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Vor 40 Jahren begann ich in Basel mit dem ARKADOS Versand

Mittwoch, 26. März 2014

Auf Schnapsmatrizen umgedruckt wurden die ersten Verzeichnisse, die ich ab einer Postfachadresse verschickt habe. Ich arbeitete in jener Zeit im Bestellbüro meiner vorherigen Lehr-Buchhandlung und hatte angefangen, in Deutschland „einschlägige“ Magazine zu bestellen. Es gab du&ich, DON und him. Diese bestellte ich an meine Privatadresse und versendete sie an interessierte Kunden. Selbstverständlich diskret in Zeitschriftenumschlägen. Das muss so im Juli 1974 begonnen haben. Später kam noch das Schweizer Heft „hey“ dazu.

Abends kam ich nach hause und leerte erstmal das Postfach, um dann einige Treppen in einem Altbau hochzusteigen, wo ich meine erste Wohnung gemietet hatte. Im Schlafraum stand ein weisser Schaft und ein weisser kleiner Tisch, den ich mir später gekauft habe. Das war mein Büro.

In diesen deutschen Schwulenmagazinen standen auch Hinweise auf Bücher zum Thema, die ich mir bestellte und weiterverkaufte. So viele gab es damals noch nicht – und die wenigen anderen kannte ich einfach noch nicht!

Meine Kundenadressen suchte ich anfangs mittels kleinen Rubrikinseraten in der TAT, dem Brückenbauer und der Zürcher Studentenzeitung zusammen. Dann in linken Magazinen. Die Coopzeitung verweigerte die Publikation.

Informationen über homosexuelle Thematik: Bücher, Beratungsstellen, Elternkontakte, Schriften, Infos, Freundschaftsanzeigen. Arcados-Verlag, Postfach, Basel. (gegen 40 Rp in Briefmarken)“

Laud Humphreys „Klappen-Sexualität“, das ursprünglich 1970 in Chicago erschienen war, bildete das einzige wissenschaftliche Fenster in homosexuelles Verhalten in öffentlich zugänglichen Räumen, es erschien 1974 bei F. Enke. Der Autor bewegte sich über längere Zeit auf öffentlichen Toiletten und beobachtete das Verhalten von Männern. Schon hier war klar, dass es mehr Sex zwischen Männern gibt auf der Welt, als solchen mit, oder unter Schwulen! Ein Klassiker, ebenso wie Guy Hocquenghems „Das homosexuelle Verlangen“, das 1972 in Paris erschienen ist. Es erläutert die Begriffe der Homo- und Heterosexualität, die Ideologie, die sie geschaffen hat und warum die Gesellschaft das aufrecht erhalten will.

Das „Kritische Lexikon Homosexualität“ war ein von Laien zusammengestelltes und billig gedrucktes Büchlein aus Deutschland. Siebzig Stichwörter über alles, was das Schwulsein betrifft.

Ergebnisse zur Sexualmedizin“ war 1973 erschienen, als Publikation junger Mediziner in Köln, die sich über fehlende Studien auf diesem Gebiet beklagten. Entweder wurde damals den Frauen jegliche Orgasmusfähigkeit abgesprochen, oder sie wurden „ersatzweise“ auf die Kinderaufzucht verwiesen. Lust hatte der Mann „zu erbringen“, Frauen durften „empfangen“. Auch über sexuelle „Abweichungen“ gab es wenig Informationen. (Angebot Juli 1974)

Im Herbst des gleichen Jahres erschien „Der gewöhnliche Homosexuelle“, eine soziologische Studie von Martin Dannecker und Reimut Reiche im Fischer Verlag. Für viele Jahre war das der Klassiker der Sozialforschung zum Thema Homosexualität im deutschsprachigen Raum. Vergleichbar mit Kinsey’s Befragungen aus den 40ern.

Hans Giese hatte Ende der 50er Jahre aus Daten, die er anonym unter homosexuellen Kreisen, sowie in seiner Sprechstunde erhoben hatte, „Der homosexuelle Mann in der Welt“ 1957 bei Kindler publiziert. Aus der Schweiz war Theodor Bovets „Probleme der Homophilie“ bereits 1965 bei Haupt, Bern erschienen. Darin enthalten ist die erste neuzeitliche theologische Interpretation antihomosexueller Bibelstellen durch Else Kähler (1917-2011), eine strafrechtliche Würdigung von Günther Stratenwerth, sowie die Betrachtungen der Zürcher Sittenpolizei, von Hans Witschi.

Sehr vieles in der damaligen Zeit wurde entweder theologisch, philosophisch, oder medizinisch umrahmt. Eine „Sexual“-Wissenschaft war erst am Entstehen! (für Interessenten gibt es hier einen Katalog erster Sachbücher (1978) in deutscher Sprache zur Homosexualität)

(wird fortgesetzt!)

Was ist der Buchladen heute?

coming out ist lebenslang!

Dienstag, 08. Oktober 2013

Der „coming out day“ wurde 1988 in den USA ins Leben gerufen, um jährlich daran zu erinnern, dass es irgendwann eine Linie im Leben eines Mannes gibt, die ihn zu einer Selbsterkenntnis und zur Wahrnehmung durch Andere führt.

Für die heterosexuelle Kultur ist das etwas ganz Selbstverständliches! Unter Jungs die erste Ejakulation, in der Schule der erste Schulschatz, der „mit einem geht“. Später der erste Kuss und der erste Koitus! Alle freuen sich darüber und Eltern warten meistens auf diese „ersten Male“. Auch nicht mehr solange bis zur Verlobung oder Heirat…

So hat jedeR Hetero/a einen natürlichen Verlauf von coming out als Person, als Sexualpartner und Bezugsperson. Und selbstverständlich sind sie stolz darauf, wollen die Freude der ganzen Welt erzählen! Dazu gibt es triviale und literarische Vorlagen, Filme, und Musik, oder heute das fb, das Iphone und die verschiedensten Apps…

Eigentlich könnten sich ja alle auf denselben Plattformen bewegen. Aber das würde nur „stören“! Da schleichen sich die viertel-, die halb- und die „ganzseidenen“ Heteros lieber in die schwulen Plattformen hinein.

So ist es Tradition, dass die Schwulen ganz eigene Kontaktebenen entwickelt haben. ARCADOS war der erste schwule Buchladen im deutschsprachigen Raum (1977). Wenigstens der erste, der als solcher auch so offen auftrat, mit einer handvoll deutschsprachiger Bücher.

In den 70er Jahren gab es nur furchtbar verkopfte Bücher, vor allem linker Provenienz. (Homosexualität als „Nebenwiderspruch“!) :P

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In den 80ern kamen dann die „unkomplizierten“ Taschenbücher – sogar in allgemeinen Verlagen wie Rowohlt! Unvergessen „schwul na und?“ von Thomas Grossmann (1981) Sie kamen im outfit jener Zeit daher und vermittelten Luft. Besonders in Erinnerung eine Zeichnung: Ein Vater am Bett einer Domina, mit Hundehalsband: „Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass mein Sohn ein perverser ist? Stell dir vor er ist schwul!“

Ein Jahr später: Männer. LiebeEin Handbuch für Schwule und alle, die es werden wollen.“ von Matthias Frings und Elmar Kraushaar (1982) Sie gaben Einblick in die Szene, die Ikonen und das Privatleben. Sogar die Schwulenbewegung kriegt ihr Kapitel darin. Ein wunderbares Zeitbild.

Dann kam 1984 eine Handreichung für Eltern, wiederum von Thomas Grossmann. Doch ihr Einbezug war schwierig, wegen der Familiensituation.

Schliesslich „Beziehungsweise andersrum schwul – und dann?“ nochmals von Grossmann. In allen diesen Büchern fand eine Auseinandersetzung mit sich und Anderen statt. Der Leser bekam eine vielfältige Sicht auf Biographien und Lebensläufe. Schwulsein öffnete sozusagen die bürgerliche Sicht auf das Leben in seiner schwulen Vielfalt. Doch davon ist heute nicht mehr viel übrig geblieben.

Eigentlich geht es den Schwulen wie den Kindern! Sie erhalten Sexualinformationen, die eigentlich ihrer Lebensweise schon vorgefertigte heterosexuelle Erfahrungen und Empfehlungen vorgesetzt bekommen. Schwulen Sex macht man, mit dem Ziel den Mr. Right gleich fürs Leben zu finden. Dazu braucht es – wie bei den Frauen – viel Kosmetik, sowie Sport, Fitness, Parties und Ferienreisen…

Eine Meditation oder Auseinandersetzung ist nicht mehr nötig. Es kommt auf die Accessoires und die Fetische an. Zudem steht uns das Kamasutra mit allen möglichen Sexualpraktiken zur Verfügung, so dass es uns eigentlich bis 80 nicht langweilig werden kann! Hä?

Schwule sind inzwischen nur noch eine Gruppe unter vielen Sexualorientierungen, wie Asexuelle, Transsexuelle und andere. Wir sind zu einer Minderheit in den Minderheiten geworden. Der Buchladen als Treffpunkt hat sich längst überlebt. Schon ARCADOS wurde übrigens mit dem Vorwurf eines „Pädophilentreffpunktes“ – noch im letzten Jahrhundert – angegriffen. Redet keineR mehr davon heute… So schlimm kann es also nicht gewesen sein! ;)

Es gibt aktuell auch keine Bücher mehr für Jungs, die wissen wollen, was auf sie wartet. Das suchen sie sich im Internet zusammen. Oder stellen ihre Sexualität selbst darin dar. Aber das ist den Heter/as ein Dorn im Auge. Mittels Kriminalisierung von „Kinderpornografie“ (bald bis 18) versucht Frau, dies wieder in den Griff zu bekommen. Meistens fehlt auch die Angabe, was denn genau darunter verstanden werden muss. Kann jedeR die schlimmsten Sachen damit meinen – eine inhaltliche Auseinandersetzung darüber ist obsolet.

Die aktuellen Sexualinformationen werden von den Aidshilfen produziert und verteilt und diese wiederum nehmen Rücksicht auf die Kontrolle aus der Politik. Kein wagemutiger grösserer Verlag mehr und schon keiner, der an schwulen Käufern interessiert ist. Die meisten Kinder- und Jugendbücher zum Thema werden von Frauen geschrieben und sind so ziemlich „asexuell“.

Das relativ neue „Milchbüechli“ (aus Baden) nimmt sich – auch mit Unterstützung staatlicher Stellen – der Sexualinformation – jetzt verschiedenster – Minderheitengruppen an. Aber wenn es um Analverkehr geht, dann sollte schon klar werden, dass es bei Frauen und Männern nicht das gleiche Gefühl und die Wirkung sind. In der aktuellen Nummer fünf gibt es Rat: „In Pornos habe ich gesehen, dass mit Urin Sexspiele gemacht werden, ist das normal?“(J. -17 J.)

Die sehr „weibliche“ Antwort darauf ist: „Um herauszufinden, was dir gefällt, probierst du es am besten aus. Herumexperimentieren macht Spass…“ Klar, dann sind die Leute beschäftigt. Und es muss sich für die Beteiligten „gut anfühlen“. (S. 15)

Jeder Fetisch ist dann „normal“, wenn er auch von allen verstanden wird – und nicht nur Spass macht. Wir halten es allgemein auch mit „der Homosexualität“ so! Anstelle der Fachausdrücke ist der Zusammenhang wichtig. Letztlich ist heute „alles normal“, nur verstehen tut es keineR… (Das erwarte ich schon von StudentINNen und Linken!)

Ganz zu schweigen von der politischen Dimension. Pornokonsum wird bald erst ab 18 Jahren erlaubt sein und vorläufig sind Darstellungen wie „Watersports“ und „das was ins Klo gehört“ ebenso schwer strafbar wie die allseits verfolgte Kinderpornografie. Und Unwissen schützt vor Strafe nicht… (Aber das ist wohl wieder so ein „Nebenwiderspruch“.)

Ein „coming out“ ist also auf allen Ebenen und zu allen Zeiten wichtig. Daher sollten wir aufhören, einen „Spezialtag für jugendliche Schwule“ zu zelebrieren, denn heraus kommen wir in allen Lebensaltern. Ausserdem würde die – zwar politisch korrekte – Trennung zwischen jungen und erwachsenen und älteren Schwulen aufgehoben und die Angst aller voreinander würde gebannt.  (Die öffentliche Vorstellung von den Jungs “und ihren Verführern“!)  Es ist durchsichtig, wieso keineR daran politisch interessiert ist! Aber genauso wie zwischen Hetero- und Homosexualität muss die trennende Ordnung sein, wo kämen wir denn da sonst hin?

Meine Generation hat auf den Forschungen der Heteros aufbauen müssen. Wir waren ihren „Erkenntnissen“ sozusagen ausgeliefert. Inzwischen haben Schwule und Lesben eigene Forschungen und Erkenntnisse zusammengetragen – sie müssten nur noch aufbereitet und in geeigneter Form angeboten werden. Damit nicht jede Generation wieder bei Null anfangen muss!

Ausserdem gibt es heute eine „homosexuelle Sichtweise“ des Ganzen, die ebenso wichtig ist, wie die „weibliche“ Sichtweise zur männlichen.

Dazu braucht es auch reale Kontakte und Vertriebswege, wie zB schwule Buchläden. Denn offenbar interessieren sich Hetero/as nicht so sehr dafür. Da können wir noch so „heterofriendly“ oder „heterolike“ tun, wie wir wollen. Zum Schluss die schon früher gestellte Frage: „Wieso müssen eigentlich immer die Homosexuellen ihr coming out machen? Eigentlich wären es uns die Hetero/as schuldig, ihre Toleranz – jeden Tag – wie selbstverständlich zu „beweisen“. Vor allem und zuerst die Eltern, denn die sind eigentlich an allem „schwuld“! :P

Peter Thommen-63, Buchhändler, Basel

 

Der Heterror im Umgang mit Homosexualität besteht darin, homosexuelle Jungs nur halb ernst zu nehmen und sie vor erwachsenen Verführern zu bewahren, sowie die erwachsenen Schwulen von ihnen fernzuhalten mit Drohungen von „Pädophilie“!
Damit lernen wir, den heterosexuellen Missbrauch in der Jugend zu vergessen und uns damit abzufinden, dass wir “nicht alt werden können”!!
Es fehlt uns die Verbindung der Generationen, die für Heterosexuelle selbstverständlich und wichtig ist.  
Daraus werden alle Manöver wie Adoptionsverbot und “Schutz vor Ausbeutung” bis 18 Jahre verständlich. Aus diesem Grund hat die Schwulenbewegung auch das frühere Schutzalter von 20 auf der Strasse bekämpft! Es hat gerade mal 20 Jahre gehalten…

bücher sind keine bananen

Dienstag, 12. Juni 2012

Ich habe über dreissig Jahre lang meine Kunden dabei beobachten können, wie sie sich einem Buch annähern – oder auch den Magazinen und den DVDs.

Grundsätzlich – und unabhängig vom Alter – durchstreifen Männer, die auf Männer aus sind, die heterosexuellen Welten und Medien, um irgendwo auf ein Bild, einen Text oder eine Information zu stossen, die sie „verwenden“ könnten. Ausgeprägt war das zu Zeiten, als es „schwule“ Postkarten gab. Da haben eifrige Sammler alle möglichen Läden abgeklappert, um zu diesen Objekten in der so praktischen Grösse zu kommen.

In der heterosexuellen Wüste etwas Wasser finden, um sich zu erquicken, oder eine schöne Erinnerung, ein schönes Bild, das man mit nach Hause nehmen kann, um es zu besitzen. Selbst in Lokalen mit anderen Schwulen, oder mit einem Medienangebot, das sich speziell an sie richtet, pflegen Schwule wie in einem Warenhaus zu wandeln. Der kurze Überblick beim Eintreten verrät den Kenner: Diese habe ich schon gehabt, jene sind zu tuntig, zu alt oder zu jung, aber –  „für mich“ sollte es doch auch etwas geben!

So läuft es auf den ständig wechselnden Parties auch. Je grösser die Auswahl, desto höher die Chance, auf „den Richtigen“ zu stossen? Ich kannte Schwule, die sich schon früher nicht mit einer „Szene“ begnügten. Sie „machten“ die Badeanstalten, die Klappen, die öffentlichen Plätze unsicher, um Heteros aufzugabeln, die noch kein anderer Schwuler vor ihnen gehabt hatte. Der Schwulen waren ihnen zu wenige…

Noch jede Generation hat diese Verhaltensweise übernommen – bis zum heutigen Tag! Der entscheidende Punkt aber ist, wann dieses „Beuteraster“ aufgegeben wird – aufgegeben werden muss, zugunsten echter menschlicher Neugier auf ein interessantes Gegenüber, auf eine Überraschung in der Persönlichkeit, die nicht schon von vornherein – nur das eine hinten hinein – oder vorneherum das Ritual festlegt, das einem ein Lustobjekt, oder einen Fetisch zum Geniessen zuführt. Wo nicht der augenblickliche Erfolg befriedigt, sondern wo ein Bewusstsein für Community, oder für Entdeckung und Überraschung für etwas ganz anderes, einen zum Ausgehen treibt.

Ich vergleiche das gerne mit einem Kreuzworträtsel, das eigentlich immer die gleichen Wörter in neuer Kombination erraten lässt. Erfolg durch Übung und Gewohnheit ist garantiert. Das Spiel, das auch die Heteros mit den Frauen spielen…

Dagegen ist ein Buch etwas ganz anderes!

Es muss entdeckt, erfühlt, erlesen werden – und mit ausdauern der Erwartungen. So wie es – heute – mit „realen“ Personen nur selten noch geschieht. Doch diesen Aufwand zu betreiben, dazu sind Junghomos immer seltener bereit. Entweder sofort alles – mit Heiratsversprechen und eing. Partnerschaft – oder dann gar nichts, oder nur um irgendeines hohen Zugeständnisses wille – oder nur den Quickie der nichts kostet. Bananen sind eine objektive Grösse, die allen als süss und sättigend empfohlen werden können. Aber ein Buch erschliesst seine Qualität erst mit dem realen Lesen. Und wie im Leben, ist der Erfolg eben nicht im voraus garantiert. Oder er ist ganz anders als erwartet.

Auch ich bin manchmal mit meinen Empfehlungen daneben. Aber das sehe ich erst hinterher, wenn der Leser (falls er) wiederkommt und mir ein Echo gibt. Aber dann hat er das Buch schon gelesen und bezahlt – auf MEIN Risiko natürlich! ;)

Ganz einfach machen es sich Leser mit der wichtigtuerischen Frage: „Muss man das gelesen haben?“ So wie ein Spiessbürger fragt, ob er diesen oder jenen unbedingt kennen sollte, weil es für ihn Vorteile bringt – welche Leute das sind, das ist ihm vorab egal.

Keiner kann alle Bücher „vorher“ lesen, um dann zu wissen, was er „nachher“ hätte gelesen haben müssen! Diesen Umstand machen sich zB Buchversandfirmen zu nutze, indem sie einfach die Werbetexte von Verlagen übernehmen – für die sie ja nicht verantwortlich gemacht werden können – und das Risiko den Käufern zuschieben. Auch der Hinweis auf Bücher, die von Käufern „auch noch“ bestellt wurden, ist nutzlos, denn vielleicht hat er diese gar nicht für sich selbst bestellt. Da ist guter Rat teuer – im doppelten Sinne.

Mit den Büchern ist es wie mit den Menschen. Keiner ist für alle empfehlenswert und doch kann er diesem und jenem etwas bringen. Das geht nur durch reale Erfahrungen und deren Tausch. Durch Gespräche und Argumente. Werbung ist wie Partyklatsch und Kritiken wie üble Nachrede. Was dem einen auf den Leib geschrieben ist, ist für einen Anderen wie Klopapier. In Bananen kann man einfach hinein beissen und weiss sofort, ob sie süss und appetitlich sind.

Ein Buchladen ist kein Warenhaus, das man „er – leben“ und wo man einfach nur wählen kann – aus tausend Dingen, die jedem etwas bringen. Schon oft hatte ich die Fantasie, eine Turnhalle zu mieten und ein paar Lastwagen mit Pornos darin abzuladen. Dann Schwule darin einzuschliessen und sie wühlen zu lassen. Ganz bestimmt würden sie erst aufmerken, wenn sie auch das unterste Bild im grossen Haufen endlich haben sehen können! ;)

Es gibt Leute, die treten in meinen Laden ein, fangen links unten bei der Türe an und hören erst wieder rechts oben vor dem Ausgang auf. Sie kommen still und gehen – meistens fragenden Gesichtes – wieder hinaus. Da war leider nichts zu finden, das sie angelacht, oder angemacht hätte. Dabei vermitteln solche oft das Gefühl, als hätten sie ein Recht auf etwas, das sie selber nicht zu wissen glauben, aber von Anderen erwarten dürften.

Nicht jeder mag angesprochen und gefragt werden. Aber wenn er denn nur preisgibt, was er vorher gelesen und ob es ihm gefallen hat, dann ist da schon ein Weg zu anderen oder ähnlichen Büchern vorgespurt. Ob einer „vorher“ überhaupt etwas gelesen hatte? Mir kommt es auch immer wie ein Abenteuer vor! Hat einer alles angeguckt und steht enttäuscht vor dem Regal. Dann wag ich, ihn zu fragen. Und manchmal hat einer letztlich mit mir zusammen zu einem Text gefunden, den er gar nicht gesucht hatte.

Doch wie soll sich ein Gespräch entwickeln, wenn die Kommunikation gestört und das Abenteuer nur im Beutemachen zu finden ist? Wie ist ein Mensch zum Reden zu bringen, so dass er wiederum und seinerseits davon profitieren kann? Es ist bei Büchern und Menschen gleich: Nicht immer ist drin, was draufsteht!

Da erinnere ich mich nostalgisch an die Anfänge im Elletlui, wo der Barman mit allen sprach und nebst dem Getränk auch noch seine Wünsche nach und nach erfahren hat. Gar mancher Gast ist da vermittelt worden und ist am Ende des Drinks zu zweit hinausgegangen. Und manchmal geht ein Kunde auch mit zwei oder drei Büchern wieder zum Laden hinaus, weil ich – zufällig – von ihm erfahren habe, welcher Art von Leselust sein „Fetisch“ ist! Die Freude verdoppelt sich.

Doch ich fürchte, diese Bereitschaft – und die Fähigkeit dazu, nehmen nur ab. Und die „Therapie“ des Buchhändlers wird endlich durch die Werbung völlig ersetzt. Das Buch prostituiert sich selbst an seine Leser. So wie es die Menschen schon lange gegenseitig tun.

Peter Thommen, Buchhändler_62

35 Jahre Erfahrung und Information

Sonntag, 13. Mai 2012

Im April 1977 öffnete der erste offiziell schwule Buchladen der Schweiz an der Rebgasse in Basel seine Tür und bot ein kleines Sortiment von Büchern und neu erscheinenden schwulen Magazinen an…

Interview in "Männer" Mai 2012 (klick f Vergr.)

Damals war das Schutzalter zwischen Männern auf 20 Jahre und sexuelle Darstellungen war verboten.  Es gab “Homo-Register” und regelmässig Probleme mit der Polizei.

(In Zürich gab es den BS-Laden von Bruno Scherer seit 1976 und in Berlin öffnete “Eisenherz” 1978)

 

Erneute Buchpreisbindung bringts nicht!

Samstag, 18. Februar 2012

Eine erneute Buchpreisbindung wird die Umstrukturierung der Buchverteilung nicht aufhalten! Die Gründe sind folgende:

zuwenig Rabatt! Seit 200 Jahren ist der Rabatt bei 30 % und bei Fachliteratur und Schulbüchern 25 % (davon gehen Transportkosten plus sämtliche Aufwendungen ab!!)

Die seit 200 Jahren gestiegenen Kosten für Lagerhaltung, Räumlichkeiten, Infrastruktur und die aktuellen Löhne können mit so einem Bruttogewinn nicht mehr abgedeckt werden. Er müsste auf mindestens 50 % steigen.

Aber mit diesem Rabatt muss der Zwischenbuchhandel leben (Auslieferungen in der CH), d.h. von der Differenz von 20 %. Das geht nicht mehr für die Zukunft. Kleine Auslieferungen müssen weiterhin aufgeben.

Zu hohe Transportkosten an den Endkunden. Die CH Post hat vor vielen Jahren den subventionierten Tarif für Bücher abgeschafft (Auf Begehren der Bürgerlichen). Zudem gelten alle Sendungen über 2 cm Durchmesser als Pakete. Grosse Buchhandlungen profitieren! Die Bücher müssen in grossen Mengen miteinander eingekauft und transportiert werden. Preisreduktionen beim Wieder-Versand von DHL etc. für Grosse!

Währungsumrechnungen Die Preisbindung wird neue “Umrechnungspreise” erfordern, die dann wieder zu hoch ausfallen wie früher, um die “Importkosten” miteinzubinden. Davon profitieren wiederum die Grossen…

Bei einer erneuten Preisbindung werden die derzeitigen Rabatte der grossen Buchhandlungen einfach wieder verdeckt weitergegeben wie früher. Keine Preistransparenz. Wir hatten früher schon bei den Kleinhändlern Bestrebungen gehabt, Einkaufsgemeinschaften für den Import zu bilden, um das zu umgehen.

Im weiteren merke ich seit Jahren, dass die Lagerhaltung von Titeln verknappt wurde. Auch Amazon hat nicht jedes im Internet angezeigte Buch am Lager! Besonders gilt dies für Spezialtitel, wie gay Bücher…

Die Rückkehr zur Preisbindung wird vor allem von Verlagen gefordert, weil die zunehmend unter Rabattdruck der grossen Buchvertriebe gekommen sind und das wird sich auch nicht umkehren lassen! Vielleicht erinnern sie sich wieder der vielen Kleinen… ;)

Es werden eben Bestseller billiger und viele andere Bücher teurer. Da muss auch die Kundschaft mitmachen! Viele Grossen bestellen gewisse Bücher aus Kostengründen einfach nicht mehr. Punkt. (Informationen von der Kundschaft)

Der Buchhandel muss sich erweitern auf Kaffees, Imbiss, andere Waren und Zusatzgeschäfte – so wie das der allgemeine Handel auch mit einer Abteilung Bücher als Zusatz macht. (Drogerien, Lebensmittelgeschäfte, Bäckereien, Gaysaunen, etc.) Und sogar die Post wildert bei Papeterien und hat sich zum “Bazar” gemacht.

Jedenfalls mit alleinigem Bücherhandel kann keiner mehr länger leben heute! Nicht mal mehr Spezialisten wie ich!

Siehe auch die Diskussion auf tageswoche.ch 

Lieber Sacha Sperling!

Sonntag, 10. April 2011

Eigentlich heisst Du ganz anders, aber das macht nichts. Es ist Dir sowieso egal, mit welchem Namen man Dich anspricht. Hauptsache, Du hast genug Shuger, um Dir die nächste Linie rein zu ziehen. Oder eines der Mädchen. Ich kann mir vorstellen, dass Du – mal auf den Geschmack gekommen – wohl auch mit achtzehn oder zwanzig Jahren nicht so schnell von diesen Gören loskommen kannst.

Ich habe mir die Kritiken der Heteros kurz durchgesehen – am Computer zuhause im Internet. Die übertreffen sich gegenseitig im Lob über Deinen Text. Skandal ist nur der Vorname, der dauernd zitiert wird. Ich denke, Du hast es den Heteros mal ordentlich gezeigt, wie werdende Männer mit minderjährigen Mädchen Sex machen („flach legen“), die knapp über dem Schutzalter, oder meistens auch drunter sind.

Beim Homosex hast Du Dich vorsichtigerweise an einen Gleichaltrigen gehalten. So kann keineR „Pädophilie – Pädophilie“ schreien und Dich um Deinen Ruf bringen, den Du noch gar nicht hast. Als Schwuler frage ich mich nur, ob die LeserInnen, die Deine Abenteuer lesen und so toll finden, vielleicht auch „pädophil“ sind. Also, ich bin es trotz Deiner literarischen Ambitionen nicht geworden.

Doch lass uns konkret werden! Du hast einen blöden Vater und eine Tussi-Mutter, die Dich sogar auffordert, Geld aus ihrer Tasche zu nehmen. Die Schule interessiert Dich eigentlich nicht und auf den Parties der Geld-Gesellschaft langweilst Du Dich nur – mit Not kriegst Du einen Kondom in die Hände, um irgendein Girl zu beeindrucken. Stiefgeschwister magst Du auch nicht besonders. Da kommt Dir der Augustin gerade recht. Zusammen macht vieles mehr Spass, nicht nur das wixen. Man merkt, dass Du in Deiner Jugend nur wenig Sozialkontakte gehabt hast und diese vor allem innerhalb Deiner Gesellschaftsschicht. So quasi „inzestuös“. Das lag wohl auch am Verhältnis zu Deiner Mutter, die eher als Liebhaberin rüberkommt, die ihrem Macker alles durchgehen lässt und sich dann beim Selben ausweint, wie schmerzlich das alles sei. Das tun viele Mütter dann – bei ihren Söhnen…

Als Schwuler habe ich so meine Vorstellungen vom Verliebtsein und den Gefühlen zwischen Männern. Dein Augustin ist sicher sehr nett und ein treuer Verbündeter Eurer Abenteuer. Aber mehr liegt da nicht drin. Gelinde gesagt, Du hast null Ahnung von Männerliebe und Deine Kenntnisse über den schwulen Sex, sind pubertäre Wunschträume. Aber auch Deine Erfolge bei den Mädchen möchte ich im Namen der Heteros anzweifeln. Gut, welcher Hetero hat eine Ahnung von der Psyche, oder gar dem Körper eines Mädchens? Aber dass Du keine Ahnung von Männern hast, erstaunt mich dann doch sehr. Da habe ich mit Heteros schon mehr erlebt! Ich denke, Du hast wohl Dein Männerpaar nicht bewusst aufs Ficken verzichten lassen. Das waren eher Deine unbewussten Ängste um Dein heterosexuelles Renommé. Vielleicht würdest Du minderjährige Mädchen anders flachlegen, wenn Du auch mal selber flachgelegen wärest – nicht nur um Dir einen blasen zu lassen.

Ich will offen zugeben, dass ich als eingefleischter Schwuler weder mit Deinen Drogen, noch mit Deinen hetera Zicken etwas anfangen konnte. Weder mit den Schülerinnen, noch mit der Lehrerin. Aber etwas habe ich bestimmt gelernt: Schon beim Alkohol werden viele Heteromacker sehr viel zugänglicher, als sie jemals zugeben würden. Da haben sich Generationen von denen schnell am Riemen gerissen – und es dann vergessen. Auch ohne geldgestopfte Eltern, Tabletten und Schnee…

Ja, Deine Geschichte erinnert mich sehr an meine frühere Schulzeit. Ich hatte auch mal einen weiblichen Schulschatz, aber interessiert haben mich mehr die Schwänze der Schulkollegen unter der Dusche nach dem Turnen. Ich musste nie mit einer SM per Cellphone Schluss machen. Ich konnte höchstens den einen oder anderen davon mal zum wixen verleiten. Und von den Schul-Lagern und ihren sexuellen Eskapaden habe ich immer nur gehört, aber nie selber so was erlebt.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass sich in Deinem Buch zwei Heteros mal mit Homosexualität versuchen, aber daran scheitern, weil sie ja die Drogen geiler finden. Sie werden sich weiterhin mit Mädchen langweilen. Nachdem Du weder in der Familie, noch in der Schule wirklich geliebt wurdest, hast Du das auch beim Augustin nicht gefunden. Ah! Hast Du vielleicht zufällig den Film Brokeback Mountain gesehen? Ich zwar auch nicht, aber man sagt, die Sexualität zwischen jenen Männern sei da eigentlich gar nicht vorgekommen, nur die Liebe. Tja, Heteros eben, brechen oft zu früh vor dem Orgasmus, äh der Liebe ihrer Partner das Ganze ab. Ich weiss gar nicht mehr, ob der Augustin schneller gekommen ist als Du, oder ob Ihr auch mal gemeinsam ejakuliert habt.

Jedenfalls pädophil ist Dein Buch sicher nicht, auch kein Schwulenporno. Du kannst es also getrost jedem Hetero verkaufen und Deine Lesungen vor Publikum werden vor allem mit den Drogen beeindrucken, so dass die Homosexualität für die meisten kein Problem darstellt.

Tja, das war’s dann schon. Für Nachhilfeunterricht bin ich nicht zuständig. Aber vielleicht hast Du einfach nicht die richtigen Homepages und Foren im Internet gefunden, um zu recherchieren. Das erinnert mich an Profile, in welchen steht: „Anfänger sucht Anfänger, um gemeinsam Erfahrungen zu machen. Aber weisst Du, diese Methode mag zwar romantisch sein, bringts aber nicht wirklich im Leben! Und jetzt bist Du ja bald über Dein Buch hinausgewachsen und Mann geworden. Entweder hörst Du auf mit schreiben, oder Du versuchst es wirklich mal mit einem Schwulen!

Herzlich, Dein Peter Thommen (61)

P.S. hetero Kritiken: „jede Menge Sex“ ? ahem: gähn!

Sacha Sperling: Ich dich auch nicht, Piper 2011, 224 S. € 17.95, ca. CH 25.-

weitere schwule Kritiken:

„Sacha lernt Augustin kennen, gehört dadurch zufällig zu den Coolen, zieht mit ihm um die Häuser und durch die Clubs, experimentiert mit Speed und Mädchen. Doch Sacha verliebt sich in seinen Kumpel, hoffnungslos, dieser spielt zwar nur mit ihm. Wie hier das Lebensgefühl zwischen übermütigen Träumen und stumpfer Illusionsleere fast filmisch erzählt wird, ist unbedingt lesenswert. „Die Sehnsucht nach Apokalypse und Popcorn“, so bringt es Sacha in einem der vielen lakonisch-treffenden Sätze auf den Punkt. Was in einzelnen Szenen brillant und unvergesslich ist, lässt einen als Genzes dann aber doch etwas unbefriedigt zurück. Vielleicht ein allzu arrangierter Skandal-Voyeurismus. Dass Schriftsteller und Hauptdarsteller den selben Vornahmen tragen, ist nämlich auch nur ein raffiniertes Spiel, so trendy wie belanglos. Sacha Sperling heisst eigentlich Yasha Kurys, ist der Sohn eines erfolgreichen Künstlerpaars. So schreibt man heute einen Bestseller. Einen, der seinen Erfolg verdient hat.“ (René Gerber im Cruiser Mai, 2011, S. 9)

Loetscher: war meine zeit meine zeit

Sonntag, 27. März 2011

Hugo Loetscher (1929-2009) ist ein schweizer Schriftsteller der Vorkriegsgenerationen. Er hätte mein Vater sein können. Er begann in den sechziger Jahren zu publizieren und bereiste später die halbe Welt, um zu entdecken, dass es jenseits des zürcher Sihlflusses noch andere Ufer gab. Vom „anderen Ufer“ berichtete er in seinem Roman „Der Immune“ (1975). Ich erfuhr sehr viel später davon, denn Loetscher war gar nicht als „homosexueller“ Schriftsteller bekannt.

„getabstract.com“ bietet eine Zusammenfassung dieses Romans, worin Loetscher erstmals von der Weltläufigkeit seines Denkens und Lebens erzählt. „In seinem quasi autobiografischen Hauptwerk blickt der Zürcher Autor und Kosmopolit Hugo Loetscher auf sein Leben als Journalist zurück. Der Immune, die Hauptfigur des Romans, leidet an seiner Überempfindlichkeit und versucht sich abzuhärten, indem er sich allen möglichen Situationen, auch den unangenehmsten, schonungslos aussetzt.“

Das kommt mir irgendwie bekannt vor! Viele Homosexuelle versuchen, sich abzuhärten, mittels zusätzlicher Leistungen, die sie erbringen, grösserer Krativität – aber auch grösserer Destruktivität und Dekonstruktivität ihrer eigenen Persönlichkeit. Vor allem wenn ich an die letzten Jungautoren denke, deren Leben ohne Drogen und HIV nicht zu beschreiben wäre.

„Der Waschküchenschlüssel“ (1973) blickt eindringlich auf Schweizerische Eigenheiten und wie ein Junggeselle in dieser Waschküchenordnung ein heilloses Durcheinander erzielt.

Loetschers letztes Buch erschien einige Tage nach seinem Tod. Anlass genug für mich, in seinen Lebenserinnerungen zu lesen. Ich erwartete nichts „schwules“ von ihm. Lediglich einige Skurrilitäten eines Junggesellenlebens eben. Eines bürgerlich-anerkannten Philosophen, Journalisten, Kulturkritiker und Schriftstellers. Ich las das Buch mit Unterbrüchen über ein halbes Jahr. Das Leben ist kein Trip, kein Orgasmus und auch kein Paradies. Es hat seine Langweiligkeiten und Längen, wie dieses Buch auch. Aber es überraschte mit einigen Rosinen und Erdbeeren, für die es sich für mich gelohnt hat, Zeit mit ihm zu verbringen.

Damit in der Hektik des „heterosexuellen Literaturbetriebes“ die rosa Gedanken Loetschers aus diesem Buch nicht verloren gehen mögen, zitiere ich sie für Euch!

 

„Da dringt das Sonnenlicht in den Regentropfen ein und bricht; an der Innenwand des Tropfens wird ein Teil des Lichtes reflektiert; unter nochmaliger Brechung tritt das Licht aus dem Tropfen, und das weisse Licht wird in seine Farbkomponenten zerlegt.

Ob auch ein Mensch erst Farbe bekennt, wenn er mehrfach gebrochen wird?

Doch dann sah ich die Regenbogenfarben nicht an einem Himmel, an dem sie erlöschen, sondern auf einer Flagge. Die weht von Balkonen, Strassenlaternen, Brückengeländern, Haltestellen, wurde als Kopftuch und Umgang getragen – es war die Fahne der Homosexuellen, welche mit ihr ein öffentliches Bekenntnis ablegten, stolz der Tag, stolz die Woche, stolz die Parade. Die Farbpalette stand dafür, dass unterschiedliche Menschen sich zusammenfinden: die Roten, die Orangen, die Gelben, die Blauen, die Grünen und auch diejenigen, die lila sind.“ (S. 33-34)

(Über die Homoszene in Zürich nach dem Krieg) „Ein Programm anderer Art bot das einzige schwule Nachtlokal. Da schlenderte nicht nur ich an der Türe vorbei, noch eine Kehrtwendung, sich vergewissernd, wer herumstand, bevor man eintrat. Es wurde geflüstert: die, die solche Lokale aufsuchen, werden von der Polizei registriert. Drinnen vernahm man Genaueres. Verschärfte Kontrolle der Pissoirs. In Paris soll verboten werden, dass Männer miteinander tanzen. Die Amerikaner glauben nicht an den Kinsey-Report, so viel Prozent können es nicht sein, die derartige Erfahrungen eingestehen. An der Wand die Reproduktion von Ganymed, entführt vom Adler, und im Himmel erwartungsvoll Zeus, für „Menschen unserer Art“, Gruppenbilder von Heiligabend im Klublokal, „damit im Schein der Kerzen Weihnachten nicht ein Fest der Einsamen ist“. Einer überredet den Typen neben ihm, den Arm auf seiner Schulter: „Auch Shakespeare war so und erst Michalangelo“. Worauf einer aus einer dunklen Ecke kommentiert: „Schwul ist nicht abendfüllend. Vielleicht reicht’s für eine Nacht. Es ist nicht alles schwul, was glänzt.“ Ein rauchgeschwängertes Gedränge, so dass sich nicht nur von Barstuhl zu Barstuhl Schenkel an Schenkel presst.“ (S. 65)

„Was aber, wenn das Ufer, von dem ich komme, nicht das jenseitige Ufer der Sihl ist, wenn es eine andere Art Ufer ist, eines, das jenseits der gängigen Moralität liegt – was, wenn ich nicht liebe, wie diese die Majorität tut.

Ich war zu unzähligen Ufern unterwegs, die anders sind. Dabei hat mich gelegentlich der Reiseführer begleitet, der Auskunft gab: In welchem Land steht auf Homosexualität die Todesstrafe, und in welchem kann man „wegen Zuwiderhandlung gegen den Anstand“ zu Zwangsarbeit verurteilt werden. Wo wurde die Gesetzgebung liberalisiert und wo ist Diskriminierung strafbar – ja, und wie hoch ist das Schutzalter, nicht unwichtig, ob dabei Geld mit im Spiel ist.

Einschlägige Tipps für diesen Ort oder jene Stadt, nicht nur für Hotels oder guesthouses. Adressen von Bars und Clubs, in denen sich eher Ältere und Bärtige treffen, wo Studenten und Pornostars zusammenkommen, oder wo Stricher ihre Dienste offerieren. Aufgelistet, was empfohlen wird an Diskothek und Darkroom, was den Lederfetischisten oder den Liebhaber von gogo boys erwartet. Ob Strip oder Tabledance. Was an Dresscode respektiert werden muss: Leder, blue jeans oder military look. Hat das Kino eine Grossleinwand, oder nur Kabinen? Welche Sauna wartet mit „bösen Buben“ auf, die Sado bieten, oder massieren einfach Männer Männer, und werden mit der Eintrittskarte auch Kondome abgegeben? Hinweise auf Spezialevents wie Transvestiten-Show oder Unterwäsche-Partys. Welcher escort service ist europa- und weltweit zu empfehlen, und weshalb gilt diese Bahnhofs- oder jene Parkbekanntschaft nach Eindunkeln als gefährlich? Und natürlich die Nummer für das Überfalltelefon oder die Aidshilfe.

Wo aber war ich nicht überall dabei, ohne anwesend zu sein. Zum Beispiel als einer, weil er einem Mann beigewohnt hatte, rücklings von einem Felsen gestürzt wurde, worauf einer im Namen Jahwes den ersten Stein warf und ein zweiter den zweiten, bis die ganze Gemeinde steinigte.

Stand ich nicht oben an einer andern Grube. Beide, in flagranti ertappt, waren eingegraben bis zur Hüfte. Am lautesten johlte der neben mir, als er, Allah ist gross, mit seinem Wurf den Kopf des einen traf; er hielt den nächsten Stein zur Kontrolle hin, der durfte nicht grösser als seine Hand sein. Das war vorgeschrieben, um den Tod hinauszuzögern.

Und was für ein Auflauf an Schaulustigen, als ein Sodomit vom Gerichtsdiener aufs Rad geflochten und auf den brennenden Holzstoss geschoben wurde. Der Schrei des Verurteilten ging unter in der Litanei, die die Gerechtigkeit der Heiligen pries: ein christliches ora pro nobis.

Hätte ich nicht auch angestanden, um den amerikanischen Ex-Kombattanten im Gefängnis zu besuchen, auch wenn nur ein kurzes Gespräch durch eine Trennscheibe hindurch toleriert worden wäre? Hinter dem Glas der Sergeant, der vor seinen Richtern bekannte: „Ich habe im Vietnamkrieg einen Mann getötet und wurde dafür ausgezeichnet, ich habe in den USA einen Mann geküsst, dafür kam ich ins Gefängnis.“

Haben Eier und Tomaten nicht auch mich getroffen, obwohl ich nicht mitmarschierte bei den Pride-Paraden – ob in Moskau oder Bukarest, oder sonst wo. Auch mir haben sie ein Transparent entrissen. Auch auf mich, der ich vor dem Bildschirm sass, haben bekennende Patrioten und militante Christen eingeschlagen, für einmal war ich froh um die Wasserspeier der Polizei.

Zu einem Drink aber habe ich live eingeladen (frag auch den Jungen in der Ecke, was er mag, den mit den zerschlissenen Jeans und der Schirmmütze im Gesicht). Im Stonewall an der Christopher Street im New Yorker Greenwich Village. Hier, in diesem Szenetreff, trank ich auf die gays, die eines Nachts die Polizei nicht mehr hinnahmen. Die Polizisten verhafteten schon wegen eines Kusses oder wegen Händchenhaltens und nahmen sic mit höhnender Vorliebe Transvestiten vor. Die Gays schlugen zurück, nicht mehr nur Schwarze und Hispanics. Ein paar tausend gegen ein paar hundert Polizisten. Flaschen und Steine gegen Gummigeschosse und Knüppel. Nicht bloss Handgemenge, sondern Tumult und Aufruhr. Drei Tage Rebellion – gay power.

Das war etwas anderes als die Razzien im Nachkriegs-Zürich mit seinem Schwulenregister. Wegen der Homosexuellen würden sich Geschlechtskrankheiten ausbreiten. Daher Verhaftungen und Zwangsuntersuchungen. Ein lokales Kapitel der Brunnenvergiftung, das sich wiederholte, als Aids als Schwulenepidemie diffamiert wurde. Bis die Immunschwäche international auf die Hetero-Agenda kam und afrikanische Heime sich mit Aids-Waisen füllten.“ (S. 188-190, Auszug aus einem vieles übergreifenden Homo-Thema-Kapitel, bis S. 208)

„Das Café Pierre Loti gibt es noch. Nur dass jetzt eine Schwebebahn zur Eyüp-Sultan-Moschee hinunterführt. Damals stieg ich zu Fuss den Hügel hina, strekcenweise auf einem Trampelpfad, durch den Friedhof, der sich den Hang entlangzieht. Unter alten Zypressen blumenlose Gräber, manche mit hohem Gras überwachsen. Mit Blüten und Muscheln verziert die Grabplatten der Frauen, die Stelen der Männer mit einem Turbanmotiv gekrönt, der schiefe Turban ein Zeichen, dass der Tote geköpft worden war. Ich versuchte, einem Alten auszuweichen, der sich mir in den Weg stellte. Ein struppiges Gesicht, der Mund fast zahnlos, als Gürtel eine Schnur, die Hose ausgefranst, barfuss, das eine Bein nachschleppend. Schliesslich folge ich ihm in seine Behausung, eine Unterschlupfhöhle mit einer Grabplatte als Dach. Die Matratze zerschlissen, ein paar Kerzenstummel, auf dem Boden ein angeschlagenes Emailbecken. Er hinkte in eine Ecke und holte hinter abgegessenen Melonenschalen etwas hervor, streckte es mir hin: „Ich war damals ein Junge. Von Pierre. Von Loti.“ Ein Roman des französischen Schriftstellers, der in jenem Café viel geschrieben hat und sich gern mit Jungen umgab. Das Buch in rotes Leder gebunden, mit Goldschnitt. Der Mann, der mir zum Abschied die offene Hand hinhielt, bettelte nicht, er verkaufte eine Erinnerung.“ (S. 172-173)

 

Ist es nicht faszinierend, wie ein Schriftsteller seine Erinnerungen weitergibt? Wie er wiederum sich an die Erinnerungen Anderer erinnert? Wie ein ganz normaler bürgerlicher Schriftsteller sich an Geschichte und Subkultur anheftet, sich mit ihr identifiziert und auch ein Teil von ihr ist, wiewohl er zu den Tatzeiten abwesend war? Und über welche Symbole er sich mit Anderen verbunden fühlt.  Peter Thommen (61)

Hugo Loetscher. War meine zeit meine zeit, 410 S. Diogenes 2009, € 21.90, ca. CHF 36.-

Loetscher, War meine Zeit meine Zeit, diog

Roman Bucheli: Ein letzte, lange Liebeserklärung, NZZ 2009

 

Pierre Loti (1850-1923), französischer Schriftsteller, erwähnt von Hugo Loetscher