gay sex guide

29. Juni 2010

Gut gewählt der Autorenname: Sven Rebel. Gut ausgestattet mit Farbe, mit jungen Männern und steifen Schwänzen: Der “Gay Sex Guide” aus dem “blauen Hause” in Berlin, sorry Gmünder Verlag. Der Gestalter konnte in den besten schwulen Fotoagenturen der Welt herumwildern.

Die Handbücher aus früheren Zeiten: “Die Bücher machten einen ziemlich langweiligen Eindruck. Kleingedruckt, eng beschrieben, voller Fachausdrücke – und das Schlimmste: keine Bilder! … wie ich zu geilem Sex mit leckeren Typen komme und wie das genau geht”, das wollte der Rebel genauestens wissen…

Was gehört nun zu diesen “schwulen Basics“, die er uns kurzweilig, lesbar und ohne Fachausdrücke beibringen will?

Vom Schaltplan der Lust – warum Sex vor der Camera gut für die Beziehung sein kann – Cruisen – Darkroom – Deepthroat – AIDS – safer sex – Kondome – bareback. So ganz ohne Fach- oder Szene-Chinesisch geht’s also doch nicht.

Seit Rebel 14 war, hatte er so vieles verpasst, denn das Leben eines Junghomos beginnt mit “100 verpassten Chancen”.

Ich lese nach, im Schaltplan des zweiten Kapitels: “Einen Kerl heiss zu machen, ihn zu verführen, ist ein wenig so, als würde man ein sehr teures Sportauto aufwärmen, bevor man damit das nächste Rennen fährt… er wird bald den Turbo einlegen und im Bett so richtig Gas geben.”

Wie man “garantiert jeden Kerl kriegt”, lese ich in 21 Tipps! “Selbstverständlich sollst Du diese Anleitung nicht mit zu dem heissen Kerl ins Bett nehmen.” Und neben dem Bild von zwei gross-schwänzigen Typen tröstet Rebel: “Je kleiner der Schwanz ist, umso mehr kannst du das ausgleichen durch andere Liebeskünste.”

“Werde Klassenbester im Verführen, beim Blasen, oder werde ein derber S/M-Meister.” Tolle Aussichten für einen Teenager! ;)  Erstmals taucht in dieser Gebrauchsanweisung ein blaues Kästchen auf: Es warnt vor den Gefahren gewisser Aktionen, oder relativiert hinterher im Kapitelanhang wie ein schlechtes Gewissen Entscheidungen, die gefährlich sein könnten, oder worin er vorher zuviel versprochen hatte. Mit dieser Methode können die Leser – wohl meist eher jüngere – an alle Problemzonen herangeführt und ihnen Entscheidungsfreiheit suggeriert werden. So ist der Rebel auch moralisch und medizinisch aus dem Schneider. Jeder ist doch selber seines Glückes Handwerker/Autopilot – oder so. Und das tapfere Schneiderlein fing ja auch sieben auf einen Streich – Fliegen nämlich!

Beim Abspritzen, wisse mann immer nachher, was mann geschafft habe! Ich merke langsam, dass Sex bis zum Klassenbesten eine ganze Menge Arbeit zu sein scheint!

Schieres Gelächter entlockte mir der persönliche Tipp zum “handmade fleshlight”. (Ich kann ja hier auch ein paar Infos weitergeben! ;) Fleshlight ist eine hohle Kunststoff-”Taschenlampe”, die den Schwanz des Heteros als längliche Muschi zum glühen bringen soll. Aber Rebel bastelt das lieber selber: Mann nehme einen Gummihandschuh, Gleitcrème hinein und ein Handtuch darum herum. Ich denk, der Autor muss eine Hete sein! :-P

Immerhin weiss der Typ, dass Hoden nicht eingeklemmt in enge Jeans, sondern in der Kühle sein sollten, weil sonst die Fruchtbarkeit leidet. Aus demselben Grund ist wohl auch die Genitalbehaarung geschaffen, die wie ein Radiator im Zimmer die Hitze in der Kleidung über die vielen Haare ableitet, wie auch auf dem Kopf! :) Aber trotzdem ist es für Rebel schick, sich zu rasieren. Aber nicht zu kurz vor dem Date, weil sonst die gereizte Haut mit Pusteln alles unansehnlich machen könnte…

“Brustwarzen: Dreh am Knopf für einen berauschenden Kopf!”

Oder sag dem Typ, dass Du kein Kofferradio bist, damit er gar nicht erst anfängt! ;)

Die verschiedensten Spielsachen, wie früher im “Laufgitter” der Kinderstube, die Rebel auch empfiehlt, lasse ich mal weg. Einige sind auch “nicht unriskant”… Aber schliesslich sollen die Verkäufer seines Buches mit dem Zusatz-Verkauf dieser “give-aways” etwas zu dem Buch dazu verdienen. Auch Pornostar kann ein geiler Junge sehr gut werden. Dafür gibt’s das Kapitel “Im Bett mit Fred”…

Ich öffne die Seiten für die Aufregungen in Internet und Szene! Aber nach der kurzen Einleitung ist bald Realitätstherapie angesagt: “So schön wie oben beschrieben, ist das Kennenlernen heutzutage leider nur selten. Beziehungen werden zwar immer noch in der Schule, auf der Arbeit oder beim Sport geknüpft” (Der Autor MUSS ein Hetero sein!), “aber hauptsächlich dienen unterschiedliche Internetplattformen als Kontaktbörse – und bei denen fällt das klassische Flirten vollkommen weg.” (S. 49) Ich denke, auch auf Schule, Arbeit und Sport kann ein Schwuler schlecht flirten. Ich lese immerhin die Zeitung und die berichtet mir laufend von homophoben Reaktionen in diesen Gebieten. Der Autor muss ein Hetero sein!

“Ausgehen in Cruising-Bars ist ebenfalls schwer aus der Mode gekommen! Stattdessen vermischt sich die schwule und heterosexuelle Partyszene immer mehr, man geht nur noch selten in reine Gay-Bars, eher in die Clubs, die gerade angesagt sind.” (S. 49) Wow. Und da lassen dann die verklemmten Scheinheteros irgendwelche Zettel mit emailadressen und Telefonnummern diskret zu Boden fallen?

“Eigentlich ein erfreulicher Trend, denn so werden Vorurteile und Diskriminierung abgebaut.” (Wieso wird das noch nicht öffentlich empfohlen und allgemein unterstützt – oder bei gayromeo und in Blogs und Foren propagiert? PT) “Aber leider wird so die Suche nach dem Traumprinzen erheblich erschwert, da es natürlich nicht mehr so eindeutig ist, welcher von all den leckeren Kerlen auf der Tanzfläche denn nun auch schwul ist.” (S.49) Also doch nix mit Abbau von Vorurteilen und Diskriminierung bei den Heteros. Tja, da ist guter Rat für Schwule teuer!

So schnell ändern sich die Zeiten: “Früher ging man aus, um zu flirten, Jungs kennenzulernen und vielleicht die Nacht miteinander zu verbringen. Heute (! PT) sucht man den (Sex-)Partner im Internet nach fest eingestellten Suchkriterien oder geht gleich ins Sexkino, den Cruising Park oder in die Sauna für schnellen anonymen Sex.” (S. 49)

Also blättern wir zum nächsten Kapitel: Vom Klick zum Fick. Boah! Mit “Verkehrsregeln sicher durch den virtuellen Männer-Katalog”. Diese erspare ich mir und dem Leser, denn darüber gäbe es mehr als ein Kapitel zu schreiben! Und wer natürlich mit wildfremden Personen aus anderen Städten und (Hetero-)Kulturen ein spontanes Date eingeht (“ich brauch es jetzt!” ;) – der wird von Rebel immerhin noch mit ein paar Warnungen eingedeckt, was die Aufmerksamkeit für die Getränke-Zumischungen (KO-Tropfen u.a.) betrifft. Es wäre manchmal von Vorteil, wenn gute Freunde wüssten, wo man mit wem geblieben ist… Die gay community von früher, die das im Hintergrund kontrollierte, gibt es eben heute auch nicht mehr!

Der Blowjob – beklagte sich Rebel nicht am Anfang über die vielen Fachwörter? ;)  - ist das Praktischste von allen Praktiken. Er kann überall geil, schnell und entlastend erfolgen. Aber nur bei dem, der “frisch im Schritt” ist. Seine Hygiene-Tipps sind wirklich nicht überflüssig!

“Zahnlos ist geil!” Und schon wieder werde ich den Verdacht nicht los: Der Autor ist eine Hete! Ich habe nie in meinem schwulen Leben den Rat gehört, die Zähne rauszunehmen beim Blasen, oder dabei zu brummen, um Vibration auf den Schwanz zu übertragen. Tja, was Hausfrauen und vielleicht auch Nutten so alles abarbeiten müssen – kreisch!

“Schlucken oder spucken? Stellt sich die Frage überhaupt?” Immer: “Sicherlich, wenn man einen geblasen kriegt, ist es das höchste der Gefühle, wenn der Schwanz bis zum Abspritzen im Mund des Bläsers bleibt – so ehrlich sollte man sein. Und auch als williger Bläser kann es ungemein befriedigend sein, nach harter Arbeit im Mund zu spüren, wie der Schwanz zuckt und pumpt und der heisse Saft in den Rachen spritzt… ABER – safe ist das nicht!” (S. 78)

Doch safer sex kommt später in dem Buch – so ungefähr in der Mitte: “Die schlechte Nachricht” Immerhin fünfzehn Seiten safer sex! Ich hätte mir einen besseren Titel dafür gewünscht!

“Oft wird behauptet, Sperma sei eine prima Proteinquelle, doch wer glaubt, sich durch eine Ladung davon den Eiweiss-Shake nach dem Sport zu sparen, der irrt. Sperma enthält relativ wenig Protein, dafür allerdings Stoffe, die positiv bei depressiver Stimmung wirken.” (S. 77)

(Leider werden die tiefer liegenden Motivationen für diese Praktiken nicht aufgedeckt, jedenfalls nicht so, dass sie für eine wirksame Prävention verwendet werden könnten.)

Ab Kapitel sex geht’s in die geile Praxis: Lass stecken – Kumpel! Ficken ist angesagt! Wie bei den Heten. (Der musste ja jetzt kommen ;)  Ich selber wusste lange Zeit nur, dass viele Homosexuelle “sowas nicht machen”. Heute weiss ich, dass die meisten Homosexuellen “es” machen. Am liebsten überall und jederzeit. Dabei ist der Arsch niemals mit einer Muschi vergleichbar und daher auch nicht “allzeit bereit”. Doch diese gewissen Umstände mit dem heimlichen Homosex, den Bisexuellen mit ihren Männergeilheiten, die sie nur “bei bestimmten Gelegenheiten“ ausleben können (Frauen lassen grüssen! ;) und mit den Heteros, die aus heiterem Himmel, oder erst nach langem Herumdrucksen “Schwanz angelegt haben wollen”, bringen den meisten Fickstress in die Szenen. Von den beiden Schliessmuskeln haben Wenige, und von der Funktion der Prostata eh fast nur Schwule je etwas gehört.

“Analverkehr ist geil… Denn bei keiner anderen Sexpraktik spüren Schwule eine so unglaubliche Intimität miteinander. Mann kann regelrecht süchtig danach werden, einen geilen Ficker im Inneren zu spüren; es ist ein unglaublicher Moment, wenn die Eichel durch deinen Schliessmuskel stösst und dadurch den ganzen Körper erobert. Das Gefühl, wenn der Schwanz immer weiter eindringt, und dann der Atem stockt, weil er sich wieder zurückzieht. Dabei explodieren jede Menge unterschiedlicher Eindrücke und Emotionen im ganzen Körper, die dich hemmungs- und willenlos werden lassen.

Aber auch seinen Schwanz in einen Kerl zu stecken, kann beinahe den Verstand rauben. Besitz von einem Loch zu ergreifen, das gleichzeitig eng und weich ist, es zu bearbeiten, zu spüren, wie es am Schwanz zuckt, sich zusammenzieht und wieder entspannt, dahinter die warme und feuchte Höhle, die sich gierig um den Schwanz legt, die ganze Länge reizt – man wird vor lauter geilem Fickinstinkt nur noch Schwanz und will immer wieder zustossen. Animalischer geht es eigentlich nicht!” (S. 97)

“Waren Schwule denn wirklich alle “Schwanzlutscher” und “Arschficker”? Stecken Schwule sich wirklich ihre Schwänze hinten rein? Was passiert dann mit der Kacke da drin? Hat man das dann alles an seinem Pimmel kleben? Wenn ja, was war da wohl so geil dran?” (Das fragte Rebel, S. 9 in seinen “Jugenderinnerungen” am Anfang dieses Buches!) ;)

Unter diesen öfter mal stressigen Fickbedingungen ist dann das “Grossreinemachen” angesagt: Die richtige Spühlung. Ob sie dann auch gesundheitsgerecht durchgeführt wird, ist wieder eine andere Frage, denn immerhin ist der Darm unser wichtigstes Immunsystem und beherbergt eine wichtige und empfindliche Darmflora in Form von Bakterien. Davon können diejenigen erzählen, die eine Antibiotika-Kur hinter sich haben, die diese Bakterien einfach abtötet. Sie müssen wieder ersetzt werden – zB durch Joghurt.

Immerhin hält Rebel fest: “Grundbedingung für guten Analverkehr ist, dass beide es wollen.” Also dass der Gefickte auch seine Schliessmuskeln entspannen kann. Sonst gibt es eine anale Vergewaltigung und prächtige Hämorrhoiden. (Es gibt aber auch die Möglichkeit zum Einsatz von (verschreibungspflichtigem !) Poppers, um dies zu umgehen. Seine Tipps fürs Anale sind soweit ok.

Mit Deepthroat und “Gagging” eröffnet aber Rebel seine Reise in das homo-sexuelle Abenteuer erst richtig! Tief in den Hals einen Männerschwanz zu stossen und dabei zu würgen bis zum Geht-nicht-mehr, leitet über in die sexuelle Fremdbestimmung, was bei Heteros normal und zwischen Männern klare Machtausübung ist. Wir spielen das Spiel der Heten!

Unter heterosexuellen Bedingungen wird auch die Prävention bei homosexuell aktiven Männern geplant und geführt. Dabei wird meist vergessen, dass zwischen Männern die Rollen auch vertauscht werden könnten – wegen dem “Einbahnverkehr” der hetero Männer mit Frauen. Für die Homosexualität teilt sich das nicht auf! Täter und Opfer sind nicht vordefiniert.

Die weiteren Kapitel widmet er den Spielsachen und Fetischen, wobei er in den blauen Texten jeweils ein paar Warnungen formuliert. Doch wozu ein Gay Sex Guide in alle möglichen Fetische und auch teils gefährlichen Spiele im BDSM einführen muss, bleibt mir schleierhaft. Besonders für heterosexuelle Anfänger und Teenies…

Aus dem Nachwort: “Schwuler Sex erfindet sich ständig neu, jede Generation entdeckt ihn auf ihre eigene Weise: Neue Sexsymbole und Fetische tauchen auf, alte verschwinden; gängige Praktiken werden uninteressant, dafür liebt man sich auf andere ungeahnte Art.”

Das wirklich neue am Sex zwischen Männern (der übrigens häufiger vorkommt als nur zwischen Schwulen!) ist die Gefahr, sich in Machtspiele einzulassen, die die Selbstbestimmung und den safer sex mit dem Fetisch-Argument ausblenden! Auch neu ist, dass sich heute jeder einen der vielen Fetische “aneignen” kann, für den er sich begeisterungsfähig hält. Immer häufiger wird der schwule Sex einfach nur als blosse sexuelle Praktik verwendet (benutzt), wie ein Fetisch auch.

Es fehlen Hinweise auf all das, was im Kopf und in der Umgebung und der Gesellschaft wegen dem Sex zwischen Männern “abgeht” in diesem Buch! Diejenigen Fremdwörter, um das auf die Reihe zu kriegen, die verstand der junge Sven Rebel wohl schon damals gar nicht, drum kann er sie heute auch nicht empfehlen. Dafür präsentiert er uns in der neuen “Sexbibel” aus dem Gmünder-Haus einfach “ganz neue” und faszinierende “fremde” Begriffe. Schliesslich muss ja auch jeder selber schauen, wie er einen Kerl “garantiert” herumkriegt! Oder nicht? Solange es in Darkrooms, Parks, an Autobahnrastplätzen und in ihren Gebüschen, sowie im Internet passiert, braucht’s ja auch keine Orientierung dafür – alles nur noch Fetisch!

Peter Thommen, Buchhändler

Rebel, Sven: Gay Sex Guide, Gmünder 2009, 180 S. ca. CHF 34.-

Im Labyrinth des Ichs

17. Juni 2010

Der passende Titel für eine Geschichte über sexuelle Identität bei Jungs. Mittels Dialogen und Szenen, aber auch Monologen und Reflexionen, öffnet sich uns die Welt der Pausenhöfe, der Jungs im Autoritätsstress und bei der Erfahrung von Uebermacht.

Wie freundschaftliche Gefühle sich entwickeln, Verliebtheit und Hass entstehen können, das erzählt uns Charlotte Ulbrich ganz lapidar, auch einfühlend und fesselnd in ihrer Erzählung. Es geht um Jungs und Mädchen, die bereits auf „Eroberung“ aus sind. So zufällig und schräg wie im Leben, bilden sich Cliquen und isolieren sich „Einzelgänger“ und kommen einander in die Quere.

Marco, der Angepasste beschreibt die Entwicklung eines Konflikts an der Schule, der ihn in Loyalitätsprobleme stürzt. Dabei hat er es doch mit dem „Neuen“ – eher besonnenen Dennis – nur gut gemeint. Seine derzeitige Freundin ist ihm auch keine Hilfe. Aber Oruc der Türke wird für ihn wichtig, vor allem als Tätlichkeiten nicht mehr zu verhindern sind. Alles spielt sich in der Welt der Kids ab, die erst sehr spät bei Erwachsenen und bei der Polizei um Hilfe ersuchen, um eine Katastrophe abzuwenden.

Wie gewöhnlich bekommt die Schule von allem gar nichts mit. Die junge Autorin selbst zeigt uns, dass Mädchen einen grossen Einfluss auch auf das Geschehen unter Jungs haben können, wenn sie sich nicht einfach nur einspannen lassen und das „heterosexuelle Spiel“ mit ihnen spielen. Ein wichtiges Buch auch für Mädchen!  Peter Thommen60

Ulbrich, Charlotte (17). Im Labyrinth des Ich’s, Pressel Verlag 2010, 160 S. CHF 16.- (über ARCADOS)

Unerwartete Wirkungen – Fortsetzung bereits in Arbeit!

Adrian Baumgartner: Marco ist sechzehn und wie bei jedem jungen Mann in diesem Alter spielen seine Gefühle verrückt. Nicht nur dass er sich von den Erwachsenen, und zum Teil auch durch seine Freuden und Kollegen nicht mehr verstanden füllt. Jetzt will es auch mit seiner Freundin Kim, nicht mehr so recht klappen. Und erst recht als er sich mit dem Neuen an seiner Schule anfreundet, geraten seine Gefühle aus dem Ruder.

Dieses Buch ist nicht nur sehr unterhaltend, sondern stellt die Gefühlswelt der Jugendlichen ins Rampenlicht. Der Autorin ist mit ihren siebzehn Jahren ein erstaunliches Meisterwerk geglückt, das es sich auf jeden Fall lohnt zum lesen.

So ticken schwule Jungs

26. Mai 2010

Endlich Klartext schreiben, wollte Adrian Baumgartner, ein „Funkyboy“ wie die Plattform aus Deutschland heisst, auf der er ein Dutzend Jugendliche bat, ihre Ansichten, Ideen und Meinungen rund um die Situation „um die Homosexualität“ zu beschreiben. Während eines Jahres versandte er Fragen und liess sie beantworten.

„Auf diese Weise erhoffte ich mir, dass diese Erhebungen ein Buch geben würden, indem nun endlich steht, was die Betroffenen auch denken und selber auch erlebt haben. Und die meisten der Leser davon überzeugt, dass Schwule auch nur ganz menschliche Probleme haben.“ (Vorwort)

Es geht um Fragen wie: Das erste Bewusstwerden, erste Beziehung, wie man am besten sein coming out bewerkstelligt, um Klieschees wie: Wer spielt Mann und wer die Frau, oder wie geht man mit einem „gebrochenen Handgelenk“ um. Aber auch Fragen zur sexuellen Praxis und Einstellung zur Sexualität. Oder wie geht ein Junge mit dem Tod um. Muss einer unbedingt ein coming out haben? Wie würde einer Kindern Sexualunterricht über Homosexualität geben?

Zitat aus den Selbsteinschätzungen der Befragten: „schockiert hat mich, dass einige Fragen immer noch ein Thema sind in der Gesellschaft. Vieles habe ich schon für normal gehalten.“

(Autor:) “Dieses Buch beruft sich auf keine Studie oder Umfragen, sondern wiedergibt die Meinungen, Gedanken und Kritiken von Jugendlichen, an sich selber und an ihrem Umfeld. Ein Buch, das die Homosexualität so sieht wie sie ist, nämlich als normal gegebener Fall, wie die Heterosexualität.”

Ich habe das Buch mit Belustigung, aber auch mit Kopfschütteln gelesen. Sehr gefreut hat mich, wie Adrian Baumgartner ein Projekt durchgezogen hat, das mich durchaus an die ersten Anfänge der Schwulenbewegung erinnert hat.

Zurzeit ist eine kleine Vorauflage erhältlich, als „Books on Demand“ zum Preis von Fr. 18.- 104 S. (bei ARCADOS)

der schwule lebt nicht nur vom tag allein!

05. Mai 2010

Die „Grosse“ hat die kleinen „Schwestern“ schon immer fasziniert. Die Stadt hat etwas lebensmagisches für schwule Männer vom Land. Seine grosse Schwester guckt dem Autor auch die ganze Zeit über die Schulter. Die Kindheit von Junghomos ist in einer grossen Stadt wie Zürich nicht so leicht abzuschütteln wie die Flasche für einen Geist.

Simon Froehling gibt uns mit „Lange Nächte Tag“ einen Erzähltext und einen scharfen Einblick in die Gedärme heutiger Leidenschaften zwischen jungen Männern. Die Erzählung ist verwirrend am Anfang, aber bald spielt es keine Rolle mehr, ob er vom Einen, oder aus der Sicht seines Liebhabers schreibt, oder ob er über beide nur phantasiert hat. Die Leidenschaft ist das Lebenselixier des Schwulseins und muss immer mit Reue bezahlt werden. Das Wahre, der grosse Mann fürs Leben, den wir schon als Kind erahnt haben, sowie Auftritte in Szenen – virtuell und real – um uns zu schmeicheln, oder Andere emotional abzustrafen, gehören wohl seit Oscar Wilde zu den schwulen Attitüden. Am Schluss deckt der morbide Schnee wieder alles zu und verzeiht grosszügig, wie in den Kinderbüchern auch.

Patrick und Jiri, die beiden Protagonisten werden aus ihrem Leben gerissen, indem sie sich gegenseitig ein Universum eröffnen wollen, aber nicht können. Schon den Schlüssel hingelegt, noch nicht emotional abgefahren und schon miteinander verkettet. Noch halb in den blauen Seiten und doch schon mit ihm beim Konzert von Nachbar Albert im sonnengefluteten Hinterhof.

Wer sich auf Simons Text einlässt, der wird in eine Spalte blicken, wo Sperma, Speichel und Alkohol sich mischen und Erinnerungsfetzen über den Himmel ziehen. Escher-Wyss-Platz. Die Bar mit dem gläsernen Auge. Das Grossraumbüro mit den Computern. Romantische Winkel in der Altstadt. Simon verwebt es gekonnt. Da drin werkelt das Schicksal im Auftrag Gottes – oder umgekehrt? Oder spielen Schwule vielleicht gar selber lieber Master of the Gay Universe, auch wenn sie immer die kleinen Würstchen bleiben?

Als ich Froehlings Text las, tauchten in mir Bilder aus den Büchern anderer Autoren wieder auf. Genet und seine Zeit mit Gaunern, Randexistenzen und Gefängnissen. Guido Bachmann mit seiner Jungenliebe in Bern, die seltsam entrückt in den Leidenschaften, sich auf Mythen der Urzeit berief und dann Martin Franks „Ter Fögi isch e Souhung“ (Der F. ist ein Kinderverderber) mit seiner Band-Szene und den 70er Jahren.

Schon Genet war ein Medium sadomasochistischer Szenen und Leidenschaften. Bachmann entging dem in den 60ern ebenso wenig, wie Frank in den 70ern. Dieser Sadomasochismus in vielen Formen begleitet die neuere Literatur über Männerbeziehungen bis heute.

Haben wir nichts „gelernt“? Sind wir immer noch hetero-verkettet in hetero Leidenschaften? Auch als Männer? Auch ich bin natürlich nicht darum herumgekommen. Aber irgendwann mal hatte ich genug davon. Aus dem Unverständnis von Gilgamesch ist ein sich wehren gegen solche Symbiosen geworden, das sich mit 35 Jahren zum letzten Mal in mir aufbäumte. Meine letzte grosse Liebe, die ich in einer Art Tagebuch verarbeitete.

Wo bleibt die Leichtigkeit einer Männerliebe bis heute? Ist sie in den Pornos verschwunden? Da wo alles stimmt? Oder ist sie noch immer zu entdecken?

Für mich schrieb Simon eine faszinierende Erzählung aus seinem Leben. Aus dem schwulen Leben von Zürich sicher auch. Gerne würde ich mehr erfahren! Auch von anderen Autoren.

Hinter und vor den blauen Seiten hat es viel Word und Bites. An die Tasten Jungs!

Peter Thommen, schwuler Buchhändler (60), Basel

Willkommen auf Thommens Senf ARCHIV

08. April 2010

Hier wird der alte Blog neu aufgebaut – nach und nach! Alle Texte von 2006 – März 2010

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