neue Literaturzeitschrift GLITTER

„Die Gala der Literaturzeitschriften“ im Untertitel.

Aus dem Editorial: „Wir haben sie vermisst, die Erzählungen, die sich mit hohem Unterhaltungswert und auf hohem literarischen Unterhaltungswert und auf hohem literarischen Niveau mit unseren queeren Lebensrealitäten auseinandersetzen. Als Autor*innen und Designer können wir sie selber schaffen…

Antje Strubel ist eine der wenigen Autorinnen, die mit ihrem Schreiben ungeniert heteronormative Muster verlässt. Und ihr scheint mit Leichtigkeit zu gelingen, womit die meisten deutschsprachigen Autor*innen kämpfen: Literarisch anspruchsvolle und vielschichtige Liebes- und Sexszenen zu schreiben.“

Lann Hornscheidt legt für Glitter mit einem Essay ein weiteres Sprachbild nach, das herkömmliche Denkmuster zu sprengen vermag: „Nahbeziehungen“.

Donat Blum: „Dem deutschsprachigen Raum fehlt es weitgehend an queerer Literatur. Wo es sie gibt ist sie kaum sichtbar. Dabei bieten doch gerade die Intimität des Lesens und die Nähe, die zu literarischen Figuren entstehen kann, die einzigartige Möglichkeit, sich in unbekannte Lebensweisen einzufühlen und Visionen ausserhalb traditioneller Rollenbilder zu entwickeln.“

Ivona Brdjanovic: „Geschichten sollten sich wie ein Fluss mit unzähligen Zuläufen aus den Besonderheiten und Geschehnissen unseres Zeitalters lesen lassen und sie sollten die vielseitigen Merkmale unseres Zeitalters wiederspiegeln, egal ob diese uns nun euphorisieren, verblüffen oder bestürzen.

Der Aktivist Tobias Urech schliesslich zieht den Bogen in die 1930er Jahre. Achtung Click-bait: Aus dieser Zeit hat er eine Zeitschrift und eine Kurzgeschichte ausgegraben, die mensch im damaligen Zürich kaum erwartet hätte.“ HUY DO

Diese Kurzgeschichte ist interessant und ein Zeitdokument. Eine Frau geht skifahren und tritt sehr männlich auf, was durch Kleidung und Frisur sehr gut Eindruck machen konnte.

Obwohl sehr viel in dieser „trivialen“ Novelle imaginiert wird, scheint sie wie real erlebt worden zu sein. „… natürlich total queer.“ (Urech)

Die Geschichte „Zufall“ handelt von einer Liebe zwischen zwei Frauen. Oder von einer Frau und einem Mann? Was die Zeitschrift „Freundschaftsbanner“ und auch diese Geschichte zeigt: Unsere Artgenoss_innen der 30er Jahre gingen mit Geschlechtergrenzen ganz anders – vielleicht sogar spielerischer – um, als wir heute.“ (Urech)

Ich möchte davor warnen, historische Bilder mit heutigem Blick und Begriff zu interpretieren. Beispiel: Gilgamesch und Enkidu (vor 5500 Jahren) waren keinesfalls Homosexuelle oder gar Schwule. Sie waren schlicht und einfach „männerliebende Männer“ und schon gar nie „queer“!

Die europäischen Sichtweisen und Bezeichnungen sind nicht auf andere Kontinente und Ethnien anwendbar, weil dann ihre spezifische Geschichte ignoriert wird.

Frauenliebende Frauen gingen in den 30er Jahren ganz anders durch die Männerwelt als die „Queerunity“ heute. Ich kenne selber ein paar Artgenossen-Geschichten aus den Publikationen jener Zeit und darin geht es ganz anders zu als bei Artgenossinnen. Urech präsentiert uns eine art-typische „Frauengeschichte“ aus einer männergeprägten Zeit. Sie gingen sicher anders, aber nicht unbedingt „spielerisch“ wie heute um. (Den geneigten Leser*innen empfehle ich zum Thema unbedingt den Film „Katzenball“ von Veronika Minder!) Peter Thommen_68

Erhältlich bei queerbooks.ch/Weyermann Bern, 60 S. A5, CHF 12.-

P.S. Wenn ich mich in der Literatur von männerliebenden Latinos umschaue, dann finde ich ähnliche Verhaltensmuster! Wer in einer binären Geschlechterkultur lebt, kann auf den Gedanken oder die Notwendigkeit kommen, Aussehen und Verhalten des Gegengeschlechts anzunehmen, um überhaupt beim bevorzugten eigenen Geschlecht Aufmerksamkeit zu erregen. (> Pedro Lemebel: Träume aus Plüsch/Tengo miedo Torero, 2004/2001, dt suhrkamp tb)

Auch kommen mir türkische und napoletanische Schwestern in den Sinn, die die homosexuellen Bedürfnisse heterosexuell lebender Männer „in weiblicher Tarnkleidung“ befriedigen. Oder die Novelle von Manuel Puig: Der Kuss der Spinnenfrau (auch als Film). Darüber gäbe es einen Essay zu schreiben, der natürlich ein literarisches Boot sprengen würde.

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