Geschichte des Buchladens ARCADOS

Dem Buchladen vorausgegangen ist von 1974-1977 der ARKADOS-Versand. Darüber schreibe ich im Blog.

Der Buchladen, für den ich 1977 zufällig Räumlichkeiten fand, hat eine eigene spezielle Geschichte. Darüber ist in verschiedenen – vor allem Basler – Medien immer wieder geschrieben worden. Ich habe diese Texte von 1979-2009 in einem PDF zusammengestellt. (Die Quellen sind hier angegeben)

Aktuelles Porträt, erstellt von Udo Theiss in der tageswoche vom 29.8.2014

Von der sozialen Anlaufstelle zum schwulen Buchladen und Archiv.  Nach drei Jahren Versand eröffnete ich 1977 den Buchladen in einer vormaligen Wäscherei und Glätterei. Die Räume waren total verbraucht, aber sehr nostalgisch. Während der Praktika für die Schule für Soziale Arbeit in Basel, die damals noch keine oder nur wenig Entschädigungen einbrachten, entschloss ich mich, ein billiges Lokal zu mieten, um zusätzliche Einnahmen zu haben. Ausgestattet mit dem Lehrabschluss als Buchhändler und dem Studium der Sozialarbeit, versuchte ich den Spagat zwischen politischen, subkulturellen und sozialen Aktivitäten, sowie ökonomischem Risiko. (Ich habe damals Zeitungen ausgetragen, um feste Einnahmen zu haben.)

Der Tante Emma Laden an der Rebgasse 35, der anfangs hinten hinaus von einem Untermieter bewohnt wurde, fiel in der Gasse gar nicht gross auf. Ein paar Schritte weg von der Schwulenbar „elle&lui“, wurde er oft übersehen von Leuten, die geradewegs nur den Eingang der Gaybar suchten.

In den 70er Jahren waren Verlage entstanden, die eine handvoll deutschsprachige Bücher für Schwule publizierten. (rosa Winkel, Gmünder) Nur ein Jahr vor mir hatte ein Ex-Freund von Alexander Ziegler, Bruno Scherer, einen Versand und einen kleinen Kiosk am Rindermarkt in Zürich eröffnet. Schauspieler Ziegler hatte die Gefängnis-Strafe, wegen einer Beziehung zu einem 15jährigen, zum Bücherschreiben nutzen können und sich mit autobiografischen Büchern geoutet. (Das Labyrinth, Die Konsequenz/1978 verfilmt, u.a.)

Als Mitbegründer des Vereins „Homosexuelle Arbeitsgruppen Basel“ musste ich damals die Kritik einstecken, dass ich ja „an den Schwulen verdienen“ würde! Denn ausser dem Park und den Klappen/Toiletten gab es nur eine Schwulenbar (White Horse), den Isola-Club und bald auch eine Sauna, für deren Besuch bezahlt werden musste. Die HABS veranstaltete in wechselnden Räumlichkeiten ihre Discos.

Werbung konnte ich nur in linksalternativen Blättern, dem Migros-Brückenbauer (die Coopzeitung war dagegen) und per Handzettel im „Milieu“ machen. Wesentlichstes Buch in der damaligen Zeit war der „Spartacus-Guide“, ein Führer durch die schwulen Milieus der ganzen Welt. Er erschien jeden Frühling und wurde stapelweise abverkauft.

Seit Oktober 1969 war Homosexualität in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr strafbar. In der Folge waren verschiedene Magazine, Postillen und Politgazetten erschienen, die auch in der Schweiz Interessenten fanden. Von der ersten Neugründung nach dem Faschismus, dem „du&ich“, über DON, him, und der „Berliner Schwulenzeitung“, sowie „rosa Flieder“, bis zur schweizer „hey“ aus Zürich (SOH). (Auswahl)

Im damals einzigen Gratis-Kontaktmagazin der Schweiz (herausgegeben von Zieglers Freund Scherer) konnte ich nicht inserieren, weil der Inhaber selber einen Sex-Shop hatte…Blieb noch das Heft der SOH „Schweizerische Organisation der Homophilen“ – doch die wiederum war eine Konkurrenz für die Schwulengruppen. Ich sass geschäftlich zwischen verschiedenen Stühlen, deren Beine sich nicht zu nahe kommen durften.

Meine Kunden musste ich aus allen möglichen Winkeln der Subkultur „holen“. Ein eigenes Kontaktblättchen mit Kontaktnseraten und mit Buch- und Magazinwerbung, das ich in Basel, Bern und Zürich auflegen liess und an Adressen versandte, war damals mein modernstes Kommunikationsmittel zu Homosexuellen. Ich verfasste auch Ratgeber für Polizeikontrollen und immer wieder lokale Szeneführer.

Was gab es für Schwule zu lesen – ausser Kriminalgeschichten über Schwulenmorde und Stricher in den Zeitungen? Eine handvoll Bücher, die die wenigsten Buchhandlungen am Lager hatten! Das Eintauchen in diese alten Schmöker weckte Erinnerungen, machte mir aber auch wieder bewusst, wie viele Probleme und Zusammenhänge noch immer „unbeackert“ und unbeachtet stehen geblieben sind! (Die Titel sind nur noch antiquarisch beschaffbar.)

Anfangs April 1977 öffnete ich also – etwas vorwitzig – meinen schwulen Buchladen jeweils am Mittwoch und am Samstag, nachmittags.

1979 fand in Bern die erste nationale Demo der Schwulen in der Deutschschweiz statt. Aus diesem Anlass organisierte ich einen Bücherstand unter dem „Zytglogge“ und die nötigen Bewilligungen.

 

1979 Bern NatDemo, Stand

ARCADOS Bücherstand Bern

 

(Die 80er Jahre werden hier noch ergänzt, insbesondere der Umzug von der Rebgasse in die Rheingasse)

 

1994 stellte ich eine Handreichung für Kunden zusammen

1995 erschienen zwei Anzeiger mit Buchwerbungen und Bücherlisten

1996 Buchwerbung

1997 Bücherlisten und Besprechungen

Die boomenden 90er mit ihren Porno-Videos (Blick in den Laden März 1997)

1998  sogar eine Zeitschriftenübersicht (S. 2)

Die Nuller-Jahre werden hier noch ergänzt…

 

Die Zehnerjahre

2010 Schwule Medien. Da sticht vor allem das grosse Angebot im heutigen Internet ins Auge. Es braucht grossen fiananziellen Aufwand, um auchnur teilweise dieses Buch- und vor allem das DVD-Angebot zum lustvollen Wühlen und Stöbern in einem grossen Raum anzubieten. Diese Stöbererlebnisse sind durch das Internetangebot quasi ausgehöhlt worden.

Seit Jahren schon habe ich wichtige Bücher nach einiger Zeit aus dem Buchladen genommen und in meine Bibliothek gestellt. Keine Nachfrage. Und wichtige Bücher sind meist nie so wichtig, dass sie sofort gebraucht werden. Ausser vielleicht der Spartacus! 😉

Die ganzen DVDs und populär-unterhaltenden Bücher sind überall erhältlich und ich muss sie alle nicht als Erster haben! Schliesslich finden Viele, sie könnten ihre schwule Lektüre auch bei Grossbuchhandlungen einkaufen. Sie kommen dann fürs „spezielle“ wieder zum „einschlägigen“ Laden zurück…  😉

Ich überlasse es dem freien Willen der Kunden, was sie wo bestellen. Einiges was in früheren Zeiten jeweils bestellt worden ist, ist dann aber auch nicht mehr abgeholt worden – ähnlich, wie gewisse Videos in jener Zeit auch nicht mehr zurück gebracht wurden. 😉

Sobald ein Buch oder ein Autor bei der heterosexuellen Mehrheit „gut angekommen“ ist, kann er ja auch bei den Heterosexuellen gekauft werden. Was sich hierbei für eine „schleichende Auswahl“ breit macht, ist den Wenigsten wirklich bewusst. Ja es gibt sogar schon wichtige schwule Verleger, die sich um solche Fragen Sorgen machen.

Vor allem, wenn es um schwule Jugend und Kindheit geht, spürt man das Unverständnis für die Herkunft der Homosexualität plötzlich ganz militant. Ist der Autor „pädophil“, ist der Text gar „pädophil“?? Warum interessiert einer sich plötzlich für Homosexualität und Kindheit? Das geht doch nicht. Na ja. Homosexuelle fallen offensichtlich für Viele heute noch erst mit frühestens 17 Jahren vom Himmel und waren vorher „unschuldige Kinder“. Dass diese verführt worden sein könnten, wird zwar nur noch hinter vorgehaltener Hand, oder dann grad direkt in den Gratiszeitungen vermutet, denn irgendwo muss ja diese Homosexualität her kommen…

Eines ist in all den 33 Jahren klar geworden. Kinder- und Jugendbücher zum Thema Homosexualität und coming out, sind bei meiner „erwachsenen“ Kundschaft immer sehr begehrt gewesen. Ziehe jedeR seinen Schluss daraus.Das schlimmste an diesen Zuständen ist, dass sich die meisten Schwulen – wider besseres Wissen – hinter dem öffentlichen Totschweigen ihrer Kindheitsbiographie verstecken. Dieser bewährten Methode – schon „erfolgreich“ von Müttern und den meisten heterosexuellen Familien angewendet.

Ich will hier nur andeuten, dass genau diese Schweigetradition zu vielen psychischen Problemen und unverarbeiteten Aengsten in die Pubertät führt, die dann das Sexualverhalten auch später beeinflussen. So wie die sexuellen Uebergriffe heterosexueller Männer auf Mädchen, oder der heterosexuelle Zwang von Müttern auf die homosexuellen Bedürfnisse von Söhnen. Denn unter diesem Schweigen können niemals starke und selbstbewusste Homosexuelle oder Bisexuelle heranwachsen, die dadurch zumindest in geringerem Ausmasse zu „Opfern“ werden könnten. Es ist bemerkenswert, wie auch in der Homosexualität Jungs in das „Opferklischee von Mädchen“ gedrückt werden…

Diesen ergänzenden Bereich an Literatur habe ich versucht, in den vergangenen Jahren anzubieten – ohne Erfolg. Die Auseinandersetzung mit ihrer Situation ist den Schwulen seit dem Verschwinden der „Bewegung“ nicht mehr wichtig. Höchstens als Kurzfilme und Pornos, die mann ja fast anonym und diskret übers Internet bestellen kann…

Da freut es einen doch immer wieder, dass Jungs und Mädchen im Quartier es wagen, beim „Opa“ im gaybuchladen nach kostenlosen Kondomen zu fragen. Dadurch wird man irgendwie auch zu einem „Pädophilen“. Klar, ich mag starke Jungs, egal ob sie hetero bi oder gay sind oder mal werden. Und solange das nicht schweigend, sondern offen und mit Humor geschieht, muss sich auch keineR Sorgen dabei machen.

Peter Thommen_60, Schwulenaktivist, Buchhändler – September 2010

 

 

35 Jahre ARCADOS gaybuchladen, Interview in Männer Mai 2012

35 Jahre ARCADOS gaybuchladen, Interview in Männer Mai 2012

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier findest Du die Blätter aus dem ARCADOSbluchladen als PDFs.  Du kannst sie herunterladen, ausdrucken, oder aufmachen und hier lesen!

2011

arcadosInfo 03-04  INHALT: anal oder cazzo als Lokalnamen? – Welche Rolle konnten Bücher für Schwule früher auch noch spielen? – Schwule Vielfalt und Einfalt – Die Zischbar – Regenbogen im Brillengestell, Buchbesprechung (Bowien: „gaynau richtig“)

arcadosInfo, 02 IHNALT: Was ist Liebe? – Über den sexuellen Zynismus – Treffpunkt Buchladen, gestern und heute –  1975 „Homo“ in Zürich und in Basel (heiteres und ernstes)

arcadosInfo, 01 INHALT:  Schwule über 40 (Buch) – Eine Wegzehrung in der Szene – Schwanzgutzi adé! Brühlharts haben aufgehört – „Gott hasst alle Schwuchteln“ (Gedanken) – Der Philippe im E&L – Nachrufe auf  Albi vom Dupf – Dimitri De Pasquale.

2010

arcadosInfo12 Inhalt: Weihnachten für wen? von Else Kähler, Mit-Leiterin auf Boldern in den 80er Jahren – Von den Gartenstühlen zum Fümoar (aus der Geschichte des elletlui) – „A b’soffene G’schicht“ (Nach dem Fussballmatch) aus Wien. Tod von Hugo Wirz, ex Sombrero

arcadosInfo11-nov Inhalt: Wissen sie was sie tun? Gedanken zu Präventionskampagnen („Ich kenne die Risiken, ich will Sperma in meinem Arsch!“ (49) – Zukunft einer hs Arbeitsgruppe – Büchertipps

arcadosInfo10-okt Inhalt :  Inhalt: Feindbild „offen schwul“ – Mannschaft, das neue gaymagazin – Mütter und der Sex der Söhne – Nachtrag über die Abschiedsfeier für Dani Gotsch

arcadosInfo-5-9 Sep. – Inhalt: Von den Arbeitsgruppen zum „bunten Treiben“ heute – Das Ausufern von gayromeo –  Drei Studenten: Toleranz heute.

Du kannst Dir auch die gedruckte Ausgabe im Laden abholen oder zusenden lassen!

arcadosInfo-jan-apr (PDF)   Inhalt:  Kritik am „gay sex guide“ von Sven Rebel, Geburtstag vom „Schwulenpapst“,  Abschied von Dani Gotsch und Norbert Salcher,  Basler Gays werden eins (Szenebericht)

2015

ARCADOS 01’15

arcados 02’15

Porträt von Dani Diriwächter im Cruiser Mai 2015

 

 

 

 

 

Leave a Reply

*