „schwule Literatur“ überhaupt gebe!

2012 publizierte Joachim Bartholomae bei Männerschwarm ein schmales Bändchen: Wie der Keim einer Südfrucht im Norden (Kleist, Kafka und andere Aussenseiter der Literatur).

In den 80er und 90er Jahren erschien wichtige schwule Literatur bei etablierten und bei grossen Verlagen. Daneben profilierten sich eine handvoll schwuler Verlage. Der grösste ist Bruno Gmünder, der auch wichtige ältere Bücher in Neuauflage herausbringt. Zusätzlich erscheinen Texte in „Selbstverlagen“, die leider meistens keine Bearbeitung durch ein Lektorat bekommen.

Heute können sich viele Gays ihre Lektüre direkt übers Internet herunterladen und auch gleich bezahlen – dabei spielt natürlich die „Diskretion“ eine Hauptrolle. Die „Emanzipation“ von – im weitesten Sinne – homosexuellen Bedürfnissen findet seit längerer Zeit über die Marktplattformen im Internet statt. Seit die Homosexuellen eine ziemlich klare Zielgruppe des Marktes geworden sind, erfahren sie eine den Frauen ähnliche „Umwerbung“. So wie es in allen Städten an jeder Ecke einen Shop für Frauen hat, gibt es im Internet überall Angebote für Gays. So können auch diese immer wieder ihre Minderwertigkeitsgefühle „aufpolieren“ und an besonders „interessanten“ Angeboten ihre diskrete subjektive Emanzipation erleben.

Es sollte ihnen aber – wie den Frauen auch – zu denken geben, dass antihomosexuelle Reaktionen erfolgen, wenn den Hetero/as die Sichtbarkeit „zu viel“ wird. Denn Männer reagieren auf das Getratsche und die Exaltierheit von Frauen nur solange, bis sie ihr Sexualziel erreicht haben. Nachher ist es ihnen einfach nur lästig. Als Konsument“innen“ sind Frauen und Homosexuelle interessant für den Markt, aber als selbstbewusste IndividualistINNen sind sie in der Gesellschaft unerwünscht.

Seit Generationen von jungen Männern (auch Migranten) heranwachsen, die nicht mehr lesen, oder die ihre homosexuellen Bedürfnisse „diskretestens“ übers Internet anbringen, haben die etablierten Verlage auch ihre „schwulen Titel“ drastisch reduziert. Gleichzeitig wurde von Anderen ein vielfältiges Angebot für diese im Internet aufgebaut, das rasch angeboten und ökonomisch abgeschöpft werden kann. Dabei geht es vor allem um Gesundheitspillen und -wässerchen, Unterhaltung, Bilder und Illusionen und weniger um gezielte pornographische Angebote.

Nicht zu vergessen ist dabei das spezielle Erlebnis als Form von phantastischem Roman, das sich in Klemmschwesterns Köpfen von alleine „zusammensetzt“. Der schwule Roman geht nicht nur in die virtuelle Form über. Er bildet sich in jedem Kopf und mit jedem Erlebnis individuell und neu in allen Vorstellungen der Phantasierenden. Denn mit jedem Kauf und jedem Erlebnis erhofft sich der Konsument ganz bestimmte Erlebnisse und Wunscherfüllungen, mit denen er SEINE homosexuellen Bedürfnisse befriedigen kann. Der Individualist ist Konsumist und sein eigener Romanschreiber…

Liselotte Brodbeck hat 1974 über den „Roman als Ware“* für die Frauen geschrieben. Sie bezog sich dabei auf Fortsetzungshefte wie „Jerry Cotton“, Arztromane und Königstöchter, etc. Dabei stiess sie auf unglaublich einfache oder vereinfachte Vorstellungen von Frauen über das Leben, die Familie und eine „Karriere“ an der Seite erfolgreicher Männer.

Brodbeck, Roman

Etwa so ähnlich ergeht es den homosexuellen Jungs heute! Vereinfachte Vorstellungen über Gesundheit, Karriere und ökonomischen Erfolg finden wir in den aktuellen Gay-Magazinen angeboten. Der Erfolg der Schwulenbewegung war auf rechtliche Gleichstellung ausgerichtet, der Erfolg von Junghomos wird auf kulturelle und ökonomische Gleichstellung mit erfolgreichen Heterosexuellen ausgerichtet. Dabei geht die Arbeit mit und in der Gesellschaft verloren.

Brodbeck schrieb 1974: „Dem Gegenstand der vorliegenden Untersuchung nach sind kapitalistische Produktionsbedingungen nicht Folge, sondern Voraussetzung“… – und so meine ich: … für eine erfolgreiche Emanzipation. Die ökonomischen Verhältnisse bestimmen das Wohlergehen von Homosexualität und von Schwulen.

Durch Vielfalt und endlose Variationen erscheint das grundsätzlich „immergleiche“ Angebot als das „Immerneue“ und wird so im Bewusstsein der Leser zum unabänderlichen persönlichen „Schicksal“ – frei nach Brodbeck abgewandelt!

Die stete Veränderung von Gesellschaft und Lebensweisen wird aus den Augen verloren und das Nachäffen traditionell-heterosexuellen Verhaltens und heterosexueller Vorstellungen wird als oberste Bedingung für den Erhalt der eigenen Wertschätzung übernommen. Das sind ganz andere Erziehungsmechanismen als sie die Schwulenbewegung noch im gemeinsamen physischen Sein angestrebt hatte.

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

* Brodbeck, Liselotte: Roman als Ware, edition etcetera Basel, 1974, 70 Seiten (nur antiquarisch)

P.S. „Im Mittelpunkt der Werbung steht die Metapher, dass die Beziehungen zwischen Menschen und Individuen durch Dinge vermittelt werden.“ (Eva Illouz: Der Konsum der Romantik, Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus, Campus 2003, S. 73)

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