Archive for the ‘schwul leben’ Category

coming out ist lebenslang!

Dienstag, Oktober 8th, 2013

Der „coming out day“ wurde 1988 in den USA ins Leben gerufen, um jährlich daran zu erinnern, dass es irgendwann eine Linie im Leben eines Mannes gibt, die ihn zu einer Selbsterkenntnis und zur Wahrnehmung durch Andere führt.

Für die heterosexuelle Kultur ist das etwas ganz Selbstverständliches! Unter Jungs die erste Ejakulation, in der Schule der erste Schulschatz, der „mit einem geht“. Später der erste Kuss und der erste Koitus! Alle freuen sich darüber und Eltern warten meistens auf diese „ersten Male“. Auch nicht mehr solange bis zur Verlobung oder Heirat…

So hat jedeR Hetero/a einen natürlichen Verlauf von coming out als Person, als Sexualpartner und Bezugsperson. Und selbstverständlich sind sie stolz darauf, wollen die Freude der ganzen Welt erzählen! Dazu gibt es triviale und literarische Vorlagen, Filme, und Musik, oder heute das fb, das Iphone und die verschiedensten Apps…

Eigentlich könnten sich ja alle auf denselben Plattformen bewegen. Aber das würde nur „stören“! Da schleichen sich die viertel-, die halb- und die „ganzseidenen“ Heteros lieber in die schwulen Plattformen hinein.

So ist es Tradition, dass die Schwulen ganz eigene Kontaktebenen entwickelt haben. ARCADOS war der erste schwule Buchladen im deutschsprachigen Raum (1977). Wenigstens der erste, der als solcher auch so offen auftrat, mit einer handvoll deutschsprachiger Bücher.

In den 70er Jahren gab es nur furchtbar verkopfte Bücher, vor allem linker Provenienz. (Homosexualität als „Nebenwiderspruch“!) 😛

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In den 80ern kamen dann die „unkomplizierten“ Taschenbücher – sogar in allgemeinen Verlagen wie Rowohlt! Unvergessen „schwul na und?“ von Thomas Grossmann (1981) Sie kamen im outfit jener Zeit daher und vermittelten Luft. Besonders in Erinnerung eine Zeichnung: Ein Vater am Bett einer Domina, mit Hundehalsband: „Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass mein Sohn ein perverser ist? Stell dir vor er ist schwul!“

Ein Jahr später: Männer. LiebeEin Handbuch für Schwule und alle, die es werden wollen.“ von Matthias Frings und Elmar Kraushaar (1982) Sie gaben Einblick in die Szene, die Ikonen und das Privatleben. Sogar die Schwulenbewegung kriegt ihr Kapitel darin. Ein wunderbares Zeitbild.

Dann kam 1984 eine Handreichung für Eltern, wiederum von Thomas Grossmann. Doch ihr Einbezug war schwierig, wegen der Familiensituation.

Schliesslich „Beziehungsweise andersrum schwul – und dann?“ nochmals von Grossmann. In allen diesen Büchern fand eine Auseinandersetzung mit sich und Anderen statt. Der Leser bekam eine vielfältige Sicht auf Biographien und Lebensläufe. Schwulsein öffnete sozusagen die bürgerliche Sicht auf das Leben in seiner schwulen Vielfalt. Doch davon ist heute nicht mehr viel übrig geblieben.

Eigentlich geht es den Schwulen wie den Kindern! Sie erhalten Sexualinformationen, die eigentlich ihrer Lebensweise schon vorgefertigte heterosexuelle Erfahrungen und Empfehlungen vorgesetzt bekommen. Schwulen Sex macht man, mit dem Ziel den Mr. Right gleich fürs Leben zu finden. Dazu braucht es – wie bei den Frauen – viel Kosmetik, sowie Sport, Fitness, Parties und Ferienreisen…

Eine Meditation oder Auseinandersetzung ist nicht mehr nötig. Es kommt auf die Accessoires und die Fetische an. Zudem steht uns das Kamasutra mit allen möglichen Sexualpraktiken zur Verfügung, so dass es uns eigentlich bis 80 nicht langweilig werden kann! Hä?

Schwule sind inzwischen nur noch eine Gruppe unter vielen Sexualorientierungen, wie Asexuelle, Transsexuelle und andere. Wir sind zu einer Minderheit in den Minderheiten geworden. Der Buchladen als Treffpunkt hat sich längst überlebt. Schon ARCADOS wurde übrigens mit dem Vorwurf eines „Pädophilentreffpunktes“ – noch im letzten Jahrhundert – angegriffen. Redet keineR mehr davon heute… So schlimm kann es also nicht gewesen sein! 😉

Es gibt aktuell auch keine Bücher mehr für Jungs, die wissen wollen, was auf sie wartet. Das suchen sie sich im Internet zusammen. Oder stellen ihre Sexualität selbst darin dar. Aber das ist den Heter/as ein Dorn im Auge. Mittels Kriminalisierung von „Kinderpornografie“ (bald bis 18) versucht Frau, dies wieder in den Griff zu bekommen. Meistens fehlt auch die Angabe, was denn genau darunter verstanden werden muss. Kann jedeR die schlimmsten Sachen damit meinen – eine inhaltliche Auseinandersetzung darüber ist obsolet.

Die aktuellen Sexualinformationen werden von den Aidshilfen produziert und verteilt und diese wiederum nehmen Rücksicht auf die Kontrolle aus der Politik. Kein wagemutiger grösserer Verlag mehr und schon keiner, der an schwulen Käufern interessiert ist. Die meisten Kinder- und Jugendbücher zum Thema werden von Frauen geschrieben und sind so ziemlich „asexuell“.

Das relativ neue „Milchbüechli“ (aus Baden) nimmt sich – auch mit Unterstützung staatlicher Stellen – der Sexualinformation – jetzt verschiedenster – Minderheitengruppen an. Aber wenn es um Analverkehr geht, dann sollte schon klar werden, dass es bei Frauen und Männern nicht das gleiche Gefühl und die Wirkung sind. In der aktuellen Nummer fünf gibt es Rat: „In Pornos habe ich gesehen, dass mit Urin Sexspiele gemacht werden, ist das normal?“(J. -17 J.)

Die sehr „weibliche“ Antwort darauf ist: „Um herauszufinden, was dir gefällt, probierst du es am besten aus. Herumexperimentieren macht Spass…“ Klar, dann sind die Leute beschäftigt. Und es muss sich für die Beteiligten „gut anfühlen“. (S. 15)

Jeder Fetisch ist dann „normal“, wenn er auch von allen verstanden wird – und nicht nur Spass macht. Wir halten es allgemein auch mit „der Homosexualität“ so! Anstelle der Fachausdrücke ist der Zusammenhang wichtig. Letztlich ist heute „alles normal“, nur verstehen tut es keineR… (Das erwarte ich schon von StudentINNen und Linken!)

Ganz zu schweigen von der politischen Dimension. Pornokonsum wird bald erst ab 18 Jahren erlaubt sein und vorläufig sind Darstellungen wie „Watersports“ und „das was ins Klo gehört“ ebenso schwer strafbar wie die allseits verfolgte Kinderpornografie. Und Unwissen schützt vor Strafe nicht… (Aber das ist wohl wieder so ein „Nebenwiderspruch“.)

Ein „coming out“ ist also auf allen Ebenen und zu allen Zeiten wichtig. Daher sollten wir aufhören, einen „Spezialtag für jugendliche Schwule“ zu zelebrieren, denn heraus kommen wir in allen Lebensaltern. Ausserdem würde die – zwar politisch korrekte – Trennung zwischen jungen und erwachsenen und älteren Schwulen aufgehoben und die Angst aller voreinander würde gebannt.  (Die öffentliche Vorstellung von den Jungs „und ihren Verführern„!)  Es ist durchsichtig, wieso keineR daran politisch interessiert ist! Aber genauso wie zwischen Hetero- und Homosexualität muss die trennende Ordnung sein, wo kämen wir denn da sonst hin?

Meine Generation hat auf den Forschungen der Heteros aufbauen müssen. Wir waren ihren „Erkenntnissen“ sozusagen ausgeliefert. Inzwischen haben Schwule und Lesben eigene Forschungen und Erkenntnisse zusammengetragen – sie müssten nur noch aufbereitet und in geeigneter Form angeboten werden. Damit nicht jede Generation wieder bei Null anfangen muss!

Ausserdem gibt es heute eine „homosexuelle Sichtweise“ des Ganzen, die ebenso wichtig ist, wie die „weibliche“ Sichtweise zur männlichen.

Dazu braucht es auch reale Kontakte und Vertriebswege, wie zB schwule Buchläden. Denn offenbar interessieren sich Hetero/as nicht so sehr dafür. Da können wir noch so „heterofriendly“ oder „heterolike“ tun, wie wir wollen. Zum Schluss die schon früher gestellte Frage: „Wieso müssen eigentlich immer die Homosexuellen ihr coming out machen? Eigentlich wären es uns die Hetero/as schuldig, ihre Toleranz – jeden Tag – wie selbstverständlich zu „beweisen“. Vor allem und zuerst die Eltern, denn die sind eigentlich an allem „schwuld“! 😛

Peter Thommen-63, Buchhändler, Basel

 

Der Heterror im Umgang mit Homosexualität besteht darin, homosexuelle Jungs nur halb ernst zu nehmen und sie vor erwachsenen Verführern zu bewahren, sowie die erwachsenen Schwulen von ihnen fernzuhalten mit Drohungen von „Pädophilie“!
Damit lernen wir, den heterosexuellen Missbrauch in der Jugend zu vergessen und uns damit abzufinden, dass wir „nicht alt werden können“!!
Es fehlt uns die Verbindung der Generationen, die für Heterosexuelle selbstverständlich und wichtig ist.  
Daraus werden alle Manöver wie Adoptionsverbot und „Schutz vor Ausbeutung“ bis 18 Jahre verständlich. Aus diesem Grund hat die Schwulenbewegung auch das frühere Schutzalter von 20 auf der Strasse bekämpft! Es hat gerade mal 20 Jahre gehalten…

was unsere zeit interessant macht

Mittwoch, November 14th, 2012

„Die Franzosen neigen dazu, über Manieren zu schreiben, die Deutschen über Wissen, und die Briten über Sex. Amerikaner schreiben über Familien, insbesondere schwule Amerikaner. Somit ist der bedeutendste Beitrag des schwulen Schriftstellers zur Literatur – der Bildungsroman, der von wachsender Selbsterkenntnis und vom coming out erzählt, im Wesentlichen ein Familienroman. Und eine weitere Erfindung geht auf das Konto schwuler amerikanischer Schriftsteller: Die New York Camp-Surreal Romance. Typisch für diese literarische Ausprägung ist die Beschreibung einer verzweifelten Flucht vor der Familie, sowie die Sehnsucht, soziale Beziehungen allein selbstbestimmt zu knüpfen und zu pflegen. Dennoch schleicht sich die Familie, gewollt oder ungewollt, immer wieder in den Text ein, sei es in Form von verträumten Passagen oder reumütigen Anspielungen. Man könnte meinen, im Zentrum schwuler Prosa, und dazu zähle ich ebenso – und vielleicht sogar insbesondere – Pornografie, stünden Väter und Brüder. Im Roman tauchen sie als Fremde oder Gefährten oder Liebhaber auf, auch wenn sie hier selbstverständlich maskiert und idealisiert sind.

Das menschliche Bedürfnis nach Romantik, nach erotischer Anziehung, gehört zu den Grundlagen des Geschichtenerzählens. … Überall in unserem Alltag umgibt sie uns, sie liegt in den flüchtigen Berührungen vorbeiziehender Paare, in den Skandalen und Hochzeitsanzeigen der Zeitungen, in Dankesansprachen bei Preisverleihungen. Daher sind die jüngeren und weniger weltgewandten Schwulen überrascht, wenn Heteros schon bei der geringsten öffentlichen Andeutung schwuler Romantik Verärgerung zeigen. Schwule glauben, es gibt genug Platz für alle; die meisten Heteros machen dagegen nur unter der Bedingung Platz für Schwule, dass diese vorgeben, gar nicht zu existieren. Seiner Ehefrau für ihre Unterstützung zu danken, ist völlig normal; einem männlichen Liebhaber zu danken, ist ein subversiver Akt.

Und doch, trotz des Mangels der Heterosexuellen an Verständnis und ihrer unumwundenen Intoleranz gegenüber Schwulen, verstehen Schwule die Heteros, denn egal wie unser Orientierung sein mag, wir alle wachsen als Teilnehmer der heterosexuellen Kultur auf. Man kann von Geburt an homosexuell sein, doch schwul ist man erst, wenn man willentlich die schwule Welt mit ihrer ganz eigenen Kultur betritt. Schwule verstehen Heteros, aber Heteros verstehen Schwule nicht mehr, als Weisse die Schwarzen verstehe, oder New Yorker die Kalifornier, selbst wenn sie in bester Absicht handeln. Das Schwule ist eine einzigartige Minderheit: streng fakultativ. Sträubt man sich in dem Augenblick, in dem man Farbe bekennen soll, dann erfährt womöglich niemand, wer man wirklich ist.  …

Wenn sich also die schwule und die heterosexuelle Welt berühren, dann nur in der auf Erfahrung beruhenden Sensibilität der Schwulen. Doch haben die beiden eine entscheidende Gemeinsamkeit: das Bedürfnis nach Freundschaft und nicht-erotischer Zuneigung: nach einem wahren Kameraden, einem Kumpel. … Das amerikanische schwule Leben hat – in etwas, das ich seinen fesselndsten Ikonoklasmus bezeichnen würde, die heterosexuelle Verbindung von Romantik und Freundschaft übertroffen. Dein Liebhaber ist dein Kumpel – und wer weiss, ob nicht die Vater- oder Bruder-Liebhaber dazu gedacht sind, die einzigen lebenslangen Beziehungen zu erotisieren, ebenso wie dazu, die weniger dauerhaften Beziehungen des Liebeslebens zu lindern: um Wildheit und Sanftheit, Rivalität und Bündnis gemeinsam in Einklang zu bringen. …

Wenn in Boston die Arbeit an erster Stelle steht, in San Francisco der Sex und in Los Angeles das Geld, dann kann New York sich nicht entscheiden. Die Stadt braucht alle drei zugleich, und meine Figuren brauchen das auch. Doch eines benötigen vielleicht mehr als alles andere: Kameradschaft.

Ich habe Männer gekannt, deren Bedürfnisse sie in eine Vielzahl von sexuellen Abenteuern mit Männern getrieben haben, die sie kaum kannten (je weniger, desto besser), und Männer, denen eine sexuelle Kommunikation allein durch persönliche Gefühlstiefe möglich war. Männer, die alles tun würden, ausser küssen, und Männer, die kaum etwas anderes taten. Männer, die bei allem mitmachten, und Männer, die sich nur selbst berühren konnten. Doch alle waren sie unterwegs in der Szene, und behandelten die Metropole als ihren persönlichen Club der einsamen Herzen. Manchmal glaube ich, sie suchen jemanden, der besser ist als sie; manchmal denke ich, nein, sie suchen sich selbst. Und zuweilen sind beide Suchen eins. Genau das ist es, was unsere Zeit interessant macht.“ (Ethan Morddens Einführung zu seinem Buch: Gay and the City) („Buddies“)

Die einzelnen Kapitel:

Von der Pflege und Erziehung von Eltern und Geschwistern. Eine Einführung, in der meine Wenigkeit die Regeln meines Aufwachsens und comin out’s darlegt – Geständnisse eines Theaterbesuchers – Das ideale Paar. Nach den Gemeinschaften von Geschwistern und Bauarbeitern, untersuche ich eine weitere Bruderschaft – Ein Wochenende mit Heteros – Ich bin der Schnüffler. Eine drollige Erzählung, die inmitten der Handlung ein Traktat über Sexualität enthält – Stadtauf stadtab. Durch die schwule Metropole – Blutige Anfänger. Hier werden die Jahre von Stonewall durchkämmt – Der geilste Mann der Welt – Der Autor nimmt den Abschied

Gmünder 2008/1986, 250 S. ca. CHF 27.-

Spartacus, auch als App

Freitag, März 11th, 2011

Im Jahr 1968 erschien der erste weltweit reichende „Gay Guide“ für Schwule. Erfinder und Herausgeber war John D. Stamford, ein Engländer in Amsterdam. In seinem Guide gab er an, an der Gesetzesreform der 60er Jahre in England beteiligt gewesen zu sein. 1973 erfolgte eine „Wiedergründung“ in Amsterdam, wo er anscheinend im liberaleren Klima unbehelligter für die schwule Sache arbeiten konnte. Jedenfalls scheint er aus Kreisen zu kommen, die sich aus Gerechtigkeitsstreben für die eigenen homosexuellen Interessen und die der anderen eingesetzt haben.

Das Unternehmen Spartacus ist bis in die 80er Jahre zu einem beachtlichen Klein-Unternehmen angewachsen und hat auch Nachahmer gehabt. Selbst seine Angestellten löschten ihm 1986 die Computerdaten, um etwas Eigenes aufzuziehen. Zu diesem Zeitpunkt entschloss sich Stamford, mit dem schon einige Jahre bestehenden schwulen Verlag Bruno Gmünder in Berlin zusammenzuarbeiten. „Ich werde ausgiebig reisen und die Schwulenszene erkunden, um die Informationen nach Berlin weiterzuleiten.“ (Spartacus 1987, S. 15)

Zu der Zeit verbreitete sich auch die Immunschwächekrankheit AIDS und deren Bekämpfung wurde ein Thema in dieser „Schwulenbibel“, die inzwischen wegen des grossen Umfangs auf dünnes, aber festes Bibel Papier gedruckt werden musste.

So erschien – nach einem Jahr Unterbruch – 1987 der Guide weiter und einige Jahre später (1994) verkaufte er ihn an den Verlag.

Am Anfang war Stamford auf die unzähligen Tipps und Infos seiner Leser aus den homosexuellen Milieus der Städte angewiesen. In diskreteren Fällen fand sich ein Eintrag des grössten Hotels einer Stadt, oder von Toiletten, Parks und Stränden.

Stamford reiste mit seinem Adoptivsohn und Freund Rhickie das Jahr über durch die Kontinente und sammelte Inserate und Informationen an den Orten. Mit dem eingesammelten Geld finanzierte er den Druck und den Versand. Verteilt in alle Welt wurde der Guide regelmässig aus Düsseldorf, von Gero-Vertrieb, einer hetero Pornohandelsfirma.

Schon 1977 beklagte sich Stamford über Raubdrucke. Ausserdem darüber, dass es Diskriminierungen gibt, der Art, dass entweder ältere Homosexuelle (er war schon etwas älter!), Lesben, oder überhaupt Homosexuelle irgendwo plötzlich nicht mehr eingelassen wurden. (Damit wird auch sichtbar, dass Lesben die gay Lokale zum Teil „mitgenutzt“ haben.)

„Viele Leser haben uns in den vergangenen Jahren geschrieben, dass sie sich in bestimmten Bars als nicht gern gesehen empfinden, oder meinen bestimmte Verhaltensweisen seien gegen sie gerichtet. Viele beklagen Einsamkeit, ungesellige Bars, unfreundliche Leute, etc. Allen jenen möchte ich sagen, dass es auch aus der Homoszene herausschallt, wie man hineinruft. Beklagen Sie sich nicht, dass den ganzen Abend keiner mit Ihnen gesprochen hat! Fragen Sie sich lieber einmal selbst: Haben Sie mit irgendjemandem gesprochen? Wenn Sie in eine Bar gehen, um dem Sex nachzujagen und dann frustriert herauskommen, so haben Sie sich allein selbst zu tadeln! Wenn Sie aber dahin gehen, um ein wenig von ihrer Herzenswärme, ein bisschen Liebe anderen Leuten zu geben, werden Sie überrascht sein, was Ihnen zuteil wird. Je mehr sie bereit sind zu geben, desto mehr werden Sie empfangen.“ (Spartacus 1977, S. 16-17) Stamford wollte auch eine Art Heim für Schwule erbauen, wo die Verfolgen und Einsamen zur Ruhe kommen und Ihresgleichen treffen konnten…

Doch wer war nun dieser „Spartacus“? Er war ein römischer Sklave und Gladiator thrakischer Herkunft. (Wikipedia) „Plutarch schreibt, dass dieser Thraker nicht nur über einen starken Körper sondern auch über einen starken Geist verfügte, sehr gebildet und intelligent war, und vermutete in diesem Sklaven eine kultivierte Abstammung.“ Er kämpfte über mehrere Jahre als Anführer mit einem respektablen Anhang gegen das römische Establishment. Denn dessen Herrschaft und sein Reichtum beruhten auf  kriegerischer Ausbeutung.

Es wird immer schwieriger, besonders bei der schnell-lebigen ökonomischen Entwicklung heute, die Lokale, Treffpunkte und Informationen für eine „schwule Welt“ aktuell zu halten und an die Interessenten zu bringen. Das Internet ist heute für viele Männer die Quelle für diese Informationen geworden. Diese „Welt der Homosexuellen“ ist nicht mehr nur in der nächst grösseren Stadt, oder in fernen toleranten Ländern zu finden, sondern meistens auch vor der eigenen Haustüre! Die Scham, diese „anderen Türen“ zu suchen und dann auch einzutreten, ist nach wie vor gross! Die Erkenntnis, „der fremdartige Kuckuck“ in der eigenen Familie zu sein, lähmt viele Jungs und verhindert, dass sie ein selbstbestimmtes Leben führen können. Das heterosexuelle Leben steht auch Schwulen offen, wenn sie ihre Mitmenschen zur Akzeptanz anhalten! Die schwule Welt steht auch allen Heterosexuellen offen, wenn diese denn die gesellschaftliche Diskriminierung nicht mehr als Deckmantel für eigene verklemmte Bedürfnisse missbrauchen würden! Aber das wäre der Zusammenbruch der heterosexuellen Fassade unserer Zivilisation.  

Peter Thommen (2006/11)

bestellung@arcados.com Hier die Details zum Spartacus App dt. NEU ab 2012 (öffnet PDF)

Nachtrag vom 18. August 2011

In den letzten Wochen ist ein Martin B. an mich herangetreten, um in Sachen John Stamford zu „recherchieren“. Ich habe durchaus auch meine Vorbehalte gegenüber John Stamford und seinen Geschäftspraktiken, oder seinem Privatleben. Er ist übrigens an einem Herzinfarkt während eines Strafverfahrens in Holland im Gefängnis verstorben. Man kann also den Lebenslauf Stamfords durchaus kritisch diskutieren, was in meinem obigen Text auch zum Ausdruck kommt.

Wie ich an der „Recherche“-Arbeit von Martin B. sehen kann, dienen aber seine Ergebnisse dazu, persönlich auf den Verlag und Bruno Gmünder einzuhauen. 

Auch an schwulen Einrichtungen gibt es einiges zu kritisieren. Ich nehme aber Abstand von irgendwelchen persönlichen Rachefeldzügen! 

Es ist üblich geworden, an den Schwulen nicht mehr grundsätzlich zu „rütteln“, dafür kramt man in irgendwelchen „pädophilen“ Vergangenheiten, um Personen oder Einrichtungen zu demontieren. Der angebliche Kinderschutz und Moralfinger entlarvt sich aber immer dann, wenn vor sachlicher Information über Homosexualität – vor allem gegenüber Kindern – gewarnt wird. (Siehe Wahlkampf in Berlin, 2011) 

Gerade die Unwissenheit von Kindern und Jugendlichen über Homosexualität (das viele von ihnen in verschiedentlichem Ausmasse betrifft, egal wie sie orientiert sind oder werden) ist die Grundlage für sexuelle Fremdbestimmung und Übergriffe. 

Interessanterweise gilt es meistens, die Gesellschaft und Kinder vor „Homosexualität/Pädophilie“ zu schützen. Aber die schwulen Jungs schützt niemand vor heterosexuellen Übergriffen, vor Mobbing und Verzweiflung, so dass sich nicht wenige schon mal das Leben nehmen. (Ist ja quasi nicht schade um „die“…)   🙁

Gerechterweise bedarf es der Information aller, damit alle zu einer Selbstbestimmung in der Sexualität kommen und sich auch schon verbal darüber verständigen können. Das war auch immer das Ziel emanzipatorischer Arbeit.

Es kann nicht sein, dass heterosexuelle Kinder und Jugendliche sich in ihrer Sexualität und ihrer Literatur wiederfinden, aber homosexuelle nicht. Ich habe einige Kinder- und Jugendbücher gelesen in letzter Zeit, die auch von Frauen verfasst worden sind, aus diversen Verlagen, oder im Selbstverlag. Das einzige Jugendbuch, in dem junge Schwule nicht „ohne Unterleib“ dargestellt wurden, erschien bei Gmünder…  (Davies: Meine Sicht der Dinge, 2010)  (Über die Erkenntnisse aus dieser Lektüre werde ich auch etwas schreiben!)

Interessant die Beobachtung, dass wohl erwachsene  Leser in den Verdacht der „Pädophilie“ kommen, aber niemals die erwachsenen AutorInnen oder Autoren, die sich wohl mit der Ausblendung des Unterleibs davor schützen dürften…

Vor 10 Jahren bin ich mit meinem Laden selbst in eine „antipädophile“ Kampagne des „Beobachter-Magazins“ geraten. Darüber werde ich demnächst etwas ausführlicher schreiben.

Diese Art der „Aufarbeitung“ wird demnächst noch zunehmen. Ich warte schon interessiert auf  „gefundenes“ Fotomaterial von Schwulendemos, in denen Minderjährige mitlaufen, damit man der Schwulenbewegung dann insgesamt vorwerfen kann, sie hätte Kinder missbraucht.

Es ist ein Versäumnis der Schwulenbewegung insgesamt, dass sie die Schwierigkeiten der Gesellschaft mit homo/bi-sexuell aktiven oder schwul orientierten  Kindern und Jugendlichen nie thematisiert hat. Dabei werden die Vorwürfe eigentlich nur gegen Männer erhoben, die Frauen/Lesben sind merkwürdigerweise nie das Ziel. Womit wir bei einem Sexismus wären, der totgeschwiegen wird.

Immerhin sollten wir uns dagegen wehren, dass Jungs immer in die Kiste mit den Mädchen geworfen und vor allem Möglichen geschützt, statt aufgeklärt werden.

Sexuelle Handlungen von über 18jährigen mit Kindern unter 16 Jahren sind strafbar (In der Schweiz gilt Straffreiheit bei einem Altersunterschied von nicht mehr als 3 Jahren darunter). In der Schweiz ist ab 16 Jahren die volle sexuelle Selbstbestimmung gewährt. Aber das soll politisch auch schon wieder eingeschränkt werden (Frau will Prostitution von 16-18 auch noch/wieder verbieten)

Ich darf auch daran erinnern, dass in der Schweiz von 1942-1992 offiziell das Schutzalter für homosexuelle (w und m) Handlungen bei 20 Jahren lag. Wir waren damals also alle „pädophil“. Und wiewohl Homosexualität ab 20 Jahren erlaubt war, ihre Darstellung war offiziell bis 1992 verboten.

Zum Schluss: Wer mit dubios(ierten)en Texten, Fotos und Zeichnungen glaubt, „antipädophile Kampagnen“ reiten zu können, der verzichtet wohl aus persönlichen Ressentiments bewusst auf  Details – wie zB detaillierte Angaben über wechselnde Schutzaltersgrenzen verschiedenster Länder…

Peter Thommen, Schwulenaktivist und Buchhändler

der schwule lebt nicht nur vom tag allein!

Mittwoch, Mai 5th, 2010

Die „Grosse“ hat die kleinen „Schwestern“ schon immer fasziniert. Die Stadt hat etwas lebensmagisches für schwule Männer vom Land. Seine grosse Schwester guckt dem Autor auch die ganze Zeit über die Schulter. Die Kindheit von Junghomos ist in einer grossen Stadt wie Zürich nicht so leicht abzuschütteln wie die Flasche für einen Geist.

Simon Froehling gibt uns mit „Lange Nächte Tag“ einen Erzähltext und einen scharfen Einblick in die Gedärme heutiger Leidenschaften zwischen jungen Männern. Die Erzählung ist verwirrend am Anfang, aber bald spielt es keine Rolle mehr, ob er vom Einen, oder aus der Sicht seines Liebhabers schreibt, oder ob er über beide nur phantasiert hat. Die Leidenschaft ist das Lebenselixier des Schwulseins und muss immer mit Reue bezahlt werden. Das Wahre, der grosse Mann fürs Leben, den wir schon als Kind erahnt haben, sowie Auftritte in Szenen – virtuell und real – um uns zu schmeicheln, oder Andere emotional abzustrafen, gehören wohl seit Oscar Wilde zu den schwulen Attitüden. Am Schluss deckt der morbide Schnee wieder alles zu und verzeiht grosszügig, wie in den Kinderbüchern auch.

Patrick und Jiri, die beiden Protagonisten werden aus ihrem Leben gerissen, indem sie sich gegenseitig ein Universum eröffnen wollen, aber nicht können. Schon den Schlüssel hingelegt, noch nicht emotional abgefahren und schon miteinander verkettet. Noch halb in den blauen Seiten und doch schon mit ihm beim Konzert von Nachbar Albert im sonnengefluteten Hinterhof.

Wer sich auf Simons Text einlässt, der wird in eine Spalte blicken, wo Sperma, Speichel und Alkohol sich mischen und Erinnerungsfetzen über den Himmel ziehen. Escher-Wyss-Platz. Die Bar mit dem gläsernen Auge. Das Grossraumbüro mit den Computern. Romantische Winkel in der Altstadt. Simon verwebt es gekonnt. Da drin werkelt das Schicksal im Auftrag Gottes – oder umgekehrt? Oder spielen Schwule vielleicht gar selber lieber Master of the Gay Universe, auch wenn sie immer die kleinen Würstchen bleiben?

Als ich Froehlings Text las, tauchten in mir Bilder aus den Büchern anderer Autoren wieder auf. Genet und seine Zeit mit Gaunern, Randexistenzen und Gefängnissen. Guido Bachmann mit seiner Jungenliebe in Bern, die seltsam entrückt in den Leidenschaften, sich auf Mythen der Urzeit berief und dann Martin Franks „Ter Fögi isch e Souhung“ (Der F. ist ein Kinderverderber) mit seiner Band-Szene und den 70er Jahren.

Schon Genet war ein Medium sadomasochistischer Szenen und Leidenschaften. Bachmann entging dem in den 60ern ebenso wenig, wie Frank in den 70ern. Dieser Sadomasochismus in vielen Formen begleitet die neuere Literatur über Männerbeziehungen bis heute.

Haben wir nichts „gelernt“? Sind wir immer noch hetero-verkettet in hetero Leidenschaften? Auch als Männer? Auch ich bin natürlich nicht darum herumgekommen. Aber irgendwann mal hatte ich genug davon. Aus dem Unverständnis von Gilgamesch ist ein sich wehren gegen solche Symbiosen geworden, das sich mit 35 Jahren zum letzten Mal in mir aufbäumte. Meine letzte grosse Liebe, die ich in einer Art Tagebuch verarbeitete.

Wo bleibt die Leichtigkeit einer Männerliebe bis heute? Ist sie in den Pornos verschwunden? Da wo alles stimmt? Oder ist sie noch immer zu entdecken?

Für mich schrieb Simon eine faszinierende Erzählung aus seinem Leben. Aus dem schwulen Leben von Zürich sicher auch. Gerne würde ich mehr erfahren! Auch von anderen Autoren.

Hinter und vor den blauen Seiten hat es viel Word und Bites. An die Tasten Jungs!

Peter Thommen, schwuler Buchhändler (60), Basel

Simon Froehling: Lange Nächte Tag, Bilgerverlag 2011, 196 S. CHF 34.-