Kort: schwul und cool

Joe Kort ist Psychotherapeut und schwul. Seine Lebensziele legt er gleich am Anfang des Buches offen: Dauerhafte Beziehung, Überwindung der eigenen Homophobie (Selbsthass) und Klären des Verhältnisses zu den eigenen Eltern. (Klären von Hass und Enttäuschungen, Überwinden der Erklärungsnöte gegenüber den Eltern und dem schlechten Gewissen ihnen gegenüber.)

Er plädiert dafür, sich von „heterosexuellen Sichtweisen“ zu entfernen und eine eigene schwule Sichtweise des Lebens zu entwickeln. Es wird aber klar, dass er zum Thema „Missbrauch“ und zum Thema Beziehungen ganz klar heterosexuelle Sichtweisen vertritt. (Das ist die Zweierbeziehung und Gleichaltrigkeit der Partner) Und Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass die „Heterosexualisierung“ schwuler Jungs auch eine Art von Missbrauch ist, aber im Zusammenhang mit der aktuellen Sexualitäts-hysterie ein sehr gewagter Vergleich, weil kein realistischer, sondern nur ein breiter schwammiger Konsens über diesen Begriff und seine Auswirkungen besteht.

Ein typisch amerikanisches Buch mit typisch amerikanischen Erfahrungen und amerikanischen Lebensweisen. Doch die Kleinbürgerlichkeit in den darin geschilderten Problemen findet sich auch bei uns! Vielleicht können wir gerade an diesen amerikanischen „Überspitztheiten“ besser erkennen, wo unsere eigenen europäischen Pfützen sind!

„Zehn Strategien wie eine Checkliste – Antworten auf all jene Herausforderungen, denen schwule Männer früher oder später in ihrem Leben gegenüberstehen… eine einzelne Strategie löst (aber) nicht alle Probleme… Für ein zufriedenes schwules Lesben müssen Sie jeden gut gemeinten Ratschlag den Sie erhalten – so auch meine Strategien – Ihren eigenen Zielen, sowie den besonderen Lebensumständen anpassen und dabei auch Ihre ganz persönlichen Werte, Ihre Art zu leben und das dazu nötige Durchsetzungsvermögen beachten.“ (Kort, S. 11)

Die hauptsächlichsten Ziele sind: Glück, Zuversicht und – vor allem – Erfolg! Eben amerikanisch! Da ist Erfolg gleich bedeutend damit, „einen Freund“ und immer einen Platz vor den anderen in der Gesellschaft zu haben.

Die Strategien Korts: Übernehmen Sie die Verantwortung für Ihr Leben – Selbstbestätigung durch coming out – Familienangelegenheiten klären – Erwachsen werden, nicht als ewiger Teenager durchs Leben gehen – Wie man sich von der Sexsucht befreit – Von erfolgreichen Mentoren lernen – Vom Nutzen therapeutischer work-outs – Eine gute Partnerschaft aufrechterhalten – Die Phasen einer Liebesbeziehung verstehen lernen – Eine Beziehung eingehen.

Kort thematisiert folgende Forme sexueller Abhängigkeiten: Die offenbar verbreitete Kindlichkeit in Sexualbeziehungen und Umgangsformen und die notwendige Weiterentwicklung in einer „Zweierbeziehung“.

„Auch wenn die Homoehe für Sie nicht in Frage kommen sollte, so werden Sie doch von anderen Paaren hören, die diesen mutigen Schritt mit all seinen Enttäuschungen, Überraschungen und glücklichen Augenblicken gewagt haben.“ (Kort, S. 13)

„Sagen Sie einem Heterosexuellen einmal, dass Sie schwul sind und er wird Sie sich automatisch im Bett mit einem anderen Mann vorstellen und Ihnen dann vorwerfen, dass Sie ihm Ihre Sexualität aufdrängen! Doch das ist Projektion: Man macht Sie dafür verantwortlich, dass sich andere Ihr Sexualleben vorstellen.“ (Kort, S. 21)

Im Kapitel übers coming out werden auch „Promiskuität“ und „sexueller Missbrauch“ thematisiert. Leider definiert Kort weder das eine noch das andere genauer! So kann sich jeder als vom Onkel missbraucht und als Folge davon zu sexueller Promiskuität bestimmt fühlen…

Wenn Kinder und Jugendliche sozial isoliert und (homo)sexuell un-informiert heranwachsen müssen, führt das zu unerwünschten sexuellen, oder zumindest emotionalen Abhängigkeiten in ihrem Lebensraum, die zu Fremdbestimmung im Sexualbereich führen können! Ausläufer davon werden dann als Suchtverhalten in der Sexualität sichtbar. Missglückte homosexuelle Kontaktversuche von Jungs – besonders in Kindheit und Jugend, sollten nicht einfach als „sexueller Missbrauch“ abgetan, sondern als Folge sozialer und sexueller Ignoranz in ihrer Umgebung gesehen werden. Immerhin sollten wir den Betroffenen selber die Kompetenz zugestehen, dies oder jenes Erlebnis als befriedigend oder als Fremdbestimmung zu definieren! Beispiel:

„Will entwickelte schliesslich ein gesundes Selbstbewusstsein als schwuler Teenager. Er gab das chatten mit älteren Männern auf, da er nun (nach dem coming out, PT) die Möglichkeit hatte, seinen Gefühlen auf eine weitaus angemessenere Art und Weise freien Lauf zu lassen.“ (Kort, S. 64)

Damit wird unterschwellig behauptet, eine generationenübergreifende Kommunikation über Sexualität führe logischerweise zu sexuellem Missbrauch. Das mag für Heterosexuelle zutreffen. Aber innerhalb des eigenen Geschlechts und zwischen Homosexuellen stehen sich in vielen Fällen die Beteiligten viel näher und die Kommunikation ist auch offener! Promiskuität – bei welcher Anzahl von Partner sie auch immer anfangen soll – ist vor allem ein Problem, das durch soziale Diskriminierung (heimliche und daher flüchtige anonyme Kontakte) hervorgerufen wird! Sexuell motivierte Übergriffe von Heterosexuellen an Schwulentreffs oder im öffentlichen Raum, können diese „fluchtartigen“ Erlebnisse allenfalls noch verstärken. Mit dem coming out wird – wie bei einer Heirat – offiziell die Verantwortung für das eigene Sexualleben übernommen! Do da drucksen die meisten Männer am längsten drum herum!

Und Kort beginnt gleich, die heterosexuelle Sichtweise aufzufahren: Sexsucht und Untreue in der Beziehung seien die „bösen Verführer“ zu den Problemen schwulen Lebens. „Nick war einem geläufigen Vorurteil auf den Leim gegangen, das manch einer predigt, der keine Ahnung hat: nämlich dass wir Schwulen einzig und allein sexuelle Wesen und nichts anderes seien. (Ein Verhalten, das man „Promiskuität“ nennen kann, ist tatsächlich in manchen Fällen ein Symptom bei verzögerter Adoleszenz.)“ (Kort, S. 17)

Kort übersieht dabei, dass die heterosexuelle Familie „unter sich entsexualisiert“ lebt (Stichwort: Elternschlafzimmer) und dass Männer, die mit Männern Kontakte suchen, von der Umgebung auf die Sexualität „reduziert“ werden – wie sie oft auch auf ihren Beruf, oder ihren Sport, oder ihr Auto sich reduzieren lassen. Gefühle, Sympathie und regelmässiges Zusammenfinden werden klar ver(be)hindert! (Siehe auch oben, wie andere sich unser Sexualleben vorstellen!) Die Lösung scheint für Kort darin zu bestehen, dass wir wie Gläubige uns selbst ändern und von diesen Untugenden Abschied nehmen sollen. Meine eigene Erfahrung ist aber, dass Sexualität nicht zu einem Selbstzweck von Treue erhoben werden sollte, sondern eine Sprache bleiben muss, die wir in unterschiedlicher Weise mit verschiedensten Menschen (in verschiedenen „Dialekten“) ein Leben lang sprechen: Von der Zärtlichkeit zu Babies, über die Umarmung von Menschen, Petting, Eindringen in den Körper, Massage, bis zur Zärtlichkeit des Alters.

Es ist genau die heterosexuelle Sichtweise, die „richtige Sexualität“ auf die Genitalien reduziert. Ähnlich bei der Wohnung, in der für den Sex das Elternschlafzimmer vorbehalten ist… Erotische und sexuell aktive Menschen haben aber eine attraktive und „öffentliche“ Körpersprache, die überall sichtbar ist und dazu noch bis ins hohe Alter! (Auch Aura, Charisma genannt)

„Die Verinnerlichung von Homophobie ist weit verbreitet. Dieser Prozess läuft allerdings unbemerkt, d.h. wir nehmen ihn nicht bewusst wahr… Immer wieder sehe ich in meiner Praxis die Verletzungen und Schäden, die entstehen, wenn schwule Männer sich selbst nicht annehmen können und – schlimmer noch – sich selbst und andere nach heterosexuellen Massstäben beurteilen.“ (Kort, S. 20)

Zu diesem Massstab  gehört doch wohl auch die Ablösung aus der Abhängigkeit der Mutter durch die neue (sexuelle) Abhängigkeit vom Partner (respektive der heterosexuellen Partnerin). Sexualität verkommt dann zu einer Mitgift, einem Wert, mit dem „gehandelt“ wird und der nicht mehr verschenkt werden kann! Sie wird zum Familieneigentum, über dessen Beanspruchung auch die Familienmitglieder als Eigentum betrachtet werden. Diese heterosexuelle Sichtweise sollten wir für unsere „homosexuelle“ Gay-Community“ nicht wie ein biblisches Gesetz übernehmen!

„Ein Schulleiter bat mich einmal, für die Lehrer seiner Schule einen Vortrag über Homosexualität zu halten. Sie wussten, dass ich kam und kannten das Thema, über das ich sprechen würde. Nachher erfuhr ich, dass einige Lehrer sich so aufgeregt haben, dass sie nicht länger zuhörten – oder sogar den Raum verliessen – und das nur, weil ich von meinem Lebensgefährten gesprochen habe. Sie fanden es unangebracht, dass ich von meinem Privatleben sprach und dass es belastend für sie gewesen sei, dass ich meinen Partner erwähnt und ihnen meine Homosexualität aufgedrängt habe… Wenn ein heterosexueller Mann seine Frau oder Freundin erwähnt, steht niemand auf und verlässt den Raum!“ (Kort, S. 21/22)

„Schwule Männer brauchen eine gewisse Zeit, um sich selbst zu entdecken. Dennoch finden Jungen in der Regel früher als Mädchen heraus, dass sie homosexuell sind. Einige meiner Patienten geben an, schon mit drei Jahren gewusst zu haben, dass sie homosexuelle Gefühle hatten, sie konnten sie nur nicht benennen.“ (Kort, S. 30)

„Nonkonformität mit den Geschlechtsrollenerwartungen führt nicht zu einer homosexuellen Orientierung, sie ist jedoch ein positiver Indikator für die spätere Entwicklung eines schwulen Jungen. Ebenso macht die Kombination erdrückende Mutter und abweisender Vater einen Jungen nicht schwul, sie ist lediglich eine häufige Reaktion der Eltern auf die Homosexualität des Sohnes.“ (Kort, S. 31)

Hier legt Kort den Finger auf zwei äusserst wichtige Punkte! Unsere Begegnungen ausserhalb der Familie und im gesellschaftlichen Raum zeigen sehr bald, wohin uns unsere Gefühle führen. Mädchen ist diese Oeffnung oftmals immer noch verwehrt. Innerhalb der Familie ist Gleichgeschlechtlichkeit fast immer verdrängt und tabu. Der Vater reagiert zwar intuitiv, aber „panisch“, die Mutter „übersieht es“ einfach(er)! Die Eltern kümmern sich „normalerweise“ um die gegengeschlechtlichen Kinder…

„Viele meiner (Kurs-) Teilnehmer sagen: Ich warte auf den Richtigen. Dann habe ich einen triftigen Grund, mich zu outen. Worauf ich entgegne: Warum genügt es nicht, dass Sie richtig sind? Was haben Sie davon, auf einen anderen Mann zu warten? Wir erkennen, dass es sich hier um eine Rationalisierung handelt, einen psychologischen Schutz, um das coming out hinauszuzögern. Darüber hinaus verringert diese Strategie die Möglichkeiten, jemals einen Partner zu finden.“ (Kort, S. 38)

Kort beschreibt coming out-Phasen nach Vivienne C. Cass: Der erste Schritt beginnt vor sich selbst. Erkennen, dass andere Männer sexuell attraktiv für einem selbst sind. Im zweiten Schritt beginnt ein Mann die Möglichkeit zu akzeptieren, dass er schwul sein könnte. Mit dem dritten Schritt akzeptiert der Einzelne die Wahrscheinlichkeit, dass er homosexuell ist und beginnt, sich selbst mit dem Wort schwul zu bezeichnen. Der vierte Schritt geht von der blossen Toleranz zur Akzeptanz und Identifizierung als schwuler Mensch.

„Er empfindet wachsenden Ärger über schwulenfeindliche Bereiche der Gesellschaft – und auch diese Entwicklung ist gesund! Er richtet alle Zweifel und den ganzen Selbsthass mit denen er sich gequält hat nach aussen auf jene Ziele, die diese Gefühle besser verdienen.“ (Kort, S. 40ff)

„Die nächste Phase ähnelt noch mehr den Phasen der jugendlichen Entwicklung. Hier akzeptiert der Einzelne sein Selbstbild vollständig, obwohl ihm gleichzeitig bewusst wird, dass es von der Gesellschaft abgelehnt wird. Um dieses Dilemma zu beseitigen, unterstreicht der schwule Mann die Unterschiede zwischen Schwulen und Heterosexuellen und hebt sie sogar hervor.“ (Kort, S. 50)

(Im Amerikanischen wird das „pride“ = Stolz genannt! PT) „Im sechsten Schritt beginnt der Schwule zu verstehen, „dass nicht alle Heterosexuellen schwulenfeindlich sind… Er kann sowohl mit Schwulen als auch mit Heterosexuellen umgehen, ohne sein Selbstbewusstsein zu verlieren.“ (Kort, S. 51)

Kort ermuntert auch zu einem lebenslangen „coming out“ gegenüber den verschiedensten Menschen! So kann das coming out auch zu einer „Sprache“ werden, die uns immer wieder Offenheit, auch Zurückweisung, aber ziemliche Ehrlichkeit erleben lässt! Es gibt ganz typische Verhaltensweisen gegenüber der eigenen Familie: Abkapseln von der Familie, ausziehen, oder weglaufen. Die eigene Homosexualität wird herausgehalten.

Die zweite Methode ist ein stillschweigendes Abkommen: „Ich weiss-dass-du-es-weisst-aber-wir-sprechen-nicht-darüber.“ Die dritte Abmachung ist ein Pakt mit einem Familienmitglied: Aber sag es nicht dem Vater! (nach Kort, S. 60ff)

„Sie sollten sich erst dann Ihrer Familie öffnen, wenn Sie ihr selbstbewusst als schwul gegenübertreten können.“ (Kort, S. 62)

„Es besteht ein Unterschied zwischen einem Privatleben und einem ängstlich gehüteten Geheimnis. Es gibt einige Dinge, die unsere Eltern wirklich nichts angehen, und die sollten wir auch für uns behalten. Die Tatsache, dass wir schwul oder lesbisch sind, gehört allerdings nicht dazu.“ (Kort, S. 64)

(Genauso gegenüber Freunden! PT) „Bowens Modell zufolge (Familientherapie) ist ein Mann, der sich seiner Familie gegenüber als schwul offenbart, innerlich gewachsen, da er sich auf eine gesunde Art und Weise von ihr abgrenzt, zugleich aber die Gefühle seiner Lieben zulässt, auch wenn er dabei zu seinem Selbstverständnis als Schwuler steht. Mit diesem Schritt hat er nicht nur sich und seiner Familie zu einem gesünderen Miteinander verholfen, sondern er ist auch besser darauf vorbereitet, sich Auseinandersetzungen mit einem zukünftigen Partner zu stellen.“ (Kort, S. 69)

„Jugendliche urteilen oft sehr hart übereinander, um ihren eigenen Schmerz zu verdecken. In ihrem Kampf um Befreiung von der elterlichen Herrschaft schliessen sie sich in Gruppen von Gleichgesinnten zusammen und bestimmen, wer in und wer out ist. Schwule Männer tun das Gleiche, und sie können dabei genauso gemein sein. Bei vielen Minderheiten zeigt sich eine ähnliche Neigung, sich gegenseitig anzugreifen. Man nennt dies „laterale Diskriminierung“: Die Minderheitsgruppe verinnerlicht die angenommene Überlegenheit der grösseren Gesellschaft, und die Individuen innerhalb der Gruppe reagieren sich aneinander ab.“ (Kort, S. 81)

„Heterosexismus und Homophobie lehren uns, kein Mitgefühl für andere Schwule oder für Lesben zu haben – jedoch für Heterosexuelle.Schwule Teens lernen, einander aus dem Weg zu gehen und gleichaltrige Homosexuelle zu beneiden, weil allen Kindern und Jugendlichen heterosexuelle Normen eingeimpft werden. Folglich erhalten Schwule und Lesben keinerlei Informationen darüber, wie sie sozial und in Beziehungsangelegenheiten miteinander umgehen können. Wir werden mit der Aufgabe allein gelassen, menschliche Achtung füreinander zu kultivieren.“ (Kort, S. 81)

„Im ewigen Jugendlichendasein gefangene Schwule haben eine Reihe von Gemeinsamkeiten: Sie glauben, dass jemand sie retten wird, wenn harte Zeiten anbrechen. Sie sehnen sich danach, umsorgt zu werden, wie sie als Kinder wurden. Und wie Kinder wollen sie ihr sorgenfreies Leben niemals loslassen.“ (Kort, S. 82)

„Es ist leichter, das Opfer zu spielen und darüber zu klagen, dass man eine Welt nicht steuern kann, die hinter einem her ist. Es ist leichter, immer auf der Suche nach der bedingungslosen Liebe zu sein, die man von der eigenen Familie nie bekommen hat, und dauerhafte Beziehungen zu meiden, die eine zunehmende, sich entwickelnde Reife erfordern.“ (Kort, S. 83)

„Der Versuch, sich von jemandem in der Gegenwart Bedürfnisse erfüllen zu lassen, die in der Vergangenheit nicht befriedigt wurden, ist nicht nur unangebracht, sondern auch unmöglich – ein sicheres Rezept für Enttäuschung und Frustration.“ (Kort, S. 85)

„Ganz gleich ob schwul oder hetero, sind alle Kinder gleichermassen ernsthaft um Loyalität bemüht – um ihre Eltern in Schutz zu nehmen und sie nicht zur Verantwortung zu ziehen. Es kann sehr schmerzhaft sein, über die negativen, verletzenden Dinge nachzudenken, die einem die Eltern angetan haben.“ (Kort, S. 94)

„Heisst das, dass man seine Eltern oder diejenigen, die einen grossgezogen und gehütet haben, direkt damit konfrontieren soll? Möglicherweise ja.“ (Kort. S. 95)

„Bevor jemand nicht erkannt und angenommen hat, was er in der Kindheit erlitten und entbehrt hat, kann er in der Therapie keine Fortschritte machen. Und auch nicht den letzten und richtigen Schritt zum Erwachsenwerden tun.“ (Kort, S. 96)

„Oft bedeutet eine nicht ausgelebte Adoleszenz, dass ein Mann seine emotionale Entwicklung auf Eis legt, und zwar für die Zeit einer permanenten Suche nach Akzeptanz – und Verbindung zu seinem Vater. Sein Vater war hetero, so dass er sich nach der Zuneigung von Heteromännern wie seinem Vater sehnt.“ (Kort, S. 99)

Kort zeigt hier ganz deutlich, dass wir niemals von heterosexuellen Sichtweisen und Strukturen loskommen können! (Er selbst schafft es ja auch nicht!) Aber wir können uns ausserhalb stellen und sie versöhnlicher von der Distanz aus betrachten! Nicht nur die Eltern werden oft „verschont“ – auch „die Heterosexuellen“ können den Status der kritiklosen Unantastbarkeit bei Schwulen erreichen! Kort wendet sich in der Mitte seines Buches dem Thema Sexsucht zu. Amerikaner haben ihre ganz bestimmten Kriterien für Beruf (Karriere), Familie (Zweierbeziehung) und Gesellschaft (Wohltätigkeit, Vereinsleben). Und obwohl er der „Schwulenbewegung“ durchaus sympathisch gegenüber steht, ist Gesellschaftspolitik und deren Auswirkung auf das Leben von Schwulen an einem sehr kleinen Ort bei ihm. Er bleibt oft in einer „Selbstkritik“ an der gay community, oder am einzelnen Schwulen stecken, ohne den Zusammenhang mit der sozialen Umgebung einzubeziehen. Damit missachtet er – nach meinem Empfinden – auch grundlegende Bezüge aus der Pionierzeit der Psychotherapie.

Wie Korts Gesellschafts- und Schwulenbild aussieht zeigt sich an seinen Kriterien für einen „Sucht-Test“! (sh. S. 103-105)

„In der Schwulenbewegung ist Sexsucht ein heikles Thema, über das selten geredet wird. Während alle Menschen – Schwule, Bisexuelle und Heteros gleichermassen – an dieser Störung leiden können, neigen schwule Männer dazu, jede Kritik an ihrem Sexualverhalten als erneuten Versuch anzusehen, ihre Sexualität pauschal zu pathologisieren und nach heterosexuellen Massstäben zu beurteilen.“ (Kort, S. 105)

„John Money (Sexualwissenschaftler) führt zwanghaftes Sexualverhalten auf die Verwüstung jener inneren Liebeslandkarte zurück, die durch körperliche Misshandlung, Gefühls- und Sexualmissbrauch zerstört wurden. Gesunde Liebeslandschaften entwickeln sich in einer Gemeinschaft, die liebevolle Zuwendung fördert und Sexualität als etwas Natürliches ansieht.“ (Kort, S. 106)

„Offener sexueller Missbrauch erfordert direkten Körperkontakt, wie Streicheln und Penetration. Versteckter Missbrauch besteht aus indirektem Kontakt wie wollüstigen Blicken, Anzüglichkeiten und unangemessenen Umarmungen oder Küssen. Hierbei haben die Opfer hinterher ein unbestimmtes Ekelgefühl, ohne das sie sagen könnten, warum.“ (Kort, S. 107)

Kort geht nach der offiziellen heterosexuellen Moral! Gleich kommt mir die Verschleierung moslemischer Frauen in den Sinn! Dabei wird davon ausgegangen, dass jede unverschleierte Frau jeden Mann geil macht und damit zu Übergriffen und zur Penetration provoziert, wogegen sie sich kaum oder gar nicht wehren kann oder darf. Dieser Moral steht unsere Auffassung von der „eigenen Persönlichkeit“ einer Frau entgegen, die ihre Einwilligung zum Kontakt geben muss, statt sich nur passiv zu verschleiern und sich dabei noch minderwertig zu fühlen.

Dabei wird von der Unschuld = Unwissenheit und damit Ängstlichkeit eines (schon vorher befürchteten) „Opfers“ ausgegangen, das – oh wie peinlich für diese Moral – sich ja gar nicht zu wehren und selber zu schützen weiss. All dieser Körperkontakt, die Blicke und Unangemessenheiten können aber auch von Betroffenen schon verbal und auch durch Körpersprache zurückgewiesen werden. Oder die miteinander Kommunizierenden empfinden solches Verhalten gar nicht als problematisch, sondern nehmen es leichter, als Aussenstehende dies definieren! Ich selbst bin im Leben immer wieder Ziel von unangemessenen Überschreitungen gewesen, die ich nicht als Opfer ertragen, sondern nach und nach durch richtige Einschätzung und Menschenkenntnis an mir habe „abperlen“ lassen, wie Wasser am Gefieder einer Ente.

Zunehmend erfahrene Menschen lernen, die Situationen einzuschätzen und müssen nicht notwendigerweise zu Opfern werden. Seltsamerweise sind die Umgangsformen innerhalb einer Familie selten Gegenstand solch kritischer Reflexionen – aber der Missbrauch innerhalb dieser Strukturen ist am grössten! Welche Mutter hat wegen dem Stress durch ihr Kind ein schlechtes Gefühl? Welche Mutter erkennt, wenn sie ihre Kinder körperlich stresst oder bei ihnen fehlende partnerschaftliche Zuwendung „holt“? Wer aus diesen Zusammenhängen nicht herauswachsen kann – und das erwartet offenbar die „politisch korrekte Misstrauens- und Missbrauchsmoral“ auch nicht – der wird not-wendigerweise ein Opfer, oder dann zu einem gemacht.Wie gefährlich der Begriff schon geworden ist, zeigt Kort an einem eigenen Beispiel:

„Ausserdem bin ich fest davon überzeugt, dass es einer Form von emotionalem und psychologischem Missbrauch, wenn auch auf einer versteckten Ebene, gleichkommt, ständig Medienberichten über Verbrechen aus Hass, schwulenfeindliche Gesetzgebungen und religiöse Eiferer ausgesetzt zu sein.“ (Kort, S. 107)

Ich würde es nicht wagen, den immer noch den privat verstandenen Begriff in den öffentlichen Raum auszudehnen! Dann ist er nicht mehr eindeutig zu definieren und kann von allen beliebig „missbraucht“ werden. Kort klebt – politisch korrekt – an Äusserlichkeiten, um Missbrauch und Sucht festzumachen. Dabei wird – wie ich oben zu zeigen versuchte, die „erwachsene“ oder „reife“ Verhaltensmöglichkeit von Betroffenen offenbar nicht erwartet oder angestrebt. Es wird von einem unkritischen Unschulds- und Unwissenheits-Zustand aus argumentiert, der heute nicht mal mehr Frauen zugeschrieben wird. Er hält sich an die bewährte heterosexuelle Sichtweise: Handelnden das zuzuschreiben, was andere sehen, aber sie nicht zu fragen, was ihre Absichten oder Einstellungen waren! Schon gar nicht wird dabei angenommen, dass die Betreffenden sich gegenseitig ihre wahren Absichten mitgeteilt haben!

(Nicht jeder Mann, der mit einem Mann Sex hat, „lebt auch homosexuell“!) Immerhin gesteht er noch zu: „Offenbar gibt es keine einhellige Meinung über die Definition von Sexsucht oder ihre Heilmethoden.“ (Kort, S. 108) Völlig individualistisch vergisst er dabei, dass es die gesellschaftlichen Konventionen und letztlich die Politik sind, die eine Sucht definieren und Süchtige ausgrenzen. Zum Beispiel war auch nie die Frage, was zwei Menschen „in sexueller Treue“ voneinander abhängig/süchtig und bis zum Missbrauch auch erpressbar machen kann…

Wenn Kort den Sex als Sucht zur Diskussion stellt, dann darf er nicht über den Suchtcharakter von Beziehungen aus mangelnder Selbständigkeit einfach hinwegsehen. Das eine lässt sich mit dem anderen nicht austreiben oder austherapieren! Wenn ein Alkoholiker zu einem Gläubigen wird, ändert die Sucht nur ihre Form! In einem Vergleich mit der Ess-Sucht sollte aber klar werden, worauf es letztlich ankommt! Auf eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung, die alles in gesunder Balance hält! An anderer Stelle merkt er kritisch an: „Indem er es nicht zuliess, während seiner Beziehung schwule Freunde zu haben, hatte Steve sich in eine Lage gebracht (Trennung vom Partner), in der er leicht zu verletzen war.“ (Kort, S. 182) (Dabei ging es nicht mal um Sexualpartner!)

Gesteigerte Fantasien halten einem davon ab, mit jemand anderem Intimität zu erleben, da gehe ich mit Kort einig. Auch die stetige Steigerung einzelner Praktiken oder der sexuellen Aktivität mit einem einzigen Menschen, nach dem Motto: Höher, schneller, weiter…

„Männer bringen einander in der Regel wenig Vertrauen entgegen, und auch viele heterosexuelle Frauen die ich kenne, stellen fest, dass sie den Männern, die ihnen Aufmerksamkeit schenken, nicht vertrauen. Da sie die Erfahrung gemacht haben, dass es dabei meistens um Sex geht, sind sie erst einmal misstrauisch. Heterosexuelle Männer brauchen eine solches Misstrauen anderen Männern gegenüber meistens nicht zu hegen, aber sie hegen ein allgemeines Misstrauen gegenüber Männern, egal welchen Alters und welcher sexuelle Orientierung.“ (Kort. S. 144)

Wenigstens hätten wir Männer eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Begriffe, um uns darüber zu verständigen, was wir von uns gegenseitig wollen und was nicht! Ich mache die Erfahrung, dass es durchaus junge Männer gibt, die sich für Ältere und ihre Erfahrungen interessieren. Nur sind sie nicht einfach bereit, dafür mit ihrem Sex zu „bezahlen“. Aber es gibt auch jüngere Männer, die fast nur mit Älteren Sex haben wollen oder können. Folglich ist es wichtig, nicht alles in einen Sack zu stecken, sondern differenziert und achtungsvoll miteinander umzugehen. Bei den einen löst sich die Angst vor dem Sex mit dem Älteren auf, bei den anderen die Angst, nur immer bezahlen zu müssen.

Ich denke, dass viele Ältere verzweifelt versuchen, sich einen jüngeren Freund mit Geld zu angeln, statt sich von Zweierbeziehungen zu lösen und ihren Horizont auf eine Gruppe zu erweitern. Das schafft Vertrauen zwischen allen gemeinsamen Bekannten. „Ich gehe nach der psychotherapeutischen Methode der bejahenden Homosexualität vor, die sich den psychologischen Auswirkungen des Heterosexismus widmet. Bei dieser Methode wird betont, dass das Problem nicht aus dem schwulen Individuum entsteht, sondern aus dem, was dieser Person angetan wird.“ (Kort, S. 151) (Und ich möchte ergänzen: Auch aus dem was in den Familien NICHT getan wird! PT)

„Wenn ein schwuler Mann sich zu seiner Homosexualität bekennt, verliert er etliche Privilegien, die ein Heterosexueller als völlig normal betrachtet. Und die Trauer über diesen Verlust ist oft sehr gross.“ (Kort, S. 151)

„Ich versuche, schwulen Männern dabei zu helfen, zu lernen, dass Liebe ein Gleichgewicht zwischen Nähe und Abstand voraussetzt und dass es nicht gesund ist, zu sehr in die eine oder andere Richtung zu tendieren.“ (Kort, S. 161)

Kort weist darauf hin, dass wir oft vergangene negative Erfahrungen mit anderen Männern auf unsere Partner übertragen und an ihnen „therapieren“. „Wenn aber Patienten verstehen, dass ihre derzeitigen Gefühle eigentlich ihrer Vergangenheit gelten, wenn sie sie entlassen und als „alte Geschichten“ betrachten können, an denen sie mit meiner Hilfe arbeiten, dann sind sie bereit zu einer gesunden, erwachsenen Liebesbeziehung.“ (Kort, S. 163)

„Selbst ein schwuler Mann, dessen Coming-out schon einige Zeit zurückliegt, erkennt nicht zwangsläufig seine eigene subtile Form verinnerlichter Homophobie.“ (Kort, S. 164)

„Viele klagen über Schwuchteln und Drag-Queens. Diese verinnerlichte Homophobie schadet jedoch lediglich ihrer Selbstachtung und behindert künftige Versuche, Freundschaften … zu schliessen.“ (Kort, S. 167)

Wie oft wird über das sogenannte „Schwulenghetto“ geschimpft. Aber es ist selbstverständlich, dass es ein jüdisches Viertel, eine italienische Strasse oder Chinatown gibt, wo sich andere Minderheiten zusammengefunden haben.

Abschiede und Trennungen „Den meisten Menschen fällt es schwer, sich (aus einer therapeutischen Gruppe) zu verabschieden. Aber nach Monaten oder Jahren einfach zu verschwinden, oder mich anzurufen und zu sagen: „ich bin fertig mit der Gruppe“, ist für die Männer, die ihr Vertrauen geteilt haben, verletzend. In der ersten Abschlusswoche erklärt das Mitglied seinen Austritt und die Gründe, die dazu geführt haben. In der nächsten Woche verabschiedet der Mann sich von jedem Einzelnen, erzählt, welche Gefühle jeder der anderen in ihm ausgelöst hat und beschreibt, was diese Erfahrung für ihn bedeutet. In der letzten Woche verabschieden sich die anderen Männer der Gruppe, der Therapeut eingeschlossen, von ihm. Andere Mitglieder geben ihm ein Feedback, um ihn wissen zu lassen, dass sie hoffen, er werde mit seiner Arbeit fortfahren.(Kort, S. 176)

Schon lange frage ich mich, wieso sich Freundespaare, Partner und Lebensgefährten oft so abrupte Trennungen „antun“. Wieso können wir nicht langsam Abschied nehmen? Uns langsam voneinander entwöhnen – auch sexuell? So erleben viele Schwule viele „Tode“ und werden zu emotionalen Krüppeln… Aber erst kürzlich habe ich auch ein Liebespaar erlebt, das sich hochfliegend verliebt, abrupt getrennt und dann in weniger stressiger Form den Kontakt wieder zueinander gefunden hat. Nicht mehr monogam, aber als „schenkend Liebende“ – vielleicht auch als künftige „Co-Therapeuten“ bei weiteren Liebesbeziehungen!?

„Viele offen Schwule suchen sich leider einen Freund, der noch kaum aus seinem Ikognito herausgetreten ist. Trotzdem wollen sie unbedingt eine Beziehung mit ihm. Ich habe festgestellt, dass die Chance, dass die beiden zusammenbleiben geringer ist, wenn einer noch im Anfangsstadium ist und der andere bereits sein Coming-out vollzogen hat.“ Kort, S. 192)

Etwas Interessantes weiss Kort über die Verliebtheit. Diese setzt ein natürliches Amphetamin namens Phenylethylamin (PEA) frei. Es wird mit Beginn der Pubertät mit dem Sexerlebnis ins Blut ausgeschüttet. Am stärksten in der Zeit der Verliebtheit.

„Wenn Sie verliebt sind, stehen Sie tatsächlich unter Drogen, ohne dass Ihnen das bewusst wird. Wenn PEA zum ersten Mal ausgeschüttet wird, erzielt es die stärkste Wirkung, weshalb die Menschen nie ihre erste Liebe vergessen… Das Problem ist, dass die Droge bei jeder Ausschüttung weniger stark und über einen geringeren Zeitraum wirksam ist. Der Zustand soll nicht von Dauer sein. Das PEA dient lediglich dazu, zwei andernfalls inkompatible Personen zusammenzubringen, sie aneinander zu binden…“ (Kort, S. 217)

Es ist für viele junge Schwule (und auch Heteros) schwierig, dies von der wachsenden Liebe zu unterscheiden. „Niemand sagt uns, dass dieses Phänomen universell ist! Verliebtheit endet – bei allen Menschen. PEA erleichtert nur am Anfang das Zusammensein… (Kort, S. 218)

„Sobald wir beschliessen, mehr in die Person zu investieren, in die wir verliebt sind, versiegt das PEA. War einer der Partner zuvor depressiv, kehrt er nun in diesen Zustand der Depression zurück. Hat er sich während der PEA-Phase eines stärkeren Sexualtriebs erfreut, fällt seine Libido nun wieder auf ein niedrigeres Niveau ab. Er kehrt zum gewöhnlichen Alltag zurück.“ (Kort, S. 218)

Kort, Joe: Schwul und cool. So optimierst du dein Leben! Gmünder, 2004, 250 S. CHF 26.–(original: 10 Smart Things Gay Men Can Do to improve their Lives, Alyson 2003)


One Response to “Kort: schwul und cool”

  1. QueerUp.ch sagt:

    […] Kort: schwul und cool — Wiesendanger: Vertieftes coming […]

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