5500 Jahre Männerliebe

Zweitausend Jahre propagand-iert das Christentum die Liebe von Männern zu einem männlichen Gott und dessen unleiblichem Sohn. Das Judentum zu seinem Jahwe noch länger. Der Islam ist dem gleichen Muster etwas später gefolgt. Hingabe, Glauben und Liebe – durchaus weibliche Tugenden in unserem kulturellen Kontext – wird von gläubigen Männern gefordert. Doch bei einem Manne zu liegen wie ein Weib, das ist die absolute Todsünde!

Manchmal habe ich den Eindruck, die Männerliebe sei von ein paar schlauen Heterosexuellen als Religion verpackt und ins eiskalte All wie in einen Kühlschrank gestellt worden. Unsere Aufgabe wäre es, diese Liebe wieder zu erwärmen und der Menschheit wieder zur Verfügung zu stellen. Statt vor einem unbekannten Gott auf irgendwelchen Kirchenbänken auf die Knie zu fallen – und sich dabei die Beine anzuschlagen – wäre es besser, andere Männer zu lieben, statt sie mit Messern, Kugeln und Lanzen umzubringen! Die Männerliebe hat sich immer ihre Männer geholt! Auf ganz verdrehte Weisen. Entweder als brutaler körperlicher Kampf zwischen Männern, im oralen Zusammentönen des Männerchors, in der Kumpanei der Clans und männlichen Verwandten, in den männerdominierten Konzernetagen, bis heute zu den Boygroups und den Fussballspielern vor Tausenden versammelter Fans.

Sie musste einfach in gewissen Grenzen und Formen stecken bleiben! Solange nicht der Geruch „des Schwulen“ sich breit machte, gab es für Männer immer eine Möglichkeit, sich privat oder öffentlich zu lieben! Die Rolle der Frauen bestand darin, immer neue männliche Nachkommen zu „liefern“ und der Liebe zu den Männern, sowie den Männern überhaupt zu huldigen. Dabei wurden sie in den Gotteshäusern meist von den Männern getrennt, um diese nicht vom Wichtigen abzubringen!

Wunibald Müller (1) hat in einem Buch darauf hingewiesen, dass viel Energie aus der Männerliebe auf den Priesterberuf „geleitet“ wird. Gott als absoluter Mann und ohne Fehl und Tadel ist die ideale Projektionsfläche für die realerweise unverwirklichten Gefühle und Bedürfnisse nach Nähe zu einem Mann. So haben auch die meisten jungen Schwulen ähnliche Vorstellungen von „ihrem“ Freund, einem Ideal, das sie selber nie erreichen können. Wie die Gläubigen, die ja niemals göttlich werden, sondern sich nur auf Lichtjahre annähern können. Heiliger Stuhl und alle Heiligen bleiben bescheidene Vermittler zwischen dem überwertigen Einen und der unterwertigen Masse der Gläubigen.

„Wenn Du an Einen nicht glauben kannst, kannst Du ihn auch nicht lieben.“ Dies schrieb mir ein junger Schwuler über sein Verständnis von Beziehung. Nicht das Sein und das Wissen bestimmen die Beziehung, sondern ein Glaube – durchaus religiöser Art und entsprechender Tradition. Kinder müssen vorerst auch alles glauben, was Vater und Mutter ihnen sagen, darum sollen sie sie auch lieben… Es HERRscht also in unserer Kultur die Hierarchie, das Unten und Oben – wie unter gläubigen Menschen. Was in Familie und Religion so gut funktioniert, ist offenbar auch attraktiv für die Beziehungen unter den Menschen, sowie zwischen Männern?

Hier macht uns eine Geschichte stutzig, die älter ist als alle bisher gefundenen – meist in Stein oder Tontafeln – gehauenen Dokumente, älter als die monotheistischen Religionen: Die Geschichte von Gilgamesch und Enkidu (*), die ihre Macht über-einander in eine Liebe unter-einander verwandelten. Mitten im grunzenden Kampf dieser Männer hielt einer inne und beendete die Auseinandersetzung mit einem anerkennenden Lob für den anderen. Er hatte ihn so stark erlebt wie er selber war. Und so verlor sich der Sinn des Strebens nach Unterwerfung des Anderen. Die Geschichte dieser Fürsten aus der Gegend von Euphrat und Tigris (heute Irak) war so „umwerfend“ für die damalige Zeit, dass sie für die Ewigkeit auf Tontafeln konserviert wurde.

„Irgendein Mann treibt sich in der Steppe herum, er ist riesengross, vielleicht ist er aus den Bergen gekommen! Er hat die von mir gegrabenen Fanggruben zugeschüttet, er hat die von mir gestellten Fallen entfernt, er hindert mich daran, Wild zu fangen. Er ist schrecklich stark, er und die Tiere Trinken Wasser an einer gemeinsamen Tränke, ich fürchte mich, ihm zu nahen, dieser Wilde flösst mir Schrecken ein.“ (Zamarovsky, 1979, S. 14, (2) So erzählte ein Jäger seinem Fürsten Gilgamesch von dem neuen Mann in der Gegend. Dieser empfahl ihm, eine Tempelprostituerte mitzunehmen, um Kontakt mit dem Wilden aufzunehmen…

„Enkidu hörte die Worte der Dienerin des Tempels und von Herzen gern erfüllte er ihren Wunsch. Sechs Tage und sieben Nächte blieb er dann mit ihr allein an der Tränke; er ass nicht, er trank nicht, er unterhielt sich nur mit ihr, er vergnügte sich mit ihr so, wie sich ein Mann mit einer Frau vergnügt, so grosses Gefallen fand er an ihrer Gesellschaft. Als der siebente Tag anbrach, da sprang er auf und ging den Tieren nach, doch die Tiere flohen vor ihm. Er lief ihnen nach, doch er vermochte nicht so schnell zu laufen. Sein Körper war erschlafft, er konnte sich weder mit der Gazelle noch mit dem Schakal messen, stattdessen hatte er Verlangen und Wünsche wie ein Mensch und auch einen menschlichen Verstand. Blosse sechs Tage und sieben Nächte hatte das Weib, das der Göttin Ischtar diente, gebraucht, um aus dem in der Steppe lebenden Wilden ein menschliches Wesen zu machen.“ (Zamarovsky, 1979, S. 14)

Enkidu war neugierig geworden, wollte diese Zivilisation kennenlernen und den Gilgamesch zum Zweikampf herausfordern. Und Enkidu trat Gilgamesch, dem König der grossen Stadt Uruk, dem König, der so mächtig war wie ein Gott, in den Weg. „Gilgamesch geriet in grosse Wut, er reckte sich in die Höhe und tat einen Schritt vorwärts. Er packte Enkidu an der Taille, er wollte ihn niederwerfen und wegstossen, doch Enkidu setzte sich zur Wehr. Er beugte die Knie wie ein Ringer, Gilgamesch machte es ihm nach und mit Aufbietung aller Kräfte versuchte einer den anderen zu überwältigen. Ringsum sammelte sich eine Menschenmenge an, sie schwieg vor Staunen…“ (Zamarovsky, 1979, S. 18)

„Es geschah jedoch, dass Gilgamesch einen Augenblick das Gleichgewicht verlor; so gut er konnte stemmte er sich auf den Fuss auf und mass den Kraftmenschen Enkidu. Er sah den Gegner, der ihm an Kraft gleichkam, deshalb liess er sich nicht vom Zorn, der stets ein schlechter Ratgeber ist, sondern von der Vernunft leiten.‚Wie schön, wie stark bist du doch’, rief in diesem Augenblick Enkidu aus. ‚Deine Mutter hat einen prachtvollen Menschen geboren! Um Kopflänge überragst du die anderen Männer, mit Recht hat dich Enlil zum Herrscher über die Menschen gemacht! Bei weitem überragst du alle Herrscher der Welt!’‚Auch du bist stark und gewaltig’ erwiderte Gilgamesch. ‚Meine göttliche Mutter hat mir im Traum deine Ankunft angekündigt; sie hat mir angekündigt, du würdest mir wie Anus Hand eine Stütze sein. Du bist in der Steppe zur Welt gekommen, kein Sterblicher kommt dir gleich!’

Als Enkidu Gilgameschs Worte vernahm, blieb er wie eine Statue des Tempels regungslos stehen; aber nach einer Weile setzte er sich und vergoss Freudentränen. Kaum hatte Gilgamesch die Tränen in seinen Augen gesehen, da trat er zu ihm und reichte ihm die Hand.Gilgamesch und Enkidu ergriffen sich an den Händen, sie umarmten einander wie Brüder und das Volk von Uruk, das sie umringte, schwieg vor Staunen.“ (Zamarovsky, 1979, S. 18) „Enkidu mein Freund – böses Blut mag zwischen uns geflossen sein, doch was immer zwischen uns stand vermag nicht meine Liebe zu dir zu mindern und deshalb werde ich tun, was kein König je tat, ich werde dich auf den Thron an meiner Seite erheben.“ (Schrott, 2004, S. 99) (3)

Ein Machtkampf zwischen heterosexuellen Männern kann sowohl zur Unterwerfung und/oder Tötung des einen führen, wie aber auch zu einer gefühlsmässigen Einheit oder Gemeinschaft mit ihm. Das Interessante an der Darstellung der beiden Männer ist die Faszination des zivilisierten Städters von der Wildheit des fremden Liebhabers. Ein Motiv, das viele Schwule und Männer immer wieder bewegt. Schwule suchen aus ihrer verklemmten Ecke heraus, den „wahren Hetero“ im Anderen, um von dessen Image und Einfluss Anteil zu bekommen! Dadurch glauben sie, dem über Jahrzehnte verinnerlichten Minderwertigkeits-komplex entfliehen zu können! Doch was ist es denn, was die Gefühle und die sexuellen Bedürfnisse gegenüber Männern so „minderwertig“ macht?

Der Schlüssel zur „Minderwertigkeit der Männerliebe“ liegt in der heterosexuellen Hierarchie begründet. „Du sollst nicht bei einem Manne liegen, wie bei einem Weibe.“ So steht es in der Bibel. Und worin unterscheiden sich nun Mann und Weib? Der eine fickt und die andere wird gefickt. So ist die uralte Ordnung in der Welt (**). Wer dies stört oder übertritt wird in der Bibel mit dem Tode bestraft: „Sein Blut komme über ihn!“ Kürzlich berichtete arte-tv über die Schwulenszene in Istanbul. Der neuste Trend unter den Szene-Schwestern besteht darin, sich nicht mehr operieren zu lassen, um die Geschlechtsmerkmale „anzupassen“ und damit keine Probleme mit den Behörden mehr zu haben. (Man denke sich nur die vielen Verstümmelungen, nur wegen Homosexualität!)

Die verheirateten Männer, die sich schwule Liebhaber holen und zum Teil auch halten, möchten gerne gefickt werden und bestehen auf dem Teil! Gleiches hörte ich schon früher aus Neapel. Da lassen sich die Ehemänner von Transvestiten ficken. Offensichtlich gelingt es vielen Männern doch, unter der weiblichen Verkleidung ihres Partners die Todsünde zu begehen! Ein Ex-Ehemann erzählte mir kürzlich, dass er früher öfter geträumt habe, seine Frau würde von einem anderen Mann gefickt und das hätte ihn ziemlich angetörnt. Schliesslich sei er darauf gekommen, dass eigentlich er derjenige sei, der gefickt werden wolle. (Siehe auch den bemerkenswerten Aufsatz von Ernest Bornemann über den Kult beim Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat bei den Griechen! (4) Übrigens: Die einzigen Menschen, die nicht an den katholischen Altar des „Übermannes“ treten dürfen sind: Frauen und Homosexuelle. Zum Schluss möchte ich auf eine interessante Parallele hinweisen zwischen dem Epos und unseren Gottesvorstellungen! Die beiden vergötterten Fürsten Gilgamesch und Enkidu sassen schliesslich gemeinsam auf dem Thron – als Ausdruck ihres Liebes- und Körperverhältnisses. Jesus als Sohn (und damit in einem angeblich leiblichen Verhältnis) sitzt auch zur Rechten Gottvaters. Es ist traurig, konstatieren zu müssen, dass die Menschheit und im speziellen die abendländische Zivilisation so lange an einem Problem herumkauen, das offensichtlich vor 5500 Jahren – abgesehen von der Eifersucht von Frauen – nicht so ein grosses gewesen sein muss! Wer hat die Welt eingeteilt in Mann und Frau, in Ficker und Gefickte, in Göttliche und Hundsgemeine? Darauf weiss auch ich keine Antwort. Peter Thommen (Senf online 11. Januar 2010)

 

(*) Anmerkung: Diese beiden Männer in dem uralten Epos waren normale Männer, mit Frauen und Kindern. Sogar die Vermutung, dass Gilgamesch vielleicht „eher den Männern zugetan“ sei, wird aus den Tontafeln bei Ralf Schrott zitiert.Und wie bei Samson und Delilah hat eine Frau die Kräfte eines Mannes „verzehrt“. (Delilah schnitt ihrem Mann die langen Haare ab während er schlief) Die Beziehung zwischen den beiden Liebenden im G-Epos wird von der Göttin Ischtar aus Eifersucht zerstört!

(**) “Im Jahr 390 u.Z erlebte Rom zum erstenmal die öffentliche Verbrennung von männlichen Prostituierten. Bestraft wurde nicht der Libertinismus an sich, sondern die Tatsache, dass der männliche Körper, wie der einer Frau, penetriert wurde. Diese Vorstellung war unvereinbar mit dem Prinzip der strikten Geschlechtertrennung…” (von Braun, Christina: Versuch über den Schwindel, Pendo 2001, S. 200)

(1) Müller, Wunibald: Homosexualität – eine Herausforderung für Theologie und Seelsorge, 1986. 3. Aufl. 1995

(2) Zamarovsky, Vojtech: Das Gilgamesch-Epos, in einer Nacherzählung, dt 1979

(3) Schrott, Raul: Gilgamesch, neue Übersetzung, Fischer TB 2004

(4) Lessing, Erich: Die griechischen Sagen, 1982.

Darin: Ernest Bornemann: Recht und Sexualität im Griechischen Mythos, S. 231-266. Daraus ein interessantes Zitat: „Das Recht – und dies ist eine Kernthese meiner Deutung des Patriarchats – geht auf einen historischen Urakt zurück: auf die Negation der Natur. Der natürliche Vorgang, der hier negiert wird, ist die Geburt. Die Frau weiss stets, dass das Kind, das sie geboren hat, ihr eigenes ist; Der Mann hingegen kann seiner Vaterschaft nie sicher sein. Das Patriarchat konstituiert sich mit dem männlichen Diktum, dass dieser Zustand aufzuhören habe: ‚Da die Frau uns bis in alle Ewigkeit überlegen wäre, wenn ein solcher Zustand weiter bestünde, verbiete ich ihn hiermit.’ Dieses Verbot nenne ich: Das Recht.“ (S. 232) (Dies zur Erklärung der männlichen Nachfolge und männlicher Rechtsprechung, PT)

„Andererseits hatten die Spanier eines mit der ersten Vorhut der Griechen gemein: Sie führten keine Frauen mit sich. Deshalb betrachteten sie die Frauen der Ackerbauern mit der gleichen Brille, durch die die Spanier die Frauen der Azteken gesehen hatten: als doppelt verachtenswerte Geschöpfe; erstens weil zum Volksstamm der Unterlegenen gehörten; zweitens weil sie, wie das bei erobernden Truppen üblich ist, nur zur hastigen Befriedigung dienen mussten. Man vergewaltigte sie, weil man seit langem keine Frauen mehr gehabt hatte, aber man benutzte sie gleichzeitig auch als stellvertretende Objekte jener profunden Verachtung, die man ihren Männern entgegenbrachte. Denn dass diese Bauernvölker, die nie einen Krieg geführt hatten und gar nicht wussten, dass es so etwas wie Kriege gab, SICH NICHT EINMAL WEHRTEN, SCHIEN DEN GRIECHEN DER INBEGRIFF DES UNMÄNNLICHEN, DAS KAINSMAL DES WEIBISCHEN.“ (S. 233/234) (Dies zur Erklärung von Unmännlichkeit und passiver sexueller Hingabe, PT)

One Response to “5500 Jahre Männerliebe”

  1. […] Entzug“ und welche Selbstanstrengung ihnen abgefordert wurde. (Siehe auch die Liebe von Gilgamesch und Enkidu!) Sie standen ja ausserhalb jeder Familienbindungen. (Vielleicht wurden aber auch „ideologische […]

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