mit dem Bruder der Freundin…

25. Oktober 2011

Der Student Javier führt ein unbeschwertes heterosexuelles Leben und hat auch eine Freundin. Who cares? Doch diese hat einen jüngeren Bruder, der bald seinen Schulabschluss machen sollte und zuviel herumgelümmelt hat. Es ist Sommer. Es sind Ferien. Und es regnet auch mal.

An diesen langweiligen Nachmittagen heisst es für José, Verpasstes nachzuholen und zu pauken. Javier hatte sich entschlossen, dem Jungen das fehlende Wissen beizubringen und dieser war entschlossen, es doch noch zu schaffen. Doch die regelmässige Nähe und die Willensstärke der beiden Männer kombinieren sich zu einem dramatischen Kampf um Leidenschaft. Es geht um Schönheit, Jugend und die Macht der Anziehung. Für Schwule ist das die klassische Dramaturgie der Ungewissheit, der Überraschung oder Enttäuschung. Für Heteros bringt es Zweifel an ihrer Orientierung und ein schlechtes Gewissen gegenüber Frauen.

Abgesehen von zwei Sexszenen ist die Erzählung spannend aufgebaut. Der Autor führt den Leser schlau durch die Sehnsüchte verpasster Gelegenheiten, die keiner real wagen würde, zu ergreifen.

Luis Algorri: Du hörst von mir, Gmünder 2009, 200 S. CHF ca. 16.–

 

Als bewegter Schwuler allerdings frage ich: Hat sich in den letzten Jahrzehnten denn immer noch nichts geändert? Heteros suchen meistens im engeren persönlichen Umfeld nach heissen Kontakten und begeben sich in heikle Situationen. Klemmschwestern machens ihnen nach, weil sie nicht aus ihren Eierschalen herauskommen wollen. Muss es immer eine tolle Hochzeit sein, die vorab eine dauerhafte Ehe verspricht? Muss es immer “das Schicksal” sein, das die Begehren offenbart?  Können es nicht auch Zufälligkeiten und spontane Offenheit sein, die Genuss und Befriedigung in die Ferien bringen? Da können Gefühle auch Platz haben und den Alltag bereichern. Vielleicht könnten sich dabei gewisse Heteros und Schwule auch real wiederfinden und ebenso leidenschaftlich Sex und Freundschaft erleben, statt Ausnahmesituationen zu missbrauchen und dann wieder alles zu verdrängen!

Möchtest Du mehr darüber lesen und nachdenken, dann schau auf meinem alten Blog! (weitere Texte unter dem Stichwort “bisex”!)

Harare ist nicht Mauthausen

02. September 2011

Tendai Huchu erzählt uns über einen Friesiersalon in Harare, der wie überall in der Welt ein reales Netzwerk von Menschen darstellt, worüber sie einander mitteilen, klatschen und helfen. Worüber auch Neid, Missgunst und Eifersucht laufen und worin sich manche Biografien kreuzen. In Afrika werden Frauen von Frauen und Männer von Männern frisiert. Als eines Tages ein junger attraktiver Mann auftaucht, der den Kundinnen schöne Augen und moderne Frisuren macht und den weiblichen Angestellten harte Konkurrenz, geraten die Gewohnheiten aus den Fugen. Der Autor schreibt aus der weiblichen Perspektive von Vimbai, die ein uneheliches Kind und einen Haushalt durchzubringen hat. Nicht leicht bei den desaströsen wirtschaftlichen Verhältnissen in Zimbabwe. Wie sehr sind die Leute auf Handreichungen und Beziehungen angewiesen, um überleben zu können! Als Klienten aus dem Staatsapparat und bald auch Ministergattinnen auftauchen, weil sie von dem neuen Coiffeur Dumisani gehört haben, beginnt der kleine Kosmos zu wackeln. Erfahrung wird beiseite geschoben, Ideen und Innovationen von Dumisani bringen das Geschäft zum blühen. Vimbai sieht sich und ihr Karriere in Frage gestellt. Trotzdem nimmt sie den attraktiven Kollegen in Untermiete auf, um etwas Geld dazu zu verdienen. Er kümmert sich auch rührend um ihre Tochter und ist ein rücksichtsvoller Wohnpartner. Beide haben Probleme mit der Familie, weil sie nicht in die Normen passen. Als Dumisanis Bruder heiratet, nimmt er sie als Freundin mit an die Hochzeitsfeier, wo sie von der “Schwiegerfamilie” mit offenen Armen empfangen wird. Sie schwimmt im Glück, als man ihr zu einem eigenen Salon verhilft. Schon macht sie sich Hoffnungen auf eine eigene Familie, als sie zu forschen beginnt, welches Problem denn ihr Zukünftiger vor ihr verbirgt. In dessen Abwesenheit durchsucht sie sein Zimmer und findet unter der Matratze den Schlüssel zu dem Geheimnis. Als gläubige Frau sucht sie Rat bei einer Regierungsstelle und verwickelt sich in tragischer Weise mit dem Schicksal Dumisanis. Zu spät realisiert sie den Fehler, den sie verschuldet hat und bleibt schliesslich alleine mit ihrem Kind und ihrem neuen Salon zurück. Tendai ist eine schwungvolle Erzählung gelungen, die einem sofort in ihren Bann zieht und bis zum bitteren Ende nicht mehr los lässt. Sie hat mich sehr angerührt!

Peter Thommen, Buchhändler (61)

P.S. Mauthausen? Ach das war doch in der Zeit des Nationalsozialismus. Was geht uns das heute noch an? Lies die Geschichte mit Dumisani!

Tendai Huchu: Der Friseur von Harare, Peter Hammer Verlag 2011 (2010 Weaver Press, Harare), 300 S. ca. CHF 24.-

Aus einem email des Autors: “Brother Peter!! As your service comes to an end (61 is rather premature I say!) others will pick up the rainbow flag. I am glad you have enjoyed the book though causing tears was never my intention :) Dumisani exists, there are hundreds of him in the shadows Peter, but if anything time is on the side of progress and tolerance. Perhaps in your retirement you shall visit Zimbabwe, there is GALZ the gay organisation... Trust me there is more work for you to do apart from reading books and getting fat! Thank you for your support and if I can be of any assistance please do let me know. Tendai

Besprechung von Klaus Jetz auf  lsvd.de

Gelegenheit macht Liebe – und schwul?

12. Juli 2011

Zwei Buchbesprechungen von Geschichten, die ich einer spezifisch weiblichen Sichtweise zuordne. Auch wenn die Schreiber schwule Männer sind!   Marty Tolstoy und Manuel Sandrino

Ein junger Mann schlägt sich mit Zeitarbeit und mit seiner Wohnpartnerin herum. Die beiden sind zwar kein Paar, könnten aber auch Geschwister sein. Diese beste Freundin versucht auch, den träumenden Jan fürs Zusammenleben tauglich zu machen, was ihr aber nicht so gelingen will.

Anlässlich eines Abendspaziergangs in die Schwulenkneipe – in einem vorstädtischen Ort – trifft Jan auf einen schönen Prinzen, der alle die Sehnsüchte in ihm weckt, die bisher wohl unbewusst in ihm geschlummert haben. Nach einem romantischen Tête-à-Tête-Tanz zu einem schmusigen Song verliert er ihn aber wieder aus den Augen.

Überraschend macht er bei einer Prügelei um seine Freundin wieder Bekanntschaft mit diesem Marco, der jetzt sein Leben mitbestimmt. Dieser hat ihr die Brieftasche geraubt, die er später findet und das bringt seinen Verehrer in schmerzende Gefühlszweifel und moralische Bedenken. Es wird ein coming out dieser Verliebtheit gegenüber dem Opfer – seiner besten Freundin – fällig. Der erste Band dieser Geschichte endet mit der unverhofften Begegnung als Zeuge vor Gericht und dann noch mit dem Besuch im Gefängnis.

Der zweite Band beginnt mit der ersten ernsthaften Arbeitsstelle für den Bürokaufmann, der immer noch im Haus seiner Freundin lebt. Nach der Vorstellung beim Chef steigt in ihm die beängstigende Ahnung hoch, dass der ehemalige Märchenprinz aus dem Knast ihn bei sich in der Firma angestellt hat. Und er muss sich gegenüber seinen Mitarbeiterinnen und der männlichen Konkurrenz bewähren. Durch eine mustergültige Präsentation erhält er Zutritt zum Marketing der Firma und stösst auch hier wieder auf unmoralisches Verhalten seines verehrten Marco, für den er alles tun würde…

Beim Lesen dieser Geschichte beschlich mich selber auch eine beklemmende Ahnung! Nämlich, dass das ganze von einem weiblichen Gehirn ausgedacht worden ist. Der junge Jan scheint nur unter weiblichen Fittichen zu leben und wird nur durch Zufall auf die ganze Welt draussen aufmerksam. Normalerweise bringen Jungs in dem Alter schon ein ganzes Beziehungsnetz daher, egal ob Heteros oder Schwule. Und sie haben bereits sexuelle Erfahrungen, die Jan völlig zu fehlen scheinen! Es geht vor allem um Liebe, Schmusen und Gefühle in diesen Geschichten. Es scheint mir eine Welt der Mädchen und Frauen zu sein, in der auch ein Schwuler wie ein Mädchen ganz jungfräulich sich in den “Richtigen fürs Leben” verknallt und dafür noch von einem bösen Schicksal geplagt wird. Ein richtiges Märchen also, das nur durch Zufall hinter den Türen eines alten Kastens auf dem Dachboden gefunden wird. Peter Thommen_61

Marty Tolstoy: Gelegenheit macht Liebe/Diebe, Band 1, Shaker Media 2010, 240 S. und Band 2, 274 S. Eigenverlag o.J. beide ca. 14 €uro

 

P.S. Ich habe die Bücher einer erfahrenen Frau (Fussballfan, Fasnachtsclique)  zum Lesen gegeben und auch sie konnte sich des Eindrucks einer weiblichen Autorinnenschaft nicht erwehren. Auch wenn der Autor in Wirklichkeit ein Mann ist, ändert das nichts an meinem Eindruck! Weitere Details offenbart die hp des Autors!

Ich habe schon vor einiger Zeit das Buch von Manuel Sandrino: Selbstverständlich schwul (eine fantasierte Geschichte um eine schwule Schule in den USA) schon in der Mitte aus der Hand legen müssen, weil sich die Geschichten für mich um einen Mann drehten, der eigentlich eine Frau spielt unter Männern, wenn auch schwulen. Das mag interessant für die Genderforschung, aber nicht für die Biografie eines jungen Schwulen sein. Wem es gefällt, sei diese Art von Unterhaltung durchaus empfohlen.

Selbstverständlich schwul

Timmy ist ein verklemmter, schwuler 20-jährigerer. Entschlossen seine Hemmungen in den Griff zu kriegen, besucht der Schweizer für sechs Wochen eine Schule in San Francisco, die mit Selbstverständlich schwul! wirbt.

An der Schule und im San Francisco Mitte der 80er- Jahre entdeckt Timmy nicht nur das Geheimnis der Erotik, sondern vor allem einen ganz neuen Sinn im Leben. Nicht nur in der Theaterklasse, sondern auch in Mythologie schlüpft er in immer neue Rollen.

Immer neue Herausforderungen treiben ihn vorwärts: erst seine Hemmungen, dann seine tiefsten Ängste zu überwinden. Dabei gewinnt er nicht nur Freunde. Oft erstarrt Timmy in Angst bei dem, was alles auf ihn zukommt, stolpert aber trotzdem stetig vorwärts in immer verrücktere Gelegenheiten zu wachsen, sich zu blamieren und Antworten auf seine drei alles motivierenden Fragen zu finden: Was bin ich? Wer bin ich? Warum bin ich so, wie ich bin?

Der Süden Kaliforniens bietet so viel Neues und Aufregendes: als Statist in einem Film mitzumachen, eine spontane Show am Muscle Beach in Venice und als sich Timmy für eine Massage als Model zur Verfügung stellt, wird er unfreiwillig Lehrobjekt bei einem Tantra-Seminar. Aber vor allem Mythologie und Museumsbesuche eröffnen Timmy eine neue Welt, die immer mehr sein Denken und Fühlen beeinflusst. Erotik öffnet ihm neue Türen. (aus den Verlagsinfos)

„Das Buch ist voller Erotik und Fantasie. Jedes einzelne seiner Erlebnisse lehrt Timmy etwas Wichtiges. Timmy ist jemand, der nicht einfach glaubt, sondern durch hinterfragen, ausprobieren, beobachten und zuhören lernt. Er stürzt sich in die Abenteuer, auch wenn eer oft vor Angst fast erstarrt.“

„Was ist Erotik anderes als, als seine Fantasie kreativ zu nutzen?“

„Erstaunlicherweise erhalte ich speziell von Frauen, Müttern und Schwestern Feedbacks, wie das Buch ihnen neue Türen zur oft verschlossenen männlichen Psyche eröffnet.“

„Wie gehen schwule Männer miteinander um? Vieles ist bewusst zwischen den Zeilen belassen, oder nicht beschrieben.“

„Ein spannender Roman über einen kleinen Teil einer von vielen Männerwelten.“ (Worte des Autors)

Ich habe das Buch bis zur Hälfte gelesen. Dann ist mir klar geworden, dass dieser Timmy kein Schwuler ist. Ich war immer wieder irritiert über gewisse Ereignisverläufe, Gedanken und Rollenspiele. Halb zog es ihn, halb fiel er hin…

Das Buch ist eine Fantasie und Timmy spielt eigentlich die Frauenrolle in einer homosexuellen Welt, es könnte geradesogut von der besten Freundin eines Schwulen geschrieben worden sein. Wems gefällt, dem sei’s empfohlen!  Peter Thommen_60, Schwulenaktivist (publ. auf gaybasel.ch)

Manuel Sandrino: Selbstverständlich schwul, (PDF) Himmelstürmer 2008, 370 S. CHF ca. 26.-

Ein weiteres Jugendbuch mit ziemlicher “Mädchenperspektive” ist

Edvard van de Vendels: Die Tage der Bluegrass-Liebe, Carlsen 2009  (Bd.1) 

Die langen Nächte der Stille, Carlsen 2009, 390 S. ca CHF 21.-  (Bd.2)

der junge auf der heissen sohle

14. Mai 2011

Hitze ist fast immer Ausdruck von Körperlichkeit und Sexualität. Dieser Roman wird geprägt von Sonnenhitze, Wut und Branntwein… obwohl die Sexualität eigentlich “abwesend” ist. (In der Zeit der Prohibition in den USA – 1919-33)

Die Geschichte ist so heterosexuell wie irgend möglich. Aber die Hitze schlägt auf den jungen Mann ein wie Blitze, oder hält ihn in Leidenschaften gefangen. Daneben wirken seine sexuellen Kontakte mit Mädchen oder jungen Frauen schal und warm. Das männliche Feuer brennt IN ihm und das macht die Geschichte wiederum zu einer Auseinander-Setzung, die nach Einheit mit dem eigenen Geschlecht sucht. Wozu denn in die (weibliche) Ferne schweifen, wo doch das Gut(e) so nahe liegt?

“Dog Star” von David Windham ist kein schwuler Roman. Und doch geht es um Männer und ihre Rolle, gegenüber der Mutter, den Geschwistern, “den Frauen” und den anderen Männern in einer Kleinstadt der USA. Da wo alles seine Ordnung und seine Gewohnheiten hat. Blackie ist einer Besserungsanstalt entflohen, in welcher er einen nahen Freund durch dessen Selbstmord verlor. Er kehrt zurück in sein Nest, das nicht mehr sein Zuhause sein kann. Weder im Sex mit einem Mädchen, noch in Arbeit oder Nichtstun, kann er einen Sinn des Lebens finden. In dieser Enge verformt sich Männlichkeit zu Heldentum oder Tod. Sehr schön sind diese Elemente in ihrer Wirkung beschrieben, in einer Sprache, die einem das alles sehen, riechen und schmecken lässt!

“Seit er sich erinnern konnte, hatte er in Garagen und unter Häusern mit kleinen Mädchen gespielt. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass Liebe damit zusammenhing. Er war erfreut und überrascht.

“Nachts im Park war er mit ihnen – sein Glück überall versuchend – so weit gegangen, wie er (jetzt) mit Mabel gegangen war. Es war ein Abenteuer, aber es war das Gegenteil von dem, was er unter Liebe verstand. Liebe war etwas Grosses und Starkes, ohne jede Verbindung zu Handlungen, die vertraut waren und sichtbar, und einen Namen hatten. Liebe war ein Entkommen aus dem Alltag, nicht ein Teil davon.”

Er betrachtete Mabel, als hätte er sie nie zuvor gesehen, und liess seine Hände an ihrem zarten, festen Körper hinab gleiten, bevor er antwortete. Er glaubte es nicht wirklich, und doch machte es ihn unglaublich glücklich, Liebe auf das zu reduzieren, was da vor ihm stand, um angeschaut und von seinen Händen angefasst zu werden.

Ich liebe dich auch“, sagte er.”

Natürlich hatte er sowas nie zu einem Jungen gesagt. So treibt er sich also in der Stadt, unter den Jungs, den Ganoven und der Familie herum, die Stärke von Whitey suchend, die er durch dessen Selbstmord verloren und die er offenbar in einem Vater nie hatte. Sich auf Spiele einlassend, die ihm Ansehen, Respekt oder gar Geld bringen sollen.

Blackie durchlebt das, was Schwule nie erleben wollen und zieht trotzdem am Ende die Konsequenz da, wo Schwule erst mühsam anfangen müssen, mit “heterolike” und “straight-acting”. ..

Ein Buch also, aus schon historischen Zeiten, aber mit der Macht des Heterrors, der Jungs bis heute bis in den Tod treiben kann.  

Peter Thommen (61)

Donald Windham: Dog Star *, Lilienfeld Verlag 2010, 220 S.  CHF ca. 26.–

* vom Hundsstern am Himmel hergeleitet

Das Buch ist auch im gay-mega-store Basel zu haben.

Eine Besprechung von Zwei Menschen folgt!

Einen Regenbogen im Brillengestell

17. April 2011

Das hat nicht jeder. Für Patrick Bowien (30) aber ist das auf dem Titelbild das richtige Symbol für seine Identität als Schwuler. Die an die 60er Jahre erinnernde Frisur lässt zuerst auf einen Mädchenkopf tippen. Aber so ist das mit der Identitätsfindung in der männlichen Homosexualität: Keiner will „so sein“ wie „der Andere“, aber trotzdem müssen wir zueinander finden. Für ihn ist das „gaynau richtig“.

Da hat sich einer daran gemacht, die Geschichte, die Umstände, und selbst HIV aufzuarbeiten und zu sich selbst zu finden. Der Weg ist doch das Ziel! Daneben schrieb mir kürzlich ein 22jähriger Bisexueller, er wisse doch schon alles und brauche keine Bücher zu lesen. Kein Weg führt auch zu keinem Ziel…

Ich war etwas überrascht über Bowiens vertiefte Arbeit, die er in einem Buch veröffentlichte. Etwas überrascht war ich auch, dass der 22jährige Junge befand, er wisse doch schon alles. Zwischen den beiden liegen nur rund 10 Jahre.

„Dieses Buch zu schreiben war eine persönliche Herausforderung. Neben Stress und Verzweiflung brachte es mir jedoch auch Lernen über die Identitätsfindung in der Homosexualität und über das professionelle zielgerichtete Schreiben eines Buches.“ (Vorwort)

Doch dies scheuen die meisten Jungs. Sie möchten ihre sexuelle Orientierung möglichst lange in der Schwebe behalten und sie schliesslich einem Schicksal anheim stellen, das sie dann nicht zu verantworten haben. Nach dem Motto: Etwas bi schadet nie…

Bowiens Arbeit ist eine ausführliche Zusammenstellung der Fakten, wie sie viele schwule Jungs und Männer immer wieder für „Selbstvertiefungsarbeiten“, Semesterarbeiten, oder Schulvorträge zum Zweck ihres coming outs in Ausbildungsinstitutionen erarbeiten. Ein Crashkurs durch Geschichte, Kultur und Politik und wie diese die Homosexualität einordnen. Auf die einschneidende persönliche und politische Rolle von HIV-AIDS geht er in einem ausführlichen Kapitel ein.

Darauf aufbauend beginnt ungefähr in der Mitte des Buches der Text über die Selbstfindung. „Die vorangegangenen Kapitel bildeten die Basis, auf der der homosexuelle Mensch sozialisiert wird. Diese Basis bestimmt das Fremd- und Selbstbild und beeinflusst den Prozess der Identitätsfindung wesentlich.“ (S. 61)

Er beruft sich auf wichtige Autoren der letzten Jahre und Jahrzehnte und zitiert ausführlich aus Büchern von Rauchfleisch, Hofsäss und vor allem Wiesendanger. Sein Studium der Sozialpädagogik gibt ihm auch die Knackpunkte fürs frühe jugendliche coming out vor. Diese werden weitgehend von den pädagogischen Institutionen übersehen. Bowien macht klar, dass viele Jugendliche bis ins Erwachsenenalter hinein der besonderen Beratung bedürfen, um nicht in pubertärer Opposition und an den gnadenlosen Regeln von Heterror und kommerzieller Szene zu scheitern. Er gibt auch handfeste Tipps für Beratungen und heterosexuelle Therapeuten. Aus der Sicht emanzipatorischer Sozialpädagogik ist es besonders wichtig, „nicht auf die Integration von homosexuellen Menschen in die heterosexuelle Gesellschaft hinzuarbeiten, sondern die Autonomie der Homosexuellen zu stärken. Auf diese Weise wäre ein homosexuelles Leben in psychischer Gesundheit in einer Gesellschaft wie sie heute besteht, leichter zu realisieren.“ (S. 87)

Drei personenzentrierte Interviews (nach Rogers) schliessen das Buch ab. Mit homosexuellen Männern der Jahrgänge 1928, 1958 und 1987, die er ausführlich kommentiert.

Bowiens Buch hat mir einmal mehr vor Augen geführt, dass es noch immer einer intellektuellen Anstrengung bedarf, um – jenseits der Nachahmung heterosexueller Normen – ein persönlich eigenständiges und selbstverantwortetes Leben in und mit der Homosexualität zu führen. Diese Anstrengung ist lebenslang gefordert! Die erleichterte „Einbürgerung“ mittels gesetzlicher Lebenspartnerschaften kann dies niemals ersetzen!

Peter Thommen, Schwulenaktivist (61)

Patrick Bowien: Gaynau richtig! Identitätsfindung in der männlichen Homosexualität, Tectum 2011, 120 S., CHF ca. 27.- (€ 19.90)

(Das Buch ist in Basel auch bei gay-mega-store erhältlich)

Siehe auch die Bücher von Wiesendanger: Vertieftes coming out, sowie Das Kind im schwulen Mann

Lieber Sacha Sperling!

10. April 2011

Eigentlich heisst Du ganz anders, aber das macht nichts. Es ist Dir sowieso egal, mit welchem Namen man Dich anspricht. Hauptsache, Du hast genug Shuger, um Dir die nächste Linie rein zu ziehen. Oder eines der Mädchen. Ich kann mir vorstellen, dass Du – mal auf den Geschmack gekommen – wohl auch mit achtzehn oder zwanzig Jahren nicht so schnell von diesen Gören loskommen kannst.

Ich habe mir die Kritiken der Heteros kurz durchgesehen – am Computer zuhause im Internet. Die übertreffen sich gegenseitig im Lob über Deinen Text. Skandal ist nur der Vorname, der dauernd zitiert wird. Ich denke, Du hast es den Heteros mal ordentlich gezeigt, wie werdende Männer mit minderjährigen Mädchen Sex machen („flach legen“), die knapp über dem Schutzalter, oder meistens auch drunter sind.

Beim Homosex hast Du Dich vorsichtigerweise an einen Gleichaltrigen gehalten. So kann keineR „Pädophilie – Pädophilie“ schreien und Dich um Deinen Ruf bringen, den Du noch gar nicht hast. Als Schwuler frage ich mich nur, ob die LeserInnen, die Deine Abenteuer lesen und so toll finden, vielleicht auch „pädophil“ sind. Also, ich bin es trotz Deiner literarischen Ambitionen nicht geworden.

Doch lass uns konkret werden! Du hast einen blöden Vater und eine Tussi-Mutter, die Dich sogar auffordert, Geld aus ihrer Tasche zu nehmen. Die Schule interessiert Dich eigentlich nicht und auf den Parties der Geld-Gesellschaft langweilst Du Dich nur – mit Not kriegst Du einen Kondom in die Hände, um irgendein Girl zu beeindrucken. Stiefgeschwister magst Du auch nicht besonders. Da kommt Dir der Augustin gerade recht. Zusammen macht vieles mehr Spass, nicht nur das wixen. Man merkt, dass Du in Deiner Jugend nur wenig Sozialkontakte gehabt hast und diese vor allem innerhalb Deiner Gesellschaftsschicht. So quasi „inzestuös“. Das lag wohl auch am Verhältnis zu Deiner Mutter, die eher als Liebhaberin rüberkommt, die ihrem Macker alles durchgehen lässt und sich dann beim Selben ausweint, wie schmerzlich das alles sei. Das tun viele Mütter dann – bei ihren Söhnen…

Als Schwuler habe ich so meine Vorstellungen vom Verliebtsein und den Gefühlen zwischen Männern. Dein Augustin ist sicher sehr nett und ein treuer Verbündeter Eurer Abenteuer. Aber mehr liegt da nicht drin. Gelinde gesagt, Du hast null Ahnung von Männerliebe und Deine Kenntnisse über den schwulen Sex, sind pubertäre Wunschträume. Aber auch Deine Erfolge bei den Mädchen möchte ich im Namen der Heteros anzweifeln. Gut, welcher Hetero hat eine Ahnung von der Psyche, oder gar dem Körper eines Mädchens? Aber dass Du keine Ahnung von Männern hast, erstaunt mich dann doch sehr. Da habe ich mit Heteros schon mehr erlebt! Ich denke, Du hast wohl Dein Männerpaar nicht bewusst aufs Ficken verzichten lassen. Das waren eher Deine unbewussten Ängste um Dein heterosexuelles Renommé. Vielleicht würdest Du minderjährige Mädchen anders flachlegen, wenn Du auch mal selber flachgelegen wärest – nicht nur um Dir einen blasen zu lassen.

Ich will offen zugeben, dass ich als eingefleischter Schwuler weder mit Deinen Drogen, noch mit Deinen hetera Zicken etwas anfangen konnte. Weder mit den Schülerinnen, noch mit der Lehrerin. Aber etwas habe ich bestimmt gelernt: Schon beim Alkohol werden viele Heteromacker sehr viel zugänglicher, als sie jemals zugeben würden. Da haben sich Generationen von denen schnell am Riemen gerissen – und es dann vergessen. Auch ohne geldgestopfte Eltern, Tabletten und Schnee…

Ja, Deine Geschichte erinnert mich sehr an meine frühere Schulzeit. Ich hatte auch mal einen weiblichen Schulschatz, aber interessiert haben mich mehr die Schwänze der Schulkollegen unter der Dusche nach dem Turnen. Ich musste nie mit einer SM per Cellphone Schluss machen. Ich konnte höchstens den einen oder anderen davon mal zum wixen verleiten. Und von den Schul-Lagern und ihren sexuellen Eskapaden habe ich immer nur gehört, aber nie selber so was erlebt.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass sich in Deinem Buch zwei Heteros mal mit Homosexualität versuchen, aber daran scheitern, weil sie ja die Drogen geiler finden. Sie werden sich weiterhin mit Mädchen langweilen. Nachdem Du weder in der Familie, noch in der Schule wirklich geliebt wurdest, hast Du das auch beim Augustin nicht gefunden. Ah! Hast Du vielleicht zufällig den Film Brokeback Mountain gesehen? Ich zwar auch nicht, aber man sagt, die Sexualität zwischen jenen Männern sei da eigentlich gar nicht vorgekommen, nur die Liebe. Tja, Heteros eben, brechen oft zu früh vor dem Orgasmus, äh der Liebe ihrer Partner das Ganze ab. Ich weiss gar nicht mehr, ob der Augustin schneller gekommen ist als Du, oder ob Ihr auch mal gemeinsam ejakuliert habt.

Jedenfalls pädophil ist Dein Buch sicher nicht, auch kein Schwulenporno. Du kannst es also getrost jedem Hetero verkaufen und Deine Lesungen vor Publikum werden vor allem mit den Drogen beeindrucken, so dass die Homosexualität für die meisten kein Problem darstellt.

Tja, das war’s dann schon. Für Nachhilfeunterricht bin ich nicht zuständig. Aber vielleicht hast Du einfach nicht die richtigen Homepages und Foren im Internet gefunden, um zu recherchieren. Das erinnert mich an Profile, in welchen steht: „Anfänger sucht Anfänger, um gemeinsam Erfahrungen zu machen. Aber weisst Du, diese Methode mag zwar romantisch sein, bringts aber nicht wirklich im Leben! Und jetzt bist Du ja bald über Dein Buch hinausgewachsen und Mann geworden. Entweder hörst Du auf mit schreiben, oder Du versuchst es wirklich mal mit einem Schwulen!

Herzlich, Dein Peter Thommen (61)

P.S. hetero Kritiken: „jede Menge Sex“ ? ahem: gähn!

Sacha Sperling: Ich dich auch nicht, Piper 2011, 224 S. € 17.95, ca. CH 25.-

weitere schwule Kritiken:

„Sacha lernt Augustin kennen, gehört dadurch zufällig zu den Coolen, zieht mit ihm um die Häuser und durch die Clubs, experimentiert mit Speed und Mädchen. Doch Sacha verliebt sich in seinen Kumpel, hoffnungslos, dieser spielt zwar nur mit ihm. Wie hier das Lebensgefühl zwischen übermütigen Träumen und stumpfer Illusionsleere fast filmisch erzählt wird, ist unbedingt lesenswert. „Die Sehnsucht nach Apokalypse und Popcorn“, so bringt es Sacha in einem der vielen lakonisch-treffenden Sätze auf den Punkt. Was in einzelnen Szenen brillant und unvergesslich ist, lässt einen als Genzes dann aber doch etwas unbefriedigt zurück. Vielleicht ein allzu arrangierter Skandal-Voyeurismus. Dass Schriftsteller und Hauptdarsteller den selben Vornahmen tragen, ist nämlich auch nur ein raffiniertes Spiel, so trendy wie belanglos. Sacha Sperling heisst eigentlich Yasha Kurys, ist der Sohn eines erfolgreichen Künstlerpaars. So schreibt man heute einen Bestseller. Einen, der seinen Erfolg verdient hat.“ (René Gerber im Cruiser Mai, 2011, S. 9)

Loetscher: war meine zeit meine zeit

27. März 2011

Hugo Loetscher (1929-2009) ist ein schweizer Schriftsteller der Vorkriegsgenerationen. Er hätte mein Vater sein können. Er begann in den sechziger Jahren zu publizieren und bereiste später die halbe Welt, um zu entdecken, dass es jenseits des zürcher Sihlflusses noch andere Ufer gab. Vom „anderen Ufer“ berichtete er in seinem Roman „Der Immune“ (1975). Ich erfuhr sehr viel später davon, denn Loetscher war gar nicht als „homosexueller“ Schriftsteller bekannt.

„getabstract.com“ bietet eine Zusammenfassung dieses Romans, worin Loetscher erstmals von der Weltläufigkeit seines Denkens und Lebens erzählt. „In seinem quasi autobiografischen Hauptwerk blickt der Zürcher Autor und Kosmopolit Hugo Loetscher auf sein Leben als Journalist zurück. Der Immune, die Hauptfigur des Romans, leidet an seiner Überempfindlichkeit und versucht sich abzuhärten, indem er sich allen möglichen Situationen, auch den unangenehmsten, schonungslos aussetzt.“

Das kommt mir irgendwie bekannt vor! Viele Homosexuelle versuchen, sich abzuhärten, mittels zusätzlicher Leistungen, die sie erbringen, grösserer Krativität – aber auch grösserer Destruktivität und Dekonstruktivität ihrer eigenen Persönlichkeit. Vor allem wenn ich an die letzten Jungautoren denke, deren Leben ohne Drogen und HIV nicht zu beschreiben wäre.

„Der Waschküchenschlüssel“ (1973) blickt eindringlich auf Schweizerische Eigenheiten und wie ein Junggeselle in dieser Waschküchenordnung ein heilloses Durcheinander erzielt.

Loetschers letztes Buch erschien einige Tage nach seinem Tod. Anlass genug für mich, in seinen Lebenserinnerungen zu lesen. Ich erwartete nichts „schwules“ von ihm. Lediglich einige Skurrilitäten eines Junggesellenlebens eben. Eines bürgerlich-anerkannten Philosophen, Journalisten, Kulturkritiker und Schriftstellers. Ich las das Buch mit Unterbrüchen über ein halbes Jahr. Das Leben ist kein Trip, kein Orgasmus und auch kein Paradies. Es hat seine Langweiligkeiten und Längen, wie dieses Buch auch. Aber es überraschte mit einigen Rosinen und Erdbeeren, für die es sich für mich gelohnt hat, Zeit mit ihm zu verbringen.

Damit in der Hektik des „heterosexuelle Literaturbetriebes“ die rosa Gedanken Loetschers aus diesem Buch nicht verloren gehen mögen, zitiere ich sie für Euch!

 

„Da dringt das Sonnenlicht in den Regentropfen ein und bricht; an der Innenwand des Tropfens wird ein Teil des Lichtes reflektiert; unter nochmaliger Brechung tritt das Licht aus dem Tropfen, und das weisse Licht wird in seine Farbkomponenten zerlegt.

Ob auch ein Mensch erst Farbe bekennt, wenn er mehrfach gebrochen wird?

Doch dann sah ich die Regenbogenfarben nicht an einem Himmel, an dem sie erlöschen, sondern auf einer Flagge. Die weht von Balkonen, Strassenlaternen, Brückengeländern, Haltestellen, wurde als Kopftuch und Umgang getragen – es war die Fahne der Homosexuellen, welche mit ihr ein öffentliches Bekenntnis ablegten, stolz der Tag, stolz die Woche, stolz die Parade. Die Farbpalette stand dafür, dass unterschiedliche Menschen sich zusammenfinden: die Roten, die Orangen, die Gelben, die Blauen, die Grünen und auch diejenigen, die lila sind.“ (S. 33-34)

(Über die Homoszene in Zürich nach dem Krieg) „Ein Programm anderer Art bot das einzige schwule Nachtlokal. Da schlenderte nicht nur ich an der Türe vorbei, noch eine Kehrtwendung, sich vergewissernd, wer herumstand, bevor man eintrat. Es wurde geflüstert: die, die solche Lokale aufsuchen, werden von der Polizei registriert. Drinnen vernahm man Genaueres. Verschärfte Kontrolle der Pissoirs. In Paris soll verboten werden, dass Männer miteinander tanzen. Die Amerikaner glauben nicht an den Kinsey-Report, so viel Prozent können es nicht sein, die derartige Erfahrungen eingestehen. An der Wand die Reproduktion von Ganymed, entführt vom Adler, und im Himmel erwartungsvoll Zeus, für „Menschen unserer Art“, Gruppenbilder von Heiligabend im Klublokal, „damit im Schein der Kerzen Weihnachten nicht ein Fest der Einsamen ist“. Einer überredet den Typen neben ihm, den Arm auf seiner Schulter: „Auch Shakespeare war so und erst Michalangelo“. Worauf einer aus einer dunklen Ecke kommentiert: „Schwul ist nicht abendfüllend. Vielleicht reicht’s für eine Nacht. Es ist nicht alles schwul, was glänzt.“ Ein rauchgeschwängertes Gedränge, so dass sich nicht nur von Barstuhl zu Barstuhl Schenkel an Schenkel presst.“ (S. 65)

„Was aber, wenn das Ufer, von dem ich komme, nicht das jenseitige Ufer der Sihl ist, wenn es eine andere Art Ufer ist, eines, das jenseits der gängigen Moralität liegt – was, wenn ich nicht liebe, wie diese die Majorität tut.

Ich war zu unzähligen Ufern unterwegs, die anders sind. Dabei hat mich gelegentlich der Reiseführer begleitet, der Auskunft gab: In welchem Land steht auf Homosexualität die Todesstrafe, und in welchem kann man „wegen Zuwiderhandlung gegen den Anstand“ zu Zwangsarbeit verurteilt werden. Wo wurde die Gesetzgebung liberalisiert und wo ist Diskriminierung strafbar – ja, und wie hoch ist das Schutzalter, nicht unwichtig, ob dabei Geld mit im Spiel ist.

Einschlägige Tipps für diesen Ort oder jene Stadt, nicht nur für Hotels oder guesthouses. Adressen von Bars und Clubs, in denen sich eher Ältere und Bärtige treffen, wo Studenten und Pornostars zusammenkommen, oder wo Stricher ihre Dienste offerieren. Aufgelistet, was empfohlen wird an Diskothek und Darkroom, was den Lederfetischisten oder den Liebhaber von gogo boys erwartet. Ob Strip oder Tabledance. Was an Dresscode respektiert werden muss: Leder, blue jeans oder military look. Hat das Kino eine Grossleinwand, oder nur Kabinen? Welche Sauna wartet mit „bösen Buben“ auf, die Sado bieten, oder massieren einfach Männer Männer, und werden mit der Eintrittskarte auch Kondome abgegeben? Hinweise auf Spezialevents wie Transvestiten-Show oder Unterwäsche-Partys. Welcher escort service ist europa- und weltweit zu empfehlen, und weshalb gilt diese Bahnhofs- oder jene Parkbekanntschaft nach Eindunkeln als gefährlich? Und natürlich die Nummer für das Überfalltelefon oder die Aidshilfe.

Wo aber war ich nicht überall dabei, ohne anwesend zu sein. Zum Beispiel als einer, weil er einem Mann beigewohnt hatte, rücklings von einem Felsen gestürzt wurde, worauf einer im Namen Jahwes den ersten Stein warf und ein zweiter den zweiten, bis die ganze Gemeinde steinigte.

Stand ich nicht oben an einer andern Grube. Beide, in flagranti ertappt, waren eingegraben bis zur Hüfte. Am lautesten johlte der neben mir, als er, Allah ist gross, mit seinem Wurf den Kopf des einen traf; er hielt den nächsten Stein zur Kontrolle hin, der durfte nicht grösser als seine Hand sein. Das war vorgeschrieben, um den Tod hinauszuzögern.

Und was für ein Auflauf an Schaulustigen, als ein Sodomit vom Gerichtsdiener aufs Rad geflochten und auf den brennenden Holzstoss geschoben wurde. Der Schrei des Verurteilten ging unter in der Litanei, die die Gerechtigkeit der Heiligen pries: ein christliches ora pro nobis.

Hätte ich nicht auch angestanden, um den amerikanischen Ex-Kombattanten im Gefängnis zu besuchen, auch wenn nur ein kurzes Gespräch durch eine Trennscheibe hindurch toleriert worden wäre? Hinter dem Glas der Sergeant, der vor seinen Richtern bekannte: „Ich habe im Vietnamkrieg einen Mann getötet und wurde dafür ausgezeichnet, ich habe in den USA einen Mann geküsst, dafür kam ich ins Gefängnis.“

Haben Eier und Tomaten nicht auch mich getroffen, obwohl ich nicht mitmarschierte bei den Pride-Paraden – ob in Moskau oder Bukarest, oder sonst wo. Auch mir haben sie ein Transparent entrissen. Auch auf mich, der ich vor dem Bildschirm sass, haben bekennende Patrioten und militante Christen eingeschlagen, für einmal war ich froh um die Wasserspeier der Polizei.

Zu einem Drink aber habe ich live eingeladen (frag auch den Jungen in der Ecke, was er mag, den mit den zerschlissenen Jeans und der Schirmmütze im Gesicht). Im Stonewall an der Christopher Street im New Yorker Greenwich Village. Hier, in diesem Szenetreff, trank ich auf die gays, die eines Nachts die Polizei nicht mehr hinnahmen. Die Polizisten verhafteten schon wegen eines Kusses oder wegen Händchenhaltens und nahmen sic mit höhnender Vorliebe Transvestiten vor. Die Gays schlugen zurück, nicht mehr nur Schwarze und Hispanics. Ein paar tausend gegen ein paar hundert Polizisten. Flaschen und Steine gegen Gummigeschosse und Knüppel. Nicht bloss Handgemenge, sondern Tumult und Aufruhr. Drei Tage Rebellion – gay power.

Das war etwas anderes als die Razzien im Nachkriegs-Zürich mit seinem Schwulenregister. Wegen der Homosexuellen würden sich Geschlechtskrankheiten ausbreiten. Daher Verhaftungen und Zwangsuntersuchungen. Ein lokales Kapitel der Brunnenvergiftung, das sich wiederholte, als Aids als Schwulenepidemie diffamiert wurde. Bis die Immunschwäche international auf die Hetero-Agenda kam und afrikanische Heime sich mit Aids-Waisen füllten.“ (S. 188-190, Auszug aus einem vieles übergreifenden Homo-Thema-Kapitel, bis S. 208)

„Das Café Pierre Loti gibt es noch. Nur dass jetzt eine Schwebebahn zur Eyüp-Sultan-Moschee hinunterführt. Damals stieg ich zu Fuss den Hügel hina, strekcenweise auf einem Trampelpfad, durch den Friedhof, der sich den Hang entlangzieht. Unter alten Zypressen blumenlose Gräber, manche mit hohem Gras überwachsen. Mit Blüten und Muscheln verziert die Grabplatten der Frauen, die Stelen der Männer mit einem Turbanmotiv gekrönt, der schiefe Turban ein Zeichen, dass der Tote geköpft worden war. Ich versuchte, einem Alten auszuweichen, der sich mir in den Weg stellte. Ein struppiges Gesicht, der Mund fast zahnlos, als Gürtel eine Schnur, die Hose ausgefranst, barfuss, das eine Bein nachschleppend. Schliesslich folge ich ihm in seine Behausung, eine Unterschlupfhöhle mit einer Grabplatte als Dach. Die Matratze zerschlissen, ein paar Kerzenstummel, auf dem Boden ein angeschlagenes Emailbecken. Er hinkte in eine Ecke und holte hinter abgegessenen Melonenschalen etwas hervor, streckte es mir hin: „Ich war damals ein Junge. Von Pierre. Von Loti.“ Ein Roman des französischen Schriftstellers, der in jenem Café viel geschrieben hat und sich gern mit Jungen umgab. Das Buch in rotes Leder gebunden, mit Goldschnitt. Der Mann, der mir zum Abschied die offene Hand hinhielt, bettelte nicht, er verkaufte eine Erinnerung.“ (S. 172-173)

 

Ist es nicht faszinierend, wie ein Schriftsteller seine Erinnerungen weitergibt? Wie er wiederum sich an die Erinnerungen Anderer erinnert? Wie ein ganz normaler bürgerlicher Schriftsteller sich an Geschichte und Subkultur anheftet, sich mit ihr identifiziert und auch ein Teil von ihr ist, wiewohl er zu den Tatzeiten abwesend war? Und über welche Symbole er sich mit Anderen verbunden fühlt.  Peter Thommen (61)

Hugo Loetscher. War meine zeit meine zeit, 410 S. Diogenes 2009, € 21.90, ca. CHF 36.-

 

Pierre Loti (1850-1923), französischer Schriftsteller, erwähnt von Hugo Loetscher

Spartacus – Guide durch eine “schwule Welt”?

11. März 2011

Im Jahr 1968 erschien der erste weltweit reichende „Gay Guide“ für Schwule. Erfinder und Herausgeber war John D. Stamford, ein Engländer in Amsterdam. In seinem Guide gab er an, an der Gesetzesreform der 60er Jahre in England beteiligt gewesen zu sein. 1973 erfolgte eine „Wiedergründung“ in Amsterdam, wo er anscheinend im liberaleren Klima unbehelligter für die schwule Sache arbeiten konnte. Jedenfalls scheint er aus Kreisen zu kommen, die sich aus Gerechtigkeitsstreben für die eigenen homosexuellen Interessen und die der anderen eingesetzt haben.

Das Unternehmen Spartacus ist bis in die 80er Jahre zu einem beachtlichen Klein-Unternehmen angewachsen und hat auch Nachahmer gehabt. Selbst seine Angestellten löschten ihm 1986 die Computerdaten, um etwas Eigenes aufzuziehen. Zu diesem Zeitpunkt entschloss sich Stamford, mit dem schon einige Jahre bestehenden schwulen Verlag Bruno Gmünder in Berlin zusammenzuarbeiten. „Ich werde ausgiebig reisen und die Schwulenszene erkunden, um die Informationen nach Berlin weiterzuleiten.“ (Spartacus 1987, S. 15)

Zu der Zeit verbreitete sich auch die Immunschwächekrankheit AIDS und deren Bekämpfung wurde ein Thema in dieser „Schwulenbibel“, die inzwischen wegen des grossen Umfangs auf dünnes, aber festes Bibel Papier gedruckt werden musste.

So erschien – nach einem Jahr Unterbruch – 1987 der Guide weiter und einige Jahre später (1994) verkaufte er ihn an den Verlag.

Am Anfang war Stamford auf die unzähligen Tipps und Infos seiner Leser aus den homosexuellen Milieus der Städte angewiesen. In diskreteren Fällen fand sich ein Eintrag des grössten Hotels einer Stadt, oder von Toiletten, Parks und Stränden.

Stamford reiste mit seinem Adoptivsohn und Freund Rhickie das Jahr über durch die Kontinente und sammelte Inserate und Informationen an den Orten. Mit dem eingesammelten Geld finanzierte er den Druck und den Versand. Verteilt in alle Welt wurde der Guide regelmässig aus Düsseldorf, von Gero-Vertrieb, einer hetero Pornohandelsfirma.

Schon 1977 beklagte sich Stamford über Raubdrucke. Ausserdem darüber, dass es Diskriminierungen gibt, der Art, dass entweder ältere Homosexuelle (er war schon etwas älter!), Lesben, oder überhaupt Homosexuelle irgendwo plötzlich nicht mehr eingelassen wurden. (Damit wird auch sichtbar, dass Lesben die gay Lokale zum Teil „mitgenutzt“ haben.)

„Viele Leser haben uns in den vergangenen Jahren geschrieben, dass sie sich in bestimmten Bars als nicht gern gesehen empfinden, oder meinen bestimmte Verhaltensweisen seien gegen sie gerichtet. Viele beklagen Einsamkeit, ungesellige Bars, unfreundliche Leute, etc. Allen jenen möchte ich sagen, dass es auch aus der Homoszene herausschallt, wie man hineinruft. Beklagen Sie sich nicht, dass den ganzen Abend keiner mit Ihnen gesprochen hat! Fragen Sie sich lieber einmal selbst: Haben Sie mit irgendjemandem gesprochen? Wenn Sie in eine Bar gehen, um dem Sex nachzujagen und dann frustriert herauskommen, so haben Sie sich allein selbst zu tadeln! Wenn Sie aber dahin gehen, um ein wenig von ihrer Herzenswärme, ein bisschen Liebe anderen Leuten zu geben, werden Sie überrascht sein, was Ihnen zuteil wird. Je mehr sie bereit sind zu geben, desto mehr werden Sie empfangen.“ (Spartacus 1977, S. 16-17) Stamford wollte auch eine Art Heim für Schwule erbauen, wo die Verfolgen und Einsamen zur Ruhe kommen und Ihresgleichen treffen konnten…

Doch wer war nun dieser „Spartacus“? Er war ein römischer Sklave und Gladiator thrakischer Herkunft. (Wikipedia) „Plutarch schreibt, dass dieser Thraker nicht nur über einen starken Körper sondern auch über einen starken Geist verfügte, sehr gebildet und intelligent war, und vermutete in diesem Sklaven eine kultivierte Abstammung.“ Er kämpfte über mehrere Jahre als Anführer mit einem respektablen Anhang gegen das römische Establishment. Denn dessen Herrschaft und sein Reichtum beruhten auf  kriegerischer Ausbeutung.

Es wird immer schwieriger, besonders bei der schnell-lebigen ökonomischen Entwicklung heute, die Lokale, Treffpunkte und Informationen für eine „schwule Welt“ aktuell zu halten und an die Interessenten zu bringen. Das Internet ist heute für viele Männer die Quelle für diese Informationen geworden. Diese „Welt der Homosexuellen“ ist nicht mehr nur in der nächst grösseren Stadt, oder in fernen toleranten Ländern zu finden, sondern meistens auch vor der eigenen Haustüre! Die Scham, diese „anderen Türen“ zu suchen und dann auch einzutreten, ist nach wie vor gross! Die Erkenntnis, „der fremdartige Kuckuck“ in der eigenen Familie zu sein, lähmt viele Jungs und verhindert, dass sie ein selbstbestimmtes Leben führen können. Das heterosexuelle Leben steht auch Schwulen offen, wenn sie ihre Mitmenschen zur Akzeptanz anhalten! Die schwule Welt steht auch allen Heterosexuellen offen, wenn diese denn die gesellschaftliche Diskriminierung nicht mehr als Deckmantel für eigene verklemmte Bedürfnisse missbrauchen würden! Aber das wäre der Zusammenbruch der heterosexuellen Fassade unserer Zivilisation.  

Peter Thommen (2006/11)

bestellung@arcados.com Hier die Details zum  SpartacusGuide 2011 (öffnet PDF)

Nachtrag vom 18. August 2011

In den letzten Wochen ist ein Martin B. an mich herangetreten, um in Sachen John Stamford zu “recherchieren”. Ich habe durchaus auch meine Vorbehalte gegenüber John Stamford und seinen Geschäftspraktiken, oder seinem Privatleben. Er ist übrigens an einem Herzinfarkt während eines Strafverfahrens in Holland im Gefängnis verstorben. Man kann also den Lebenslauf Stamfords durchaus kritisch diskutieren, was in meinem obigen Text auch zum Ausdruck kommt.

Wie ich an der “Recherche”-Arbeit von Martin B. sehen kann, dienen aber seine Ergebnisse dazu, persönlich auf den Verlag und Bruno Gmünder einzuhauen. 

Auch an schwulen Einrichtungen gibt es einiges zu kritisieren. Ich nehme aber Abstand von irgendwelchen persönlichen Rachefeldzügen! 

Es ist üblich geworden, an den Schwulen nicht mehr grundsätzlich zu “rütteln”, dafür kramt man in irgendwelchen “pädophilen” Vergangenheiten, um Personen oder Einrichtungen zu demontieren. Der angebliche Kinderschutz und Moralfinger entlarvt sich aber immer dann, wenn vor sachlicher Information über Homosexualität – vor allem gegenüber Kindern – gewarnt wird. (Siehe Wahlkampf in Berlin, 2011) 

Gerade die Unwissenheit von Kindern und Jugendlichen über Homosexualität (das viele von ihnen in verschiedentlichem Ausmasse betrifft, egal wie sie orientiert sind oder werden) ist die Grundlage für sexuelle Fremdbestimmung und Übergriffe. 

Interessanterweise gilt es meistens, die Gesellschaft und Kinder vor “Homosexualität/Pädophilie” zu schützen. Aber die schwulen Jungs schützt niemand vor heterosexuellen Übergriffen, vor Mobbing und Verzweiflung, so dass sich nicht wenige schon mal das Leben nehmen. (Ist ja quasi nicht schade um “die”…)   :-(

Gerechterweise bedarf es der Information aller, damit alle zu einer Selbstbestimmung in der Sexualität kommen und sich auch schon verbal darüber verständigen können. Das war auch immer das Ziel emanzipatorischer Arbeit.

Es kann nicht sein, dass heterosexuelle Kinder und Jugendliche sich in ihrer Sexualität und ihrer Literatur wiederfinden, aber homosexuelle nicht. Ich habe einige Kinder- und Jugendbücher gelesen in letzter Zeit, die auch von Frauen verfasst worden sind, aus diversen Verlagen, oder im Selbstverlag. Das einzige Jugendbuch, in dem junge Schwule nicht “ohne Unterleib” dargestellt wurden, erschien bei Gmünder…  (Davies: Meine Sicht der Dinge, 2010)  (Über die Erkenntnisse aus dieser Lektüre werde ich auch etwas schreiben!)

Interessant die Beobachtung, dass wohl erwachsene  Leser in den Verdacht der “Pädophilie” kommen, aber niemals die erwachsenen AutorInnen oder Autoren, die sich wohl mit der Ausblendung des Unterleibs davor schützen dürften…

Vor 10 Jahren bin ich mit meinem Laden selbst in eine “antipädophile” Kampagne des “Beobachter-Magazins” geraten. Darüber werde ich demnächst etwas ausführlicher schreiben.

Diese Art der “Aufarbeitung” wird demnächst noch zunehmen. Ich warte schon interessiert auf  ”gefundenes” Fotomaterial von Schwulendemos, in denen Minderjährige mitlaufen, damit man der Schwulenbewegung dann insgesamt vorwerfen kann, sie hätte Kinder missbraucht.

Es ist ein Versäumnis der Schwulenbewegung insgesamt, dass sie die Schwierigkeiten der Gesellschaft mit homo/bi-sexuell aktiven oder schwul orientierten  Kindern und Jugendlichen nie thematisiert hat. Dabei werden die Vorwürfe eigentlich nur gegen Männer erhoben, die Frauen/Lesben sind merkwürdigerweise nie das Ziel. Womit wir bei einem Sexismus wären, der totgeschwiegen wird.

Immerhin sollten wir uns dagegen wehren, dass Jungs immer in die Kiste mit den Mädchen geworfen und vor allem Möglichen geschützt, statt aufgeklärt werden.

Sexuelle Handlungen von über 18jährigen mit Kindern unter 16 Jahren sind strafbar (In der Schweiz gilt Straffreiheit bei einem Altersunterschied von nicht mehr als 3 Jahren darunter). In der Schweiz ist ab 16 Jahren die volle sexuelle Selbstbestimmung gewährt. Aber das soll politisch auch schon wieder eingeschränkt werden (Frau will Prostitution von 16-18 auch noch/wieder verbieten)

Ich darf auch daran erinnern, dass in der Schweiz von 1942-1992 offiziell das Schutzalter für homosexuelle (w und m) Handlungen bei 20 Jahren lag. Wir waren damals also alle “pädophil”. Und wiewohl Homosexualität ab 20 Jahren erlaubt war, ihre Darstellung war offiziell bis 1992 verboten.

Zum Schluss: Wer mit dubios(ierten)en Texten, Fotos und Zeichnungen glaubt, “antipädophile Kampagnen” reiten zu können, der verzichtet wohl aus persönlichen Ressentiments bewusst auf  Details – wie zB detaillierte Angaben über wechselnde Schutzaltersgrenzen verschiedenster Länder…

Peter Thommen, Schwulenaktivist und Buchhändler

Innenansichten eines gay Teenagers

06. Januar 2011

Schon am Anfang dieses Buches, das in London und Umgebung handelt, musste ich mehrmals laut lachen und öfters schmunzeln über die Schreibe von Will Davis. Und mit seiner brutal-ehrlichen und schräg-sarkastischen Erzählweise zog der heute 30jährige Autor mich in seinen Bann und in sein Leben hinein. Mich beeindruckte einfach der Titel: „Meine Sicht der Dinge“, denn da ist einer nicht zu feige, Stellung zu beziehen!

Davis wurde 1980 geboren und wuchs in den Herrschaftsjahren von Margareth Thatcher auf, deren Regierung bekanntlich jegliche staatliche Hilfe für Homosexuelle verboten hatte. (Clause 28)

Sein Leben spielte sich im Haus seiner spröden Familie, sowie in der Schule ab. Seine beste Freundin ist eine Mitschülerin, seine Schwester ist gläubig und auf der Schule hat es Nazis, die mit Messern herumfuchteln

„Es ist aber nicht so, dass in meiner Story sehr viele aufregende Sachen passieren werden; ich will ja nicht lügen. Und das war auch schon der Hinweis. Ich wollte eigentlich noch irgendwas faseln, dass ich mich nicht als total toller Erzähler aufspielen will, der die Leute für sich gewinnen möchte, aber das wäre bloss Zeitverschwendung. Und wenn ihr deshalb jetzt nicht weiterlesen wollt, dann ist mir das scheissegal.“ (S. 7)

Es gibt eine Menge Streitereien in dieser Familie und an der Schule, die er gerne mit Aussprüchen wie: „Bring es doch bitte hinter uns!“ kommentiert. Was nicht heisst, dass er nicht auch mal den jungen Baum über dem Katzengrab seiner Schwester zertrampeln kann, oder dem Erdkundelehrer eine haut, weil er ihn aus der Schwulendisco hinauskomplimentiert hat.

Jarold, oder besser Jaz – wie er genannt wird – ist aus seinem Leben heraus so frech, wie das Leben oder die Leute auch zu ihm sind.

„Ich weiss nicht, was mit mir los ist, aber ich verspüre oft den Drang zu lächeln, wenn jemand versucht, mir gegenüber ernst zu sein. Dieser Jemand ist in der Regel Mum, also ist das nicht so schlimm, aber ein-, zweimal ist es mir bei Lehrern passiert, und das hat mir eine Menge Aerger eingebracht. Ich fühle, wie es jetzt in mein Gesicht kriecht, wie ein Wurm.“ (S. 15)

Gerade ist sie in sein Zimmer geplatzt, für das er keinen Schlüssel hat, aber manchmal einen Schaft vor die Türe schiebt.

„Ich weiss, es ist hart für dich, Jaz, sagt sie. Ich denke an meinen harten Schwanz und daran, wie recht sie hat. Warum kann sie nicht einfach gehen? Aber stattdessen hört sie nicht auf, zu beteuern, wie sehr sie mich liebt, aber ich wäre so verschlossen, und sie wüsste, wie schwierig das alles sei, aber manchmal habe sie keine Ahnung, was in mich gefahren wäre und ich solle mich doch ein bisschen mehr öffnen. Die Frau macht eine Anspielung nach der anderen. Ich versuche krampfhaft, zu nicken und mein Kichern in ein Räuspern zu verwandeln, aber auf einmal sagt sie: Ich will meinen kleinen Jungen Jarold zurückhaben, und das in einer so sentimentalen Stimme, dass ich mich nicht mehr beherrschen kann. Ich: Komm drüber hinweg, und dann sagt sie mir, ich wäre herzlos, aber wenigstens kommt die Botschaft bei ihr an und sie verschwindet. Natürlich ist mein Ständer mittlerweile auch verschwunden.“ (S. 16)

Nun schickt er seiner besten Freundin eine SMS: OGOTT ELTRN HABEN GRAD RAUSGEF, DASS I SCHWUL BIN VOLL SCH, MORGN MHR!

Am anderen Morgen nimmt sein verhängnisvolles schwules Leben seinen Lauf, weil diese im Bus nicht ihren Mund halten kann und vor Aufregung plappert…  Schnell erreicht dieses Wort die Schule und macht die Runde. Das gibt Schwierigkeiten mit Arschgesicht und Bulldogge.

„Fabian lässt seinen Blick zwischen uns schweifen und kichert wie eine alte Hexe. Er sagt (zu ihr): Pass nur auf Schlitzi, sonst steche ich dir und deinem kleinen Schwuchtelfreund die Augen aus.

An dieser Stelle fühle ich mich dazu aufgefordert, auch einen Gesprächsbeitrag zu leisten: Geh doch bitte eine Kettensäge ficken, ja?

Fabian schenkt uns diesen comicartigen Bösen Blick, den er wahrscheinlich daheim vorm Spiegel übt, und zeigt dann sein Zungenpiercing.“ (S. 18)

Davis kann sehr genau beschreiben und streut seine neunmalklugen oder altklugen Gedanken in seine Texte hinein, so dass wir uns gleich in ihm drin fühlen. Wir erfahren all das, was Teenager nie gefragt werden, oder auch nicht freiwillig erzählen würden. Er schenkt uns einen Text, der frei ist von Sexualzensur, aber dennoch moralisch gefärbt. Einer Moral, die sich aus den Erfahrungen ergibt, die er noch und noch macht.

Manchmal spult er sein Leben einfach etwas vor, weil er unbedingt etwas erklären muss. Manchmal blendet er zurück und erinnert sich an Vergessenes. Er will aus seinen Kinderhosen hinaus und Mum und Dad wollen ihr Kind „so behalten“. Das klassische Drama einer bürgerlichen Familie halt, die das wohl nie begreifen werden.

Jaz und Al – so heisst seine beste Freundin – besuchen also die gay disco in Brighton, und Jarold begegnet da auch „seinem Typen“, bei dem er zu landen versucht und erst beim zweiten Anlauf an die Mobile-Nummer und Adresse herankommt. Al schiebt ihm später auch eine „E“ in den Mund und Jaz fliegt ganz schön auf die Droge, während deren Wirkung er sich später von dessen älterem Wohnpartner zum erstenmal und – blutig – ficken lässt.

Witzig sind die Szenen beim Psychiater, zu dem er seine Eltern begleiten soll. Jedenfalls schafft seine Mutter einen Turm „Selbsthilfebücher“ an und am Schluss hat dieser Fachmann noch ein Verhältnis mit Jaz’ Erdkundelehrer.

Es wird dem Leser also selten langweilig, gibt viel zu lachen und über Jarolds Gedanken auch nach-zu-denken. Er spielt nirgendwo die „armes-Opfer“-Rolle, auch wenn er immer mal wieder „sehr tief fällt – tiefer geht’s nimmer“ – er nimmt die Herausforderungen an.

Ich denke, der englische Text hat offenbar eine sehr gute Übersetzung bekommen, die sich nicht nur auf ein „hey krass, Alter!“ beschränkt.

Ich hoffe Ihr habt auch so viel Vergnügen an einem Jugendbuch, das übrigens auch von „heteromässig“ daherkommenden Jungs gelesen werden kann (Zunge-raus-streck!)  Peter Thommen, Buchhändler

Nun meine Kollegen aus Wien:

„Will Davis lässt Jaz ein ziemlich konventionelles Leben führen und seine Ausbruchsversuche und Ansprüche an Eigenständigkeit zielen darauf, in Ruhe gelassen zu werden und den Massstäben der eigenen Normalität genügen zu können… Jaz ist etwas Besonderes, gerade weil er sich solchen vergleichenden und damit von aussen an ihn herangetragenen Massstäben gar nicht stellt. Seine Besonderheit liegt gerade in seiner Normalität, ein vermeintliches Paradoxon, dass der Roman erzählerisch wie sprachlich überzeugend vorführt – fesselnd, weil Jaz’ einerseits aus der Ich-Perspektive erzählt – aber es eben nicht „seine Geschichte“ ist, sondern „seine Sicht der Dinge“. (Aus dem Text von Veit G. Schmidt, Löwenherz, Wien)

Will Davis: Meine Sicht der Dinge, Roman, Bloomsbury 2007, Bruno Gmünder, 2010 , 235 S.  ca. CHF 24.-

In Basel erhältlich bei ARCADOS und gay-mega-store, aber wohl nicht in jedem Buchladen – grins!

Hier einige Links über den Autor:  seine Homepage

Wie das Buch den Weg in die Oeffentlichkeit fand

Reviews: greatgayreads, media-culture

Davis’ zweites Buch Dream Machine

Wie er mir per email geantwortet hat, schreibt er bereits am dritten Buch!

Ech ha di gärn

01. Januar 2011

Gedicht eines Schülers

Wie mängisch flemmereds öbere Bildschirm? Ech ha di gärn.

I wie mängem Buech esch es drockt? Ech ha di gärn.

Doch wie schwär esch es för mech doch? Ech ha di gärn.

Ech ha der das scho mängisch wölle säge: Ech ha di gärn.

Wie mängisch han ech mech ufgregt dröber: Ech ha di gärn.

Wie mänge het s scho för si Profit gnötzt: Ech ha di gärn.

Doch ech wet ders etz ou säge: Ech ha di gärn.

Wie mängisch han ech Wetz dröber gmacht? Ech ha di gärn.

Wie mängisch han echs onderdröckt: Ech ha di gärn.

Wie mängisch esch es onderdröckt worde? Ech ha di gärn.

Wie mängisch ben ech z jong gse? Ech ha di gärn.

Doch ech muess ders etz doch säge: Ech ha di gärn. doch ech brenges ned öber d Leppe.

Ech ha di gärn. Es esch ned “rechtig”: Ech ha di gärn.

Jede Obe säg is zo dim Bild: Ech ha di gärn.

Du – du besch nämlech e Ma!

Hanspeter, 16, Schüler, Niederrickenbach, in der Zeitschrift team, 1984