LESEN OHNE blabla…

Trennungsgefühle von Kindheit und Schule…

Der Titel „Plattenbaugefühle“ liess mich eine Liebesgeschichte aus dem deutschen Osten vermuten. Die Handlung spielt im Westen, aber trifft auf die türkische Kultur – und der Autor ist griechischer Herkunft…

Ein Junge zieht weg von der Grossstadt, hinaus in ein Trabantendorf und muss sich in einer neuen Umgebung und einer neuen Schule zurechtfinden. Schmerzlich der Abschied von Freunden und die grosse Frage im Lebensraum: Werde ich neue finden? Geborgenheit und Vertrautheit müssen in neuem Licht gesehen und anders eingeordnet werden. Dabei wird klar, dass Freundschaften wichtig sind, aber nicht überall gleich eingeschätzt werden.

 

Auf den ersten Schritten zu den ureigenen Gefühlen wagt sich Jonas auf den Kampfplatz der Heteros in Schule und Quartier. Dabei wird klar, dass er sich von Anderen unterscheidet und sich neu orientieren muss. Die Intimität mit Freunden wird von deren neuen Mädchen-Beziehungen zerrissen, er verliert die Teilhabe daran.

Gut, dass seine Mutter eine verständnisvolle Rolle spielen kann. Immerhin war sie in ihren Jugendjahren auch mal ein „Freak“. Doch ihr Schoss und ihre Schürze können ihm nicht mehr helfen, mit seinen Gefühlen für Jungs.

Sehr zärtliche Dialoge und Situationsbeschreibungen täuschen aber nicht darüber hinweg, dass hetero fixierte Jungs, eher weniger damit klarkommen. Für sie ist die Gewalt gegenüber dem eigenen Geschlecht das Tor zur Zärtlichkeit mit Mädchen, was auch hier nicht immer die Aggression ausschliessen kann…

Das Drama seines Lebens verbindet sich mit der Zuneigung eines türkischen Jungen, der für so was – „was Türken nicht tun“ – überhaupt keine Worte gelernt hat. Und das Schicksal reisst ihn mit in die Welt von Fussball, Playstation, Gangsta, Action und Power, und die ist auf einem anderen Planeten als die seinige. Jeder verlässt seine Herkunftswelt und landet doch wieder in einer vertrauten Umgebung – die ihm gleichzeitig fremd ist. Aber auch für den türkischen Jungen gibt es eine Lösung, bei der seine Kultur und Eltern „ihr Gesicht nicht verlieren“.

Mohammed, der gar nicht Mohammed heisst, Jungs, die zärtlich sind und gar nicht schwul und ein schwuler Sozial-Animator, dessen Leben auch nicht seines ist, bevölkern das Leben von Jonas, neben Schule und Büchern.

Dem Autor ist mit dieser Erzählung ein guter Wurf gelungen. Geeignet für Jungs, die zwar den „schwulen Braten schon riechen können“, aber sich erst als „Vegetarier“ outen, bevor sie – in der Hand eines anderen Jungen kommen! Und wie in dem Buch auch angedeutet: Die Heteros sind mit ihrer Nase anderswo beschäftigt – da muss dann eher das Blut daraus fliessen! ;)

Jannis Plastargias: Plattenbaugefühle. Jugendroman. Grössenwahn-Verlag 2011, 160 . CHF ca. 16.-

 

P.S. Selten ist mir so klar geworden, wie nahe sich Jungens kommen und wie sehr sie gezwungen werden, ihre kindlichen Raufereien mit Gewalt und Prügel ins Erwachsenenleben fortzusetzen. Dies vor allem, um dem emotionalen Gefängnis von Freundin und Ehefrau Platz zu machen, die sie dann dominieren wird.

Auch ist mir klar geworden, dass die Mohammeds zwar einer „Religion des Buches“ angehören, aber selten Bücher geil finden, ganz zu schweigen vom Koran. Auch wenn sie nicht wirklich Mohammed heissen. Sie lassen sich von Erwachsenen befehlen, wie sie zu lieben und zu sexen haben. Um hier im Leben zu bestehen, sollten sie aber andere Bücher lesen, denn wir leben auch in einer Schreib- und Lesekultur. Angefangen von Formularen, über Gebrauchsanweisungen bis zu den Texten über Beruf und Zusammenleben. Oder ein solches Jugendbuch, in dem sie die Worte für ihre Probleme finden.

Peter Thommen_61, Buchhändler und Schwulenaktivist, Basel

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Im Fegefeuer einer Privatschule

So könnte ein “Homo-Porno” beginnen. Und vielleicht gibt es diesen Titel auch schon. Wer weiss es? Auf irgendeiner Schule treffen Jungs aufeinander, die miteinander auskommen und mit den Mädchen zurechtkommen müssen. Da sitzt man zwischen Sehnsüchten, Wünschen und Enttäuschungen und muss noch schulische Leistungen erbringen. Die Familie ist weit weg, oder hat einen verbannt. Besonders im Teenie-Alter sind Freundschaften sehr wichtig und wie sie funktionieren: Entweder als Abhängigkeiten, oder als schnelle Flirts.

Aus einer abgebrochenen schwulen Liebe kommt der enttäuschte Daniel in dieses hetero Internat, damit seine gläubige Familie sein plötzliches coming out in der Ferne besser verdauen kann.

“Er war mein Held. Mein Alles. Ich lernte ihn erst nach meinem coming out kennen. So vieles hat er mich gelehrt und mich dann einfach sitzen lassen.”

Nach der Trennung hat er den Spiess einfach umgedreht: “Ich bin schwul, aber ihr könnt Daniel zu mir sagen.” In Anlehnung an den köstlichen Comics von Ralf König, worin ein schwules Pärchen im Strassencafé wie folgt bestellt: “Wir sind schwul und hätten gern ein Eis!” Oder noch politischer: “Raus aus den Klappen und rein in die Strassen!”

Dieses Jugendbuch beginnt mit einem Hetero. Damit sollen kleine Machos nicht gleich verschreckt, aber zur Toleranz verführt werden. Lesen werden es wohl trotzdem mehr Schwule. Nico hat Parties gefeiert, herumgesoffen und seinen älteren Freund nachgeäfft und ist damit immerhin seiner Kindheit entflohen. Jetzt hockt er alleine und fern seiner Freunde und scharfen Mädels. Er muss sich neu orientieren, will den Chef spielen und auch unter der Gürtellinie nicht zu kurz kommen.

Den Joker spielt Sofie, eine offenbar tolerante und vernünftige junge Frau, die mit Jungs umzugehen weiss. Sie checkt die Ordnung in diesem Hühnerhof, hat ein Auge für Schwache und Schwächen und ordnet kräftig mit. In der Hauptsache wechselt Autor Borlik zwischen der Daniel- und der Nico-Perspektive.

“Ich heisse Nico und ich hab mir das linke Bett gekrallt, nur damit du schon mal weisst, was Sache ist.”

Daniel neigt den Kopf ein wenig zur Seite: “Lass mich raten! Du bist einer dieser kleinen Machos, die nicht mal vor einem Astloch haltmachen. Hauptsache, das Ding ist weiblich, richtig?” Er lächelt so von oben herab und sagt: “Ich bin schwul, aber du kannst mich Daniel nennen!”

“Eine Schwuchtel!”

Bravo und klatsch: “Ein Schnelldenker!”

Die beiden MiliTanten werden sich prügeln auf dem Fussballfeld, auch miteinander wetteifern. Nico erwirbt sich seine Gefolgsleute und Daniel hält sich mehr an die schlaueren Mädchen. Die Geschichte ist voll von Geheimnissen, heimlichen Liebschaften, Matratzen auf dem Dachboden und Alkohol. Die Schule spielt da – eben wie in einem Porno – eine Nebenrolle. Natürlich hat es noch andere Klemmschwestern auf dieser Schule, was Sofie aber Daniel nicht verrät. Auch bleibt ihre Rolle bis zuletzt undurchsichtig in dem Gewühl zwischen den beiden Jungs. Es gibt einen Theaterabend, Geburtstagsfeiern und Semesterferien.

Zwar küssen sich Nico und Daniel zweimal in der Geschichte. Das hat aber mit Sex nichts zu tun. Und während bei Nico mehrmals die Hose zu eng wird mit Mädchen, lebt Daniel ziemlich jungfräulich dahin. Der Autor wollte wohl die Jungs nicht erschrecken. Es reicht ja, wenn Nico sich ob dieser Vorstellung schon nicht mehr kriegt.

Mir ist aufgefallen, dass der Daniel ziemlich differenziert überlegen kann. Sofie ist die Brücke zu den Jungs und sieht auch vieles. Aber der Nico bekommt mir zu viel Denkarbeit ab in der Geschichte. Heteros ticken anders! Es sind auch nicht immer alle so konsequent “hetero”, während Schwule eher wissen, was sie nicht so wollen. Mädchen sind entweder Schlampen, oder machen sich kostbar bis die Jungs verzweifeln: Liebe – oder was auch immer das sei – muss erobert werden, damit sie hält. Alk ist der populäre Tröster.

Die Bisexualität hat leider bis heute noch nicht Eingang gefunden in die Jugendliteratur – es ist schon sensationell, dass Jugendliche “sexuell” sein dürfen! Peter Thommen_61, Buchhändler

Michael Borlik: Ihr mich auch, Thienemann 2010, 250 S. ca. CHF 22.-

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Ein behinderter Junge, von Geburt an – und schwul

Das schmale Bändchen unter dem Pseudonym “Dino Capovilla” bringt uns eine Lebensgeschichte nahe, die wohl öfters vorkommt, als es uns lieb ist! Welches ist wohl der grössere Geburtsfehler? Die Behinderung oder das Schwulsein? Noch immer wird beides wie eine “Invalidität” behandelt, was im eigentlichen Sinne “wertlos” heisst.

Doch jenseits von Fortpflanzungszwang könnte eine Behinderung auch den Weg freimachen für eine Liebe, die sich nicht an Konventionen klammert.

Dem Jungen fehlt ein Fuss und anfänglich die Kraft, sich gegen seine Pflegefamilie und MitschülerInnen durchzusetzen. Und als er seine individuelle Überlebensstrategie entwickelt hat, gibt es noch Missverständnisse. Mit Schülern, mit Lehrern und mit der Polizei. Denn für Behinderte ist Sex “nicht vorgesehen”. Trotzdem macht er seine Erfahrungen – mit Männern.

“Und wie gross ist so ein Standardschwanz? (Philipps war ja nicht grösser als meiner)”

“Übergrössen sind ähnlich selten wie Beinamputierte. Obwohl jedem ein Fuss fehlen kann, gibt es insgesamt nur wenige und wen überrascht es, dass man bei den Paralympics überdurchschnittlich viele von ihnen sieht? Genauso ist es mit bei den Pornofilmen. Auch dort wählt man jene, die mit Übergrössen ausgestattet sind.”

Ein selbstbestimmtes Leben ist nicht leicht. Schon gar nicht als schwuler Behinderter in einer Wohnung oder WG. Eine Liebe kann erst entstehen, als überraschend ein Partner einzieht, der ihm in allem überlegen ist und ihm die Kraft gibt, die er nebst seiner selbst entwickelten Intelligenz auch braucht. Einmal mehr wird klar, dass Liebe gelernt werden muss, die Geilheit allein kann es nicht bringen. Peter Thommen

Dino Capovilla: Mein Name ist Toastbrot, BoD 2010, 130 S. CHF 19.90

auch über gay-megastore Basel erhältlich!

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Slalom, von Sabine Huttel

“Sie gehen noch zur Schule oder steuern auf den Lebensabend zu. Sie verlieben sich oder müssen eine Trennung verschmerzen. Sie leben in Grossstädten oder auf dem Land. Aber immer ist es ein Leben, das von ›Vorsicht schon vollständig überwuchert‹ ist. Das schreibt Sabine Huttel an einer Stelle in ihrem neuen Buch ›Slalom‹. Es sind Männer, die im Mittelpunkt der sieben Erzählungen stehen, und sie sind schwul…

Das Versteckspiel beginnt in diesen sensibel gefassten, präzise beobachteten Sequenzen schon in früher Jugend, wenn die Hauptfiguren ihre Sehnsüchte gerade erst entdecken. Wie in der Titelgeschichte:In ›Slalom‹ entbrennt der Junge Jonas für den Musiker Desiderio, hat sich aber eine Freundin zugelegt, um ein Alibi zu haben. Und die leidet auch.Der Grieche Nikos in ›Schlüsselloch‹ ist schon ein paar Jahre älter, endlich von zu Hause ausgezogen und will sein Leben nun leben – da droht ausgerechnet die eigene Schwester ins das selbe Haus zu ziehen…

Seine Midlife-Crises erlebt Winni in ›Advent‹ und versucht, ihr durch die immer gleichen Schilderungen seiner wilden Jugend zu entgehen. Und dann der 76-jährige Familienvater, der nach dem Tod seiner Frau einen jungen Liebhaber an seiner Seite hat in ›Zumutung‹. Von seiner Geschichte erfahren wir als Leser durch eine raffinierte sprachliche Form der Autorin: Wir belauschen quasi das Telefonat seiner Tochter mit einer Freundin, wobei man nur die Seite der empörten Tochter ›hört‹.

Immer trifft Sabine Huttel den Ton der sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, immer sucht sich die Geschichte bei ihr die richtige Form. Eine der traurigsten ist vielleicht die des einsamen, HIV-positiven Mannes, der in ›Rampenlicht‹ seiner Oma das Herz ausschüttet – die gerade gestorben ist. Und natürlich die jenes dicken Jungen irgendwo im Norddeutschen, der in ›Feierabend‹ Chips in sich reinfuttert, um mehr Raum für sich zu beanspruchen.Seine Geschichte, wie andere auch, hat Sabine Huttel in einem der vielen Recherchegespräche gehört, die sie über Freunde oder Jugendzentren in zahlreichen Städten geführt hat. Einiges davon hat in ihren wunderbar feinfühlig formulierten Erzählungen Eingang gefunden.” (Birgitta Lamparth, Wiesbadener Tagblatt, 14.04.2011)

Sehr geeignet zum Verschenken an Angehörige und Heteros/as allgemein! P. Thommen

Sabine Huttel: Slalom, feine hand lektüre – fhl Verlag Leipzig 2011, 114 S. ca. CHF 16.-

Eine Erzählung von der Autorin gelesen 

Hier noch eine ausführliche Besprechung (PDF) von Sandra Despont auf  nahaufnahmen.ch

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Von Dornhänschen wachgeküsst

Ein Jugendbuch, in dem von allem Anfang an klar ist: “Ich habe immer schon gewusst, dass ich schwul bin. Aber erst im Kindergarten haben mir das dann auch andere bestätigt. Meine Erzieherin stellte es kurz und bündig fest. Es stand auf der Karteikarte, die sie für jeden von uns anlegte: Paul ist zweifellos schwul und hat eine sehr gute Selbsteinschätzung. Ich konnte schon damals lesen und entdeckte diese Notiz eines Tages auf ihrem Schreibtisch, kurz bevor wir unser Mittagsschläfchen halten sollten.”

Autor Levithan ist einer der wenigen, die die sexuelle Orientierung unkompliziert in die Geschichte einführen und sie in die vielen Beziehungen, Liebesgeschichten, Konkurrenz- und Machtspiele einer Kinderschar integrieren kann. Dabei wird sichtbar, dass schon Kinder nach den heterosexuellen Regeln “lieben”. Das heisst, dass Paul dann eigentlich die gleichen Probleme hat wie die Anderen in Mädchen-Jungen-Freundschaften. Eifersucht, Untreue – wenn auch nur auf der Kussebene oberhalb des Hosenbundes – und die Romantik dominieren die Dynamik der Freundschaften.

Enttäuschungen werden aufs Konto “verletzt” und “betrogen” verbucht und ein eigentlich wichtiger Lernprozess daraus, nicht angeregt und für die Zukunft gewonnen. Liebe ist Glück, Prinzentum und muss meistens mit Schmerzen bezahlt werden. Interessant sind die Beziehungen und Kontakte mit “hetero” Jungs. Solche, die sich von Abenteuern nachträglich distanzieren und solche, die ihren Widerstand gegen Freundschaften nach und nach aufgeben. Vieles ist eben nicht vorprogrammiert, sondern muss mühsam erfühlt und erfahren werden. Schön ist die Geschichte mit einem Exlover, der sein Herz erneut gewinnt und ihm die Erfahrung bringt, wenigstens freundschaftlich helfen zu können. Aber auch Jungs, die sich ihm nähern und gegen die er sich wiederum wehren muss.

Der Verlag wirbt mit der Angabe “Für alle, die Brokeback Mountain gesehen und geliebt haben.” auf der Rückseite des Taschenbuches. Doch diese Art von Werbung ist mir zu zweideutig…

Levithan hat spannende und unterhaltsame Geschichten in einem Roman geschrieben, der geeignet ist für junge Schwule, aber auch für “beste Freundinnen” und “beste Freunde”, die mit schwulen Jungs umgehen können sollten. Peter Thommen (61) Buchhändler

David Levithan: Noahs Kuss… und plötzlich ist alles anders, cbt-Random House 2011/(2003), 280 S. CHF 12.50

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Ein Schwuler unter Revolutionären

In der Zeit der Pinochet-Diktatur richtet sich eine ältliche Tunte in altem Gemäuer ihr Leben ein. Das Haus wird regelmässig von Studenten besucht, die auf ihre Prüfungen lernen sollen. Doch bald bringen die auch schwere Kisten mit, auf welche sie Häkeldecken legt.

Natürlich verliebt sie sich in einen Guerillero, der sie dazu benutzt, um als Paar aufzutreten und die Strassenkontrollen zu passieren.

Der erste Sex mit dem Hetero, die Gespräche über Tunten und Politik, sowie die Gedanken über die bürgerliche Gesellschaft der Diktatur sind die Umgebung, in der er/sie naiv das Leben ausrichtet. P. Thommen 

Pedro Lemebel: Träume aus Plüsch, Suhrkamp 2004, 200 S. CHF 13.-

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LIFE SUCKS – oder so spannend kann ein normales Leben sein!

„Ich bin Florian, oder kurz Flo. … Dabei kann ich mir ehrlich gesagt viel schlimmere Kurzformen für andere Namen vorstellen. Andi zum Beispiel, ich glaube, da hätte ich weit mehr zu leiden. Michi ist auch noch toll, dann lieber Micha, was eine schöne Kurzform ist. Jedenfalls meiner Meinung nach. … Ich bin im Jahr 1981 geboren.“

 

„Ich mache mir selten Gedanken über Konsequenzen. Ich habe schon häufiger meine Lebenseinstellungen geändert.“

Skepsis gegen sich selbst und Kritik an den nicht zu ändernden Lebensumständen ist die typische Denkweise der Stadtjugend der 90er Jahre. Ein normaler Entwicklungsroman, aber mit viel Alkohol und Drogen, wie es üblich war – und noch heute ist. Und für Florian darf viel schwarzer Kaffee nicht fehlen…

An einer „Abrissparty“ lässt er sich – unter Alkohol und Drogen – auf einen Blowjob mit einem Kerl ein.

„Das Problem mit Heten und Klemmschwestern ist anscheinend, dass sie danach … immer darauf bestehen, nicht schwul zu sein und einem töten wollen, wenn man auch nur an so was denkt.“ -

„Hör mir mal zu. Ich habe echt Besseres vor, als jedem hiervon zu erzählen. Ausserdem habe ich nie gesagt, dass du schwul bist. Ich bin es ja auch nicht. (Jedenfalls damals noch nicht!)“

Mehr zufällig als gewollt lässt sich Florian auf Mädchen und Jungs ein. So wie er gerade gelaunt ist. Stören tun ihn eher die Mütter, oder die Wohnung, in der er Sex hat.

„Nach einer Prince und zwei Tassen Kaffee, kannte ich einige für Benny peinliche Kindheits- und Jugendgeschichten, di ich hier fairerweise mal ausspare. Es waren solche, wie jede Mutter sie zu Hunderten kennt. Das ist einer der Gründe, weswegen ich eigentlich niemals jemanden mit nach Hause zu meiner Mami gebracht habe.“

Eine hetero Affäre beendet er mit SMS, um nicht nochmals sechs Stunden hin und nochmals sechs Stunden zurückfahren zu müssen…

„Ja, ich hatte einen Fehler begangen. Ich bin an sich nicht so ein bestimmender Typ und schon gar nicht jemand, der irgendwen zum Teufel jagt. Dafür bin ich viel zu harmoniebedürftig. Zudem kann ich mit meinen Macken ja schon froh sein, wenn sich überhaupt jemand für mich interessiert. Streng genommen war ich doch das Opfer. Naja, vielleicht nicht das Opfer. Aber immerhin der Vernünftige.“

Florian kann auch witzig schreiben, nicht nur in einem schräg-leidenden Humor: „Als der Arzt mich bat, meine Vorhaut zurück zu ziehen, erwiderte ich, dass ich das nicht könne. Mensch, hat der sich erschreckt. Bevor er total ins Stammeln kam, erklärte ich ihm, dass ich beschnitten sei. Aber das sass!“

Florian hangelt sich durchs Leben, durch Parties, Ferien und geht Wochenendbeziehungen ein. Er wird nach dem Schulabgang arbeitslos und muss sich zuletzt in der Abendschule einen Abschluss holen. Er war tatsächlich zu einem guten Schüler geworden. „Das hätte ich mir niemals zu erträumen gewagt. Mein entwickeltes System funktionierte. Einfach so häufig wie möglich anwesend sein, nicht weiter auffallen und nötige Nacharbeiten zum Unterricht nachts nach der Schule machen, wenn mein Kopf noch dabei war.“

Zum Glück ergattert er eine Stelle als Grabungsangestellter bei der Archäologie. Da findet er auch seine „beste Freundin“, Engel genannt. Nach stetigem Scheitern wird der junge Mann – mit dem spitzbübischen Blick auf der Rückseite des Buches – Autor. Er bezeichnet sich als Kaffeejunkie und Meckerpott. In der Gruppe schweigsam. Dadurch findet er immer wieder gleichartige Typen, die es auch sind und mit denen er nicht schlecht klar kommt.

„Ich gebe zu, dass ich persönlich besonders gut mit Menschen klar komme, die ich nicht leiden kann, weil sie mir einfach egal sind. Dann bin ich immer besonders freundlich und unauffällig.“

Man kann so einen Typen „Verweigerer“ nennen, oder auch „Versager“. Sie brauchen einfach länger, bevor man/frau sie bekommen kann. Für den Sex, für Arbeit, schneller fürs Vergnügen. Zögerlicher fürs Verlieben und mit der Liebe wird’s dann sehr schwierig…

Peter Thommen (61)

Raschke, Dennis: Life Sucks, epubli Verlag 2010, ca. CHF 24.-

 

Schwule über vierzig

„Schwürzig“ – so der Titel eines neuen Buches mit Erzählungen über die coming out’s in den 80er Jahren, die Aengste und Schwärmereien, Rückblicke, Erfahrungen. Reflexionen über die Gegenwart und dann Ausblicke ins Alter. Nicht so deftig erzählt wie –minu und nicht so politisch wie Thommens Senf… Was die einen verpasst haben, daran erinnern sich die Anderen mit Schmunzeln und Wehmut. Ein optimistischer Versuch, Erfahrungen – möglichst nicht belehrend – weiterzugeben, sowie Einblicke in die Lebensweise „anderer Schwuler“. Wie war es nur möglich, „ohne Internet, Gay-Portale und Handy zu leben und sich trotzdem zu daten?“ – „Und das ohne Angst, einer Fake-Persönlichkeit zu begegnen.“ Es waren auch die „Testjahre“ für Männerkosmetik, die heute fast alle wie selbstverständlich benützen. Die Zeit für Herz-Schmerz-Geschichten, worin man unzählige Tode starb und endlich merkte, dass das Leben einfach weiterging. Neckig ist das Kapitel über die Gaby. Der Name ist zum Inbegriff der „besten Freundin“ des Schwulen geworden.

„Man sass also bei Denise, Silke oder Kathrin und redete erst mal eine Stunde um den heissen Brei herum. Dann, nachdem man sich endlich ein Herz gefasst hatte, und Denise, Silke oder Kathrin gepeilt hatten, dass man nichts von ihnen wollte, erzählte man, dass es um Jungs ging und man die total Klasse fände und sich ganz komisch dabei fühlte und überhaupt – man käme sich vor wie ein Aussenseiter.“ „Was genau beim ersten Mal passieren sollte – das wussten wir aus dem Sexualkundeunterricht und natürlich aus – kicher, kicher – Gesprächen mit Freunden. Dumm war nur, dass sich alles Gesagte natürlich auf die heterosexuelle Variante des fleischlichen Miteinanders bezog. Was, bitteschön, würde denn beim ersten schwulen Mal passieren? – Gehörte man wirklich erst dazu, wenn man sich von hinten kennengelernt hatte?“ „Ich weiss nicht mehr, was ich vorher gedacht hatte. Wahrscheinlich, dass alle Schwulen Samstagnacht mit einem Zauberstab zum Leben erweckt werden, Spass haben und dann sechs Tage lang wieder verschwinden. Dass sie in ganz normalen Berufen arbeiten und nicht ständig nur an Sex denken, das wurde mir erst an diesem Abend in dieser Bar bewusst.“

Dieser schräge Humor durchzieht die Kapitel wie ein rosa Faden. Der Autor beschreibt die Lebenssituation der 40er und 50er mit dem Blick fürs Wesentliche – und ohne Moral auch die jeweiligen Nachteile von langen Lebenspartnerschaften, hektischen Sexkontakten und „Szenebewohnern“. Jeder kann in den Spiegel blicken, oder erfahren, wie es die Anderen getrieben haben. Zum Schluss wird der Autor dann doch noch etwas politisch, wenn er feststellt, dass es für alte Schwule keine Treffs und Clubs gibt, in denen auch sie Spass haben und feiern können. Und:

„Dadurch, dass wir uns und unsere Gefühle in Gesprächen analysieren und ausdrücken mussten, kamen wir uns selbst und unseren Empfindungen ein ganzes Stück näher.“

Dieses schwule Lebensbuch vom coming out bis zum Altenheim kann ich für jedes Lebensalter empfehlen – Jungen wie Alten. Es schafft gedankliche Verbindungen zwischen den Generationen, hilft erinnern und zu verarbeiten, ohne ein Fach- oder gar Therapiebuch zu sein. Trotzdem liegt er nicht so falsch, wenn er uns daran erinnert, was wichtig im vergangenen Leben war. Nämlich die Worte „Ich liebe dich“.

 

Witt, Oliver: Schwürzig! Von Kerlen, Krisen und anderen Kleinigkeiten, tredition 2010, 190 S. CHF ca. 20.-

siehe auch: Hans-Georg Stümke: Älter werden wir umsonst. Schwules Leben jenseits der Dreissig. Erfahrungen, Inteviews, Berichte. VrW 1998, 280 S. CHF 24.- (jetzt bei Männerschwarm Verlag) 

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Verbotene Früchte, noch mehr verbotene Früchte…

Das erste “grosse” Sexerlebnis ist so eindrücklich, dass wir es selten vergessen. Der Beststeller in drei Bänden wird immer wieder aufgelegt. Erstmals publiziert im Jahr 1999…

Hart, n m verbotene Früchte (Link öffnet PDF)

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Schnösels Erfahrungen

Ein junger Teenie-Frechdachs „erobert“ die Welt der Erwachsenen mit selbstüberzeugtem Optimismus und beleidigter Schnoddrigkeit. Liebevoll distanziert beschreibt er seine Familie und seine Umgebung. Seine Lebensphilosophie ist neugierig-überheblich, aber real-anpassungsfähig. Aus der Vorstadt Hamburgs auf die Sex-Pfade zwischen Hansa-Lyzeum, (bester) Freundin, Frauen, Aushilfs-Jobs und dem Prinz Zufall unter seinen Verehrern. Von der Szene erfahren wir wenig. Aber er macht interessante Bekanntschaften: Mit dem mageren Petja von Petersburg aus dem Umsiedlerheim, der wunderschön Geige spielen kann und einem Journalisten, der doppelt so alt ist wie er selber.

Alles Zufall. Kein hässliches Entlein, das – emotional vertrocknet – auf die grosse Liebe wartet. Er stolpert eben – wie ein Junge – zufällig hinein. Grosse Träume, die zerplatzen, Zweifel, Hoffnungen und schliesslich ein offenes Ende.

Ein unterhaltsames Buch mit unmerklichem Tiefgang und spannend bis zur letzten Seite.

Peter Thommen60, Buchhändler

Moritz Sturm: Vorstadtjunge, Gmünder 2009, 190 S. CHF ca. 25.-

“Das ist eine sehr treffende Besprechung, sie hat mich sehr gefreut.” (Moritz Sturm, email 20.3.11)

ein marokkanischer Junge

In diesem Buch erinnert sich Rachid (*1970) an seine Jugend in Marokko und wie er mit seinem Körper und seiner Sexualität sehr alleine aufwuchs. Mit 14 verliebt er sich in die Fotografie eines französischen Jungen, die eine Haushälterin ihm zeigte. Wie er sich in Gedanken mit ihm beschäftigte, mit der Männerkultur Marokkos und dem Faszinosum des Französischen, das weit weg von ihm war. Er schafft es tatsächlich, in der Korrespondenz, die er für die Haushälterin mit der Familie führt, die Franzosen zu einem erneuten Besuch in Marokko zu bewegen. So lernt er endlich den Jungen leibhaftig kennen und kommt auch zu der heissen Schokolade, die die Haushälterin immer für diesen machen musste. Für ihn gab es immer nur morgens einen Minzentee. Rachid gibt uns Einblick in seine Kultur, das Verhältnis der Männer zu den Frauen und das Leben in einer marokkanischen Familie. Eine schöne Novelle, die man gerne wieder liest!

Rachid O.: Heisse Schokolade, O.Buecken-Verlag 2010, fast 100 S. CHF 18.- Hier eine andere Besprechung

 

 

Im Labyrinth des Ichs

Der passende Titel für eine Geschichte über sexuelle Identität bei Jungs. Mittels Dialogen und Szenen, aber auch Monologen und Reflexionen, öffnet sich uns die Welt der Pausenhöfe, der Jungs im Autoritätsstress und bei der Erfahrung von Uebermacht. Wie freundschaftliche Gefühle sich entwickeln, Verliebtheit und Hass entstehen können, das erzählt uns Charlotte Ulbrich ganz lapidar, auch einfühlend und fesselnd in ihrer Erzählung. Es geht um Jungs und Mädchen, die bereits auf „Eroberung“ aus sind. So zufällig und schräg wie im Leben, bilden sich Cliquen und isolieren sich „Einzelgänger“ und kommen einander in die Quere. Marco, der Angepasste beschreibt die Entwicklung eines Konflikts an der Schule, der ihn in Loyalitätsprobleme stürzt. Dabei hat er es doch mit dem „Neuen“ – eher besonnenen Dennis – nur gut gemeint. Seine derzeitige Freundin ist ihm auch keine Hilfe. Aber Oruc der Türke wird für ihn wichtig, vor allem als Tätlichkeiten nicht mehr zu verhindern sind. Alles spielt sich in der Welt der Kids ab, die erst sehr spät bei Erwachsenen und bei der Polizei um Hilfe ersuchen, um eine Katastrophe abzuwenden. Wie gewöhnlich bekommt die Schule von allem gar nichts mit. Die junge Autorin selbst zeigt uns, dass Mädchen einen grossen Einfluss auch auf das Geschehen unter Jungs haben können, wenn sie sich nicht einfach nur einspannen lassen und das „heterosexuelle Spiel“ mit ihnen spielen. Ein wichtiges Buch auch für Mädchen! Peter Thommen60

Ulbrich, Charlotte (17). Im Labyrinth des Ich’s, Pressel Verlag 2010, 160 S. CHF 16.-

(über bestellung@arcados.com)

Lindquist, Ein Traum vom Leben

Das Buch ist wirklich so berührend und schön, wie der Boy von Howard Roffmann, der auf der Vorderseite abgebildet ist! Ein Teenie, der sein Trauma vom Unfalltod seines Vaters am Ferienort seiner Kindheit zu verarbeiten sucht. Stück für Stück enthüllt sich seine Trauer und entblättern sich seine Gefühle. Vorerst sieht, hört und schmeckt er das Land, den Bauernhof und die Wiesen. Mitten in den Ferien passiert wieder ein Unfall. Die Jungs und Mädels fahren einen Guitarrenspieler auf der Strasse an… Sehr einfühlsam schildert Lindquist die Sommergefühle von Mikael, der langsam Abschied nimmt von der Liebe zum Vater und zur Mutter und in eindrücklichen Dialogen mit seinen Bekannten auch seine Psyche wieder aufrichtet. Mit dem Kunstgriff des Traumes und der Erinnerungsfetzen wird sein Leben als Puzzle über verschiedene Kapitel zusammengesetzt, die sehr leicht und unterhaltsam zu lesen sind – sehr entspannend. Wie es in Ferien üblich ist, entsteht eine Liebe erst am Schluss, wenn es heisst, wieder auseinander zu gehen. Die Trennung von liebgewordenen Menschen setzt auch schlummernde Bedürfnisse frei. Schritt für Schritt wird klar, dass Liebe und Verliebtheit zugleich Verlust und Erwerb von Freunden bedeuten kann. Es sind die grossen und die kleinen Tode, die wir sterben und die wir letztlich im Verlauf unseres Lebens mit Sexualität auszutricksen versuchen. Ich konnte mir auch ein oder zwei Tränen nicht verkneifen, weil Lindquist sehr wohl an unsere an gleichgeschlechtlicher Liebe entbehrungsreiche Kindheit und Jugend rührt, die uns bis zum Tod nicht entlässt. Dass der Junge in der Werbung als 18jährig vorgestellt wird, ist wohl eine Konzession an die gesellschaftliche Korrektheit, dass sein Schwanz als „Geschlecht“ bezeichnet wird, die Konzession an die juristische Korrektheit. Es gibt schlimmere Wörter in den öffentlichen Medien! Aber es soll ja ein Jugendbuch für alle sein… Peter Thommen, Buchhändler

Hakan Lindquist: Ein Traum vom Leben, Gmünder 2008, 170 S. CHF 23.90 (fPr)

Hakan Lindquist: Paul, mein grosser Bruder, Gmünder 2008, 170 S. CHF 16.90 (fPr) Erhältlich über den Buchhandel und arcados

Party des Lebens

Medizinstudent Alan Cleary wird durch die Obduktion eines jungen Mannes aus seiner bislang unkomplizierten und beinahe intakten Welt in die Realität der Schwulen-Szene gestossen. Der Kontakt zu dieser für ihn so fremden wie reizvollen Welt wirft viele Fragen in Alan auf. Einen Teil ihrer Antworten erhält er, als er durch Zufall auf die Tagebücher des Toten stösst. Eine reise in die Vergangenheit des Anderen beginnt. Sie ist sowohl aufregend und erschütternd, wie an Konsequenzen reich. Alan lernt Tim Wholestones bewegendes Leben durch dessen Tagebücher kennen. Er durchlebt jede Seite der Berichte und Aufzeichnungen, als wären sie die Realität. Je mehr er von Tim weiss, desto stärker fühlt er sich ihm verbunden. Gefühle werden aufgebaut, die keine Chance haben, jemals erwidert zu werden, denn der, den er zu lieben beginnt, ist tot… Linn Lavin NNoli: Die Party des Lebens, Roman, Foerster 1991, CHF 10.- (inkl. Versand)  bei ARCADOS

Unterwegs ins Glück

Vorspiel zu einem glücklichen Leben heisst der Originaltitel, der sich auf deutsch zu einem „unterwegs ins Glück“ verkürzt. Vorspiel ist der beliebteste Fetisch bei Klemmschwestern – würde ich mal behaupten. Alexandres Bericht von der Grundschule und das Internat ist zwar fragmentarisch, zeigt aber, wie schwer mann sich’s mit seiner sexuellen Orientierung machen kann. Kompensiert wird alles mit Fleiss und Eifer in schulischen Leistungen, wofür er wiederum Verachtung einheimst, die er masochistisch geniesst. In der Bankenwelt begegnet er endlich auch der sexuellen Realität. Trotzdem klammert er sich an seine grosse Liebe aus der Schule, die er natürlich „nicht vergessen“ kann, denn das Leben muss ihn doch auch irgendwie belohnen. Ein Roman für Bisexuelle und Schwule. Er lernt, wie mann sich gegenseitig verletzen kann, weil die Unfähigkeit zur Kommunikation die Realität behindert und der Fantasie zu grossen Raum gibt. Hochgefahrenes Verlangen und tiefe Enttäuschung hinterher halten Alexandre gefangen. Ein Roman für alle, die an einem coming out zweifeln, oder einfach zu feige sind! Am Anfang eine etwas zu summarische Biografie, ab der Mitte aber spannend geschrieben, so dass die Gefühle fesseln bis zum Schluss. Delmar, Alexandre: Unterwegs ins Glück, Gmünder 2008, 190 S. ca. CHF 20.- Bei ARCADOS auch original französisch.

Delmar, Alexandre. Prélude pour une vie heureuse, Editions Textes Gais 2009, 170 S. € 12.- / CHF 18.- De l’école primaire à son entrée dans la vie active, Alexandre dévoile sa vie sans aucun temps mort. Malgré sa pudeur de jeune homme de bonne famille, il n’hésite pas à livrer au lecteur sentiments et expériences. (ETG)

 

100 wichtige Tipps

was ein Mann wissen muss…

… der Sex mit einem anderen Mann macht. Sven Rebel hat zugeschlagen – mit 100 Dingen, die wichtig seien. „Da kann ich nur sagen: Heteros dieser Welt schaut auf eure schwulen Mitbürger! Für die gibt es das Wort „Schlaf“ nämlich nicht, wenn im Umkreis von 50 Kilometern die Möglichkeit zu ordentlichem Sex besteht.“ (S. 11) „Hier steht fast alles, was man wissen muss, um in jeder Situation eine gute Figur zu machen und den schwulen Lifestyle geniessen zu können.“ (S. 12) Das Buch scheint so „gut“ geschrieben, dass es „absolut heterofriendly“ ist und „schenkt es ruhig auch jedem Hetero in Eurem Bekanntenkreis, denn denen kann es bestimmt nicht schaden!“ (S. 12) Ich sage zwar schon lange, dass es um die Homosexualität keine Geheimnisse mehr gibt. Aber ein Buch, das ich jedem Hetero schenken könnte, muss ich wohl als Schwuler nicht extra für mich auch noch kaufen! :P Rebel führt in seinem „neuen Bestseller“ wohl alle erreichbaren Klischees auf, die es über Schwule gibt. Entweder bestätigend, oder das Gegenteil beweisend. Jedenfalls scheint mit den Tipps der Weg zum privaten schwulen Glück vor allem mit Euros und Aeusserlichkeiten gepflastert. Wie wir das übrigens auch von heterosexuellen Schreibern in ihrem hetero Lifestyle bereits wissen. Gesundheitstipps über alles, Schönheitstipps bis zur Kravattenregel. Igitt, ich habe seit Jahrzehnten keine solchen „Vatermörder“ mehr getragen… “Fittnesstipps, Benimm-Tipps, einfach „mehr als nur zu wissen, wie eine richtige Analspülung geht, um das Beste aus sich zu machen und erfolgreich durch den Alltag zu kommen.“ (S. 12) Tja, für bürgerliche Klemmschwestern sicher eine Bestätigung ihres Lifestyles, für Junghomos wohl „eine neue Weltoffenbarung“ („gut vorbereitet aufs Blinddate“) – aber keine Hilfe zum finden der eigenen Persönlichkeit. Denn diese entwickelt sich nicht von aussen nach innen, sondern umgekehrt. Aber dafür gibt’s keine Rezepte von Rebel. Und wer keine Persönlichkeit wird, wird auch von niemandem gefunden… Sven Rebel: Von Mann zu Mann, 188 S. CHF 35.50 (hetero Versionen in Taschenbuchausgaben sind da viel billiger!)

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