Hörmann, immer wieder samstags

Rainer Hörmann veröffentlichte bereits 2005 ein Buch „zum Zustand der schwulen Welt“, in dem er über das Leben als Schwuler in der Hetero- und Homo-Gesellschaft berichtete und darüber auch nachdachte. Dabei setzte er auf den allen Männern vertrauten Höhepunkt des Wochenendes, wo man von Arbeitsverpflichtungen frei und bereit für das Vergnügen ist. Derweil müssen Heteros etwas für ihre Familie organisieren, oder sich der Ehefrau widmen…

So wie der Sex in der Heterofamilie auf das Elternschlafzimmer eingeschränkt wird, so wurde die Homosexualität aufs Wochenende beschränkt. Ein „klassisches“ schwules Leben hangelte sich also von Wochenende zu Wochenende, oder dann auch von Nacht zu Nacht…

Ich weiss, darüber nachzudenken ist nicht jedermanns Sache! Aber sechs Jahre später war es an der Zeit, zu überlegen, „was die schwule Welt zusammenhält“.

„Ich habe den Eindruck, dass mit aufgeblähten Pseudo-Themen wie der Medienjagd nach dem ersten schwulen Fussballspieler in der Bundesliga viel Energie verschwendet, die man besser auf eine Debatte über uns selbst, wie unsere Szene, unsere sozialen Netzwerke aussehen können, bzw. könnten, verwendet.“ (Vorwort, S. 10)

Doch gibt es auch noch andere „Hypes“, mittels derer die schwule Gemeinde ihre Daseinsberechtigung zelebriert. Früher arbeiteten sich viele Männer an der „Normalität der Gesellschaft“ ab. Doch hat sich in den letzten Jahren auch eine „Normalität“ zum Schwulsein entwickelt, an welcher wir uns an uns selber abarbeiten…

„Auf dem Weg zur heiss begehrten ‚Normalität’ und im Klima einer gesellschaftlichen Liberalität greift eine Atmosphäre des ‚business as usual’ um sich, die ein Nach- oder Hinterfragen gar nicht, oder nur noch selten zulässt.“ (S. 10)

„Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen ist ein Anliegen dieses Buches. Die drei Begriffe Folklore, Ritual, Norm, dienen mir dabei als Orientierung … Viele Themen, die ich in ‚Samstag ist ein guter Tag’ beschrieben habe, halte ich noch immer für aktuell, etwa der Wunsch einer bestimmten Gruppe, ‚normaler’ als jeder Hetero zu sein, oder den anhaltenden – zumeist von Älteren gepflegten – Jugendwahn.“ (S. 10-11)

In diesem Buch hat sich Hörmann in vier Interviews noch andere Kollegen zur Brust genommen.

Folklore – oder wie man durchs Jahr kommt. Nicht mehr nur das Wochenende – jetzt ist das ganze Jahr dran!

„Das Versprechen von Glück und Freiheit, die Legenden vom Kampf um Anerkennung und Toleranz, dazu nackte Oberkörper und im Hintergrund die schmucke Drag Queen – das sind die Zutaten einer fröhlichen Folklore, in der es sich gut gehen lässt.“ (S. 13)

Nur droht heute bereits der Übergang zum Folklorismus oder gar zur „Fakelore“. „Folklore ist der Kitt, der Menschen zusammenzubringen vermag und ihnen Vertrautes signalisiert. Im Guten wie im Schlechten. Der Umschlag in die Fakelore ist genau dort zu beobachten, wo Menschen zur Zielgruppe werden, wo das Versprechen auf Vertrautes (wie auch auf Vertrauenswürdiges) ein Mittel für ganz andere Interessen ist. (S. 16)

„Die Umbenennung des CSD in ‚Pride’ ist solch eine Fakelore, die nur dazu dient, Vermarktungen global anschlussfähig zu machen. Als Marke ist Pride vollkommen sinnentleert, weil der antizipierte Stolz sowohl auf Homosexuelle als auch auf jede andere Zielgruppe zugeschnitten werden kann.“ (S 17)

Also auch für einen Hetero-Pride, oder einen „White Pride“ gegen alle Farbigen…

„Als von seinem Ursprung losgelöstes Allerweltsgefühl ist Stolz so billig, dass man sich auch noch ein zweites Bier leisten kann und darauf kommt es den Eventmanagern an, nicht auf die Vermittlung von Wissen, Hintergründen oder gar auf eine Debatte um das Gestalten von Zukunft mit einer schwulen Geschichte im Rücken, auf die man tat-sächlich stolz sein könnte.“ (S. 16-17)

„Wer es sich halbwegs leisten kann, feiert heutzutage auf zwei oder drei Paraden: die Parade vor der eigenen Haustür und mindestens eine anderswo. Wer sich politisch engagiert, kann nach Warschau reisen, oder fliegt zum Euro-Pride nach Rom… Ledertreffen, Chortreffen, Gay Games, Bärenparty, Filmfestival und zum Jahresausklang Glühwein auf dem schwulen Weihnachtsmarkt.“ (S. 19)

„Abgesehen von solch kommerziellen Interessen, gehört Weinachten tatsächlich in den schwulen Kalender, weil kaum ein Homosexueller dem Ritual Familie entgehen kann. Gerade nach dem coming out und auch nach dem Finden eines Partners gehört das winterliche Fest fast unweigerlich zu den härtesten Prüfungen, die die Toleranz – die eigene wie die der Herkunftsfamilie – zu überstehen hat.“ (S. 19)

Nicht zu vergessen ist der „Welt-Aids-Tag“ am 1. Dezember. Doch heute, wo keine akuten Todesfälle mehr zu beklagen sind hat er wesentlich an – ahem – Reiz verloren. Ganz anders aber in Afrika, wo fast keine Überlebensmedikamente zu erschwinglichem Preis erhältlich sind – und wo es übrigens auch keinem in den Sinn kommen würde, von einer „Schwulenkrankheit“ zu faseln!

Nicht ganz geheuer ist Hörmann die Partizipation von „Gottesdiensten“ am CSD, wobei er die schwulen Christen eigentlich bei der HuK verortet.

„Gerade die Verbrüderung von LSVD und Kirche zeigt, wie Rituale benutzt werden, um eine zunehmend konservative Politik durchzusetzen. Wird also nach der Homo-Ehe der sonntägliche Kirchenbesuch zum Nachweis, dass man ein guter Schwuler ist?“ (S. 22)

Was die „inneren“ Normen betrifft, so ist die bekannteste von ihnen die Waffe der „Männlichkeit“. Obwohl Schwule genau wissen, was dies nicht ist – oder allenfalls sein kann, bedienen sie sich halt immer wieder dieses Klischees, um sich in ein „normales“ Licht zu stellen. Die aktuellste Formulierung für den Zivilstand lautet: verheiratet, obwohl es in deutschsprachigen Ländern noch immer „verpartnert“ heissen muss! (2013)

„Um so ‚normal’ wie ‚die anderen’ zu sein, müssen Schwule besondere Anstrengungen unternehmen. Es bleibt ein Kampf gegen Windmühlen, denn Schwule und Lesben werden nie NORMAL sein. Vielleicht ist es diese, aus meiner Sicht, wohltuende Aussichtslosigkeit, die zur Verbissenheit führt, mit der Normalität erzwungen werden soll.“ (S. 26)

Aus dem Kapitel über Reisen, Sport und Musik:

(Zitat Tatjana Eggeling) „Der Fussball hat eine hohe Emotionalität. Es geht um Gegnerschaft, um Konkurrenz. Da wird alles benutzt, um den Gegner zu schmähen und ihn herabzusetzen: die regionale und soziale Herkunft, körperliche Schwächen.“ (S. 42)

„Die Aggression, mit der der männliche Fussball auf seinem Recht zur Homophobie besteht, entspricht eine Tendenz zur Rückdrängung des Lesbischen aus der Welt des Frauenfussballs. Dem Klischee von den Schwulen, die nicht Fussball spielen können, entspricht hier das Vorurteil, dass Fussballspielerinnen sowieso alle lesbisch sind.“ (S. 42)

Der ESC ist immer noch unglaublich schwul! (Interview mit Martin Schmidtner)

„Darüber hinaus hat es mit der Show, der Inszenierung zu tun, die beim Grand Prix geboten wird: das gefühlsüberladene Chanson, das archetypische Drama der einsamen Sängerin auf der grossen Bühne. …

Böse Zungen sagen uns Schwulen ja einen Hang zum Kitsch nach. Ich würde da lieber auf Susan Sontag verweisen. Sie hat Anfang der sechziger Jahre den Begriff „camp“ für diese Art der Kunstanschauung geprägt. Sie hat der Freude von uns Schwulen an Künstlichkeit, am Retro-Stil, an vermeintlichem Trash und an einer Lebenshaltung, die gerne archetypische Figuren verwendet, damit theoretisch untermauert.“ (S. 50/51)

Zum CSD

„In den letzten Jahren ist der CSD zu einem Feld für Normierungsstrategien geworden. Organisationen legen neuerdings einen Verhaltenskodex vor, an den sich Teilnehmer halten sollen, Organisatoren verwahren sich gegen Störungen durch Minderheiten aus den eigenen Reihen. Vielfalt ist ein Modewort und sicher auch für die vermarktungsfähige Folklore und das moderne Lebensgefühl gewünscht. Aber die Vielfalt soll kontrollierbar bleiben und nach aussen immer noch als homogene (welch ein passendes Wort!) Gruppe erscheinen.“ (S. 60)

Eine Kultur der Empörung

Oder was ist „schwulenfeindlich“? Überfälle und Ausgrenzungen gegen einen schwulen „Gesinnungsterror“. Sowie ein Interview mit Elmar Kraushaar.

Zurück in den Schrank – oder was von unseren Feinden übrigbleibt…

„Spätestens seit der übergrossen Herzlichkeit, die Klaus Wowereit zeigte, als der Führer der katholischen Kirche, Joseph Ratzinger, seinen Besuch in Berlin ankündigte, weiss man: Es gibt keine Feinde mehr! Nun ist Freundlichkeit gegenüber Staatsgästen selbstverständlich Aufgabe und Pflicht eines Bürgermeisters. Schliesslich  hat sich Klaus Wowereit auch schon mit Moskaus Bürgermeister Luschkow durchs Brandenburger Tor gelächelt, als dieser zu Hause noch Schwule und Lesben, die demonstrieren wollten, verprügeln liess. Da ist es dann auch nicht mehr so dramatisch, wenn Ratziger ihn für einen kranken Sünder hält und die Lebenspartnerschaften Homosexueller für den Untergang des Abendlandes verantwortlich macht.“ (S. 107)

Über das Verhältnis zur CDU und ein Interview mit einem ihrer Mitglieder…

Über Erinnerungskultur, historische Vergangenheit und heutiger Alltag…

Über den Lebensort im Alter – und ein Interview mit Bernd Gaiser (*1945)

„In Samstag ist ein guter Tag zum Schwulsein – habe ich behauptet, dass das Bild  von der Gay Community, der schwulen Gemeinschaft, einen Moment des Glaubens voraussetzt….

In Immer wieder samstags – liegt das Augenmerk  auf dem, was ich die Folklore und die Rituale der schwulen Welt nenne – und auf der Rolle, die Erinnerungen, sowohl die individuellen als auch die kollektiven, dabei spielen.“ (S.175)

„Die Rituale bestätigen sich selbst, indem sie jedes Jahr wiederholt werden. Sie strukturieren das, was ich so selbstverständlich ‚schwule Welt’ nenne, und bestimmen auch das Leben des Einzelnen.“ (S. 176)

„In der Folklore geht es um die Geschichte wie um die Geschichten, die wir uns von uns selbst erzählen. In einer Geschichtsvergessenheit sehe ich die grösste Gefahr und mir erscheint es wichtiger denn je, dass die schwule Welt Orte und Zeit findet, Geschichte(n) zu bewahren und zu erzählen.“ (S. 177)

„Eine Art Selbstvergessenheit macht sich in der schwulen Welt hierzulande breit. Die eigene Geschichte droht, uns abhanden zu kommen in einer von halbgaren Mythen zusammengehaltenen Konsumindustrie.“ (Umschlag)

Rainer Hörmann: Immer wieder samstags, Querverlag 2011, 190 S. CHF ca. 18.-

Leave a Reply

*