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Spartacus, auch als App

Freitag, März 11th, 2011

Im Jahr 1968 erschien der erste weltweit reichende „Gay Guide“ für Schwule. Erfinder und Herausgeber war John D. Stamford, ein Engländer in Amsterdam. In seinem Guide gab er an, an der Gesetzesreform der 60er Jahre in England beteiligt gewesen zu sein. 1973 erfolgte eine „Wiedergründung“ in Amsterdam, wo er anscheinend im liberaleren Klima unbehelligter für die schwule Sache arbeiten konnte. Jedenfalls scheint er aus Kreisen zu kommen, die sich aus Gerechtigkeitsstreben für die eigenen homosexuellen Interessen und die der anderen eingesetzt haben.

Das Unternehmen Spartacus ist bis in die 80er Jahre zu einem beachtlichen Klein-Unternehmen angewachsen und hat auch Nachahmer gehabt. Selbst seine Angestellten löschten ihm 1986 die Computerdaten, um etwas Eigenes aufzuziehen. Zu diesem Zeitpunkt entschloss sich Stamford, mit dem schon einige Jahre bestehenden schwulen Verlag Bruno Gmünder in Berlin zusammenzuarbeiten. „Ich werde ausgiebig reisen und die Schwulenszene erkunden, um die Informationen nach Berlin weiterzuleiten.“ (Spartacus 1987, S. 15)

Zu der Zeit verbreitete sich auch die Immunschwächekrankheit AIDS und deren Bekämpfung wurde ein Thema in dieser „Schwulenbibel“, die inzwischen wegen des grossen Umfangs auf dünnes, aber festes Bibel Papier gedruckt werden musste.

So erschien – nach einem Jahr Unterbruch – 1987 der Guide weiter und einige Jahre später (1994) verkaufte er ihn an den Verlag.

Am Anfang war Stamford auf die unzähligen Tipps und Infos seiner Leser aus den homosexuellen Milieus der Städte angewiesen. In diskreteren Fällen fand sich ein Eintrag des grössten Hotels einer Stadt, oder von Toiletten, Parks und Stränden.

Stamford reiste mit seinem Adoptivsohn und Freund Rhickie das Jahr über durch die Kontinente und sammelte Inserate und Informationen an den Orten. Mit dem eingesammelten Geld finanzierte er den Druck und den Versand. Verteilt in alle Welt wurde der Guide regelmässig aus Düsseldorf, von Gero-Vertrieb, einer hetero Pornohandelsfirma.

Schon 1977 beklagte sich Stamford über Raubdrucke. Ausserdem darüber, dass es Diskriminierungen gibt, der Art, dass entweder ältere Homosexuelle (er war schon etwas älter!), Lesben, oder überhaupt Homosexuelle irgendwo plötzlich nicht mehr eingelassen wurden. (Damit wird auch sichtbar, dass Lesben die gay Lokale zum Teil „mitgenutzt“ haben.)

„Viele Leser haben uns in den vergangenen Jahren geschrieben, dass sie sich in bestimmten Bars als nicht gern gesehen empfinden, oder meinen bestimmte Verhaltensweisen seien gegen sie gerichtet. Viele beklagen Einsamkeit, ungesellige Bars, unfreundliche Leute, etc. Allen jenen möchte ich sagen, dass es auch aus der Homoszene herausschallt, wie man hineinruft. Beklagen Sie sich nicht, dass den ganzen Abend keiner mit Ihnen gesprochen hat! Fragen Sie sich lieber einmal selbst: Haben Sie mit irgendjemandem gesprochen? Wenn Sie in eine Bar gehen, um dem Sex nachzujagen und dann frustriert herauskommen, so haben Sie sich allein selbst zu tadeln! Wenn Sie aber dahin gehen, um ein wenig von ihrer Herzenswärme, ein bisschen Liebe anderen Leuten zu geben, werden Sie überrascht sein, was Ihnen zuteil wird. Je mehr sie bereit sind zu geben, desto mehr werden Sie empfangen.“ (Spartacus 1977, S. 16-17) Stamford wollte auch eine Art Heim für Schwule erbauen, wo die Verfolgen und Einsamen zur Ruhe kommen und Ihresgleichen treffen konnten…

Doch wer war nun dieser „Spartacus“? Er war ein römischer Sklave und Gladiator thrakischer Herkunft. (Wikipedia) „Plutarch schreibt, dass dieser Thraker nicht nur über einen starken Körper sondern auch über einen starken Geist verfügte, sehr gebildet und intelligent war, und vermutete in diesem Sklaven eine kultivierte Abstammung.“ Er kämpfte über mehrere Jahre als Anführer mit einem respektablen Anhang gegen das römische Establishment. Denn dessen Herrschaft und sein Reichtum beruhten auf  kriegerischer Ausbeutung.

Es wird immer schwieriger, besonders bei der schnell-lebigen ökonomischen Entwicklung heute, die Lokale, Treffpunkte und Informationen für eine „schwule Welt“ aktuell zu halten und an die Interessenten zu bringen. Das Internet ist heute für viele Männer die Quelle für diese Informationen geworden. Diese „Welt der Homosexuellen“ ist nicht mehr nur in der nächst grösseren Stadt, oder in fernen toleranten Ländern zu finden, sondern meistens auch vor der eigenen Haustüre! Die Scham, diese „anderen Türen“ zu suchen und dann auch einzutreten, ist nach wie vor gross! Die Erkenntnis, „der fremdartige Kuckuck“ in der eigenen Familie zu sein, lähmt viele Jungs und verhindert, dass sie ein selbstbestimmtes Leben führen können. Das heterosexuelle Leben steht auch Schwulen offen, wenn sie ihre Mitmenschen zur Akzeptanz anhalten! Die schwule Welt steht auch allen Heterosexuellen offen, wenn diese denn die gesellschaftliche Diskriminierung nicht mehr als Deckmantel für eigene verklemmte Bedürfnisse missbrauchen würden! Aber das wäre der Zusammenbruch der heterosexuellen Fassade unserer Zivilisation.  

Peter Thommen (2006/11)

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Nachtrag vom 18. August 2011

In den letzten Wochen ist ein Martin B. an mich herangetreten, um in Sachen John Stamford zu „recherchieren“. Ich habe durchaus auch meine Vorbehalte gegenüber John Stamford und seinen Geschäftspraktiken, oder seinem Privatleben. Er ist übrigens an einem Herzinfarkt während eines Strafverfahrens in Holland im Gefängnis verstorben. Man kann also den Lebenslauf Stamfords durchaus kritisch diskutieren, was in meinem obigen Text auch zum Ausdruck kommt.

Wie ich an der „Recherche“-Arbeit von Martin B. sehen kann, dienen aber seine Ergebnisse dazu, persönlich auf den Verlag und Bruno Gmünder einzuhauen. 

Auch an schwulen Einrichtungen gibt es einiges zu kritisieren. Ich nehme aber Abstand von irgendwelchen persönlichen Rachefeldzügen! 

Es ist üblich geworden, an den Schwulen nicht mehr grundsätzlich zu „rütteln“, dafür kramt man in irgendwelchen „pädophilen“ Vergangenheiten, um Personen oder Einrichtungen zu demontieren. Der angebliche Kinderschutz und Moralfinger entlarvt sich aber immer dann, wenn vor sachlicher Information über Homosexualität – vor allem gegenüber Kindern – gewarnt wird. (Siehe Wahlkampf in Berlin, 2011) 

Gerade die Unwissenheit von Kindern und Jugendlichen über Homosexualität (das viele von ihnen in verschiedentlichem Ausmasse betrifft, egal wie sie orientiert sind oder werden) ist die Grundlage für sexuelle Fremdbestimmung und Übergriffe. 

Interessanterweise gilt es meistens, die Gesellschaft und Kinder vor „Homosexualität/Pädophilie“ zu schützen. Aber die schwulen Jungs schützt niemand vor heterosexuellen Übergriffen, vor Mobbing und Verzweiflung, so dass sich nicht wenige schon mal das Leben nehmen. (Ist ja quasi nicht schade um „die“…)   🙁

Gerechterweise bedarf es der Information aller, damit alle zu einer Selbstbestimmung in der Sexualität kommen und sich auch schon verbal darüber verständigen können. Das war auch immer das Ziel emanzipatorischer Arbeit.

Es kann nicht sein, dass heterosexuelle Kinder und Jugendliche sich in ihrer Sexualität und ihrer Literatur wiederfinden, aber homosexuelle nicht. Ich habe einige Kinder- und Jugendbücher gelesen in letzter Zeit, die auch von Frauen verfasst worden sind, aus diversen Verlagen, oder im Selbstverlag. Das einzige Jugendbuch, in dem junge Schwule nicht „ohne Unterleib“ dargestellt wurden, erschien bei Gmünder…  (Davies: Meine Sicht der Dinge, 2010)  (Über die Erkenntnisse aus dieser Lektüre werde ich auch etwas schreiben!)

Interessant die Beobachtung, dass wohl erwachsene  Leser in den Verdacht der „Pädophilie“ kommen, aber niemals die erwachsenen AutorInnen oder Autoren, die sich wohl mit der Ausblendung des Unterleibs davor schützen dürften…

Vor 10 Jahren bin ich mit meinem Laden selbst in eine „antipädophile“ Kampagne des „Beobachter-Magazins“ geraten. Darüber werde ich demnächst etwas ausführlicher schreiben.

Diese Art der „Aufarbeitung“ wird demnächst noch zunehmen. Ich warte schon interessiert auf  „gefundenes“ Fotomaterial von Schwulendemos, in denen Minderjährige mitlaufen, damit man der Schwulenbewegung dann insgesamt vorwerfen kann, sie hätte Kinder missbraucht.

Es ist ein Versäumnis der Schwulenbewegung insgesamt, dass sie die Schwierigkeiten der Gesellschaft mit homo/bi-sexuell aktiven oder schwul orientierten  Kindern und Jugendlichen nie thematisiert hat. Dabei werden die Vorwürfe eigentlich nur gegen Männer erhoben, die Frauen/Lesben sind merkwürdigerweise nie das Ziel. Womit wir bei einem Sexismus wären, der totgeschwiegen wird.

Immerhin sollten wir uns dagegen wehren, dass Jungs immer in die Kiste mit den Mädchen geworfen und vor allem Möglichen geschützt, statt aufgeklärt werden.

Sexuelle Handlungen von über 18jährigen mit Kindern unter 16 Jahren sind strafbar (In der Schweiz gilt Straffreiheit bei einem Altersunterschied von nicht mehr als 3 Jahren darunter). In der Schweiz ist ab 16 Jahren die volle sexuelle Selbstbestimmung gewährt. Aber das soll politisch auch schon wieder eingeschränkt werden (Frau will Prostitution von 16-18 auch noch/wieder verbieten)

Ich darf auch daran erinnern, dass in der Schweiz von 1942-1992 offiziell das Schutzalter für homosexuelle (w und m) Handlungen bei 20 Jahren lag. Wir waren damals also alle „pädophil“. Und wiewohl Homosexualität ab 20 Jahren erlaubt war, ihre Darstellung war offiziell bis 1992 verboten.

Zum Schluss: Wer mit dubios(ierten)en Texten, Fotos und Zeichnungen glaubt, „antipädophile Kampagnen“ reiten zu können, der verzichtet wohl aus persönlichen Ressentiments bewusst auf  Details – wie zB detaillierte Angaben über wechselnde Schutzaltersgrenzen verschiedenster Länder…

Peter Thommen, Schwulenaktivist und Buchhändler