Archiv für die Kategorie ‘Männersex’

Biologie & Homosexualität

Sonntag, 21. Juli 2013

Der Titel eines schmalen Bändchens das von Heinz-Jürgen Voss, einem Biologen und Geschlechterforscher im unrast-verlag im Februar dieses Jahres publiziert wurde.

Gedacht für die Diskussion über „Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext“. Ob der Text allerdings die Diskussionen in den Medien und unter Schwulen erreichen wird, bleibt offen. Der „Gesch-lechterdschungel“, der sich in den letzten Jahren eröffnet hat, wird nur noch von wenigen wirklich überblickt!

In der aktuellen Diskussion um die „Homo-Ehe“ ist der Streit um Natur und Natürlichkeit von Männersexualität* erneut heftig entbrannt. Soll jetzt die Homo-Ehe endlich das beweisen und „besetzen“, was die „Normalen“ heftigst für sich alleine verteidigen?

Vorab sei angemerkt, dass erfolgreiche Fortpflanzung weder ihre Natürlichkeit, noch die Unnatürlichkeit alles Anderen zu beweisen imstande ist. Ich glaube es war Dominique Fernandez, der darauf hingewiesen hat, dass Freud ein Zeitgenosse der aufkommenden kapital-intensiven (-istischen) Produktions-weise gewesen war. Voss weist selbst darauf hin, dass in der christlichen Glaubenslehre das menschliche Sexualverhalten völlig auf die „Produktion“ reduziert worden ist, egal ob das nun Lust bereitete, oder mühsame Pflicht war.

Bei Magnus Hirschfeld habe ich den historischen Verlauf der religiösen Verfolgung von Sexualität zwischen Männern nachlesen können. Aber irgendwann hatten die Kirchen die Macht darüber verloren und die Unterdrückung setzte sich im „irdischen“ Bereich fort!

Sexualhistorisch wurden die Bezeichnungen für Abweichendes vor dem Begriff der Normalität „erfunden“. Es gab also ursprünglich nur ein „Sammelsurium“ von Vorstellungen über die Fortpflanzung, woraus die Bezeichnungen für die Beteiligten abgeleitet worden sind.

Jedenfalls waren die sexuellen Betätigungen zwischen Männern lange vorher „da“ – also bevor Begriffe und Bezeichnungen dafür gesucht und dann ange-wendet wurden!

Michel Foucault hatte ein Konzept der „Bio-Politiken“ in seinen Büchern über „Sexualität und Wahrheit“  und „Überwachen und Strafen“ (dt. 1977 und 1983) entwickelt.

„Dieser Beitrag setzt hier an. Er fokussiert Fragen um die „Natürlichkeit“, die „biologische Bedingtheit“ gleichgeschlechtlichen Begehrens und Handelns, behält dabei aber auch die gesellschaftlichen Entwicklungen im Blick. Damit wird nachvollziehbar, wie sich in der bürgerlichen Gesellschaft die Idee durchsetzen konnte, Sexuelles mit physischen und physiologischen Merkmalen theoretisch zu verbinden, Abweichungen von einer Norm zu konstruieren und tilgen zu wollen. Praktische Möglichkeiten zur Auslöschung von Abweichungen wurden zunächst theoretisch erarbeitet und ihre Anwendung ausführlich diskutiert; schliesslich wurden sie – äusserst qualvoll für die betroffenen Menschen – umgesetzt.“ (Voss, Einleitung, S. 5) (1)

Wesentlich in der historischen Diskussion (siehe auch bei Hirschfeld: Die religiöse Verfolgung…) ist der Begriff der „Sodomie“. Hierunter konnte alles verstanden werden, von Ketzerei gegen den Glauben, Politisches, Analverkehr mit Männern und Frauen, bis zum Sex mit Tieren, die als einzige Tat in der deutschen Sprache noch unter diesem Begriff übrig geblieben ist! (im Französischen: sodomiser = Analverkehr) Die Biologie hatte sich also längst „brauchen lassen“, bevor der Begriff „Homosexualität“ überhaupt in der Neuzeit formuliert worden ist.

„Geistesgeschichtlich wird die Renaissance (ab dem 15. Jh.) als Ausgangspunkt der europäischen Moderne gesehen. In dieser Zeit sind auch die Anfänge der modernen Kolonialismus und des Rassismus zu verorten. Ökonomisch gilt die Moderne ab der Industrialisierung seit Mitte des 18. Jh. und der damit verbundenen dominanten Verbreitung kapitalistischer Produktionsverhältnisse als durchgesetzt. Politisch setzte sich die Moderne – die Herrschaft der Bürgerlichen in der Gesellschaft – Ende des 18. Jh. mit der französischen Revolution und schliesslich mit der Herausbildung von Natio-nalstaaten im 19. Jh. durch.“ (Voss, S. 7)

„Diese Eckdaten im Blick zu haben ist bedeutsam, da die Konstituierung des „Homosexuellen“, die schliesslich insbesondere über einen biologischen und medizinischen Diskurs erfolgte, nicht von den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ablösbar ist.“ (Voss, S. 7)

Ursprünglich wurden „Handlungen“ von Individuen – also unter Männern – verboten! Noch genauer, von Männern, die aus den Vorstellungen der Gesellschaft und ihren „Nominierten“ heraus-„gefallen“ waren und erst mit Strafe und Unterweisung „korrektioniert“ werden mussten. Grob gesagt geht es in der Bibel niemals um „Homosexuelle“ – und historisch sehr lange darum, dass quasi Normale einzelne Handlungen begangen hatten, von denen sie dauerhaft abzubringen waren. (2)

„Die wirtschaftlichen Veränderungen bildeten die Grundlage für die Herausbildung erster Ansätze von „Subkulturen“ gleichgeschlechtlich Begehrender, die Verfolgungswellen gegenüber den Sodomiten bildeten einen weiteren und massiv identitätsstiftenden Hintergrund.“ (Voss, S. 8)

Hier wird es enorm wichtig, darauf hin zu weisen, dass sich allmählich die Handlung Schritt für Schritt auf den Handelnden als Identität übertrug! Subkulturen wie die geschlechtsgetrennten Pissoirs, oder der Park, oder die nach Geschlechtern getrennten Schlafräume (seit vorgeschichtlichen Zeiten!) bildeten einen Raum, in welchem auch Männer bewegten und gleichgeschlechtlich aktiv waren, deren Identität nicht eine „sodomitische“ oder „homosexuelle“ war, oder gar eine daraus wurde!

Geschätzte dreissig Prozent der User auf einer schwulen Plattform im Internet definieren sich selbst nicht als „gay“. Und trotzdem wird die Plattform als „schwule Plattform“ definiert. Nicht nur das „Beichtgeheimnis“ und das intensive Sprechen über Handlungen formten eine Identität. Auch ein Schweigen kann Identität stiften, oder eine solche gerade verhindern. Damit bleibt dann ein Mann ein „Mann“ – obwohl er sich auch „unmännlich“ betätigt…

Vor allem in Bezug auf „Biologie und Homosexualität“ sollte klar(er) werden, dass es dabei immer um „alle“ Männer geht, nicht nur um die „spezifizierten“. Schliesslich haben alle Männer eine Prostata und nicht nur „die Homosexuellen“!

Während also im Bereich des Kirchenrechts und bis zur Moderne keine „handlungsadäquate“ Identität existierte, „änderte sich das mit der Moderne, eng verknüpft mit der Entwicklung kapitalistischer gesellschaftlicher Verhältnisse und moderner Staatlichkeit…“ (Voss, S. 10.)

Ich kann mich erinnern, im Strafgesetzbuch des Kantons Basel-Stadt (also vor 1942) gelesen zu haben, dass die gelegentliche Prostitution als „Abhalten von Schule und Arbeit“ mit einer Busse bestraft worden ist – egal welches Geschlecht die Person hatte.

„Im Lauf des 19. Jh. änderten sich auch die Strafsysteme und man ging von Körperstrafen ab – und auch das ist relevant für die Etablierung klarer Identitäten und die zunehmende Bedeutung der Medizin hierbei.“ (Voss, S. 11)

„Die Medizin wurde bezüglich Homosexualität zur klassifizierenden und entscheidenden Instanz. Einer der Ersten, die sich dazu auf den (natur-) wissenschaftlichen Stand der Zeit beriefen und diesen weiter entwickelten, war Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895).“ (Voss, S. 11) (3)

Während in der Zeit nach Ulrichs die allgemeinen medizinischen, biologischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse und Forschungen immer breiter werden, engt sich der Blick von Voss auf die Homosexualität als solche ein.

Nach den Hinweisen auf die Kolonialpolitiken und den sich entwickelnden Rassismus, weist er nun auf die Eugenik und die Sichtweise der sogenannten „Degenerationserscheinungen“ hin. Voss stellt die Theorien chronologisch vor. Erst die konstitutionelle Bisexualität, dann die Rolle des Keimdrüsengewebes (Hoden und Eierstöcke) und seine Absonderungen bis zu den Hormonen. Auch die operationellen und medizinischen Versuche auf diesem Gebiet werden aufgeführt!

Als verhängnisvoll erweist sich historisch der Drang nach Beschreibung von Personen, von denen mann-männliche sexuelle Aktionen bekannt geworden sind. Was ich hier bereits „Sexismus“ nennen muss, entspricht völlig den Entwicklungslinien von Rassismus und „Verbrechensforschung“ (Physiognomik, nach Lavater und Huter). Mann glaubte an äussere „Erken-nungszeichen“ und begann äussere Handlungen mit inneren „Orientierungen“ gleich zu setzen.

Später ortete die „Wissenschaft“ die sexuelle Orientierung in Hormonen und im Gehirn. Günter Dörner hatte in der DDR mit seinen endokrinologischen Expe-rimenten umstrittene Ergebnisse publiziert.

Bei der Entwicklung der Genforschung stellte sich erneut die Frage nach der Vererbung und Natürlichkeit „sexueller Handlungen“. Voss lässt sich auf die evolutionsbiologische Diskussion ein: „ … dabei werden dann ausgewählt nur diejenigen Ergebnisse der Zwillingsstudien und der Genetik präsentiert, die die These der Erblichkeit zumindest teilweise stützen. Die Studienergebnisse, die der These widersprechen, werden in der Regel gar nicht angeführt.“ (Voss, S. 62)

Emanzipatorisches Streiten: „Deutlich wird auf jeden Fall, dass die Selbstermächtigung der Lesben und Schwulen bei Bezug auf biologisch-medizinische Wissenschaften beschränkt ist… Ob die in zahlreichen Ländern zu beobachtenden neueren gesellschaftlichen Entwicklungen, die eine stärkere soziale Anerkennung von Homosexualität versprechen, zu grundlegenden Änderungen führen, bleibt abzuwarten.“ (Voss, S. 67)

Heinz-Jürgen Voss fügt am Schluss noch eine zusammenfassende Darstellung der zentralen Studien zur Biologie männlicher und weiblicher Homosexualität an, sowie eine Liste der zitierten und der von ihm empfohlenen Literatur.

Ich denke, dass die Einschätzung „homosexueller Handlungen“ von „nicht homosexuellen Männern“ noch ein wichtiger Schritt sein wird, der die Diskussion um „Natürlichkeit“ beruhigen könnte. Denn schliesslich dreht sich die Forschung auch nicht nur um die “Minderheit der notorischen“ Heterosexuellen! Inzwischen werden die Männer weiterhin denken, dass es viele Möglichkeiten der sexuellen Entspannung gibt – auch mit anderen Männern! :)

Peter Thommen_63

 

Heinz Jürgen Voss: Biologie & Homosexualität. Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext, unrast Verlag 2013, 88 S.  ca. CHF 9.80

 

(1) Siehe auch meinen Text über Braunschweig: Das Dritte Geschlecht, PDF, S. 8!

(2) Puff, Helmut: „Und solt man alle die so das tuend verbrennen, es bliben nicht funffzig mannen in Basel… (Forum HS+Literatur, Nr. 10, S. 83-92)

(3) Für die Schweiz sei auf Heinrich Hössli (1784-1864) hingewiesen!

*Die Diskussion im Frauenbereich muss redlicherweise von diesen geführt werden!

 

P.S. Über die „Medizinialisierung“ homosexueller Handlungen in der Schweiz muss ich auf die Publikation „Männergeschichten“ (Buchverlag der Basler Zeitung, 1988) verweisen:

Rolf Trechsel: Die Medizinalisierung der Homosexualität, S. 204-206

Sigi Friedli: Psychiatrie und Homosexualität, der Fall Ernst Rüdin (Friedmatt, Basel), S. 207-212)

Rolf Trechsel: Die Kastration Schwuler in der Schweiz, S. 213-25

Ein im Wesentlichen noch unaufgearbeitetes Kapitel!

Nordafrikanisches Liebesleben im Wandel

Montag, 27. Mai 2013

Shereen el Feki hat ein aktuelles Buch mit sehr viel historischen, ethnologischen und sexuellen Informationen geschrieben, das ich mit Spannung gelesen habe.

Die Sexualkultur unter Moslems ist darin sehr anschaulich beschrieben, sowie die Doppelmoral, die sich aus Religion und Wirklichkeit ergibt. Neben der Situation von Frauen beschreibt sie auch die desolate Wirklichkeit von Männern. Unter der heute gültigen Kultur leiden beide Geschlechter, weil sie eine Ideologie für Gläubige (mönchisch) und keine mit Bezug auf Alltagserfahrungen mehr ist. Aberglaube, Unwissen und “vorauseilender Gehorsam” sind wichtig! (Also Handlungen, die etwas Positives durch “Gehorsam” in Aussicht stellen. Ein typisches Familienritual, wie ich meine!)

Obwohl der Islam und sein Prophet ihren Gläubigen sexuelle Freuden gönnt, lassen die sich aber nicht so einfach umsetzen und geniessen! Daher wogt ein stetiger Streit mit sogenannten religiösen Autoritäten, die angeblich wissen wollen, was “halal” (gottgefällig) und was “haram” (sündhaft) sei…

Mich interessieren solche Kulturschilderungen, weil sie das Grab unserer eigenen Vergangenheit öffnen und Erinnerungs- und Rekonstruktionshilfen für unsere Kultur sind, von denen die meisten nichts mehr wissen…

Bis heute sind die Bedürfnisse von Frauen und Männern sehr verschieden und müssen erst “koordiniert” und eingeübt werden. Von “natürlicher Ergänzung” kann keine Rede sein – abgesehen von der Penetration zur Fortpflanzung. Heterosexualität ist ein Konstrukt. Im Zusammenleben wie im Sexualleben. Rituale haben das menschliche Gespräch historisch zunehmend ersetzt.

Als Schwuler erkenne ich in den Schilderungen Fekis auch die verschütteten homosexuellen/homosozialen Elemente aller Männer wieder, an denen sie von Müttern, Gesellschaft, Freundinnen und Ehefrauen vorbeigemogelt werden.

Mir fällt bei den Gebräuchen der Moslems auch auf, dass es darum geht, den Sexualorganen mit Beschneidungen Gewalt anzutun, um sie früh zu zähmen. Aber um als erwachsen gelten und erwachsenen Sex haben zu können, braucht es weitere. (Ähnlich wie mit den religiösen Riten der Taufe/Konfirmation/Ehe) Es geht auch darum, dass vorehelicher Sex unter Kindern oder Jugendlichen “verhindert” werden soll. Aber wer soll damit vor wem geschützt werden? Die Frauen vor Empfängnis und/oder die Männer vor Homosexualität?

Klar ist mir geworden, dass die Religionen ihre Macht auf Sexualeinschränkungen aufbauen. Dem Kind wird versprochen, es erhalte für den Gehorsam dann später eine Erfüllung im Sex und in der Liebe. Und dem Erwachsenen wird wiederum versprochen, er erhalte gegen seinen Glauben nach dem misslichen Leben, ein ewiges Paradies im Himmel…

In der administrativen und religiösen “Vergewaltigung” in der Geschichte der Sexualität erkenne ich die heutige Sehnsucht von westlichen Schwulen und Bisexuellen, tatsächlich “entjungfert” zu werden und von sexuellen Übergriffen zu träumen, letztlich um die Verantwortung dafür nicht übernehmen zu müssen. Nach dem Schmerz wird verlangt, aber nicht nach der Fähigkeit, (da)mit Sex(uell) umzugehen!

Feki Zit

in englisch und deutsch

Das schliesst unsafen Sex, barebacking und das “Schlampe” spielen ebenfalls mit ein. (Phil Langer nennt das “beschädigte schwule Identität durch Risikoverhalten!”) Dies spielt – wie beim normalen hetero Verhalten unter so vielen Vorschriften, eine wichtige Rolle.

“Zu starke Sexualität” wird angeblich gebremst und erzeugt bei beiden Geschlechtern offenbar Ängste, die mit Gewalt überwunden werden müssen, was wiederum ein verängstigtes Bedürfnis nach Gewalt erzeugt…

Wobei ich den Eindruck bekomme, dass Frau(en) sich in Kairo wohl um eine weibliche Identität bemühen, aber die Männer z.B. unberücksichtigt bleiben, wenn es um die Einheit mit anderen Männern geht, oder bei der Untersuchung von Spermien auf deren „Fruchtigkeit“. Traditionell wird alles über die Frau abgehandelt, sie muss sich rechtfertigen.

Wichtig und interessant ist die Feststellung El Fekis, dass sexuelle Übergriffe und Missbrauch keine sexuelle Identität verändern oder gar eine HS erst herstellen können, (Pädophilie-Vorwurf) wie das bei uns und offenbar auch dort geglaubt werden will.

Manchmal erscheint mir die Situation der ägyptischen Frauen wie diejenige von verklemmten und versteckten Schwulen. Die Gesundheits-Politik ist ähnlich wie die unserer Schwulenbewegungen anfangs des letzten Jahrhunderts.

Feki hat ein eigenes Kapitel über gleichgeschlechtlichen Sex und über Transgender geschrieben. Auch über die AktivistINNen und ihre Vorstellungen, wie sich diese auch von unseren westlichen Vorstellungen unterscheiden. Ähnlich wie früher in der Schwulenbewegung bei uns, will sozusagen keineR eine Homo-Ehe und deren Rechte einfordern, sondern überhaupt mal ein Recht auf Privatleben einklagen – nämlich für ALLE. Damit ist der Bezug zur Alle umfassenden Politik in der Gesellschaft so nahe wie er mal bei der Schwulenbewegung war.

Ein interessantes Buch für die Diskussion um die Homo-Ehe, für die Arbeit mit MigrantINNen, über Geschlechtsrollen, über Bisexualität, über Parallelsexualitäten (mit m und w), über Rollenverhalten. Generell wichtig für die Gender-Diskussionen!

Es ist anspruchsvoll, sich durch die dargestellte Frauensexualitätsgeschichten durchzuarbeiten, was nicht jedem zusagen mag. Aber wir sind nun mal alle von Frauen geboren und hängen da mit drin („schwul = weiblich“) – auch wenn wir keinen Sex mit ihnen haben!

Shereen el Feki: Sex und die Zitadelle, Hanser, 2013 (orig. engl. – pas encore fr.)

Es ist kein “wissenschaftliches” Buch, sondern sehr leicht verständlich geschrieben und spannend zu lesen! Für viele aber dennoch eine Herausforderung!  Peter Thommen_63

Aktualisiert 11.6.2013

Shereen El Feki: Wie man eine Epidemie unter schlechten Gesetzen bekämpft! HIV

Ein Interview mit El Feki in englisch, über ihr Buch

bis zum eigenen Begehren

Montag, 01. April 2013

Oder: „Wer könnten wir sein, wenn wir anders sind als die Norm?“ 

Carolin Emcke hat 2012 ein vielbeachtetes und sehr persönliches Buch darüber, „wie wir begehren“ veröffentlicht. Wie immer finden Bücher von lesbisch begehrenden Frauen eine „andere“ Beachtung im heterosexuellen Publikum, als solche üblicher Autorinnen. Besonders dann, wenn sie die Partnerin einer bekannten Frau ist…

„Von außen betrachtet bin ich homosexuell. Im öffentlichen Diskurs, wenn dieses Begehren verortet werden soll, bin ich »lesbisch«, »schwul«, »eine Lesbe«, das ist dann schon ein Substantiv. Mal abgesehen davon, dass ich mich selbst so nie bezeichnen würde, ist, wie ich begehre, auf einmal keine Handlung mehr, lebendig, dynamisch, wandelbar. Wie ich begehre, das ist dann eine Identität“ (zeitmagazin, 15.3.12)

Emckes Buch wurde in den wichtigen Medien diskutiert und ich gebe hier ein paar Links zur ergänzenden und vorausgehenden Information: Verena Lueken, FAZ 4.3.2012, bei „perlentaucher“ eine Übersicht über verschiedene Ein-schätzungen, Kim Kindermann im deutschlandfunk, 15.3.2012, Daniel Schreiber in Cicero 18.3.2012, Christina Bauer (Fachärztin für Psycho-therapie), Jan Feddersen in der taz vom 10.3.2012, Ellen Kositza in Sezession, 20.3.2012,

SRF2-Reflexe (Audio), 3.4.2012: „Es ist eine sensible Erzählung über ihr Erwachsenwerden, über die Entdeckung ihrer Homosexualität und ihre Liebe zur klassischen Musik. Emcke bettet das ein in Überlegungen über das Recht auf Anderssein.“

L-talk (cb) vom 8.2.2013. Die obige Auswahl von Rezensionen enthält auch Kritik an ihrem Buch.

Ich kann dieses Buch einer „frauenbegehrenden Frau“ als „Schwuler“ lesen. Damit meine ich meinen ganz persönlichen Erfahrungsschatz. Mein Blick richtet sich auf ihre Darstellung von homosexuellen Männern in dem Buch und ihr Verhältnis zu ihnen. Alles nach dem Motto: Wer sich exponiert, der/die wird kritisiert. Dies zeigt sich auch in der „hetera-sexuellen“ Sicht von Ellen Kositza (> oben)!

„Es ist ein Balanceakt zwischen der Forderung nach Anerkennung als Gleiche und der nach Anerkennung als Andere und der Erwartung, dass andere erkennen können, wann das eine und wann das andere angemessen ist, wann es sich richtig anfühlt, als schwul oder als weiblich oder als muslimisch wahrgenommen zu werden, und wann es sich verletzend anfühlt.“ ( Emcke, zeitmagazin, 15.3.12)

Mit dem obigen Zitat ist gleichzeitig auch die weibliche Sichtweise angegeben. Eine Sichtweise, die „gleitend“ ist und für mich irgendwie typisch für eine Erziehung zu weiblichem Status in einer heTerrorsexuellen Gesellschaft. Nichts ist sicher, alles offen und ein „Dank fürs Begehrtwerden durch den Mann“ nicht selbstverständlich. Ich spiele hier auf etwas an, was mir im Gespräch mit bisexuellen Männern aufgefallen ist. Männer untereinander bedanken sich in der Regel nicht für die Befriedigung durch den Anderen. Ich habe hier gegenüber bisexuellen Männern immer irgendeine unsichtbare Wand gespürt, die mich letztlich von ihrem Begehren trennte, obwohl wir uns im Sex sehr nahe waren.

Ihre Freundinnen wollen als Dank den Beweis einer Liebe, die frau Mutter ihnen wohl schon in Aussicht gestellt hat. Oder als „Sichersein“, den Bedürfnissen eines Mannes entsprochen zu haben. Frauen ficken mit der Liebe und erwarten das auch vom Mann. Dies klingt in der Rezension von Ellen Kositza irgendwie an. Wahrscheinlich geht es schwulen Männern ähnlich!? Ich habe dazu noch ein wunderbares Zitat von Martin Dannecker gefunden: …dass die Frau vor allem einen Sexualkörper, der Mann hingegen vor allem ein Sexualorgan, aber keinen sexuellen Körper hat.“ (1)

Die heterosexuelle Sichtweise von Männersex und schwulem Sex findet sich in Spuren auch bei Emckes Diskurs um die Missbrauchsdiskussion. Sie greift alte Klischees von Pädophilen auf, die Knaben missbrauchen. Und während sie kindlich-unschuldig mit ihren heterosexuellen Jugenderfahrungen umgeht, ignoriert sie die weibliche Dimension dieses Problems und handelt es politisch korrekt nur an den Männern ab. Andererseits schreibt sie wieder Sätze wie: „Es hätte ja bedeuten können, explizit zu machen, dass Jugendliche als Objekte der Lust gelten konnten, dass unsere Körper begehrenswert sein könnten. Dass wir selbst hätten begehren können, das war gänzlich unvorstellbar.

In einer Welt, in der Sexualität tabuisiert wird, in der die Lust als ambivalente, unheimliche Leerstelle firmiert, kann über Formen der Lust nicht verhandelt werden. (2)

Nur leise klingt zwischen den Zeilen an, dass dabei unwichtig ist, ob das alles in einer „reformpädagogischen“ Odenwaldschule, oder in einem strengen katho-lischen Internat abgeht. Totschweigen verhindert durch den verunmöglichten Dialog auch die verbale Distanzsuche zwischen den Mächtigen und den Ohnmächtigen, um zu verhandeln. Das hat Folgen!

„In einer sexuell repressiven Welt, ob muslimisch oder katholisch, in der das Entdecken der eigenen Lust unterbunden, die Pubertät abgebrochen oder in ewiger Zeitschleife gehalten wird, verbleiben erwachsene Männer in einem infantilisierten Zustand des Vor-Begehrens, gehüllt in einen Kokon der aner-zogenen Scham.“

Hier klingt für mich auch die traditionelle Rolle der Frau an, die – aus-schliesslich auf den Mann vertröstet, dann meist auch gleich den „Täter“ an ihrem Körper hat. Zwischen Frauen scheint das nicht stattzufinden, aber wiederum zwischen Knaben und Männern ist es „zwingend“. Sie beschreibt das als „symmetrischen“ und „asymmetrischen“ Gegensatz.

Des … „ängstlich-ahnungslosen Sehnens nach Anerkennung von dem verehrten Lehrer. Hier leugnen die Täter die eigenen Taten, weil sie das Macht- und Gewaltverhältnis leugnen. Den asymmetrischen Missbrauch, die Vergewal-tigung verklären sie so zu symmetrischem Begehren.“

In der männlichen Sozialisation wurde anstelle des Dialogs oder einer genitalen Lust (bei der hetero-korrekt die Penetration als Gefahr in der Fantasie auf-scheint) die Rauferei und die gewaltsame Annäherung an den gleichge-schlechtlichen Körper entwickelt und bis heute als „normal“ empfunden. (Mit Recht erwähnt Judith Butler in einem Text, dass das Tabu der Homosexualität in der Familie noch vor dem Inzesttabu etabliert wird.)

Seltsamerweise war über den Roman und Film von Christa Winsloe, „Mädchen in Uniform“ seit ihrem Erscheinen niemals von „sexuellem Missbrauch“ die Rede. Unter Mädchen gibt es keinen Penis und vor allem nur „eine Inter-natsschülerin, die für eine Lehrerin starke Gefühle entwickelt“. Mann und Frau lasse sich das auf der Zunge zergehen! Frau verzeihe mir den Ausdruck: Frauen ficken halt mit Gefühlen, was bei Entzug aber genauso schmerzhaft sein kann…

Ich möchte dieses Thema mit einem Hinweis auf das Gedicht „Erlkönig“ abschliessen, in dem es neu-psychoanalytisch um sexuellen Missbrauch eines Knaben durch einen Mann geht. Hingegen in dem Märchen „Hänsel und Gretel“ kann Frau nichts davon erkennen, obwohl die Hexe nicht an dem Finger von Hänsel, sondern an seinem Penis interessiert ist, ob der schon „richtig gross“ werden kann!

Carolin Emcke liebt es, Un-Eindeutigkeiten zu beschreiben und zu umschreiben. So wie sie selbst sich schon immer verstanden hat. Gender. Rumbalgen mit Jungs und alles offen lassen. Gewertet und eingeordnet wird am Ende – und nie gemeinsam…

Interessant sind ihre Beschreibungen aus Gaza, wo sie von Einheimischen begleitet wird. Sie erlebt zunächst die Begegnung mit Frauen, die traditionell gekleidet, sie mit ihren kurzen Haaren und Hosen, nicht als „Ihresgleiche“ erkennen können. Noch interessanter ist ihre Begegnung mit einen Mann, den sie wiederum nicht als „Hetero“ erkennen kann!

„Und da stand er nun vor uns, und wir schauten fassungslos auf diese Erscheinung, als sei er eine Fata Morgana, die sich gleich in gestaltloses Flirren auflösen würde: Ibrahim trug eine Jeans, einen strahlend weissen, puffigen Daunen-Anorak und eine überdimensionale Sonnenbrille, die George Michael bei seinen Konzerten in den Achtzigern hätte tragen können.“

„Schon bei den ersten Sätzen zur Begrüssung … war klar, was nicht klar sein durfte: Ibrahim war schwul. Ein Schwuler in Gaza.“

Für sie war er ein Gender, der nach europäischen Massstäben ein Schwuler war, während in Gaza natürlich kein Mensch für so einen wie ihn eine Bezeichnung hatte. Und der langsame Annäherungsprozess zu ihm als Dolmetscher verharrte in einer Art sexlosem Raum, wie es auch „territo-riumslose“ Räume auf Flughäfen für Durchreisende gibt.

„Vielleicht wusste Ibrahim nicht, wie er wirkte? Woher sollte er das auch wissen? Aber musste er nicht zumindest bemerken, dass er anders aussah, sich anders gab als alle anderen jungen Männer um ihn herum? Wie konnte das sein? Wusste er nicht, wie schwul er sich gab? War er überhaupt schwul?“

Das erinnert mich an die frühen Beschreibungen orientalischer und arabischer Händler, die sich mit allerhand Tand schmückten, farbig kleideten und sich mit duftendem Parfum versorgten…

„War das Tabu zum Opfer seiner selbst geworden: Wurde Homosexualität derart unterdrückt, dass Hamas es nicht einmal erkannte, wenn ein Schwuler vor ihnen stand? Wenn über Homosexualität nicht gesprochen werden darf, dann darf auch nicht gesprochen werden, was Homosexualität ausmacht.“ (3)

Nicht einmal auf eine beiläufige aber direkte Frage nach Homosexuellen konnte der „Mann“ antworten, offenbar gab es keine entsprechende Identität oder Gender für ihn. Sehr wahrscheinlich gab es für ihn einen anderen Begriff, eine andere Auffassung, eine andere Sicht. Als Junge nahm ich zwar typische Homosexuelle zur Kenntnis, aber da ich ja nicht so erschien wie dieselben, empfand ich mich auch nicht als schwul. Ich bin zwar in der Schule und auf dem Weg gemobbt worden, aber keineR sagte je etwas über das Warum! Dabei sagte mir ein Schülerkollege später, er hätte schon immer gewusst, dass ich schwul sei.

Nach einem Angriff der Israelis auf Gaza, reiste Emcke wieder ein und begegnete erneut diesem Ibrahim. Und es war, als sei er so geschockt worden, als er ihr gegenüber erklärte, dass er schwul sei. (Leider gibt sie das Original-Wort nicht an.) Er hätte es bisher noch niemandem gesagt. Die Geschichte von Ibrahim geht in dem Buch weiter, bis zu seiner Flucht nach Europa. Die Scham von zuhause verwandelte sich: „er war froh, sich seiner Homosexualität nicht mehr schämen zu müssen, aber musste sie deswegen gleich schamlos sein?

Was mich an der Geschichte mit Ibrahim störte, ja ärgerte, war das Schweigen über die Gründe der Diskriminierung männlicher Homosexualität in Gaza. Auch wird die historische Entwicklung der Diskriminierung, erst von Männern, dann auch von Frauen völlig ignoriert. Denn Frauen waren traditionellerweise kein Teil des öffentlichen Lebensraumes! Und da Emcke sich vor allem als „queer“ versteht, musste sie auch die Geschichte mit dem § 175 in der BRD, der sich auf Männer beschränkte erst nachlesen. Die Tatsache, worauf die sozial-politische Kriminalisierung der Männer wirklich beruht, erfahren wir von ihr auf S.116, fast in der Mitte des Buches. Und welcheR LeserIN findet da noch die Verbindung zum vorher erwähnten sexuellen Missbrauch?

„Was an den männlichen biologischen Verschiedenheiten wird denn in den Begegnungsformen so bedrohlich? Analverkehr? Das ist ja keine sexuelle Praxis, die ausschliesslich Schwulen vorbehalten ist, das kann auch Frauen Lust bereiten. Oder ist es die misogyne Angst vor Penetration, die Vorstellung, dass Männer nicht nur gefickt werden können, sondern dass Männer gefickt und dadurch erregt werden könnten, die als staatsgefährdend gilt?“

Die Begehrensformen werden nicht weiter ausgeführt. Weiter hinten findet sich dann ein Satz, der mich wieder ärgert: (wie die Fragezeichen im vorhergehenden Zitat) „Homosexuelle Frauen begehren Frauen, weil sie begehren – nicht, weil sie nicht begehren.“ (S. 127) Er wird zur zentralen Aussage erst dann, wenn er wie folgt lauten würde: Menschen begehren das gleiche Geschlecht, weil sie Identität begehren, nicht, weil sie nicht begehren! (P.Thommen) (4) Emcke formuliert das so: „Aber mit Frauen ist es einfach aufregender.“ (S. 142) Und sie hat auch eine Erklärung für sich formuliert.

In einem Kapitel über Prostitution und Huren formuliert sie ihr Entsetzen über die heterosexuellen Verhältnisse und wie sie sich mit den Nutten identifiziert. (5) Frauen verstehen aber nicht den Unterschied zwischen der heterosexuellen Prostitution und der homosexuellen! Diese bietet nicht das gleiche wie in der Ehe, sondern etwas „anderes“ und sie findet nicht unter den gleichen Bedingungen statt.

S. 192 sortiert sie ihre frühen Erfahrungen neu: „Ich wollte andere Mädchen oder Frauen lieben dürfen. Und dieses Verlangen, ohne dass ich das darin enthaltene Lustvolle erkannt hätte, dieses tiefe Verlangen taucht auch auf, immer wieder, bei verschiedenen, meist älteren Frauen, nur verband ich es nie mit der Vorstellung von Homosexualität. Ich verband es nicht einmal bewusst mit „Liebe“.

Diese Definition gilt es zu respektieren, sie ist authentisch und glaubhaft. Aber es gibt auch noch schwule Sichtweisen, Erlebnisweisen, die zwar auch „gleichgeschlechtlich“ konnotiert sind, aber viel „sexueller“ ausgeprägt. Und wenn ich sexuell meine, dann bitte nicht nur „ficken“! Und hier verweise ich nochmals auf Martin Danneckers Zitat!  Peter Thommen_63, Buchhändler

 

Carolin Emcke moderiert regelmässig öffentliche Diskussionen zu verschiedensten Themen. Hier über Religion und Sexualität, worin auch die Analität erwähnt wird.

P.S. Das Buch gibt Anlass zu weiteren Diskussionen dieser Art. Es enthält weitere Erzähl- und Themen-Stränge.

Carolin Emcke: Wie wir begehren, Fischer 2012, 256 S.

 

1) Die Geschlechtsspezifische Durchsetzung des Genitalprimats findet (nach Freud) „ihren Niederschlag auch darin .., dass die Frau vor allem einen Sexualkörper, der Mann hingegen vor allem ein Sexualorgan, aber keinen sexuellen Körper hat.“

(Indem das Sexualziel darin besteht, mit dem Penis in die Vagina einzudringen, was – wie Dannecker daraus folgert – den Penis zu seinem einzigen Sexual-organ macht.)

„Historisch betrachtet erscheint das durchaus zutreffend. Ein ganzes Bündel von Phänomenen deutet darauf hin, dass heterosexuelle Männer bis vor kurzem keinen sexuellen Körper hatten, jedenfalls nicht in dem Sinn, wie er Frauen und homosexuellen Männern eigen ist. Das will sagen, dass sich der Körper der heterosexuellen Männer der Sexualisierung entzog. Ein sexualisierbarer Körper erschien lange gleichbedeutend mit einem Frauenkörper oder einem „Schwulenkörper“ … Martin Dannecker: Männliche und weibliche Sexualität, in: Quindeau/Sigusch: Freud und das Sexuelle, S. 87)

2) Es gibt Knaben, die haben NICHT kein Begehren, sondern eben ein Begehren nach Männern, auch neben der Bereitschaft für Frauen! Aber das ist für Frau Emcke wiederum so unwichtig, wie ihr lesbisches Begehren es für die Heterokultur ist. Und es gibt nicht nur Männer, die Knaben missbrauchen, sondern auch Knaben, die Männer ficken wollen! Doch das trauen sich viele Schwule nicht öffentlich auszusprechen! Damit nimmt man/Frau uns Männern aber einfach einen Teil unserer sexuellen Biografie weg! Kriminalisiert und entsorgt in der Schublade „Missbrauch“!

3) Sinngemäss kann davon geschrieben werden, dass, wenn über männliches Begehren, vor allem nicht über dasjenige des Jüngeren zum Älteren, nicht gesprochen werden darf, dann darf auch nicht darüber gesprochen werden, was diese Liebe (Gerontophilie) ausmacht! Praktischerweise wird sie im Wort „Pädophilie“ gefasst und generell als Missbrauch entsorgt.

4) Und nicht erst politisch-korrekt ab 16, oder gar 18 Jahren! Ich wiederhole, es geht hier ums Begehren und nicht um „strafbare Handlungen“!

5) S. 145-153

männer kaufen – nicht nur in zürich

Mittwoch, 05. Dezember 2012

Zum Buch von Oliver Demont:  (vergriffen!)

Man kann das Buch kaufen wegen der Fotos von Walter Pfeiffer. Man kann das Buch kaufen wegen der grafischen Gestaltung. Wegen des textlichen Inhalts muss keineR dieses Buch kaufen…

Ich habe heute darin gelesen, aber nichts neues erfahren, was nicht schon in vergangenen Jahren und auch aus anderen Teilen der Welt geschildert wurde. Neu sind die einfachere Reisemöglichkeit der Escorts/Stricher in andere Länder und die zentralen Kommunikations-möglichkeiten der neuen Elektronik.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie selbstverständlich die darin geschilderten Verhältnisse der jungen Männer akzeptiert werden, wenn es nicht um Sex als Erwerb geht. Sei es in einer Lehre, auf wechselnden Jobs, oder in wechselnden Familien- oder Beziehungsverhältnissen. Da schreit kein Huhn und kein Hahn! Erinnern möchte ich nur an die sogenannten “Verdingkinder”, für die man/frau sich aus heutiger Distanz ja problemlos entschuldigen kann. Andere mögen in Büchern von Jeremias Gotthelf lesen gehen…

Weibliche und männliche Medienleute, PolitikerInnen, SexualschützerInnen und GesetzeshüterInnen sind ausgezeichnet im Ausblenden der realen gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Heterror diskriminiert die Homosexualität, produziert  ”TäterInnen” und “OpferInnen”, die je nach politischer Korrektheit ihre Rollen wechseln können.

Der gleiche Heterror beutet dazu noch Freier und Escorts/Stricher gemeinsam aus – also beide, wiederum in wechselnden Rollen. Mit Vorschriften und Kontrollen und Mitleid mal mit den Einen oder den Anderen…

Nur über die wirtschaftlichen Verhältnisse wird einfach geschwiegen. Da muss dann das Sexualstrafrecht herhalten und sich von der Politik ficken lassen. Was das Strafrecht wiederum unbenommen an die Betroffenen weitergibt. Wie es sich im hierarchischen und monetär bestimmenden Markt so richtig gehört. Der mediale Aufschrei macht betroffen, doch ausser Gesetzen ändert sich nie irgendetwas. Auch nicht die fehlende Selbstbestimmung der Beteiligten. Ich betrachte es als ein Menschenrecht, seinen Körper zu verkaufen, ob Kopf, Hände oder Schwanz.

“Es gibt persische und türkische Sprichwörter, die besagen, wie vorteilhaft es ist, der Geliebte eines Grossen zu sein, eins, das in freier Übersetzung lautet: „Das meiste erreicht ein Mann mit seinem Gesäss, entweder indem er sich darauf setzt und arbeitet, oder indem er es einem grossen Herrn zur Verfügung stellt.“  (Hirschfeld 1914)

Peter Thommen_62, und alt geworden ohne Stricher

Interview mit Demont   Besprechung von schmerzwach

zum Thema Geschäft mit der Homosexualität siehe auch “von gayromeo zu planetromeo”

Eine starke Frau und ein kindlicher Liebhaber

Donnerstag, 22. März 2012

Zum Verständnis der Geschichte: Im Januar meldete Blick die Story einer Handballtrainerin, die sich auf ein Verhältnis mit einem ihrer Schüler eingelassen hatte, damals 13 Jahre alt. Die Frau erhielt von der österreichischen Justiz wegen Verführung eines Minderjährigen 22 Monate auf Bewährung. *

Renata Juras hat als betroffene „Täterin“ ein Buch geschrieben, in dem sie auf ihr LehrerIN-Schüler-Verhältnis eingeht. Wir sollten davon ausgehen, dass der Text nicht identisch ist mit den Strafakten. Ich schildere daher auch nur meinen persönlichen Eindruck über einen sicher sorgfältig edierten Text.

Als Schwuler ist mir aufgefallen, wie sehr die Lehrerin eine männliche Rolle spielt. Ob das etwas mit ihrer kroatischen Herkunft zu tun hat, sei mal dahingestellt. Für einen Jungen kann das eine „queere“ Funktion bekommen. Ich meine damit eine Dimension über die Geschlechtsrolle hinaus ins Spekulative. So wie meine Freundschaften zu älteren Frauen eine Alternative zu meiner Mutterbeziehung waren und sind – neben meiner homosexuellen Orientierung.

In der Geschichte wird anfangs nur erzählt, dass die Mutter des Jungen einen Freund hat. Sein Stiefvater ist abwesend und kommt erst am Ende ins Spiel. Bis zur Mitte des Buches verläuft alles „normal“ und zufällig. Bis sie auf klare Signale des Jungen stösst. Interessant ist, wie sie diese interpretiert. Bald klärt der Junge bei seiner Mutter ab, ob sie etwas gegen diese Beziehung habe. Viele Heteros finden alles auch relativ „normal“ – abgesehen vom Alter des Liebhabers vielleicht. Erst um das neunte Kapitel herum kommt die Autorin auf ihre persönlichen Beweggründe und Leidenschaften zu sprechen.

Aus der männlichen Perspektive ist es nicht gut, wenn ein Junge von seiner Mutter an eine andere einfach „weitergereicht“ wird. Vor allem, wenn auch in der Freizeit eine Frau die dominierende Bezugsperson spielt. Die nicht unbedingt bewusste allgemeine Homophobie in den Familien erleichtert das. (Ich las darüber eine witzige Kolumne) Mir erscheint alles wie ein stummer „Pakt unter Frauen“.

Begeisterte Leserbriefe zu solchen „Liebesverhältnissen“ in der Presse und online, bestätigen mir auch, dass Freud seinen Ödipus nur nach den Äusserlichkeiten formuliert hat. Nach seiner hetero Theorie begehren die Kinder jeweils ihren verschieden geschlechtlichen Elternteil. Aber der „innere“ Anteil der erotischen Dynamik wird dabei übersehen. Wenn doch Kinder wirklich „unschuldig“ sein sollten, dann müssen sie von den Eltern – oder eben dann von den „bösen Pädophilen ausserhalb sexualisiert“ worden sein, wie das Frauen immer monieren – aber zwischen der Homo- und der „heiligen Heterosexualität“ einen grossen Unterschied machen. Als Schwuler stehe ich da ausserhalb und kann nur Fragen stellen. Solche, die sich die ältere Geliebte offensichtlich niemals stellen musste.

Wenden wir uns also der Sichtweise der Autorin/Täterin zu. Von Sex war bisher noch nicht die Rede, nur von Ahnungen, von überwältigenden Gefühlen! Sie schildert ihre inneren Beweggründe, warum sie sich auf den Jungen eingelassen hat, wie folgt.

„Ich wusste lange genug, dass ich diesen Jungen liebte. Dieser Kuss war wie die Antwort auf die Frage, ob unser Traum doch Wirklichkeit sein konnte.“ (S. 85)

„Er war zärtlich, klar und offenbar wild entschlossen. Wieder fühlte ich mich jünger als er, im Ungewissen, was nun passieren würde. Er liess meine Hand nicht los und ich fühlte den Puls in seinen Fingerspitzen. Ich wusste, wie alt er war, aber ich wusste in diesem Moment nicht, dass das Gesetz unsere körperliche Liebe verbot. Ich wusste, dass er zum ersten Mal mit einer Frau zusammen war. Ich wusste dass er mein Spieler war. Aber ich spürte nur einen Mann und eine Frau.“ (S. 85)

Aus dem bisherigen Buchtext geht nicht hervor, dass sich die beiden über ihre Vergangenheit ausgetauscht hätten. Sie konnte eigentlich nichts davon wissen. Oder erst im Nachhinein. Und das mit dem Gesetz musste sie – wenn nicht als Mutter oder bereits Ehefrau – wenigstens als Trainerin wissen –  sie hatte es einfach verdrängt. Aber soweit geht ihre textuelle Offenbarung nicht.

„Ich spürte, wie Tränen aufstiegen, fühlte mich vollkommen verletzlich, ausgeliefert und unsicher. Ich war siebenundzwanzig Jahre älter als Ervin. Diese Realität traf mich härter als in den letzten Tagen.“ (S. 86)

So wie sie oben nur Mann und Frau spürte, so übernimmt sie auch hier – trotz ihrer männlichen Trainer-Rolle und ihrer persönlichen Dominanz – die verletzliche Mädchenrolle, wie es ihr in der Heterosexualität zusteht. Sie redeten bei alle Treffen eigentlich „nicht viel“.

„Als ich zur Tür hinausging, wusste ich, dass Ervin aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken war.“ (S. 87)

Als Schwuler staune ich immer wieder, wie überzeugt Frauen über Männer dies und jenes „wissen“. Und für fast alle Frauen gibt es eben nur Männer – keine Schwulen, oder wenigstens Bisexuelle. Und als Schwuler, der auch sehr viel mit heterosexuell orientierten Männern Sex hat (lieben wäre für sie zu schwul!), weiss ich und lese ich immer wieder in Foren, wie unverstanden sie sich oft von Frauen in ihrer Sexualität fühlen. Eigentlich ist es eben „nur ein Spiel“.

Jungs – und um die geht es mir, weil Mädchen höchstens als eigenes Rollenspiel bei der Täterin hier auftauchen, wollen in erster Linie so sein wie Erwachsene. Diese Rolle wird ihnen auch sozial und familiär aufgetragen. Und Renata gesteht diese ihrem kindlichen Liebhaber sofort zu. Noch bevor sie wirklich wissen was sie selbst wollen, wollen Kinder „den gleichen Sex“ nachmachen wie die Erwachsenen, die ihn aber wiederum für sich reserviert haben. Den „richtigen“ Sex. Aber der ist normalerweise in der Familie nicht und ausserhalb nur schwer zu haben. Es kommt eher vor, dass der Vater mit seinem Sohn zu einer „Fachfrau“ geht und diese auch noch bezahlt. Mütter gehen eh mit ihren Söhnen nirgendwo hin, sie würden sonst eifersüchtig. Solche Gedanken bewegen mich beim lesen dieser Geschichte. Es gäbe wohl noch mehr anzuführen…

Bald folgt der offizielle „Treff der Mütter“:

„Ich versuchte, mich in ihre Lage zu versetzen. Wenn meine Tochter Emily in einen einundvierzigjährigen Mann verliebt gewesen wäre, wäre ich mit Sicherheit ausgeflippt und hätte den Mann zum Teufel geschickt. … Ein Mann, auch wenn er jung ist, weiss besser, was er will. Und vor allem weiss er ganz genau, was er nicht will.“ (S. 91/92)

Das vermisse ich oft bei Gerichtsberichten über Knaben, die von Männern „sexuell missbraucht“ worden sind. Im Grunde genommen ist die Homosexualität ja schon der sexuelle Missbrauch. So einfach ist das. Und was ist mit den schwulen Männern, die sich als Junge erst in die Heterosexualität mit Frauen verirren?

Die Schwiegermutter: „Weisst Du, Renata, ich habe die ganze Sache wahrscheinlich schon viel früher bemerkt als du. Ich habe euch ja oft genug beim Training zugesehen. Ervin hat dich ständig mit seinen Blicken verfolgt.“  (Wie aufmerksam!)

Judith hatte unsere Liebe tatsächlich früher erkannt als Ervin und ich. Aber schliesslich war sie seine Mutter. Ich wusste nur zu gut, wie es sich anfühlt, wenn man sein Kind liebt und kennt.“ (S. 92)

Als Schwuler ist mir schon längst klar, dass Mütter die homosexuelle „Orientierung“ ihrer Söhne erkennen müssen, „wenn sie sie lieben“ (?). Doch die meisten geben auf Befragung an, sie hätten keine Ahnung gehabt. Wenige schweigen sie tot und einige wehren sich wie Löwinnen dagegen. Und auch in dem Buch über die Frau und den Jungen schwebt eine Stimmung von: Worüber nicht geredet wird, das kann es nicht geben. Drum hat die Täterin ja auch ein Buch geschrieben – weil es ihre Liebe geben soll. Und das ist auch gut so! Und worüber darin nicht geschrieben wird, das hat es auch nicht gegeben. ;)

„Und habt ihr euch schon geküsst?“ fragt eine Tochter von Renata bei der kritischen Familienkonferenz zuhause.

„Ich lächelte verlegen und nahm meine beiden grossen Mädchen fest in die Arme. Wir waren nicht länger nur zwei Generationen von Frauen, sondern drei Frauen, die die gleiche Sprache sprachen.“ (S. 98)

Es war im Buch natürlich nie die Rede davon, dass Knaben und Frauen NICHT die gleiche Sprache sprechen! Und jetzt endlich kommt ihr „Noch-Ehemann“ ins Spiel. „Wäre meine Familie dagegen gewesen, hätte ich mich gegen meine Liebe entschieden.“ (S. 99)

Ihr Noch-Ehemann nahm die Sache gefasst und fragte sie nur, ob sie glücklich sei. Und hier endlich werden Schuldgefühle sichtbar: „Ich bin sehr glücklich, aber ich habe Schuldgefühle.“ Und nachdem er weiss, wer es ist: „Denkst du jetzt, ich bin eine Rabenmutter?“ (S. 108)

Schön, wenn die eigenen Töchter, der eigene Noch-Ehemann, nahe Bekannte, die „Schwiegermutter“ alle einem nicht den Krieg erklären, wie das bei einem gleichgeschlechtlichen Verhältnis garantiert der Fall wäre. Doch da waren noch Familienangehörige der anderen Familie einzuweihen. Der Stiefvater von Ervin hatte gefragt, ob sie beide schon miteinander geschlafen hätten. (Im Buch ist bis hierhin immer noch nichts Sexuelles erwähnt worden).

„Ervin sah mich nun direkt an. Ich stieg versehentlich kurz auf die Bremse und das Auto hoppelte. Und? Nichts. Ich habe die Wahrheit gesagt.“ (S. 114)

Der Stiefvater und die Liebhaberin sind sich nicht sympathisch. Das hatte sie schon vorher irgendwie gespürt. Es war nett, dass man sich mal in einem Café und kurz vor einem Training kennengelernt hatte. Dieser Stefan erstattet dann auch Anzeige. Es war ja eigentlich auch Pflicht für ihn. Die Frauen alle dachten gar nicht erst an so was.

Die Einvernahme soll etwa eine Stunde gedauert haben. „Ich habe die Wahrheit gesagt, wie du mir geraten hast. Ich sagte, dass es stimmt“. Er sah mich mit trotziger Miene an. „Ich habe ganz ruhig gesagt, dass wir zusammen sind und dass wir Sex gehabt haben.“ Dann hat die Frau noch gefragt, ob Zwang oder Gewalt im Spiel waren. Da hab ich natürlich verneint.“ Ervin sah abwesend und nachdenklich aus. Er zögerte kurz. „Da hab ich deutlich gespürt, dass sie mir in dem Moment nicht richtig geglaubt haben.“ (S. 129)

Wir erfahren erstmals am Ende des zweiten Drittels des Buches, dass die beiden auch Sex gehabt haben. Doch nur über den Umweg über die Aussage Ervins vor der österreichischen Polizei. Hier erinnere ich mich an Jungs, die niemals so lange warten könnten, bis sie zu ihrem Sex kommen. Mein Ex hätte niemals so lange gewartet – im Alter von 15 Jahren. Und die Jungs sind mit Eifer dabei, ihr Können zu erproben oder zu beweisen. Auch mit Männern! Aber für diese Frau und andere zählt nur die Liebe, die nirgendwo als „unsere Liebe“ formuliert worden ist, soweit ich mich erinnere.

Ja, ich weiss, es gibt immer Ausnahmen. Was sagte nun die Mutter des glücklichen Jungen vor der Polizei aus? „Na ja, als sie Mama gefragt haben, warum sie das mit uns erlaubt hat, hat sie gemeint, dass sie nichts dagegen tun kann und will, wenn ihr Sohn sich verliebt. … Dass sie mich nicht rund um die Uhr einsperren und beobachten kann. Sie hat gesagt, dass sie es vorzieht, offen mit mir zu reden und so eine gewisse Kontrolle zu behalten. Ervin nahm meine Hand. „Am Schluss hat sie noch gesagt, dass sie die Anzeige von Stefan dumm findet.“ (S. 130)

Das Liebespaar wusste angeblich nicht, dass ihre „wahre Liebe“ von Gesetzes wegen strafbar war. Mich erstaunt nur, dass es bei homosexuellen Liebesverhältnissen immer alle wissen! Immerhin darf Frau in Österreich  ab 14 Jahren schon Liebhaber haben, sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechts. Für Männer war es lange Zeit höher. Und die „Gleichbestrafung“ musste schwer erkämpft werden.

„Ervin wollte für mich da sein. So sollte es sein, fand ich, ein Mann sollte seine Frau beschützen wollen. Ich wusste, dass Ervin genau darunter leiden würde: Mir nicht helfen zu können. Es würde ihm seine Machtlosigkeit vor Augen führen und seine Schuldgefühle übergross werden lassen. Er fühlte sich für die Situation verantwortlich.“ (S. 132)

Als Schwuler kann ich nur feststellen, in gleichgeschlechtlichen Verhältnissen gilt all das nicht. Es geht dort vor allem darum, den Jungs beizubringen, dass sie in jedem Fall sexuell missbraucht worden sind. Aber eigentlich geht es darum, dass nicht politisch richtig gefickt wird. Und da kann dann auch kein Verständnis aufkommen für eine „wahre Liebe“, die nicht weiss, dass sie dafür bestraft wird. Wenn Renata sich fragt, warum Stefan (der Stiefvater von Ervin und Anzeigensteller) „so etwas tut“, so fragen sich viele heterosexuelle Frauen bei homosexuellen Verhältnissen genau umgekehrt: Warum sollte frau „so etwas nicht tun?“ Immerhin dachte die Täterin darüber nach, „dass Stefan vielleicht Angst davor hatte, seinen Sohn an mich zu verlieren.“  (S. 135) Frauen sind sich immer ganz gewiss, dass sie ihre Söhne – an Männer – verlieren…

Es blieb noch das Gespräch mit der Fussballmannschaft. „Jungs, hört mal zu, begann ich, „ich möchte mit euch reden, aber nur mit den älteren Spielern. Die Kleinen können schon gehen.“ Ich wollte nicht, dass die Jungs Jahrgang 99 und 2000 mit dieser Geschichte belastet wurden.“ (S. 137)

Tja, die grossen Jungs werden es den Kleinen wohl voller Stolz erzählt haben. Wie kann Frau nur so naiv denken und handeln? Und die kleinen Jungs sind ja auch nicht blind. Werden aber gerne von Müttern dafür gehalten. Nichts desto trotz macht es sie glücklich, dass Ervin dann ein Kind von ihr will und dass die Liebe über alles gesiegt hat.

Bei fast allen homosexuellen Liebesverhältnissen siegt aber das Gesetz. Und dabei ist egal, ob es die grosse Liebe, das Erstemal oder Unkenntnis war.

Peter Thommen_62

 

Renata Juras: 41 und 14, edition a, Österreich, 184 S. CHF 24.-

 

* Fortsetzung der Vorbemerkungen:  Weitere Fälle wurden von Blick als „Sex-Lehrerinnen“ bezeichnet und nur ein Fall enthielt die Bezeichnung „Kinderschänderin“. Aufgefallen sind mir Leser-Reaktionen darauf, die schon immer von solchen Partnerinnen in der Jugend geträumt haben wollen…

Zum Verständnis des Autors dieser Besprechungs: Ich bin 62 Jahre alt, von Kind an homosexuell und dann konsequent schwul. Das hielt mich aber nicht davon ab, mich in die Lehrerin des ersten Schuljahres und diejenige des letzten Schuljahres ein wenig zu verlieben. Meine Grossmutter war meine erste alternative Mutter und seit etwa 40 Jahren hatte ich immer wieder zufällige Freundschaften mit älteren Frauen. Mehr nicht.

Anfangs 30 hatte mich ein 15jähriger Junge angemacht und ich war etwa 2 Jahre mit ihm zusammen. Meine Präferenz ist bei Anfang 20…  Ich selbst hatte nie Sex mit älteren Männern oder Frauen.

Es wird immer nur über „Pädophilie“ geschrieben – es muss auch die Gerontophilie von seiten der Jüngeren geben, wir können nicht alles einfach im „sexuellen Missbrauch“ entsorgen.

Homo, Hetera und die Homosexualität (2009)

Dalida, ein bewegendes Lied über einen 18jährigen Liebhaber

Alles wird gut, wenn der Knabe und seine Liebhaberin ein Kind erwarten!

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Ein weiteres Buch zum Thema ältere Frau – jüngerer Liebhaber

>>  Diverse andere Besprechungen von mir 

«Brokeback Mountain» als “biblischer” Sündenfall

Sonntag, 04. März 2012

Viele haben den Film gesehen und wurden darin bestätigt, dass Liebe und Sex zwischen Männern sehr schön sein kann, dass sie aber in unserer Kultur keine Chance, respektive keinen Platz hat…

Doch in dem Film wird nicht nur die Sexualität „überspielt“, der Regisseur Ang Lee spielte auch mit den Urkonflikten aus der Bibel. Dies gesehen und beschrieben hat Kathrin Geyh, eine junge Filmemacherin. Studium der Kommunikationswissenschaften und Arbeit bei Amalia-Film.de

Sie kann sich wiederum auf zahlreiche Besprechungen und Kommentare über den Film stützen. „Das Buch „On Brokeback Mountain“ von Eric Patterson umfasst sieben Essays, in denen die Themen des Films, wie gleichgeschlechtliche Liebe, Homophobie oder gesellschaftliche Repressionen in einen kulturgeschichtlichen Kontext gesetzt werden. Die fünfzehn Aufsätze unterschiedlicher Autoren, die Jim Stacy in „Reading Brokeback Mountain“ zusammenstellte, behandeln zusätzlich die filmrezeptorische Ebene und stellen dar, welches Publikum auf welche Art und Weise und warum kontrovers oder befürwortend auf den Film reagierte; oder wie sich bei den Zuschauern das Image homosexueller Männer dadurch veränderte, dass Ennis und Jack mit Heath Ledger und Jack Gyllenhaal besetzt wurden.“ (Aus der Einleitung)

Sie geht den Beweggründen, Handlungen und Emotionen des Films nach und sucht die Symbole in den biblischen Geschichten von Genesis und im Sündenfall. Sie erkennt ganze Handlungsstränge des Films darin wieder. Dies gibt dem Film eine zusätzliche Tiefendimension, die auch bei Fundis und Konservativen heftige Gefühle auslösen musste.

Die Autorin bietet anfangs eine kurze Übersicht der Handlungsgeschichte des Films und schliesst daran eine Rezeption der biblischen Aussagen, die sie heranzieht. Beim Brudermord der ersten Kinder stellt sie fest: „… doch da Kain und Abel eben nicht Adam und Eva sind, kommt die Übertragbarkeit ihrer Geschichte auf den Film an eine deutliche Grenze“. (S. 27)

(Nachdem ich eine „Lange Nacht“ über Totem und Tabu bei Deutschlandradio verfolgt habe, über Vatermord und Sohnestod, am Beispiel von Abraham und Isaak, sowie Gott und Jesus und den damit verbundenen Erlösungswünschen, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass die „Bruderliebe“ – sozusagen in der zweiten Menschheitsgeneration – noch einbezogen werden sollte…

Homosexuelle Männer („warme Brüder“) trugen ja offensichtlich ein „Kainszeichen“.) Alles Männergeschichten aus der Urzeit – nicht zu vergessen die noch ältere Liebe von Gilgamesch und Enkidu.)

Es ist faszinierend, neue Zusammenhänge dazu zu finden, gerade für die aktuellen Diskussionen mit der Kirche und mit den „religiösen Wurzeln des Tabus Homosexualität“ (John Lauritsen, 1974/1983 dt). Dabei geht es im Wesentlichen um Männerbeziehungen, nicht um ausschliesslich homosexuell definierte!

Geyh stellt ihrer Arbeit eine Darstellung des Sündenfalls anhand von Gemälden der Kunstgeschichte voran. Dann geht sie auf die Allegorie ein, die sie – oft unterbewusst – aktivieren. (Uns vertrautes Beispiel: Die weibliche Helvetia als Allegorie/Symbol der Schweiz, oder die Frau mit der Zipfelmütze für Frankreich) Im zweiten Teil des Buches dann nimmt sie sich die Elemente dieses Sündenfalls einzeln vor und liefert die Bibelzitate gleich mit. Im letzten Viertel zitiert sie interessante Texte verschiedener Autorinnen und Autoren.

„In Brokeback Mountain wird nun eine homosexuelle Beziehung in die Natur platziert und erzählt, dass die Protagonisten ihren wahren Gefühlen entsprechend leben können. Dadurch entsteht eine neue Gruppierung. (PT, ich würde es als Wertung bezeichnen)

Wo es vorher hiess: natürlich = gut, wird im Film etwas mit „natürlich“ in Bezug gesetzt, was von einer Mehrheit der konservativen Gläubigen – im Judentum, Christentum und Islam – als nicht gut deklariert wird. Die neue Paarung im Film lautet also: Homosexualität = natürlich (ihr Ort ist die Natur), Heterosexualität = unnatürlich (die Protagonisten heiraten später in der Stadt, PT). Das muss für Kontroversen sorgen.“ (S. 56)

„Es stellt sich die Frage nach der Gesamtaussage der zwei Geschichten. Welche Haltung offenbart der Film und was soll der ‚Sündenfall’ nachfolgenden Generationen mitgeben?“ (S. 135)

Während die aktuelle „queer“-Diskussion – unter dem Eindruck von Homo-Ehe und traditioneller Zweierbeziehung dazu neigt, homosexuelle Kontakte ihrer Exklusivität zu entkleiden, um sie „unsichtbar“ zu integrieren, meint Geyh: „Denn es geht ja gerade nicht um einen Konflikt zwischen Gesellschaftsschichten oder Religionen, Jack und Ennis sind eben nicht Romeo und Julia. Sie sind zwei Männer, die einander lieben.

Mit Blick auf die Unfähigkeit, den Film als das zu benennen, was er ist, nähern wir uns seinem tatsächlichen Thema. Denn es fällt auf, dass auch die beiden Hauptfiguren Schwierigkeiten haben, das, was ist, zu benennen. Sie äussern sich nie wirklich dazu, was sie füreinander empfinden, sie sprechen ihre Emotionen kaum an, weder sich noch anderen gegenüber, gemäss dem Motto: So lange man es nicht äussert, besteht es nicht. Ennis kann nicht sagen, was er fühlt oder ist; er kann nur sagen, was er nicht ist.“ (S. 135-136)

…”Das macht deutlich, dass der Film hier weniger das Bild einer verurteilenden Gesellschaft zeigen möchte, sondern das Bild eines verurteilenden und gewalttätigen Ichs. Es geht um die fehlende eigene Akzeptanz; es ist die eigene Entwertung.“ (S. 136)

Und das ist es, was verheerende Auswirkungen auf die Psyche von Männern, Bisexuellen und Schwulen hat! So ein Liebesleben MUSS in der Scheisse enden. Wortwörtlich!! Es MUSS krank machen! Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sozusagen. Und ich verfolge das auf vielen Profilen und in Diskussionsforen Bisexueller – seit über 10 Jahren!

Und bei Adam und Eva: „Aber mehr noch als ein soziales Regulativ ist die Gottesebenbildlichkeit für Gläubige ein Regulativ, das die eigene Haltung zu sich selbst bestimmen kann. Ihnen ist sie ein göttliches Schild gegen Minderwertigkeitskomplexe, gegen Aburteilungen des eigenen Inneren, eine göttliche Abwehr gegen die Unfähigkeit, sich selbst nicht lieben zu können. … im Gefühl, dass die Gottesebenbildlichkeit einer Schlechtheit gewichen ist; dass Gottes ursprünglich liebevoller Blick auf sie vernichtend ist, da ihr eigener Blick auf sich selbst vernichtend ist. So betrachtet erzählt auch der Text von den Konsequenzen innerer Ablehnung und trifft sich auch auf dieser Ebene mit dem Film.“ (S. 137)

Peter Thommen_62 

Kathrin Geyh: Das Helle braucht das Dunkle. Der biblische Sündenfall in „Brokeback Mountain“, Universitäts Verlag Konstanz 2011, 175 S. € 24.- / off. CHF 34.90

Siehe auch: Thommen, hallo “bisexueller” Boy!

 

P.S. Miriam Daré weist in ihrer Besprechung einer Story-Szene, die nicht im Film vorkommt, auf weitere psychoanalytische Dimensionen hin. (Zschrf klass. PsyAnalyse, Heft 1, 2007, S. 66-79)  Es handelt sich um eine Erniedrigung und Gewalttat des Vaters Twist gegenüber seinem Sohn Jack: Er verprügelt und bepisst ihn auf dem WC, weil dieser daneben pinkelte. ( „Verpiss Dich!“ – wobei jeweils das Ich am Anfang fehlt… ) Dieser nicht so seltene Fetisch unter Männern erstaunt nicht. Die Handlung ist so tabuisiert, so dass sie auch im Internet nicht benannt wird! (Die Empfindung ist zugleich Wärme und Erniedrigung!)

Erstaunlich für mich ist, dass ich bis jetzt nur von Frauen gelesen habe, die sich diesem Diskurs stellten: Annie Proulx (Autorin der Geschichte), Kathrin Geyh, (Autorin des hier besprochenen Buches über die Geschichte) und Miriam Daré, die aus der Ecke der klassischen PSA schreibt. Männer haben sich nach meinem Wissen noch nicht daran gewagt? (Ausser Ang Lee, dem Regisseur)!  

Nachtrag: Siehe auch den interessanten Beitrag von Andreas Krass: Metrosexualität. Wie schwul ist der moderne Mann? Darin nimmt er einleitend Bezug auf Marks Simpson und den Film “Brokeback Moutain” und bemerkt, dass dieser eine “heterosexuelle Veranstaltung” sei und zwei heterosexuelle Männer eine homosexuelle Affäre hätten. Im Weiteren würden sich Heteros damit beweisen, wie tolerant sie doch heutzutage seien…  In: Queer Lectures, April 2008, S. 108-141

Peter Thommen_62, Buchhändler, Schwulenaktivist, Basel

 

mit dem Bruder der Freundin…

Dienstag, 25. Oktober 2011

Der Student Javier führt ein unbeschwertes heterosexuelles Leben und hat auch eine Freundin. Who cares? Doch diese hat einen jüngeren Bruder, der bald seinen Schulabschluss machen sollte und zuviel herumgelümmelt hat. Es ist Sommer. Es sind Ferien. Und es regnet auch mal.

An diesen langweiligen Nachmittagen heisst es für José, Verpasstes nachzuholen und zu pauken. Javier hatte sich entschlossen, dem Jungen das fehlende Wissen beizubringen und dieser war entschlossen, es doch noch zu schaffen. Doch die regelmässige Nähe und die Willensstärke der beiden Männer kombinieren sich zu einem dramatischen Kampf um Leidenschaft. Es geht um Schönheit, Jugend und die Macht der Anziehung. Für Schwule ist das die klassische Dramaturgie der Ungewissheit, der Überraschung oder Enttäuschung. Für Heteros bringt es Zweifel an ihrer Orientierung und ein schlechtes Gewissen gegenüber Frauen.

Abgesehen von zwei Sexszenen ist die Erzählung spannend aufgebaut. Der Autor führt den Leser schlau durch die Sehnsüchte verpasster Gelegenheiten, die keiner real wagen würde, zu ergreifen.

Luis Algorri: Du hörst von mir, Gmünder 2009, 200 S. CHF ca. 16.–

 

Als bewegter Schwuler allerdings frage ich: Hat sich in den letzten Jahrzehnten denn immer noch nichts geändert? Heteros suchen meistens im engeren persönlichen Umfeld nach heissen Kontakten und begeben sich in heikle Situationen. Klemmschwestern machens ihnen nach, weil sie nicht aus ihren Eierschalen herauskommen wollen. Muss es immer eine tolle Hochzeit sein, die vorab eine dauerhafte Ehe verspricht? Muss es immer “das Schicksal” sein, das die Begehren offenbart?  Können es nicht auch Zufälligkeiten und spontane Offenheit sein, die Genuss und Befriedigung in die Ferien bringen? Da können Gefühle auch Platz haben und den Alltag bereichern. Vielleicht könnten sich dabei gewisse Heteros und Schwule auch real wiederfinden und ebenso leidenschaftlich Sex und Freundschaft erleben, statt Ausnahmesituationen zu missbrauchen und dann wieder alles zu verdrängen!

Möchtest Du mehr darüber lesen und nachdenken, dann schau auf meinem alten Blog! (weitere Texte unter dem Stichwort “bisex”!)

oder auch hier  Hallo bisexueller Boy! 

der junge auf der heissen sohle

Samstag, 14. Mai 2011

Hitze ist fast immer Ausdruck von Körperlichkeit und Sexualität. Dieser Roman wird geprägt von Sonnenhitze, Wut und Branntwein… obwohl die Sexualität eigentlich “abwesend” ist. (In der Zeit der Prohibition in den USA – 1919-33)

Die Geschichte ist so heterosexuell wie irgend möglich. Aber die Hitze schlägt auf den jungen Mann ein wie Blitze, oder hält ihn in Leidenschaften gefangen. Daneben wirken seine sexuellen Kontakte mit Mädchen oder jungen Frauen schal und warm. Das männliche Feuer brennt IN ihm und das macht die Geschichte wiederum zu einer Auseinander-Setzung, die nach Einheit mit dem eigenen Geschlecht sucht. Wozu denn in die (weibliche) Ferne schweifen, wo doch das Gut(e) so nahe liegt?

“Dog Star” von David Windham ist kein schwuler Roman. Und doch geht es um Männer und ihre Rolle, gegenüber der Mutter, den Geschwistern, “den Frauen” und den anderen Männern in einer Kleinstadt der USA. Da wo alles seine Ordnung und seine Gewohnheiten hat. Blackie ist einer Besserungsanstalt entflohen, in welcher er einen nahen Freund durch dessen Selbstmord verlor. Er kehrt zurück in sein Nest, das nicht mehr sein Zuhause sein kann. Weder im Sex mit einem Mädchen, noch in Arbeit oder Nichtstun, kann er einen Sinn des Lebens finden. In dieser Enge verformt sich Männlichkeit zu Heldentum oder Tod. Sehr schön sind diese Elemente in ihrer Wirkung beschrieben, in einer Sprache, die einem das alles sehen, riechen und schmecken lässt!

“Seit er sich erinnern konnte, hatte er in Garagen und unter Häusern mit kleinen Mädchen gespielt. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass Liebe damit zusammenhing. Er war erfreut und überrascht.

“Nachts im Park war er mit ihnen – sein Glück überall versuchend – so weit gegangen, wie er (jetzt) mit Mabel gegangen war. Es war ein Abenteuer, aber es war das Gegenteil von dem, was er unter Liebe verstand. Liebe war etwas Grosses und Starkes, ohne jede Verbindung zu Handlungen, die vertraut waren und sichtbar, und einen Namen hatten. Liebe war ein Entkommen aus dem Alltag, nicht ein Teil davon.”

Er betrachtete Mabel, als hätte er sie nie zuvor gesehen, und liess seine Hände an ihrem zarten, festen Körper hinab gleiten, bevor er antwortete. Er glaubte es nicht wirklich, und doch machte es ihn unglaublich glücklich, Liebe auf das zu reduzieren, was da vor ihm stand, um angeschaut und von seinen Händen angefasst zu werden.

Ich liebe dich auch“, sagte er.”

Natürlich hatte er sowas nie zu einem Jungen gesagt. So treibt er sich also in der Stadt, unter den Jungs, den Ganoven und der Familie herum, die Stärke von Whitey suchend, die er durch dessen Selbstmord verloren und die er offenbar in einem Vater nie hatte. Sich auf Spiele einlassend, die ihm Ansehen, Respekt oder gar Geld bringen sollen.

Blackie durchlebt das, was Schwule nie erleben wollen und zieht trotzdem am Ende die Konsequenz da, wo Schwule erst mühsam anfangen müssen, mit “heterolike” und “straight-acting”. ..

Ein Buch also, aus schon historischen Zeiten, aber mit der Macht des Heterrors, der Jungs bis heute bis in den Tod treiben kann.  

Peter Thommen (61)

Donald Windham: Dog Star *, Lilienfeld Verlag 2010, 220 S.  CHF ca. 26.–

* vom Hundsstern am Himmel hergeleitet

Das Buch ist auch im gay-mega-store Basel zu haben.

Eine Besprechung von Zwei Menschen folgt!

gay sex guide

Dienstag, 29. Juni 2010

Gut gewählt der Autorenname: Sven Rebel. Gut ausgestattet mit Farbe, mit jungen Männern und steifen Schwänzen: Der “Gay Sex Guide” aus dem “blauen Hause” in Berlin, sorry Gmünder Verlag. Der Gestalter konnte in den besten schwulen Fotoagenturen der Welt herumwildern.

Die Handbücher aus früheren Zeiten: “Die Bücher machten einen ziemlich langweiligen Eindruck. Kleingedruckt, eng beschrieben, voller Fachausdrücke – und das Schlimmste: keine Bilder! … wie ich zu geilem Sex mit leckeren Typen komme und wie das genau geht”, das wollte der Rebel genauestens wissen…

Was gehört nun zu diesen “schwulen Basics“, die er uns kurzweilig, lesbar und ohne Fachausdrücke beibringen will?

Vom Schaltplan der Lust – warum Sex vor der Camera gut für die Beziehung sein kann – Cruisen – Darkroom – Deepthroat – AIDS – safer sex – Kondome – bareback. So ganz ohne Fach- oder Szene-Chinesisch geht’s also doch nicht.

Seit Rebel 14 war, hatte er so vieles verpasst, denn das Leben eines Junghomos beginnt mit “100 verpassten Chancen”.

Ich lese nach, im Schaltplan des zweiten Kapitels: “Einen Kerl heiss zu machen, ihn zu verführen, ist ein wenig so, als würde man ein sehr teures Sportauto aufwärmen, bevor man damit das nächste Rennen fährt… er wird bald den Turbo einlegen und im Bett so richtig Gas geben.”

Wie man “garantiert jeden Kerl kriegt”, lese ich in 21 Tipps! “Selbstverständlich sollst Du diese Anleitung nicht mit zu dem heissen Kerl ins Bett nehmen.” Und neben dem Bild von zwei gross-schwänzigen Typen tröstet Rebel: “Je kleiner der Schwanz ist, umso mehr kannst du das ausgleichen durch andere Liebeskünste.”

“Werde Klassenbester im Verführen, beim Blasen, oder werde ein derber S/M-Meister.” Tolle Aussichten für einen Teenager! ;)  Erstmals taucht in dieser Gebrauchsanweisung ein blaues Kästchen auf: Es warnt vor den Gefahren gewisser Aktionen, oder relativiert hinterher im Kapitelanhang wie ein schlechtes Gewissen Entscheidungen, die gefährlich sein könnten, oder worin er vorher zuviel versprochen hatte. Mit dieser Methode können die Leser – wohl meist eher jüngere – an alle Problemzonen herangeführt und ihnen Entscheidungsfreiheit suggeriert werden. So ist der Rebel auch moralisch und medizinisch aus dem Schneider. Jeder ist doch selber seines Glückes Handwerker/Autopilot – oder so. Und das tapfere Schneiderlein fing ja auch sieben auf einen Streich – Fliegen nämlich!

Beim Abspritzen, wisse mann immer nachher, was mann geschafft habe! Ich merke langsam, dass Sex bis zum Klassenbesten eine ganze Menge Arbeit zu sein scheint!

Schieres Gelächter entlockte mir der persönliche Tipp zum “handmade fleshlight”. (Ich kann ja hier auch ein paar Infos weitergeben! ;) Fleshlight ist eine hohle Kunststoff-”Taschenlampe”, die den Schwanz des Heteros als längliche Muschi zum glühen bringen soll. Aber Rebel bastelt das lieber selber: Mann nehme einen Gummihandschuh, Gleitcrème hinein und ein Handtuch darum herum. Ich denk, der Autor muss eine Hete sein! :-P

Immerhin weiss der Typ, dass Hoden nicht eingeklemmt in enge Jeans, sondern in der Kühle sein sollten, weil sonst die Fruchtbarkeit leidet. Aus demselben Grund ist wohl auch die Genitalbehaarung geschaffen, die wie ein Radiator im Zimmer die Hitze in der Kleidung über die vielen Haare ableitet, wie auch auf dem Kopf! :) Aber trotzdem ist es für Rebel schick, sich zu rasieren. Aber nicht zu kurz vor dem Date, weil sonst die gereizte Haut mit Pusteln alles unansehnlich machen könnte…

“Brustwarzen: Dreh am Knopf für einen berauschenden Kopf!”

Oder sag dem Typ, dass Du kein Kofferradio bist, damit er gar nicht erst anfängt! ;)

Die verschiedensten Spielsachen, wie früher im “Laufgitter” der Kinderstube, die Rebel auch empfiehlt, lasse ich mal weg. Einige sind auch “nicht unriskant”… Aber schliesslich sollen die Verkäufer seines Buches mit dem Zusatz-Verkauf dieser “give-aways” etwas zu dem Buch dazu verdienen. Auch Pornostar kann ein geiler Junge sehr gut werden. Dafür gibt’s das Kapitel “Im Bett mit Fred”…

Ich öffne die Seiten für die Aufregungen in Internet und Szene! Aber nach der kurzen Einleitung ist bald Realitätstherapie angesagt: “So schön wie oben beschrieben, ist das Kennenlernen heutzutage leider nur selten. Beziehungen werden zwar immer noch in der Schule, auf der Arbeit oder beim Sport geknüpft” (Der Autor MUSS ein Hetero sein!), “aber hauptsächlich dienen unterschiedliche Internetplattformen als Kontaktbörse – und bei denen fällt das klassische Flirten vollkommen weg.” (S. 49) Ich denke, auch auf Schule, Arbeit und Sport kann ein Schwuler schlecht flirten. Ich lese immerhin die Zeitung und die berichtet mir laufend von homophoben Reaktionen in diesen Gebieten. Der Autor muss ein Hetero sein!

“Ausgehen in Cruising-Bars ist ebenfalls schwer aus der Mode gekommen! Stattdessen vermischt sich die schwule und heterosexuelle Partyszene immer mehr, man geht nur noch selten in reine Gay-Bars, eher in die Clubs, die gerade angesagt sind.” (S. 49) Wow. Und da lassen dann die verklemmten Scheinheteros irgendwelche Zettel mit emailadressen und Telefonnummern diskret zu Boden fallen?

“Eigentlich ein erfreulicher Trend, denn so werden Vorurteile und Diskriminierung abgebaut.” (Wieso wird das noch nicht öffentlich empfohlen und allgemein unterstützt – oder bei gayromeo und in Blogs und Foren propagiert? PT) “Aber leider wird so die Suche nach dem Traumprinzen erheblich erschwert, da es natürlich nicht mehr so eindeutig ist, welcher von all den leckeren Kerlen auf der Tanzfläche denn nun auch schwul ist.” (S.49) Also doch nix mit Abbau von Vorurteilen und Diskriminierung bei den Heteros. Tja, da ist guter Rat für Schwule teuer!

So schnell ändern sich die Zeiten: “Früher ging man aus, um zu flirten, Jungs kennenzulernen und vielleicht die Nacht miteinander zu verbringen. Heute (! PT) sucht man den (Sex-)Partner im Internet nach fest eingestellten Suchkriterien oder geht gleich ins Sexkino, den Cruising Park oder in die Sauna für schnellen anonymen Sex.” (S. 49)

Also blättern wir zum nächsten Kapitel: Vom Klick zum Fick. Boah! Mit “Verkehrsregeln sicher durch den virtuellen Männer-Katalog”. Diese erspare ich mir und dem Leser, denn darüber gäbe es mehr als ein Kapitel zu schreiben! Und wer natürlich mit wildfremden Personen aus anderen Städten und (Hetero-)Kulturen ein spontanes Date eingeht (“ich brauch es jetzt!” ;) – der wird von Rebel immerhin noch mit ein paar Warnungen eingedeckt, was die Aufmerksamkeit für die Getränke-Zumischungen (KO-Tropfen u.a.) betrifft. Es wäre manchmal von Vorteil, wenn gute Freunde wüssten, wo man mit wem geblieben ist… Die gay community von früher, die das im Hintergrund kontrollierte, gibt es eben heute auch nicht mehr!

Der Blowjob – beklagte sich Rebel nicht am Anfang über die vielen Fachwörter? ;)  - ist das Praktischste von allen Praktiken. Er kann überall geil, schnell und entlastend erfolgen. Aber nur bei dem, der “frisch im Schritt” ist. Seine Hygiene-Tipps sind wirklich nicht überflüssig!

“Zahnlos ist geil!” Und schon wieder werde ich den Verdacht nicht los: Der Autor ist eine Hete! Ich habe nie in meinem schwulen Leben den Rat gehört, die Zähne rauszunehmen beim Blasen, oder dabei zu brummen, um Vibration auf den Schwanz zu übertragen. Tja, was Hausfrauen und vielleicht auch Nutten so alles abarbeiten müssen – kreisch!

“Schlucken oder spucken? Stellt sich die Frage überhaupt?” Immer: “Sicherlich, wenn man einen geblasen kriegt, ist es das höchste der Gefühle, wenn der Schwanz bis zum Abspritzen im Mund des Bläsers bleibt – so ehrlich sollte man sein. Und auch als williger Bläser kann es ungemein befriedigend sein, nach harter Arbeit im Mund zu spüren, wie der Schwanz zuckt und pumpt und der heisse Saft in den Rachen spritzt… ABER – safe ist das nicht!” (S. 78)

Doch safer sex kommt später in dem Buch – so ungefähr in der Mitte: “Die schlechte Nachricht” Immerhin fünfzehn Seiten safer sex! Ich hätte mir einen besseren Titel dafür gewünscht!

“Oft wird behauptet, Sperma sei eine prima Proteinquelle, doch wer glaubt, sich durch eine Ladung davon den Eiweiss-Shake nach dem Sport zu sparen, der irrt. Sperma enthält relativ wenig Protein, dafür allerdings Stoffe, die positiv bei depressiver Stimmung wirken.” (S. 77)

(Leider werden die tiefer liegenden Motivationen für diese Praktiken nicht aufgedeckt, jedenfalls nicht so, dass sie für eine wirksame Prävention verwendet werden könnten.)

Ab Kapitel sex geht’s in die geile Praxis: Lass stecken – Kumpel! Ficken ist angesagt! Wie bei den Heten. (Der musste ja jetzt kommen ;)  Ich selber wusste lange Zeit nur, dass viele Homosexuelle “sowas nicht machen”. Heute weiss ich, dass die meisten Homosexuellen “es” machen. Am liebsten überall und jederzeit. Dabei ist der Arsch niemals mit einer Muschi vergleichbar und daher auch nicht “allzeit bereit”. Doch diese gewissen Umstände mit dem heimlichen Homosex, den Bisexuellen mit ihren Männergeilheiten, die sie nur “bei bestimmten Gelegenheiten“ ausleben können (Frauen lassen grüssen! ;) und mit den Heteros, die aus heiterem Himmel, oder erst nach langem Herumdrucksen “Schwanz angelegt haben wollen”, bringen den meisten Fickstress in die Szenen. Von den beiden Schliessmuskeln haben Wenige, und von der Funktion der Prostata eh fast nur Schwule je etwas gehört.

“Analverkehr ist geil… Denn bei keiner anderen Sexpraktik spüren Schwule eine so unglaubliche Intimität miteinander. Mann kann regelrecht süchtig danach werden, einen geilen Ficker im Inneren zu spüren; es ist ein unglaublicher Moment, wenn die Eichel durch deinen Schliessmuskel stösst und dadurch den ganzen Körper erobert. Das Gefühl, wenn der Schwanz immer weiter eindringt, und dann der Atem stockt, weil er sich wieder zurückzieht. Dabei explodieren jede Menge unterschiedlicher Eindrücke und Emotionen im ganzen Körper, die dich hemmungs- und willenlos werden lassen.

Aber auch seinen Schwanz in einen Kerl zu stecken, kann beinahe den Verstand rauben. Besitz von einem Loch zu ergreifen, das gleichzeitig eng und weich ist, es zu bearbeiten, zu spüren, wie es am Schwanz zuckt, sich zusammenzieht und wieder entspannt, dahinter die warme und feuchte Höhle, die sich gierig um den Schwanz legt, die ganze Länge reizt – man wird vor lauter geilem Fickinstinkt nur noch Schwanz und will immer wieder zustossen. Animalischer geht es eigentlich nicht!” (S. 97)

“Waren Schwule denn wirklich alle “Schwanzlutscher” und “Arschficker”? Stecken Schwule sich wirklich ihre Schwänze hinten rein? Was passiert dann mit der Kacke da drin? Hat man das dann alles an seinem Pimmel kleben? Wenn ja, was war da wohl so geil dran?” (Das fragte Rebel, S. 9 in seinen “Jugenderinnerungen” am Anfang dieses Buches!) ;)

Unter diesen öfter mal stressigen Fickbedingungen ist dann das “Grossreinemachen” angesagt: Die richtige Spühlung. Ob sie dann auch gesundheitsgerecht durchgeführt wird, ist wieder eine andere Frage, denn immerhin ist der Darm unser wichtigstes Immunsystem und beherbergt eine wichtige und empfindliche Darmflora in Form von Bakterien. Davon können diejenigen erzählen, die eine Antibiotika-Kur hinter sich haben, die diese Bakterien einfach abtötet. Sie müssen wieder ersetzt werden – zB durch Joghurt.

Immerhin hält Rebel fest: “Grundbedingung für guten Analverkehr ist, dass beide es wollen.” Also dass der Gefickte auch seine Schliessmuskeln entspannen kann. Sonst gibt es eine anale Vergewaltigung und prächtige Hämorrhoiden. (Es gibt aber auch die Möglichkeit zum Einsatz von (verschreibungspflichtigem !) Poppers, um dies zu umgehen. Seine Tipps fürs Anale sind soweit ok.

Mit Deepthroat und “Gagging” eröffnet aber Rebel seine Reise in das homo-sexuelle Abenteuer erst richtig! Tief in den Hals einen Männerschwanz zu stossen und dabei zu würgen bis zum Geht-nicht-mehr, leitet über in die sexuelle Fremdbestimmung, was bei Heteros normal und zwischen Männern klare Machtausübung ist. Wir spielen das Spiel der Heten!

Unter heterosexuellen Bedingungen wird auch die Prävention bei homosexuell aktiven Männern geplant und geführt. Dabei wird meist vergessen, dass zwischen Männern die Rollen auch vertauscht werden könnten – wegen dem “Einbahnverkehr” der hetero Männer mit Frauen. Für die Homosexualität teilt sich das nicht auf! Täter und Opfer sind nicht vordefiniert.

Die weiteren Kapitel widmet er den Spielsachen und Fetischen, wobei er in den blauen Texten jeweils ein paar Warnungen formuliert. Doch wozu ein Gay Sex Guide in alle möglichen Fetische und auch teils gefährlichen Spiele im BDSM einführen muss, bleibt mir schleierhaft. Besonders für heterosexuelle Anfänger und Teenies…

Aus dem Nachwort: “Schwuler Sex erfindet sich ständig neu, jede Generation entdeckt ihn auf ihre eigene Weise: Neue Sexsymbole und Fetische tauchen auf, alte verschwinden; gängige Praktiken werden uninteressant, dafür liebt man sich auf andere ungeahnte Art.”

Das wirklich neue am Sex zwischen Männern (der übrigens häufiger vorkommt als nur zwischen Schwulen!) ist die Gefahr, sich in Machtspiele einzulassen, die die Selbstbestimmung und den safer sex mit dem Fetisch-Argument ausblenden! Auch neu ist, dass sich heute jeder einen der vielen Fetische “aneignen” kann, für den er sich begeisterungsfähig hält. Immer häufiger wird der schwule Sex einfach nur als blosse sexuelle Praktik verwendet (benutzt), wie ein Fetisch auch.

Es fehlen Hinweise auf all das, was im Kopf und in der Umgebung und der Gesellschaft wegen dem Sex zwischen Männern “abgeht” in diesem Buch! Diejenigen Fremdwörter, um das auf die Reihe zu kriegen, die verstand der junge Sven Rebel wohl schon damals gar nicht, drum kann er sie heute auch nicht empfehlen. Dafür präsentiert er uns in der neuen “Sexbibel” aus dem Gmünder-Haus einfach “ganz neue” und faszinierende “fremde” Begriffe. Schliesslich muss ja auch jeder selber schauen, wie er einen Kerl “garantiert” herumkriegt! Oder nicht? Solange es in Darkrooms, Parks, an Autobahnrastplätzen und in ihren Gebüschen, sowie im Internet passiert, braucht’s ja auch keine Orientierung dafür – alles nur noch Fetisch!

Peter Thommen, Buchhändler

100 wichtige Tipps

 

 

 

 

 

 

 

 

Rebel, Sven: Gay Sex Guide, Gmünder 2009, 180 S. ca. CHF 34.-