Mein Kind liebt anders. Ein Ratgeber

Ein Ratgeber für Eltern homosexueller Kinder. Leider erfahren die meisten Eltern von der sexuellen Orientierung ihrer Kinder erst, wenn diese bereits angenommen und weitgehend verarbeitet worden ist. Damit ergibt sich eine Differenz zwischen ihnen, die auch nicht mehr aufzuholen ist. Die meisten Eltern sind nicht neugierig, was ihr Kind alles mitbringt, auch in der Sexualität. Sie haben schon Pläne für deren späteres Leben und welche Rolle sie ihnen auch später in Bezug auf sie selber zudenken! (Enkelkinder, Grossmutti, etc.)

Es handelt sich dabei immer um denselben heterrorsexuellen Kreislauf, mit denen sich Eltern auch ihr „ewiges Leben“ vorstellen. Weiterleben in den eigenen Kindern…

Diese Fantasien sind meist schon sehr weit gediehen, wenn das Kind dann überhaupt wagt, sich zu melden mit seiner Realität. Aggressive Reaktionen, Verzweiflung, Angst oder Hass sind dabei die „normalen“ Begleiterscheinungen in den heterosexuellen Familien. Rauchfleisch bietet mit seinem Buch wenigstens einen Ansatzpunkt für eine Realitätstherapie, die aber nur wenige Eltern wirklich in Angriff nehmen wollen…

Rauchfleisch gibt eine informative Einleitung über die Theorien und ihre Ernsthaftigkeit. Im weiteren behandelt er die bekannten Geschlechterklischees über Schwule und Lesben und kommt zur Erkenntnis, dass sie weitgehend nicht mehr „stimmen“, auch wenn sie noch vorhanden sind und oft auch von später heterosexuellen Kindern ausgefüllt werden.

Bei den Konflikten zwischen homosexuellen Kindern und Eltern wird sichtbar, dass es auch versöhnliche Szenen geben kann. Aber dass sich Mütter gegen ihre Partner wenden und sich mit den Kindern solidarisieren ist nicht häufig. Der klassische Konflikt ist der zwischen Sohn und Vater, über denjenigen zwischen Mutter und Tochter ist weiterhin weniger bekannt. Aber es gibt nicht nur den familiären Konflikt, der von Geschlechtsrollen und –Bildern gesteuert wird. Die Familie ist auch selber Teil der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung, wie Claudia Müller in ihrer Studie feststellt. (1) Mütter reagieren in der Regel „verhaltener“ als die Männer mit direkten Aggressionen.

Separat wird die Gewalt gegen „Schwules“ in der Schule thematisiert und mit Tipps ergänzt. Leider sind Pädagogen recht zurückhaltend mit diesem Thema, obwohl es auch Studien und Besuchsgruppen mit Erfahrungen darüber gibt! (2) Aber auch im Beruf und im öffentlichen Raum gibt es Gefahr für „Unmännliches“, sofern es eben sichtbar wird.

Speziell nimmt sich Rauchfleisch auch der Diskriminierung durch die „abrahamischen Religionen“ an.

„Die Zeiten sind vorbei, in denen homosexuelle Menschen in erheblichem Masse diskriminiert wurden und gefährdet waren. Heute wird etliches unternommen, z.B. in Schulen, um die Gewalt gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen einzudämmen bzw. zu unterbinden. Auch in den Kirchen und im Hinblick auf die rechtliche Situation ist derzeit in unserer Gesellschaft viel im Fluss. Sie können Ihrer lesbischen Tochter oder Ihrem schwulen Sohn eine grosse Hilfe sein, wenn Sie Ihr Kind in schwierigen Situationen unterstützen und sich für die Verhütung von Gewalt, z.B. im Rahmen von Präventionsprojekten, einsetzen.“ (S. 66)

Am Ende eines jeden Kapitels bringt Rauchfleisch das Wichtigste übersichtlich auf den Punkt

„Je offener hingegen das Klima im Elternhaus ist, in dem die Kinder aufwachsen, desto unproblematischer ist es für sie (die Kinder, Th) sich ihrer gleichgeschlechtlichen Orientierung bewusst zu werden, sie zu akzeptieren und in die zweite Phase des coming out einzutreten, in der sie ihr Umfeld über ihre Homosexualität informieren. Häufig sind es nicht die Eltern, denen sich die Kinder zuerst anvertrauen, sondern die Kameradinnen und Freunde, bei denen die homosexuellen Kinder spüren, dass sie von deren Seite keine Ablehnung, sondern Akzeptanz und Unterstützung erfahren werden.“ (S. 71)

Das „coming out“ der Eltern ist etwas ganz spezielles. Hier wird die politische Dimension der Sexualität in der Gesellschaft definitiv sichtbar. Wie ist das Verhalten gegenüber den Verwandten, Nachbarn und an diversen Anlässen. Besonders wenn danach gefragt wird, ob die Kinder nun Heiratsabsichten haben oder nicht! Bei der Gleichstellung mit der Hetero-Ehe wäre es ein leichtes, zu antworten, wenn das Geschlecht der Partner jeweils offenbleiben könnte! 😉

Die Vernetzung der Schwulen und Lesben mit Anderen war in der Schwulenbewegung etwas Wichtiges. Heute hat dies leider an Bedeutung verloren. Eltern vernetzen sich noch weniger. Aus Scham und aus bürgerlicher Feigheit vor dem „gesellschaftlichen Feind“! 😉

Die Beziehungen zwischen Eltern und ihren homosexuellen Kindern sollten möglichst positiv verändert werden können. Dies ist ein offen referiertes Postulat von Rauchfleisch, hängt aber weitgehend von einer Kooperationsbereitschaft der Eltern ab. Sogenannte „geschlossene“ Familien bekunden auch Mühe im Umgang mit den gleichgeschlechtlichen PartnerINNen ihrer Kinder. Ganz zu schweigen von den „Schwiegereltern“.

Nun, die Schwulen haben da meist eine pragmatische Vorgehensweise gewählt. Was nicht unbedingt sein musste, wurde einfach unterlassen. Manchmal kann es auch peinlich sein, wie „Schwiegereltern“ oder „Schwager“ miteinander umzugehen versuchen. Und zwei Männer legen wohl auf Anderes mehr Wert als zwei Frauen…

„Wie ich in Kapitel 1 ausgeführt habe, stellen bisexuelle Menschen eine eigenständige Gruppe dar. Sie sind weder Heterosexuelle, die Eskapade in „exotische Gefilde (nämlich in homosexuelle Beziehungen) unternehmen, wie ihnen mitunter von Heterosexuellen vorgeworfen wird. Noch sind sie verklemmte Lesben und Schwule, die sich in heterosexuellen Beziehungen verstecken, weil sie nicht den Mut haben, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen, wie die Kritik von Seiten der Lesben und Schwulen mitunter lautet. Beide Ansichten sind indes falsch und werden bisexuellen Menschen nicht gerecht. Ihr sexuelles Begehren und ihre erotischen und sexuellen Fantasien richten sich nämlich auf beide Geschlechter.“ (S. 137)

Das ist zwar eine an sich richtige Feststellung, ermangelt aber der realistischen gesellschaftspolitischen Einordnung. Sie unterschlägt auch die Erfahrungen, die Homosexuelle mit Bisexuellen im Allgemeinen machen und auch die Haltung, die Bisexuelle ihren gelegentlichen, oder parallelen PartnerInnen gegenüber zum Ausdruck bringen. Mit Schuldzuweisungen kommen wir nicht weiter. Ich möchte hier nur die unterschiedliche Wertzuschreibung anführen, die der weiblichen und der männlichen Homosexualität entgegengebracht wird. Das schlägt quasi auf beides zurück!

„Die Irritation, die bisexuelle Menschen spüren, betrifft indes nicht nur sie selbst. Wenn sie, wie im fingierten Beispiel Ihr Sohn, in einer heterosexuellen Partnerschaft leben, hat die Entdeckung der Bisexualität auch direkte Konsequenzen für den heterosexuellen Ehepartner. Im Falle Ihres Sohnes würde die Ehefrau mit einer Situation konfrontiert sein, der sie völlig unvorbereitet gegenübersteht. Dass sich ihr Mann unter Umständen in eine andere Frau verlieben könnte, mag ein Gedanke sein, mit dem sie sich schon beschäftigt hat. An einen Mann als Konkurrenten hat sie aber vermutlich noch nie gedacht. Das verunsichert die Ehefrau eines bisexuellen Mannes im Allgemeinen enorm, zumal sie – wahrscheinlich zu Recht – spürt, dass sie keine Chance hat, wenn sie gegen einen anderen Mann „antritt“.“ (S. 137/138)

Die Regel besteht darin, dass eine „doppelte Frau“ wohl eher von einem Ehemann akzeptiert wird, als ein „doppelter Mann“ von einer Ehefrau. Daher werden aussereheliche Partner meistens geheim gehalten. Von den Kindern der Beteiligten mal ganz zu schweigen. Hier kommt nun das bürgerlich-eheliche Element sehr stark zum Ausdruck! Bisexualität ist ebenso ein Spiel wie die Heterosexualität. Abgesehen von der bürgerlich verstandenen „Liebe“ sind die Teilnehmer austauschbar. Frauen eher noch als Männer. Daher sind homosexuelle Teilnehmer einer heterosexuellen Beziehung auch marginalisiert und entwertet. Das ist die Folge der heterosexuellen Dominanz, die sich wiederum auf die Fortpflanzung stützt.

Als homosexueller Partner von heterosexuellen Männern weiss ich aber seit Jahren, dass die Homosexualität eine Ergänzung der heterosexuellen Bedürfnisse und Partner darstellt und nicht einen schalen Ersatz derselben. Die Praktik vieler bisexueller Männer, zwischen den Freundinnen „über den Hag zu fressen“ und dann wieder eine zeitlang brav hetero-monogam zu sein, drückt dies gut aus. Vielleicht meinte Rauchfleisch Ähnliches wie ich, wenn er ein Kapitel über die „Homosexualität als eine besondere Begabung“ angefügt hat. Verschiedenheit von Anderen als quasi „evolutive Chance“ (Diversity) in Teamarbeit und Gesellschaft.

Die Regenbogenfamilien mit den jeweiligen in die Partnerschaft gebrachten Kinder, sowie mögliche gegenseitige Adoptionen gehören heute berücksichtigt und diskutiert. Womit gesellschaftspolitisch klar ist, dass sich Homosexuelle auch fortpflanzen können, oder wollen. Meist wird ja nur das Gegenteil behauptet…

Letztlich enthält Rauchfleischs Buch noch ein Kapitel, das selten Erwähnung findet: Lesbische Mütter/homosexuelle Väter und ihre homosexuellen Kinder. So einfach das auf den ersten Blick erscheinen mag, so kompliziert kann es aber auch werden.

„Eine völlig andere, für alle Beteiligten ungleich schwierigere Situation besteht indes, wenn Sie Ihre Homo- oder Bisexualität nicht offen leben. Bereits die vage Vermutung, Ihr Kind könnte homosexuell sein, aber erst recht die Gewissheit, dass dies eine Tatsache ist, wird Sie in diesem Fall wahrscheinlich in grosse innere Probleme stürzen, sehen Sie sich doch mit mehreren, für Sie heiklen Problemen konfrontiert:

So könnte sich die Umgebung beispielsweise fragen, „woher“ denn die Homosexualität Ihres Kindes kommt, ob unter Umständen Sie homosexuell sind. Oder Ihr Kind könnte im Verlauf seines coming outs Ihnen diese Frage stellen…“ (S. 163/164)

Es gibt in der erotischen homosexuellen Literatur immer mal wieder Szenen, in denen sich die Familie in der homosexuellen Szene begegnet. Aber das ist nicht die Regel. Ich selber bin auch schon einigen Jungs begegnet, die sich in ihre Väter verliebt haben und unbedingt mit ihnen Sex haben wollten, aber nicht wussten, wie sie es ihnen sagen sollten. Und ich kenne auch einen Fall in einer Familie in Österreich, in der das Inzesttabu überschritten oder ignoriert wurde. Es ist schwierig, mit solchen Situationen umzugeben, aber auch ich hatte als junger Teenager keine andere Wahl, als von meinen Cousins zu schwärmen, oder gar einen zu verführen! 😉

Es ist in jedem Falle zu empfehlen, dass sich Familien – egal welcher Zusammensetzung – sozial öffnen und Aussenkontakte zulassen. Wir sollen ja nicht in ihnen versauern.  Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

Udo Rauchfleisch. Mein Kind liebt anders, Patmos 2012, 184 S. CHF 19.–

Siehe auch meine kritische Einordnung auf gaybasel: Die Bringschuld der Eltern

sowie: Kinder dürfen SO und „anders“ lieben

1) Claudia Müller (Pädagogin): Mein Sohn liebt Männer, 2008, eine qualitative Studie über 5 Mütter)

2) Stefan Timmermanns: Keine Angst, die beissen nicht! Evaluation schwul-lesbischer Aufklärungsprojekte in Schulen, lambda-nrw 2003

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Ein Kommentar zu Mein Kind liebt anders. Ein Ratgeber

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