Ist der Sex am Arsch? 1988
(Dieser Text ist ein Essay/Versuch.) Ich nehme in Anspruch, nicht alles logisch und schlüssig ausführen zu müssen. Er soll Anregung zu eigenen Ueberlegungen sein. Peter Thommen
Im Titel sind bewusst zwei Deutungen enthalten: Ist unsere Sexualität am Ende/findet der Sex nur ‘im Arsch’ statt?
Die intensivsten Gefühle im Körper erhalten wir vor allem über die Oeffnungen: Mund Genitale Anus.
Klar, dass sie Zentren sexueller Betätigung sind (abgesehen vom Fortpflanzungsakt). Gerade weil es Oeffnungen sind, sind sie besonders empfindlich und mit feuchtigkeitsbildenden Zellen ausgerüstet. Ausserdem werden sie auch hauptsächlich für den ‘täglichen Gebrauch’ verwendet (Essen, Ausscheidungen).
In unserer Erziehung werden diese Oeffnungen mit besonderen Bedeutungen ‘belegt’: In der Kindheit mit klaren ‘Funktionsregeln’ (auch Tabus) und vor dem Erwachsenenalter ‘erhalten’ sie von den Mitmenschen auch ‘sexuelle Bedeutung’ zugeteilt. Dieser Uebergang ist zwar in der Pädagogik und im sozialen Zusammenleben klar geregelt (zB saugen-essen / Trennung durch ‘Schutzalter’) kann aber nicht immer vollständig kontrolliert werden (Intimsphäre). Daher können sich in der individuellen Entwicklung Verschiebungen von Funktonen ergeben: Orale Bedürfnisse erhalten sich übers Alkohol trinken, Rauchen, wobei sich jeweils (hier chemische) Abhängigkeiten herausbilden (Alkohol, Nikotin). Warum das? Unser Körper sucht darin einen Ausgleichszustand für die dauernd wechselnden emotionalen Zustände und Eindrücke. Ueberwiegend dient auch der Schlaf dazu.
Wir übernehmen in diesen Abläufen eine passive Haltung. Das zeigt sich besonders beim Arschvögeln. Gegenteilig zum aktiven Ausscheiden ist hier das passive Oeffnen und Aufnehmen wichtig (Entspannen der Schliessmuskulatur!) Dies steht im Gegensatz zur Reinlichkeitserziehung in der Kindheit.
Anders als beim Trinken wirkt sich dies beim Anus viel intensiver aus und ‘lähmt’ grössere Teile unseres Körpers. Wichtig ist die Erkenntnis, dass sich auch hier Abhängigkeiten entwickeln können. die (sexuellen) Ausgleichsbedürfnisse verbinden sich mit denjenigen Aktivitäten, die überwiegend ausgeübt werden. Darum ist Analverkehr eine beliebte Art sexueller Entspannung.
Dazu tragen aber auch äussere Umstände bei! Diese sexuelle Praktik entspricht in etwa heterosexuellem Verkehr (Körperstück in Körperöffnung).
Dazu werden auch soziale Faktoren wirksam: Heterosexuelle oder Bisexuelle suchen im Gleichgeschlechtlichen ‘ihr Loch’ und finden es im Arsch. In gewünschten anonymen Kontakte muss mann sich allenfalls nicht ins Gesicht sehen, vor allem, wenn diese aus praktischen Gründen an öffentlich zugänglichen Orten oder in beschränkten Zeitabschnitten (Mittagspause, sturmfrei) geschehen. Analsex kann das grösstmögliche Stück Fleisch des einen Körpers mit demjenigen eines anderen ‘verbinden’. Ausserdem kann er ‘im Stehen’ ausgeübt werden. (Schnell und unkompliziert)
Das sind – mit verlaub gesagt – seshr männliche Prinzipien.
Diese, meiner Ansicht nach heterosexuelle, Praktik in der Homosexualität hat in der allgemeinen Entwicklungsgeschichte der Sexualität in den letzten Jahrzehnten eine besondere Stellung erhalten. Hier möchte ich auch daran erinnern, dass die Psychoanalyse das sogenannte ‘genitale Primat’ fordert. Das heisst, dass bei einer ‘gesunden’ Persönlichkeit die sexuellen Bedürfnisse und Praktiken sich um die Genitalien konzentrieren sollen. Abweichungen davon fallen auf.
Sind Schwule nun ‘Arschficker’? Dieses Image ist zum einen eine Phantasie vor allem von heterosexuellen Männern (ohne Analerfahrung), ‘die sich das so vorstellen’. Zum andern ist diese Sexualpraktik auch ein Ausdruck der von homosexuellen Männern als Lockung eingesetzt wird. (“Meine Muschi ist allemal enger und geiler als diejenige seiner Frau oder Freundin!”
Nicht vergessen möchte ich hier die ‘politische’ Bedeutung dieser Praktik: Zustossen = beherrschen / Einlassen = unterwerfen. Sie äussert sich auch heute noch im sexuellen Umgang von Eroberern und Besiegten! Wenn wir beide Elemente verbinden gibt es den ‘Winkelried-Effekt’ . (n. Thommen: Er besteht darin, dass eine gefährliche Aktion gebannt wird, indem eine passive Vereinigung mit dem Aggressor gesucht und durch teilweise oder völlige Selbstaufgabe erreicht wird.)
Dieses dauernde und überwiegende sich passiv Hingeben hat Konsequenzen für den ‘analen Charakter’ vieler Homosexueller. Bestätigungen dieser Ueberlegungen finden sich im ‘Rollenprotest’ vieler militanter Schwulenbewegungen in Spanien und Italien: Die Tunte provoziert den MAcho und verschlingt seine Kraft in ihrem Arsch. (Ein Verhalten das sich in vielen Ehen auch bewährt hat?)
Die Kultivierung dieses Verhaltens / dieser Praktik ist aber sehr materialverschleissend! Analmuskeln lockern sich zu sehr, Schleimhäute werden strapaziert, vor allem bei Verkrampfungen aus Angst oder auch Geilheit. Wird eine solche Person auch in der sozialen Umgebung stark diskriminiert, so ist ihr Ichbewusstsein ‘am Arsch?. Das hat übrigens auch politische Konsequenzen!
In homosexuell-pornografischen Videos wird Analverkehr noch und noch ‘inszeniert’ (vor allem in den USA). Ihre Produzenten sind überwiegend heterosexuelle Geschäftsleute. (80er Jahre) an diesem Punkt frage ich: Ist unsere schwule Sexualität wirklich nur am Arsch zu finden? Dabei denke ich auch daran, dass die immer grösser werdende Konsumation auch einen gewissen Propaganda-Effekt hat.
Gegenseitiges Erforschen und Eindringen zwischen Menschen ist ein elementares Bedürfnis. Sind wir aber mit dem Weg in den Arsch nicht auf dem Holzweg? A propos: Nebst riesen Dildos werden auch schon mal ganze Unterarme bis zum Ellbogen in den Mastdarm geschoben.
Ich sehe den Arsch vor allem als Apfel und mich fasziniert vor allem seine Oberfläche … (bürgerliche Erzieher benutzen den Stock, um darauf herumzudreschen; Schwule, die ‘zustossen’, bearbeiten die Backen allenfalls mit den Handflächen).
So bin ich nun also mit Euch am Arsch gelandet, an dem dunklen vielversprechenden und heissen Loch, das wir uns so oft an den Kopf werfen!
‘Bekanntschaft mit einem Kopf, ohne den Schwanz ist vielversprechender als mit einem Schwanz ohne Kopf!’ (n. Thommen)
‘Wenn der Schwanz steht, ist der Verstand am Arsch!’ (n. unbekannt)
Mir fällt auf, wie die beiden Elemente in ‘geflügelten Worten’ so als Extreme erscheinen. Nehmen wir uns doch mal der Quadratmern von Haut an unserem Körper an. Im Gegensatz zu unserem Schwanz ist sie das grösste Sinnesorgan, das wir besitzen. Sie verbindet Hände, Mund und Füsse zu einem umfassenden Instrumentarium zur gegenseitigen Erkundigung und Stimulierung.
Dazu gesellt sich das Gehirn und alle diese Gedanken- und Erlebniswelten, Hoffnungssterne und Sehnsuchtsplaneten, die darin Platz haben. Daneben werden Schwanz und Arsch ganz klein.
Zur Verliebtheit und zur Sexualität gehört auch der Tod als Partner. Wir strengen unsere Körper in der Sexualität oft so an, dass der Orgasmus zum ‘petit mort’ wird, wie die Franzosen sagen. Wir sind nachher ‘komplett fertig’. Und nach dem BEI wird GEschlafen.
In unserer Verliebtheit erleben wir eine Beziehung auch so total überwältigend, dass wir uns verlieren und wenn uns unsere Bezugsperson ‘verloren’ geht, könnten wir aus Schmerz das ganze ‘grosse Leben’ hinwerfen und sterben.
Jetzt mal ernst: Sind das Normalzustände? Sicher ist es ‘abnormal’ das Abreagieren sexueller Spannungen nur auf den Arsch oder die Vagina zu beschränken. Ausserdem muss der Saft nicht unbedingt in einem Loch landen, weder aus Fortpflanungs- noch aus anderen Gründen.
So intensiv auch die Loch-Variante sein mag (verstärkt durch Drogen und Poppers) so kurzzeitig ist ihre Wirkung für den gesamten Haushalt körperlicher Bedürfnisse. Einige werden wich fragen: Wo bleiben da nur die Liebe und die Zärtlichkeit?
Eine gute Frage! Doch das sind zwei andere Kapitel, die sich entweder verbinden oder abtrennen lassen.
Ich neige zur Ansicht, dass viele der Loch-Akrobaten weiteren Dimensionen unserer Sexualität ausweichen, nach dem Motto: Lieber kurz und heftig, als umständlich und deftig.
Schwule stecken ein gerüttelt Mass an Enttäuschungen, Kränkungen und Erniedrigungen ein. Sie bleiben, wenn sie ihr Leben als Einzelmasken fristen, immer vorsichtig und ruckhaft. Sie lassen sich entweder ‘zer-stören’ durch die Umstände, oder verharren zweifelnd und angstvoll, um den ‘richtigen Augenblick’ – den ‘richtigen Mann’ zu kriegen. Dann muss auch gleich die richtig dolle Sexualität gemacht werden. Dann fahren sie auf den Typen, äh, in dieses Loch ab.
Eine soziale und sexuelle Gemeinschaft zwischen Schwulen könnte auch unser Sexualverständnis verändern, jenseits von Ehe und ‘Dauer(?)freundschaft’, die viele sich durch Geld, KArriere oder Glück ersehnen…
Peter Thommen (come out Nr. 4, November 1988)