Bürgerliche, Traditionalisten, Heterosexisten, Maskulinisten

Mai 2nd, 2016

Seit Schwule sich um Informationen für Heterosexuelle bemühen, wurde ihnen immer wieder Widerstand entgegengebracht. In der letzten Zeit griffen Heteros sogar zu Kampfmassnahmen aller Art, wie Demos und politischer Bremsung von Bildungsmassnahmen.

(Siehe arcados.com > Dokumente Emanzipation, Repression > 2005 St. Gallen und 2006 Neuenburg, um auf neuere Vorkommnisse hinzuweisen!)

In den „Hirschfeld Lectures“ ist nun ein Bändchen erschienen, von Elisabeth Tuider und Martin Dannecker, mit dem Titel „Das Recht auf Vielfalt“ (*), welches ich als Antwort auf diverse Vokommnisse in Deutschland verstehe.

In den Anfang 2014 begonnenen Debatten um den Bildungsplan in Baden-Württemberg wurde der Versuch der rot-grünen Landesregierung, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt als Querschnittsthema im Schulunterricht zu etablieren, zum Ausgangspunkt von homophoben und antifeministischen Angriffen in den Medien und aus der Zivilgesellschaft.“

Die 9. Hirschfeld-Lectures am 17. September 2015 in Düsseldorf wollten genau diese Diskrepanz aufgreifen… Wie könnte eine – als Querschnittsthema angelegte – Sexualpädagogik der Vielfalt funktionieren? Was wären ihre theoretischen Prämissen und methodischen Ansätze?

Der vorliegende Band fragt nach den Mechanismen und Mustern der homophoben und antifeministischen Angriffe und danach, wie die häufig heraufbeschworene Bedrohung durch eine vermeintliche Sexualisierung einzuordnen ist. Sexualerziehung scheint heute zu einer Streitfrage geworden zu sein, einem Feld, auf dem verschiedene politische Interessen ebenso verhandelt werden, wie Fragen gesellschaftlicher Anerkennung gegenüber geschlechtlicher und sexueller Diversität.“

Beiträge von Burkhard Jellonek, Pädagoge, und Publizist über historische Schwulenverfolgung, Elisabeth Tuider, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Kassel, sie hat bereits Erfahrung mit „shit-storms“ und Morddrohungen – sie geht auch speziell auf antifeministische Diskurse ein, und Martin Dannecker, Sozialwissenschaftler, der bereits vor Jahren vor „rollbacks“ warnte.

Derzeit, so meine These, können wir die Re-/Normierungen des Sexuellen über die Diskursivierung (1) von sexueller Vielfalt und einer Sexualpädagogik der Vielfalt beobachten.

Insbesondere die hasserfüllte Rede („hate speech“/Butler) ist das Mittel zur Regulierung und Re-/Konfigurierung von Normalität.“ (Tuider)

Ich bin der Ansicht, dass sich Definitionen aus Selbstbestimmungen der Betroffenen ergeben sollten und nicht aus irgendwelchen „politischen Korrektheiten“. Das fing in den 70er Jahren in der Schweiz damit an, dass sich die „Schweizerische Organisation der Homophilen“ in eine der Homosexuellen umbenannte. Die Homosexuellen-Organisationen der öffentlich Auftretenden nannten Schwul- und Lesbischsein ‚beim Namen‘!

Heute ziehen sich Junghomos und Homo-Lobbyisten eher wieder auf „die Liebe“ zurück. Wie LondonJames (*1985) so schön schreibt: „Und wenn sie die normalen Rechte haben wollen, sprich heiraten, heisst es in den Akten schlicht und einfach: verheiratet. Dann braucht es weder ein coming out am Arbeitsplatz oder sonst wo. Man wird nicht blossgestellt.“ (2)

Nebst der „Zurückhaltung“ der Betroffenen wollen aber bestimmte politische Kreise auch wieder zur traditionellen Politik der Angstmacherei zurückkehren. Heute geht das über die Schiene der angeblichen „Sexualisierung“ von Kindern und – wie Peter Winkler in der NZZ kürzlich feststellte – in den USA mit der Angst vor „Transsexuellen“. (3)

Diese Kreise beschränken sich bei weitem nicht auf Klerikale und Religionsgläubige und umfassen auch Frauen aus allen Schichten. Ich glaube, dass diese Ängste auf der Basis der Verfügungsgewalt über die „Früchte der Fortpflanzung“ politisch aktiviert werden können. Wir sehen das auch bei Kindesentziehungen und – Entführungen – nicht nur über Kulturen und Traditionen hinweg. Das Kind ist (möglichst lange natürlich) Eigentum der Familie, oder der Mutter, oder des Vaters. Wir sehen das an Familien, die ihre Kinder in den eigenen Räumen „schulen und ausbilden“ wollen, zum Beispiel nach biblischen Grundsätzen! Witzig daran ist, dass diese Kreise nicht sehen, dass sie selbst das praktizieren, was sie „anderen Religionen“ vorwerfen!

Ängste (Homophobie) schüren ist das eine, aber es gibt auch feindliche Stellungnahmen aus beschränkter Sicht, oder beharrlicher Realitäts-Verweigerung, wie beim Antisemitismus auch. Meinungen sind immer verdächtig, bereits „gefressen“ zu sein, weil sie angeblich ihrem Träger Sicherheit vermitteln sollen, oder seine eigene unbewusste „Betroffenheit“ überdecken müssen.

Ein weiteres Beispiel bildet die sexualpädagogische „Umerziehung“, die mit der Gender-Debatte an die politische Wand projiziert wird. Dabei sollten die Heterosexisten eigentlich wissen, dass ihre „Hetero-Umerziehung“ von Schwulen ja auch nicht funktioniert. Also grosse Verdrängungsleistungen nach allen Seiten. Auch Homosexuelle sind selber davon betroffen, wie ich oben am Beispiel von LondonJames dargelegt habe.

Doch im selben Zeitraum wird medial nicht nur „Sexualisierung“ sondern auch Missbrauch diskursiv mit dem sexualpädagogischen Reden über Sexualität verbunden.“ (Tuider)

Inwiefern sexuelle Minderheiten aber von der Mehrheit missbraucht werden, ist kein abendfüllendes Thema. (Die Diskussion über die Mehrheit habe ich schon 2009 geführt! arcados.ch > Heterosex > Welche Mehrheit?) Die Diskussion dreht sich nur darum, wie die allgemein als herrschend und frauschend eingeschätzten Normen und Mehrheiten (durch selbstverständli-chen Missbrauch gegenüber Minderheiten) möglichst vollständig „eingehalten“ werden können. Dabei ist das im wortwörtlichen Sinne eine sich selbst fortpflanzende Doppelmoral/Illusion.

Hasserfüllte Sprache und Postings sind eine Form von Gewalt, ähnlich wie Blicke unter Frauenröcke. Dabei lernten wir in der Schwulenbewegung, damit umzugehen und die Formen und Wirkungen einigermassen zu verstehen. Das fehlt heute den Junghomos und Lobbyisten weitgehend wieder.

Martin Dannecker nimmt in seinem Beitrag das Problem bei den Hörnern! „Dass die Sexualpädagogik der Vielfalt diese Idealisierung der Heterosexualität, die immer mit einer Abwertung der nicht heterosexuellen Sexualitäten einhergeht, unterläuft, ohne freilich der heterosexuellen Orientierung und heterosexuellen Lebensformen ihr Recht abzusprechen, wird ihr von den KritikerInnen rachesüchtig vorgehalten.“

Er meint, dass die Hierarchie der „besseren“ Orientierung oder Lebensweise durchbrochen wird, um mehr Gerechtigkeit herzustellen gegenüber all „den anderen“. Nun, diese Diskussion stellt sich ja wiederum bei der Forderung nach Öffnung der Ehe, mit Verlaub! 😉 Meiner Ansicht nach findet schon längst eine Heterosexualisierung der Homos statt und nicht umgekehrt, wie behauptet wird.

Die Erkenntnis, dass es seit dem Talmud in allen Schriften kulturell darum ging, Normale in ihrer Normalität zu bewahren, während eigentlich die „Anderen“ nicht so interessant waren, sollte sich endlich weiter verbreiten. Ausserdem war die sexuelle Praktik zwischen Männern immer ein Ärgernis unter vielen anderen, die heute übrigens auffälligerweise keine Rolle spielen…

Mit Pornografie im Internet kommen Jugendliche heutzutage fast alle in Berührung. Allerdings gibt es in dieser Hinsicht bedeutsame geschlechtsspezifische Differenzen. Mädchen sind weitaus weniger an Pornografie intereressiert als Jungen.“ (Dannecker)

Mit Verlaub, Herr Professor, darüber nachzudenken würde sich sicher lohnen – besonders aus dem schwulen Blickwinkel! Ich erinnere daran, dass die „Pornografisierung“ in der Gesellschaft vor allem dazu dient, Männer an die Frauen als Lustobjekt zu erinnern, während Sex unter Männern immer konsequent kriminalisiert worden ist. (4) Da passt irgendetwas in der Natur nicht zueinander… 😉

Der Sexualpädagogik fällt die Aufgabe mit Jugendlichen über ihre sexuellen Erfahrungen im Netz zu reflektieren – wozu selbstverständlich auch das vor allem an Mädchen herangetragene Sexting, also das Herstellen und Weiterleiten von sexuell aufgeladenen Bildern – auch deshalb zu, weil sie darüber mit ihren Eltern in der Regel nicht sprechen wollen oder können.“ (Dannecker)

Hier ist auch die Frage zu stellen, welche Gründe das haben mag! Weiter unten weist Dannecker nochmals auf die individuelle Eigenheit von Jugendlichen und ihrer Sexualität hin, die sie von ihren Eltern trennt. Dazu gehört aber auch die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche – um es mal ganz allgemein zu formulieren – ihre Eltern fast immer als asexuelle, zumindest auch a-erotische Menschen erleben. Und hier wiederum die Tatsache, dass homosexuelle Männer sich viel öfter Zärtlichkeiten oder Berührungen zukommen lassen. Dies wird aber als „Jugendgefährdung“ interpretiert, besonders bei schwulen Eltern – bei lesbischen wird es nicht dramatisiert.

Peter Thommen_66, Buchhändler, Schwulenaktivist, Basel

Tuider/Dannecker: Das Recht auf Vielfalt. Aufgaben und Herausforderungen sexueller Bildung, Hirschfeld Lectures Bd. 9, Wallstein Verlag 2016, 50 S. CHF 13.50

1) gemeint ist die aktive methodische Einflussnahme auf Definitionen und Begriffe in der Sprache

2) siehe swissgay.info nr. 5, März 2016

3) NZZ vom 15. April 2016

4) Ich erinnere mich an ein Telefonat mit jemandem von der damals zuständigen Bundesanwaltschaft in Bern, der dazu nur sagte: Bei den Frauen sieht man ja halt nichts…

Siehe auch meine Bemerkungen über „Frauen und Schwänze“ > Thommens Senf (arcados.com)!

eine schöne Fresse!

März 28th, 2015

Was man damit anfangen kann, das erzählt uns Edouard Louis in seinem autobiographisch gefärbten Roman „das Ende von Eddy“. Für viele ist nicht klar, warum er ein „Ende“ beschreibt. Das tut er, weil er mit seiner Kindheit und Jugend endgültig abgerechnet hat. Der Roman ist seine Abrechnung mit allem und allen. Darum hat er sich auch einen neuen Autorennamen zugelegt.

Ich habe die Geschichte von Eddy erzählt, ein Porträt des Dorfes gezeichnet, in dem er aufwächst, der Menschen, die ihn umgeben, um die Erfahrung des Dominiertwerdens greifbar zu machen.“ (1)

Das heisst also, dass er sein „persönliches“ Drama in den politischen Zusammenhang stellt. So wie es die Schwulenbewegung gemacht hat. „Im Flur fragten sie mich, wer ich sei, ob ich wirklich Bellegueule sei, über den alle reden. Sie stellten mir jene Frage, die ich mir dann selbst stellte, monate-, jahrelang, bist du der Schwule?“ (2)

Wie viele schwule Kinder fragte er sich, woher das kam, was andere „Schwuli“ nannten: „Meine Eltern nannten das „Getue“. Sie sagten: Lass doch das Getue. Sie wunderten sich. Warum benimmt Eddy sich wie eine Tussi? Sie sagten: Reg dich ab, muss das sein, dieses tuntige Gefuchtel. Sie dachten, es sei meine Entscheidung, dass ich mich so benahm, als wäre das eine Ästhetik, die ich kultivierte, um sie zu ärgern.“ (3)

Die Metapher vom „schwulen Kind“ gibt es noch gar nicht. Die Eltern stossen sich daran, weil es ihnen etwas sichtbar macht, das sie ja „gar nie vermittelt haben“! Nach der bewährten Hetero/a-Legende: So etwas gibt es in unserer Familie gar nicht.

Auch der Versuch, sich in die Mädchenkleider seiner Schwester zu stürzen, erschien ihm schliesslich zu absurd.

In der Mittelschule ausserhalb seines Dorfes war er mit neuen Leuten konfrontiert, die ihn neu taxierten. Ein Schüler liess ihn vor den Kollegen auf und ab laufen. Er sagte zu ihnen: „Passt mal auf, wie der läuft, total schwuchtelig, und er versprach ihnen, sie würden was zu lachen haben. Als ich mich weigern wollte, machte er mir klar, dass ich keine Wahl hatte und dafür büssen würde, wenn ich mich weigerte. Wenn du es nicht machst, kriegst du ein paar aufs Maul.“ (4)

Es ist erstaunlich, wie das Kind und der Jugendliche sich an der Rolle der Männer, dem Dorf und seiner Familie abarbeiten musste. Er porträtiert die Mutter, die Familie und die Menschen um ihn herum mit Geschichten aus ihrem Leben – bis ins Schlafzimmer der Eltern. Auch die sexuellen Übergriffe von heterosexuellen Jungs bekommen ihren Platz. Wir sehen, wie gewisse Sexualfantasien entstehen, sich verstärken und etablieren können.

EdLouis

Edouard Louis

Alles was man nicht hören wollte, wurde als Privat-angelegenheit ausgelegt. Mich hat es interessiert, diese Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem neu auszuloten.“

In allen Ländern, in denen der Roman bisher erschienen ist, wurden beide Themen, Klasse und Homosexualität, immer zusammen gesehen. Genau darum ging es mir ja auch, zu zeigen, wie sich beides bedingt. Schwul zu sein im Iran, in Russland, im Marais in Paris, in Berlin, oder in einem kleinen Dorf in Nordfrankreich, ist eben nicht dasselbe.“ (1)

Er versucht erfolglos zu fliehen. Er versucht auch, eine Freundin zu haben. Erst der Wegzug an eine höhere Schule und in ein Internat ermöglichen es ihm schliesslich, mit seiner Vergangenheit abzuschliessen. Und mit dem Namen Edouard Louis ist sein Leben als Edouard Bellegueule definitiv beendet.

Edouard Louis: Das Ende von Eddy, S. Fischer 2015, 205 S. ISBN 978-3-10-002277-6

Auch die französische Ausgabe ist lieferbar! Und die italienische besorgt ARCADOS auch!

1) Edouard Louis im Interview mit Friederike Schilbach

2) EL, dt. S. 13

3) EL, dt. S. 24 (hierzu sh. im Interview bei France Culture wie er – ab min 9’55 mit den Händen spricht!)

4) EL, dt. S. 32

Besprechung im „Spiegel“

SRF2 Kultur

Interview mit dlf

Epilog

Erfreulich, wie ein Junge die Worte wieder findet, die schon frühere Generationen formuliert haben! Und die „Tränen“ der Heteros darüber sind so heuchlerisch. Jedesmal müssten sie sich fragen, wer die Verantwortung dafür trägt und jedesmal wird das ausgeblendet. Auch wenn geschrieben wird: „Seine Tränen sind politisch!“ Denn niemals hatte es Konsequenzen in der Politik. Es wurden die juristischen Vergewaltigungen beseitigt, denn damit drang nichts mehr in die Medien und die Öffentlichkeit. Selbst die anale Vergewaltigung durch Heteros wird in keinen Interviews, die ich gesehen habe, thematisiert. Denn eigentlich ist ja immer der Schwule der Täter an den Heteros. Und so soll es ja auch weiterhin bleiben. Auch in der Sicht von Frauen. Denn wenn es „gebürtige Schwule“ geben würde, stimmte das Bild nicht mehr vom verführten und sexuell missbrauchten männlichen Kind! Es wäre zu revolutionär.  Peter Thommen

 Der Text als PDF

Der schwule Buchladen im Jahr 2015

Januar 5th, 2015

Schwule Buchläden entstanden in den 70er Jahren aus der Notwendigkeit heraus, die wichtigen Informationen anzubieten, die Männer (und auch Frauen) benötigten, um mit der homosexuellen Liebe selbstverantwortlich umgehen zu können.

In den letzen Jahren sind zahlreiche dieser Buchläden eingegangen. Zudem ist der Versand an Online-Händler übergegangen, denn diese verfügen über günstigere Versandtarife, die sie mit der Post oder den Billig-Transporteuren aushandeln können. Ganz zu schweigen von den Wiederverkaufsrabatten. Autorenlesungen habe ich in den 90er Jahren im SchLeZ* organisiert, aber bald wieder damit aufgehört, weil die Nachfrage zu gering und die Kosten für mich zu hoch gewesen sind.

Generell sind die Jungs heute früher sexuell aktiv. Dabei wird noch gerne „übersehen“, dass schwule Jungs auch sehr früh erkennen, dass sie „anderssexuell“ sind. Trotz allem werden sie „geschützt“ durch Gesetze, die immer restriktiver werden. Die Begründungen sind moralisch-ökonomisch-diffus. Aus politischer Erfahrung wissen wir aber, dass Sexualinformationen, „sexuelle Darstellungen“, oder Beschreibungen gerade ihnen vorenthalten werden sollen!

Schliesslich sind auch neue (Migranten-)Generationen nachgewachsen, die das Lesen längerer Texte nicht gewohnt und damit überfordert sind. Schon immer habe ich festgestellt, dass Migranten ihr Schwulsein von ihrer Herkunft trennen. Sie lesen eigentlich nichts in ihrer Muttersprache zum Thema, das sie, wie auch immer, beschäftigt. In der Familie und Verwandtschaft sind sie „normal“. Nur im „Ausland“ können sie schwul sein. Das entspricht der Entwicklung von Jungs auf dem Land oder im Internat, die erst in grösseren Ortschaften oder Städten aus sich heraus kommen können.

Die Weitervermittlung „trockenen“ Wissens ist ungewohnt und schwieriger geworden. Junge Leute diskutieren nicht mehr über Bücher, sondern über Filme, DVDs und youtube…

Es gibt bereits Kunden, die ihre „alten“ DVDs abstossen, um Platz für neue zu machen. Solche Occ. Filme kann ich jetzt auch anbieten, zu reduzierten Preisen! Bereits gibt es im Internet Clubs, in denen sich Leute zum gemeinsamen Film anschauen zusammenfinden – und vielleicht auch mehr…

Regelmässig gemeinsam Filme schauen und sich anschliessend darüber unterhalten – oder auch nicht. Das wäre für mich schon attraktiv. Wenn ich mich so um frage, gehen auch die älteren Schwulen, die man sonst nicht sieht, schwule Filme anschauen. Aber sich darüber zu unterhalten, ist schon wieder eine ganz andere Sache!

Ab dem neuen Jahr führe ich den schwulen Buchladen als mein Hobby! Also nicht mehr aus purer Notwendigkeit oder als ökonomische Grundlage. Die sind schon bei der Jahrhundertwende weggefallen. Das Angebot habe ich aber mehr und mehr eingeschränkt. Wer es nutzen will, kann das weiterhin tun!

Ich führe eine queere Hand voll aktueller Bücher, die ich vor allem aus meiner Sicht als wichtig bewerte. (Belletristik, Sach- und Fotobücher > arcados.ch > Lagertitel)

Eine wechselnde Anzahl DVDs occasion, so wie sie gerade hereinschneien, wenn Schwestern „aufräumen“! Das können schwule Filme sein, oder auch Pornos. Ich nehme sie gerne kostenlos entgegen und verkaufe sie zu einem günstigen Preis! (arcados.ch > Lagertitel)

Ich biete meine Kenntnisse an beim Recherchieren von Büchern für Selbstvertiefungs- und andere wissenschaftliche Arbeiten! Ich kann vieles beschaffen im Antiquariat!

Ich helfe gerne beim Eingrenzen von Arbeiten für ein Thema, oder kann Vorschläge machen! KeineR muss immer gleich bei „Adam und Steve“ anfangen! 😉

Peter Thommen_65

Ich biete privaten und öffentlichen Institutionen (Schulen, Ausbildung) Hintergrundinformationen und Supervision an, betreffend Männerliebe und Homosexualität weltweit und in Geschichte und Politik. (Anfragen unter thommen@arcados.ch)

* Schwulen- und Lesben Zentrum

> kompletter Text!

AIDS kommt an in Bayern – Ende 80er

September 28th, 2014

Mit einem „Massnahmenkatalog“ beantwortete Peter Gauweiler (ehemaliger bayerischer Staatssekretär) das Auftauchen der AIDS Seuche mit ebenso drastischen wie schockierenden Vorschlägen. Nicht etwa die Prävention der Krankheit steht im Vordergrund von Gauweilers Massnahmenkatalog, sondern die Ausgrenzung und letztlich die Auslöschung der „Keimträger“, sprich der Sexarbeiter_innen und Homosexuellen. Diesen Ressentiments stellt Gufler die emanzipatorischen Schlachtrufe der Münchner Schwulen- und Lesbenbewegung entgegen und zeichnet somit ein oszillierendes Bild münchnerischer und zugleich deutscher Geschichte.“ (Schwulesmuseum)

AIDS-Kranke ins Ghetto?“ titelte 1987 das Magazin „Stern“, und in München trugen Aidsaktivisten bei einer Anti-Gauweiler-Demo ein Banner mit der Aufschrift „Wer schützt uns vor dieser AIDS-Politik?“

Projektion auf die KriseGuido Vael, Urgestein der Münchner AIDS-Hilfe und der Schwulenbewegung, erzählt nicht nur lebendig von der in jenen Jahren herrschenden Ausnahmesituation, sondern analysiert auch Gauweilers perfide Taktik, mit der er die schwule Subkultur zu eliminieren gedachte.“ (Axel Schock)

Ich denke, die Menschen im Allgemeinen und natürlich auch nicht-heterosexuelle Menschen sollten wieder offener für Solidarisierung und Gemeinsamkeit, fürs Kollektive sein und mehr Verantwortung füreinander übernehmen. Wir sollten uns nicht nur in Zweierbeziehungen einmauern, sondern offen für neue Formen von Freundschaften mit anderen sein, die Elemente von wechselseitiger Verantwortung umfassen.“ (Philipp Gufler)

Einblick in die Ausstellung

Norbert Niedermayer auf queer.de

Axel Schock auf dem Aidshilfe-Blog

Interview mit Philipp Gufler auf querverlag.de

Das Buch ist bei ARCADOS erhältlich, CHF 19.80

Rechtskonservative und Linksliberale

Juni 27th, 2014

Gabriele Kuby’s „Die globale sexuelle Revolution“ Darin legt sie dar, warum sie gegen die sexuelle „Freiheit“ ist und was sie im Eigentlichen gegen die Homosexualität, die männliche natürlich, hat. Kuby ist ursprünglich evangelisch und dann zum Katholizismus übergetreten. Bei ihr kann man nachlesen, was die Rechtskonservativen missverstehen an Gender-Theorie und am „Relativismus“ in der Sexualkultur. Mir ist während des Lesens aufgefallen, dass sie „ausgewählte“ Studien zitiert und einen grossen Bogen um Thematas macht, die reale Verhältnisse in der realexistierenden Familie kritisieren.

Für die bei uns noch anstehende Diskussion mit den Rechtskonservativen und Gläubigen, wie Chaaban, Riklin und Konsorten wichtig! Da können wir uns politisch vorbereiten!

Ulrike Heiders „Vögeln ist schön“: Die Sexualrevolte von 1968 und was von ihr bleibt. Heider schaut zurück in die Anfänge des Aufstands gegen die Moral der Kriegs- und Nachkriegszeit, die Rolle des Konsumismus und die Bedeutung der Frauen in der industrialisierten Gesellschaft. Schön zeichnet sie nach, wie die Zensur langsam fiel und mehr Fleisch gezeigt werden konnte. Sie schildert ihre Mütter- und Vätergeneration und wie sie sich daraus befreien konnte. Sie erinnert sich an die Auseinandersetzungen mit der Linken, den Frauenbewegungen, der Feministinnen und der Schwulenbewegung. Sie liefert das Material, das gegen Cohn-Bendit und die Grünen verwendet wurde und setzt es in den historisch-kulturellen Zusammenhang, wie es sich gehört!

Sie erinnert uns aus gutem Grund an die Zusammenhänge von Wirtschaft und Sexualität, sowie den Unterschied von Marktfreiheit und sozialem Freiraum. Sie bringt uns auch die ehemals prägenden und wichtigen Bücher, die diskutiert wurden, nahe, indem sie dieselben wiedergelesen hat und kurz zusammenfasst. Auch Alice Schwarzer und ihre letztlich zwiespältige Rolle wird von ihr eingeordnet.

Sie spannt den Bogen von den Frühsozialisten und Sexualreformerinnen bis zur aktuellen SM-Diskussion und zu Judith Butler und macht sichtbar, wie hin und hergetrieben unsere Sexualkultur sich entwickelt (hat)!

Das Buch ist stark BRD-orientiert und die Einblicke in den SDS, in die Kommunen und WGs und die deutsche Politik könnten die Geduld strapazieren. Auf jeden Fall ist ihre respektable Arbeit ein Informationsgewinn. Mit dieser Frau möchte ich mal diskutieren können!

(Bei ARCADOS am Lager!)

Hier das detaillierte Verzeichnis von Kuby’s Buch

Barbara Eder: Die Linke und der Sex, Promedia 2012 – hier ein Interview mit der Autorin, in welchem sie die Vorstellungen von Linken und Rechten vergleicht.

Hier eine andere christlich-konservative Stimme:  Christl R. Vonholdt: HS verstehen (sic!)

Tischler, schwul, 14

esoterisch oder so! 🙂

der schwule Roman als „Ware“

Juni 21st, 2014

Nachdem die Stimmen von Schwulen erst in politischen Diskussionen aufgetreten sind, wurde nach Literatur von und über Schwule geforscht. Dabei gab es bekannte und verschollene Texte aus allen Zeiten neu zu entdecken. In der jungen Basler Literaturzeitschrift „drehpunkt“ bin ich 1977 von Christian Fink als schwuler Buchhändler interviewt worden. Hansruedi Fritschi schrieb im hey Nr. 4 und 5/1982 über „Schweizer Literatur und Homosexualität“. 1995 fand in Bern eine Tischdiskussion darüber statt, ob es „schwule Literatur“ überhaupt gebe!

2012 publizierte Joachim Bartholomae bei Männerschwarm ein schmales Bändchen: Wie der Keim einer Südfrucht im Norden (Kleist, Kafka und andere Aussenseiter der Literatur).

In den 80er und 90er Jahren erschien wichtige schwule Literatur bei etablierten und bei grossen Verlagen. Daneben profilierten sich eine handvoll schwuler Verlage. Der grösste ist Bruno Gmünder, der auch wichtige ältere Bücher in Neuauflage herausbringt. Zusätzlich erscheinen Texte in „Selbstverlagen“, die leider meistens keine Bearbeitung durch ein Lektorat bekommen.

Heute können sich viele Gays ihre Lektüre direkt übers Internet herunterladen und auch gleich bezahlen – dabei spielt natürlich die „Diskretion“ eine Hauptrolle. Die „Emanzipation“ von – im weitesten Sinne – homosexuellen Bedürfnissen findet seit längerer Zeit über die Marktplattformen im Internet statt. Seit die Homosexuellen eine ziemlich klare Zielgruppe des Marktes geworden sind, erfahren sie eine den Frauen ähnliche „Umwerbung“. So wie es in allen Städten an jeder Ecke einen Shop für Frauen hat, gibt es im Internet überall Angebote für Gays. So können auch diese immer wieder ihre Minderwertigkeitsgefühle „aufpolieren“ und an besonders „interessanten“ Angeboten ihre diskrete subjektive Emanzipation erleben.

Es sollte ihnen aber – wie den Frauen auch – zu denken geben, dass antihomosexuelle Reaktionen erfolgen, wenn den Hetero/as die Sichtbarkeit „zu viel“ wird. Denn Männer reagieren auf das Getratsche und die Exaltierheit von Frauen nur solange, bis sie ihr Sexualziel erreicht haben. Nachher ist es ihnen einfach nur lästig. Als Konsument“innen“ sind Frauen und Homosexuelle interessant für den Markt, aber als selbstbewusste IndividualistINNen sind sie in der Gesellschaft unerwünscht.

Seit Generationen von jungen Männern (auch Migranten) heranwachsen, die nicht mehr lesen, oder die ihre homosexuellen Bedürfnisse „diskretestens“ übers Internet anbringen, haben die etablierten Verlage auch ihre „schwulen Titel“ drastisch reduziert. Gleichzeitig wurde von Anderen ein vielfältiges Angebot für diese im Internet aufgebaut, das rasch angeboten und ökonomisch abgeschöpft werden kann. Dabei geht es vor allem um Gesundheitspillen und -wässerchen, Unterhaltung, Bilder und Illusionen und weniger um gezielte pornographische Angebote.

Nicht zu vergessen ist dabei das spezielle Erlebnis als Form von phantastischem Roman, das sich in Klemmschwesterns Köpfen von alleine „zusammensetzt“. Der schwule Roman geht nicht nur in die virtuelle Form über. Er bildet sich in jedem Kopf und mit jedem Erlebnis individuell und neu in allen Vorstellungen der Phantasierenden. Denn mit jedem Kauf und jedem Erlebnis erhofft sich der Konsument ganz bestimmte Erlebnisse und Wunscherfüllungen, mit denen er SEINE homosexuellen Bedürfnisse befriedigen kann. Der Individualist ist Konsumist und sein eigener Romanschreiber…

Liselotte Brodbeck hat 1974 über den „Roman als Ware“* für die Frauen geschrieben. Sie bezog sich dabei auf Fortsetzungshefte wie „Jerry Cotton“, Arztromane und Königstöchter, etc. Dabei stiess sie auf unglaublich einfache oder vereinfachte Vorstellungen von Frauen über das Leben, die Familie und eine „Karriere“ an der Seite erfolgreicher Männer.

Brodbeck, Roman

Etwa so ähnlich ergeht es den homosexuellen Jungs heute! Vereinfachte Vorstellungen über Gesundheit, Karriere und ökonomischen Erfolg finden wir in den aktuellen Gay-Magazinen angeboten. Der Erfolg der Schwulenbewegung war auf rechtliche Gleichstellung ausgerichtet, der Erfolg von Junghomos wird auf kulturelle und ökonomische Gleichstellung mit erfolgreichen Heterosexuellen ausgerichtet. Dabei geht die Arbeit mit und in der Gesellschaft verloren.

Brodbeck schrieb 1974: „Dem Gegenstand der vorliegenden Untersuchung nach sind kapitalistische Produktionsbedingungen nicht Folge, sondern Voraussetzung“… – und so meine ich: … für eine erfolgreiche Emanzipation. Die ökonomischen Verhältnisse bestimmen das Wohlergehen von Homosexualität und von Schwulen.

Durch Vielfalt und endlose Variationen erscheint das grundsätzlich „immergleiche“ Angebot als das „Immerneue“ und wird so im Bewusstsein der Leser zum unabänderlichen persönlichen „Schicksal“ – frei nach Brodbeck abgewandelt!

Die stete Veränderung von Gesellschaft und Lebensweisen wird aus den Augen verloren und das Nachäffen traditionell-heterosexuellen Verhaltens und heterosexueller Vorstellungen wird als oberste Bedingung für den Erhalt der eigenen Wertschätzung übernommen. Das sind ganz andere Erziehungsmechanismen als sie die Schwulenbewegung noch im gemeinsamen physischen Sein angestrebt hatte.

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

* Brodbeck, Liselotte: Roman als Ware, edition etcetera Basel, 1974, 70 Seiten (nur antiquarisch)

P.S. „Im Mittelpunkt der Werbung steht die Metapher, dass die Beziehungen zwischen Menschen und Individuen durch Dinge vermittelt werden.“ (Eva Illouz: Der Konsum der Romantik, Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus, Campus 2003, S. 73)

Vor 40 Jahren begann ich in Basel mit dem ARKADOS Versand

März 26th, 2014

Auf Schnapsmatrizen umgedruckt wurden die ersten Verzeichnisse, die ich ab einer Postfachadresse verschickt habe. Ich arbeitete in jener Zeit im Bestellbüro meiner vorherigen Lehr-Buchhandlung und hatte angefangen, in Deutschland „einschlägige“ Magazine zu bestellen. Es gab du&ich, DON und him. Diese bestellte ich an meine Privatadresse und versendete sie an interessierte Kunden. Selbstverständlich diskret in Zeitschriftenumschlägen. Das muss so im Juli 1974 begonnen haben. Später kam noch das Schweizer Heft „hey“ dazu.

Abends kam ich nach hause und leerte erstmal das Postfach, um dann einige Treppen in einem Altbau hochzusteigen, wo ich meine erste Wohnung gemietet hatte. Im Schlafraum stand ein weisser Schaft und ein weisser kleiner Tisch, den ich mir später gekauft habe. Das war mein Büro.

In diesen deutschen Schwulenmagazinen standen auch Hinweise auf Bücher zum Thema, die ich mir bestellte und weiterverkaufte. So viele gab es damals noch nicht – und die wenigen anderen kannte ich einfach noch nicht!

Meine Kundenadressen suchte ich anfangs mittels kleinen Rubrikinseraten in der TAT, dem Brückenbauer und der Zürcher Studentenzeitung zusammen. Dann in linken Magazinen. Die Coopzeitung verweigerte die Publikation.

Informationen über homosexuelle Thematik: Bücher, Beratungsstellen, Elternkontakte, Schriften, Infos, Freundschaftsanzeigen. Arcados-Verlag, Postfach, Basel. (gegen 40 Rp in Briefmarken)“

Laud Humphreys „Klappen-Sexualität“, das ursprünglich 1970 in Chicago erschienen war, bildete das einzige wissenschaftliche Fenster in homosexuelles Verhalten in öffentlich zugänglichen Räumen, es erschien 1974 bei F. Enke. Der Autor bewegte sich über längere Zeit auf öffentlichen Toiletten und beobachtete das Verhalten von Männern. Schon hier war klar, dass es mehr Sex zwischen Männern gibt auf der Welt, als solchen mit, oder unter Schwulen! Ein Klassiker, ebenso wie Guy Hocquenghems „Das homosexuelle Verlangen“, das 1972 in Paris erschienen ist. Es erläutert die Begriffe der Homo- und Heterosexualität, die Ideologie, die sie geschaffen hat und warum die Gesellschaft das aufrecht erhalten will.

Das „Kritische Lexikon Homosexualität“ war ein von Laien zusammengestelltes und billig gedrucktes Büchlein aus Deutschland. Siebzig Stichwörter über alles, was das Schwulsein betrifft.

Ergebnisse zur Sexualmedizin“ war 1973 erschienen, als Publikation junger Mediziner in Köln, die sich über fehlende Studien auf diesem Gebiet beklagten. Entweder wurde damals den Frauen jegliche Orgasmusfähigkeit abgesprochen, oder sie wurden „ersatzweise“ auf die Kinderaufzucht verwiesen. Lust hatte der Mann „zu erbringen“, Frauen durften „empfangen“. Auch über sexuelle „Abweichungen“ gab es wenig Informationen. (Angebot Juli 1974)

Im Herbst des gleichen Jahres erschien „Der gewöhnliche Homosexuelle“, DRgewHSeine soziologische Studie von Martin Dannecker und Reimut Reiche im Fischer Verlag. Für viele Jahre war das der Klassiker der Sozialforschung zum Thema Homosexualität im deutschsprachigen Raum. Vergleichbar mit Kinsey’s Befragungen aus den 40ern.

Hans Giese hatte Ende der 50er Jahre aus Daten, die er anonym unter homosexuellen Kreisen, sowie in seiner Sprechstunde erhoben hatte, „Der homosexuelle Mann in der Welt“ 1957 bei Kindler publiziert. Aus der Schweiz war Theodor Bovets „Probleme der Homophilie“ bereits 1965 bei Haupt, Bern erschienen. Darin enthalten ist die erste neuzeitliche theologische Interpretation antihomosexueller Bibelstellen durch Else Kähler (1917-2011), eine strafrechtliche Würdigung von Günther Stratenwerth, sowie die Betrachtungen der Zürcher Sittenpolizei, von Hans Witschi.

Sehr vieles in der damaligen Zeit wurde entweder theologisch, philosophisch, oder medizinisch umrahmt. Eine „Sexual“-Wissenschaft war erst am Entstehen! (für Interessenten gibt es hier einen Katalog erster Sachbücher (1978) in deutscher Sprache zur Homosexualität)

(wird fortgesetzt!)

35 Jahre ARCADOS gaybuchladen, Interview in Männer Mai 2012

35 Jahre ARCADOS gaybuchladen, Interview in Männer Mai 2012

Was ist der Buchladen heute?

Der älteste schwule Buchladen der Welt hat 2009 geschlossen

Der zweitälteste schwule Buchladen der Welt schloss 2014

coming out ist lebenslang!

Oktober 8th, 2013

Der „coming out day“ wurde 1988 in den USA ins Leben gerufen, um jährlich daran zu erinnern, dass es irgendwann eine Linie im Leben eines Mannes gibt, die ihn zu einer Selbsterkenntnis und zur Wahrnehmung durch Andere führt.

Für die heterosexuelle Kultur ist das etwas ganz Selbstverständliches! Unter Jungs die erste Ejakulation, in der Schule der erste Schulschatz, der „mit einem geht“. Später der erste Kuss und der erste Koitus! Alle freuen sich darüber und Eltern warten meistens auf diese „ersten Male“. Auch nicht mehr solange bis zur Verlobung oder Heirat…

So hat jedeR Hetero/a einen natürlichen Verlauf von coming out als Person, als Sexualpartner und Bezugsperson. Und selbstverständlich sind sie stolz darauf, wollen die Freude der ganzen Welt erzählen! Dazu gibt es triviale und literarische Vorlagen, Filme, und Musik, oder heute das fb, das Iphone und die verschiedensten Apps…

Eigentlich könnten sich ja alle auf denselben Plattformen bewegen. Aber das würde nur „stören“! Da schleichen sich die viertel-, die halb- und die „ganzseidenen“ Heteros lieber in die schwulen Plattformen hinein.

So ist es Tradition, dass die Schwulen ganz eigene Kontaktebenen entwickelt haben. ARCADOS war der erste schwule Buchladen im deutschsprachigen Raum (1977). Wenigstens der erste, der als solcher auch so offen auftrat, mit einer handvoll deutschsprachiger Bücher.

In den 70er Jahren gab es nur furchtbar verkopfte Bücher, vor allem linker Provenienz. (Homosexualität als „Nebenwiderspruch“!) 😛

schwnu81

In den 80ern kamen dann die „unkomplizierten“ Taschenbücher – sogar in allgemeinen Verlagen wie Rowohlt! Unvergessen „schwul na und?“ von Thomas Grossmann (1981) Sie kamen im outfit jener Zeit daher und vermittelten Luft. Besonders in Erinnerung eine Zeichnung: Ein Vater am Bett einer Domina, mit Hundehalsband: „Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass mein Sohn ein perverser ist? Stell dir vor er ist schwul!“

Ein Jahr später: Männer. LiebeEin Handbuch für Schwule und alle, die es werden wollen.“ von Matthias Frings und Elmar Kraushaar (1982) Sie gaben Einblick in die Szene, die Ikonen und das Privatleben. Sogar die Schwulenbewegung kriegt ihr Kapitel darin. Ein wunderbares Zeitbild.

Dann kam 1984 eine Handreichung für Eltern, wiederum von Thomas Grossmann. Doch ihr Einbezug war schwierig, wegen der Familiensituation.

Schliesslich „Beziehungsweise andersrum schwul – und dann?“ nochmals von Grossmann. In allen diesen Büchern fand eine Auseinandersetzung mit sich und Anderen statt. Der Leser bekam eine vielfältige Sicht auf Biographien und Lebensläufe. Schwulsein öffnete sozusagen die bürgerliche Sicht auf das Leben in seiner schwulen Vielfalt. Doch davon ist heute nicht mehr viel übrig geblieben.

Eigentlich geht es den Schwulen wie den Kindern! Sie erhalten Sexualinformationen, die eigentlich ihrer Lebensweise schon vorgefertigte heterosexuelle Erfahrungen und Empfehlungen vorgesetzt bekommen. Schwulen Sex macht man, mit dem Ziel den Mr. Right gleich fürs Leben zu finden. Dazu braucht es – wie bei den Frauen – viel Kosmetik, sowie Sport, Fitness, Parties und Ferienreisen…

Eine Meditation oder Auseinandersetzung ist nicht mehr nötig. Es kommt auf die Accessoires und die Fetische an. Zudem steht uns das Kamasutra mit allen möglichen Sexualpraktiken zur Verfügung, so dass es uns eigentlich bis 80 nicht langweilig werden kann! Hä?

Schwule sind inzwischen nur noch eine Gruppe unter vielen Sexualorientierungen, wie Asexuelle, Transsexuelle und andere. Wir sind zu einer Minderheit in den Minderheiten geworden. Der Buchladen als Treffpunkt hat sich längst überlebt. Schon ARCADOS wurde übrigens mit dem Vorwurf eines „Pädophilentreffpunktes“ – noch im letzten Jahrhundert – angegriffen. Redet keineR mehr davon heute… So schlimm kann es also nicht gewesen sein! 😉

Es gibt aktuell auch keine Bücher mehr für Jungs, die wissen wollen, was auf sie wartet. Das suchen sie sich im Internet zusammen. Oder stellen ihre Sexualität selbst darin dar. Aber das ist den Heter/as ein Dorn im Auge. Mittels Kriminalisierung von „Kinderpornografie“ (bald bis 18) versucht Frau, dies wieder in den Griff zu bekommen. Meistens fehlt auch die Angabe, was denn genau darunter verstanden werden muss. Kann jedeR die schlimmsten Sachen damit meinen – eine inhaltliche Auseinandersetzung darüber ist obsolet.

Die aktuellen Sexualinformationen werden von den Aidshilfen produziert und verteilt und diese wiederum nehmen Rücksicht auf die Kontrolle aus der Politik. Kein wagemutiger grösserer Verlag mehr und schon keiner, der an schwulen Käufern interessiert ist. Die meisten Kinder- und Jugendbücher zum Thema werden von Frauen geschrieben und sind so ziemlich „asexuell“.

Das relativ neue „Milchbüechli“ (aus Baden) nimmt sich – auch mit Unterstützung staatlicher Stellen – der Sexualinformation – jetzt verschiedenster – Minderheitengruppen an. Aber wenn es um Analverkehr geht, dann sollte schon klar werden, dass es bei Frauen und Männern nicht das gleiche Gefühl und die Wirkung sind. In der aktuellen Nummer fünf gibt es Rat: „In Pornos habe ich gesehen, dass mit Urin Sexspiele gemacht werden, ist das normal?“(J. -17 J.)

Die sehr „weibliche“ Antwort darauf ist: „Um herauszufinden, was dir gefällt, probierst du es am besten aus. Herumexperimentieren macht Spass…“ Klar, dann sind die Leute beschäftigt. Und es muss sich für die Beteiligten „gut anfühlen“. (S. 15)

Jeder Fetisch ist dann „normal“, wenn er auch von allen verstanden wird – und nicht nur Spass macht. Wir halten es allgemein auch mit „der Homosexualität“ so! Anstelle der Fachausdrücke ist der Zusammenhang wichtig. Letztlich ist heute „alles normal“, nur verstehen tut es keineR… (Das erwarte ich schon von StudentINNen und Linken!)

Ganz zu schweigen von der politischen Dimension. Pornokonsum wird bald erst ab 18 Jahren erlaubt sein und vorläufig sind Darstellungen wie „Watersports“ und „das was ins Klo gehört“ ebenso schwer strafbar wie die allseits verfolgte Kinderpornografie. Und Unwissen schützt vor Strafe nicht… (Aber das ist wohl wieder so ein „Nebenwiderspruch“.)

Ein „coming out“ ist also auf allen Ebenen und zu allen Zeiten wichtig. Daher sollten wir aufhören, einen „Spezialtag für jugendliche Schwule“ zu zelebrieren, denn heraus kommen wir in allen Lebensaltern. Ausserdem würde die – zwar politisch korrekte – Trennung zwischen jungen und erwachsenen und älteren Schwulen aufgehoben und die Angst aller voreinander würde gebannt.  (Die öffentliche Vorstellung von den Jungs „und ihren Verführern„!)  Es ist durchsichtig, wieso keineR daran politisch interessiert ist! Aber genauso wie zwischen Hetero- und Homosexualität muss die trennende Ordnung sein, wo kämen wir denn da sonst hin?

Meine Generation hat auf den Forschungen der Heteros aufbauen müssen. Wir waren ihren „Erkenntnissen“ sozusagen ausgeliefert. Inzwischen haben Schwule und Lesben eigene Forschungen und Erkenntnisse zusammengetragen – sie müssten nur noch aufbereitet und in geeigneter Form angeboten werden. Damit nicht jede Generation wieder bei Null anfangen muss!

Ausserdem gibt es heute eine „homosexuelle Sichtweise“ des Ganzen, die ebenso wichtig ist, wie die „weibliche“ Sichtweise zur männlichen.

Dazu braucht es auch reale Kontakte und Vertriebswege, wie zB schwule Buchläden. Denn offenbar interessieren sich Hetero/as nicht so sehr dafür. Da können wir noch so „heterofriendly“ oder „heterolike“ tun, wie wir wollen. Zum Schluss die schon früher gestellte Frage: „Wieso müssen eigentlich immer die Homosexuellen ihr coming out machen? Eigentlich wären es uns die Hetero/as schuldig, ihre Toleranz – jeden Tag – wie selbstverständlich zu „beweisen“. Vor allem und zuerst die Eltern, denn die sind eigentlich an allem „schwuld“! 😛

Peter Thommen-63, Buchhändler, Basel

 

Der Heterror im Umgang mit Homosexualität besteht darin, homosexuelle Jungs nur halb ernst zu nehmen und sie vor erwachsenen Verführern zu bewahren, sowie die erwachsenen Schwulen von ihnen fernzuhalten mit Drohungen von „Pädophilie“!
Damit lernen wir, den heterosexuellen Missbrauch in der Jugend zu vergessen und uns damit abzufinden, dass wir „nicht alt werden können“!!
Es fehlt uns die Verbindung der Generationen, die für Heterosexuelle selbstverständlich und wichtig ist.  
Daraus werden alle Manöver wie Adoptionsverbot und „Schutz vor Ausbeutung“ bis 18 Jahre verständlich. Aus diesem Grund hat die Schwulenbewegung auch das frühere Schutzalter von 20 auf der Strasse bekämpft! Es hat gerade mal 20 Jahre gehalten…

Biologie & Homosexualität

Juli 21st, 2013

Der Titel eines schmalen Bändchens das von Heinz-Jürgen Voss, einem Biologen und Geschlechterforscher im unrast-verlag im Februar dieses Jahres publiziert wurde.

Gedacht für die Diskussion über „Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext“. Ob der Text allerdings die Diskussionen in den Medien und unter Schwulen erreichen wird, bleibt offen. Der „Gesch-lechterdschungel“, der sich in den letzten Jahren eröffnet hat, wird nur noch von wenigen wirklich überblickt!

In der aktuellen Diskussion um die „Homo-Ehe“ ist der Streit um Natur und Natürlichkeit von Männersexualität* erneut heftig entbrannt. Soll jetzt die Homo-Ehe endlich das beweisen und „besetzen“, was die „Normalen“ heftigst für sich alleine verteidigen?

Vorab sei angemerkt, dass erfolgreiche Fortpflanzung weder ihre Natürlichkeit, noch die Unnatürlichkeit alles Anderen zu beweisen imstande ist. Ich glaube es war Dominique Fernandez, der darauf hingewiesen hat, dass Freud ein Zeitgenosse der aufkommenden kapital-intensiven (-istischen) Produktions-weise gewesen war. Voss weist selbst darauf hin, dass in der christlichen Glaubenslehre das menschliche Sexualverhalten völlig auf die „Produktion“ reduziert worden ist, egal ob das nun Lust bereitete, oder mühsame Pflicht war.

Bei Magnus Hirschfeld habe ich den historischen Verlauf der religiösen Verfolgung von Sexualität zwischen Männern nachlesen können. Aber irgendwann hatten die Kirchen die Macht darüber verloren und die Unterdrückung setzte sich im „irdischen“ Bereich fort!

Sexualhistorisch wurden die Bezeichnungen für Abweichendes vor dem Begriff der Normalität „erfunden“. Es gab also ursprünglich nur ein „Sammelsurium“ von Vorstellungen über die Fortpflanzung, woraus die Bezeichnungen für die Beteiligten abgeleitet worden sind.

Jedenfalls waren die sexuellen Betätigungen zwischen Männern lange vorher „da“ – also bevor Begriffe und Bezeichnungen dafür gesucht und dann ange-wendet wurden!

Michel Foucault hatte ein Konzept der „Bio-Politiken“ in seinen Büchern über „Sexualität und Wahrheit“  und „Überwachen und Strafen“ (dt. 1977 und 1983) entwickelt.

„Dieser Beitrag setzt hier an. Er fokussiert Fragen um die „Natürlichkeit“, die „biologische Bedingtheit“ gleichgeschlechtlichen Begehrens und Handelns, behält dabei aber auch die gesellschaftlichen Entwicklungen im Blick. Damit wird nachvollziehbar, wie sich in der bürgerlichen Gesellschaft die Idee durchsetzen konnte, Sexuelles mit physischen und physiologischen Merkmalen theoretisch zu verbinden, Abweichungen von einer Norm zu konstruieren und tilgen zu wollen. Praktische Möglichkeiten zur Auslöschung von Abweichungen wurden zunächst theoretisch erarbeitet und ihre Anwendung ausführlich diskutiert; schliesslich wurden sie – äusserst qualvoll für die betroffenen Menschen – umgesetzt.“ (Voss, Einleitung, S. 5) (1)

Wesentlich in der historischen Diskussion (siehe auch bei Hirschfeld: Die religiöse Verfolgung…) ist der Begriff der „Sodomie“. Hierunter konnte alles verstanden werden, von Ketzerei gegen den Glauben, Politisches, Analverkehr mit Männern und Frauen, bis zum Sex mit Tieren, die als einzige Tat in der deutschen Sprache noch unter diesem Begriff übrig geblieben ist! (im Französischen: sodomiser = Analverkehr) Die Biologie hatte sich also längst „brauchen lassen“, bevor der Begriff „Homosexualität“ überhaupt in der Neuzeit formuliert worden ist.

„Geistesgeschichtlich wird die Renaissance (ab dem 15. Jh.) als Ausgangspunkt der europäischen Moderne gesehen. In dieser Zeit sind auch die Anfänge der modernen Kolonialismus und des Rassismus zu verorten. Ökonomisch gilt die Moderne ab der Industrialisierung seit Mitte des 18. Jh. und der damit verbundenen dominanten Verbreitung kapitalistischer Produktionsverhältnisse als durchgesetzt. Politisch setzte sich die Moderne – die Herrschaft der Bürgerlichen in der Gesellschaft – Ende des 18. Jh. mit der französischen Revolution und schliesslich mit der Herausbildung von Natio-nalstaaten im 19. Jh. durch.“ (Voss, S. 7)

„Diese Eckdaten im Blick zu haben ist bedeutsam, da die Konstituierung des „Homosexuellen“, die schliesslich insbesondere über einen biologischen und medizinischen Diskurs erfolgte, nicht von den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ablösbar ist.“ (Voss, S. 7)

Ursprünglich wurden „Handlungen“ von Individuen – also unter Männern – verboten! Noch genauer, von Männern, die aus den Vorstellungen der Gesellschaft und ihren „Nominierten“ heraus-„gefallen“ waren und erst mit Strafe und Unterweisung „korrektioniert“ werden mussten. Grob gesagt geht es in der Bibel niemals um „Homosexuelle“ – und historisch sehr lange darum, dass quasi Normale einzelne Handlungen begangen hatten, von denen sie dauerhaft abzubringen waren. (2)

„Die wirtschaftlichen Veränderungen bildeten die Grundlage für die Herausbildung erster Ansätze von „Subkulturen“ gleichgeschlechtlich Begehrender, die Verfolgungswellen gegenüber den Sodomiten bildeten einen weiteren und massiv identitätsstiftenden Hintergrund.“ (Voss, S. 8)

Hier wird es enorm wichtig, darauf hin zu weisen, dass sich allmählich die Handlung Schritt für Schritt auf den Handelnden als Identität übertrug! Subkulturen wie die geschlechtsgetrennten Pissoirs, oder der Park, oder die nach Geschlechtern getrennten Schlafräume (seit vorgeschichtlichen Zeiten!) bildeten einen Raum, in welchem auch Männer bewegten und gleichgeschlechtlich aktiv waren, deren Identität nicht eine „sodomitische“ oder „homosexuelle“ war, oder gar eine daraus wurde!

Geschätzte dreissig Prozent der User auf einer schwulen Plattform im Internet definieren sich selbst nicht als „gay“. Und trotzdem wird die Plattform als „schwule Plattform“ definiert. Nicht nur das „Beichtgeheimnis“ und das intensive Sprechen über Handlungen formten eine Identität. Auch ein Schweigen kann Identität stiften, oder eine solche gerade verhindern. Damit bleibt dann ein Mann ein „Mann“ – obwohl er sich auch „unmännlich“ betätigt…

Vor allem in Bezug auf „Biologie und Homosexualität“ sollte klar(er) werden, dass es dabei immer um „alle“ Männer geht, nicht nur um die „spezifizierten“. Schliesslich haben alle Männer eine Prostata und nicht nur „die Homosexuellen“!

Während also im Bereich des Kirchenrechts und bis zur Moderne keine „handlungsadäquate“ Identität existierte, „änderte sich das mit der Moderne, eng verknüpft mit der Entwicklung kapitalistischer gesellschaftlicher Verhältnisse und moderner Staatlichkeit…“ (Voss, S. 10.)

Ich kann mich erinnern, im Strafgesetzbuch des Kantons Basel-Stadt (also vor 1942) gelesen zu haben, dass die gelegentliche Prostitution als „Abhalten von Schule und Arbeit“ mit einer Busse bestraft worden ist – egal welches Geschlecht die Person hatte.

„Im Lauf des 19. Jh. änderten sich auch die Strafsysteme und man ging von Körperstrafen ab – und auch das ist relevant für die Etablierung klarer Identitäten und die zunehmende Bedeutung der Medizin hierbei.“ (Voss, S. 11)

„Die Medizin wurde bezüglich Homosexualität zur klassifizierenden und entscheidenden Instanz. Einer der Ersten, die sich dazu auf den (natur-) wissenschaftlichen Stand der Zeit beriefen und diesen weiter entwickelten, war Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895).“ (Voss, S. 11) (3)

Während in der Zeit nach Ulrichs die allgemeinen medizinischen, biologischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse und Forschungen immer breiter werden, engt sich der Blick von Voss auf die Homosexualität als solche ein.

Nach den Hinweisen auf die Kolonialpolitiken und den sich entwickelnden Rassismus, weist er nun auf die Eugenik und die Sichtweise der sogenannten „Degenerationserscheinungen“ hin. Voss stellt die Theorien chronologisch vor. Erst die konstitutionelle Bisexualität, dann die Rolle des Keimdrüsengewebes (Hoden und Eierstöcke) und seine Absonderungen bis zu den Hormonen. Auch die operationellen und medizinischen Versuche auf diesem Gebiet werden aufgeführt!

Als verhängnisvoll erweist sich historisch der Drang nach Beschreibung von Personen, von denen mann-männliche sexuelle Aktionen bekannt geworden sind. Was ich hier bereits „Sexismus“ nennen muss, entspricht völlig den Entwicklungslinien von Rassismus und „Verbrechensforschung“ (Physiognomik, nach Lavater und Huter). Mann glaubte an äussere „Erken-nungszeichen“ und begann äussere Handlungen mit inneren „Orientierungen“ gleich zu setzen.

Später ortete die „Wissenschaft“ die sexuelle Orientierung in Hormonen und im Gehirn. Günter Dörner hatte in der DDR mit seinen endokrinologischen Expe-rimenten umstrittene Ergebnisse publiziert.

Bei der Entwicklung der Genforschung stellte sich erneut die Frage nach der Vererbung und Natürlichkeit „sexueller Handlungen“. Voss lässt sich auf die evolutionsbiologische Diskussion ein: „ … dabei werden dann ausgewählt nur diejenigen Ergebnisse der Zwillingsstudien und der Genetik präsentiert, die die These der Erblichkeit zumindest teilweise stützen. Die Studienergebnisse, die der These widersprechen, werden in der Regel gar nicht angeführt.“ (Voss, S. 62)

Emanzipatorisches Streiten: „Deutlich wird auf jeden Fall, dass die Selbstermächtigung der Lesben und Schwulen bei Bezug auf biologisch-medizinische Wissenschaften beschränkt ist… Ob die in zahlreichen Ländern zu beobachtenden neueren gesellschaftlichen Entwicklungen, die eine stärkere soziale Anerkennung von Homosexualität versprechen, zu grundlegenden Änderungen führen, bleibt abzuwarten.“ (Voss, S. 67)

Heinz-Jürgen Voss fügt am Schluss noch eine zusammenfassende Darstellung der zentralen Studien zur Biologie männlicher und weiblicher Homosexualität an, sowie eine Liste der zitierten und der von ihm empfohlenen Literatur.

Ich denke, dass die Einschätzung „homosexueller Handlungen“ von „nicht homosexuellen Männern“ noch ein wichtiger Schritt sein wird, der die Diskussion um „Natürlichkeit“ beruhigen könnte. Denn schliesslich dreht sich die Forschung auch nicht nur um die „Minderheit der notorischen“ Heterosexuellen! Inzwischen werden die Männer weiterhin denken, dass es viele Möglichkeiten der sexuellen Entspannung gibt – auch mit anderen Männern! 🙂

Peter Thommen_63

 

Heinz Jürgen Voss: Biologie & Homosexualität. Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext, unrast Verlag 2013, 88 S.  ca. CHF 9.80

 

(1) Siehe auch meinen Text über Braunschweig: Das Dritte Geschlecht, PDF, S. 8!

(2) Puff, Helmut: „Und solt man alle die so das tuend verbrennen, es bliben nicht funffzig mannen in Basel… (Forum HS+Literatur, Nr. 10, S. 83-92)

(3) Für die Schweiz sei auf Heinrich Hössli (1784-1864) hingewiesen!

*Die Diskussion im Frauenbereich muss redlicherweise von diesen geführt werden!

 

P.S. Über die „Medizinialisierung“ homosexueller Handlungen in der Schweiz muss ich auf die Publikation „Männergeschichten“ (Buchverlag der Basler Zeitung, 1988) verweisen:

Rolf Trechsel: Die Medizinalisierung der Homosexualität, S. 204-206

Sigi Friedli: Psychiatrie und Homosexualität, der Fall Ernst Rüdin (Friedmatt, Basel), S. 207-212)

Rolf Trechsel: Die Kastration Schwuler in der Schweiz, S. 213-25

Ein im Wesentlichen noch unaufgearbeitetes Kapitel!

Nordafrikanisches Liebesleben im Wandel

Mai 27th, 2013

Shereen el Feki hat ein aktuelles Buch mit sehr viel historischen, ethnologischen und sexuellen Informationen geschrieben, das ich mit Spannung gelesen habe.

Die Sexualkultur unter Moslems ist darin sehr anschaulich beschrieben, sowie die Doppelmoral, die sich aus Religion und Wirklichkeit ergibt. Neben der Situation von Frauen beschreibt sie auch die desolate Wirklichkeit von Männern. Unter der heute gültigen Kultur leiden beide Geschlechter, weil sie eine Ideologie für Gläubige (mönchisch) und keine mit Bezug auf Alltagserfahrungen mehr ist. Aberglaube, Unwissen und „vorauseilender Gehorsam“ sind wichtig! (Also Handlungen, die etwas Positives durch „Gehorsam“ in Aussicht stellen. Ein typisches Familienritual, wie ich meine!)

Obwohl der Islam und sein Prophet ihren Gläubigen sexuelle Freuden gönnt, lassen die sich aber nicht so einfach umsetzen und geniessen! Daher wogt ein stetiger Streit mit sogenannten religiösen Autoritäten, die angeblich wissen wollen, was „halal“ (gottgefällig) und was „haram“ (sündhaft) sei…

Mich interessieren solche Kulturschilderungen, weil sie das Grab unserer eigenen Vergangenheit öffnen und Erinnerungs- und Rekonstruktionshilfen für unsere Kultur sind, von denen die meisten nichts mehr wissen…

Bis heute sind die Bedürfnisse von Frauen und Männern sehr verschieden und müssen erst „koordiniert“ und eingeübt werden. Von „natürlicher Ergänzung“ kann keine Rede sein – abgesehen von der Penetration zur Fortpflanzung. Heterosexualität ist ein Konstrukt. Im Zusammenleben wie im Sexualleben. Rituale haben das menschliche Gespräch historisch zunehmend ersetzt.

Als Schwuler erkenne ich in den Schilderungen Fekis auch die verschütteten homosexuellen/homosozialen Elemente aller Männer wieder, an denen sie von Müttern, Gesellschaft, Freundinnen und Ehefrauen vorbeigemogelt werden.

Mir fällt bei den Gebräuchen der Moslems auch auf, dass es darum geht, den Sexualorganen mit Beschneidungen Gewalt anzutun, um sie früh zu zähmen. Aber um als erwachsen gelten und erwachsenen Sex haben zu können, braucht es weitere. (Ähnlich wie mit den religiösen Riten der Taufe/Konfirmation/Ehe) Es geht auch darum, dass vorehelicher Sex unter Kindern oder Jugendlichen „verhindert“ werden soll. Aber wer soll damit vor wem geschützt werden? Die Frauen vor Empfängnis und/oder die Männer vor Homosexualität?

Klar ist mir geworden, dass die Religionen ihre Macht auf Sexualeinschränkungen aufbauen. Dem Kind wird versprochen, es erhalte für den Gehorsam dann später eine Erfüllung im Sex und in der Liebe. Und dem Erwachsenen wird wiederum versprochen, er erhalte gegen seinen Glauben nach dem misslichen Leben, ein ewiges Paradies im Himmel…

In der administrativen und religiösen „Vergewaltigung“ in der Geschichte der Sexualität erkenne ich die heutige Sehnsucht von westlichen Schwulen und Bisexuellen, tatsächlich „entjungfert“ zu werden und von sexuellen Übergriffen zu träumen, letztlich um die Verantwortung dafür nicht übernehmen zu müssen. Nach dem Schmerz wird verlangt, aber nicht nach der Fähigkeit, (da)mit Sex(uell) umzugehen!

Feki Zit

in englisch und deutsch

Das schliesst unsafen Sex, barebacking und das „Schlampe“ spielen ebenfalls mit ein. (Phil Langer nennt das „beschädigte schwule Identität durch Risikoverhalten!“) Dies spielt – wie beim normalen hetero Verhalten unter so vielen Vorschriften, eine wichtige Rolle.

„Zu starke Sexualität“ wird angeblich gebremst und erzeugt bei beiden Geschlechtern offenbar Ängste, die mit Gewalt überwunden werden müssen, was wiederum ein verängstigtes Bedürfnis nach Gewalt erzeugt…

Wobei ich den Eindruck bekomme, dass Frau(en) sich in Kairo wohl um eine weibliche Identität bemühen, aber die Männer z.B. unberücksichtigt bleiben, wenn es um die Einheit mit anderen Männern geht, oder bei der Untersuchung von Spermien auf deren „Fruchtigkeit“. Traditionell wird alles über die Frau abgehandelt, sie muss sich rechtfertigen.

Wichtig und interessant ist die Feststellung El Fekis, dass sexuelle Übergriffe und Missbrauch keine sexuelle Identität verändern oder gar eine HS erst herstellen können, (Pädophilie-Vorwurf) wie das bei uns und offenbar auch dort geglaubt werden will.

Manchmal erscheint mir die Situation der ägyptischen Frauen wie diejenige von verklemmten und versteckten Schwulen. Die Gesundheits-Politik ist ähnlich wie die unserer Schwulenbewegungen anfangs des letzten Jahrhunderts.

Feki hat ein eigenes Kapitel über gleichgeschlechtlichen Sex und über Transgender geschrieben. Auch über die AktivistINNen und ihre Vorstellungen, wie sich diese auch von unseren westlichen Vorstellungen unterscheiden. Ähnlich wie früher in der Schwulenbewegung bei uns, will sozusagen keineR eine Homo-Ehe und deren Rechte einfordern, sondern überhaupt mal ein Recht auf Privatleben einklagen – nämlich für ALLE. Damit ist der Bezug zur Alle umfassenden Politik in der Gesellschaft so nahe wie er mal bei der Schwulenbewegung war.

Ein interessantes Buch für die Diskussion um die Homo-Ehe, für die Arbeit mit MigrantINNen, über Geschlechtsrollen, über Bisexualität, über Parallelsexualitäten (mit m und w), über Rollenverhalten. Generell wichtig für die Gender-Diskussionen!

Es ist anspruchsvoll, sich durch die dargestellte Frauensexualitätsgeschichten durchzuarbeiten, was nicht jedem zusagen mag. Aber wir sind nun mal alle von Frauen geboren und hängen da mit drin („schwul = weiblich“) – auch wenn wir keinen Sex mit ihnen haben!

Shereen el Feki: Sex und die Zitadelle, Hanser, 2013 (orig. engl. – jetzt auch frz.)

Es ist kein „wissenschaftliches“ Buch, sondern sehr leicht verständlich geschrieben und spannend zu lesen! Für viele aber dennoch eine Herausforderung!  Peter Thommen_63

Aktualisiert 11.6.2013

Shereen El Feki: Wie man eine Epidemie unter schlechten Gesetzen bekämpft! HIV

Ein Interview mit El Feki in englisch, über ihr Buch