bewegte? ALTE SCHWULE

Ich gehöre zu jener schwulen Generation, die Anfang der 70er Jahre losstürmte, um nach der Reform des § 175 StGB die Schwulenfrage in der Gesellschaft zu stellen.“ (1)

Selbstverständlich ist diese Generation auch älter und dann alt geworden. Und Michael Bochow titelt: „Ich bin doch schwul und will das immer bleiben“ (2) Folglich muss man sich auch mit „Alter und Altern bei Homosexuellen“ (3) auseinandersetzen!

Ich habe mir immer vorgenommen, anders alt zu werden als die „damalige Generation“. Ich hatte nie im Sinn, mir meine Würde un den Respekt vor mir nehmen zu lassen. Dabei habe ich auch immer mit möglichst vielen geredet, aber keinen Sex mit ihnen gehabt. Ich denke, so etwas muss man „lernen“, oder dazu schon fähig und daran interessiert sein.

Die älteren Homosexuellen hatten ab und an so einen Spruch drauf: „Wenn ich über dreissig bin, jage ich mir eine Kugel in den Kopf.“ Nun, die betreffenden waren auch noch mit 40 auf Pissoirs und Toiletten anzutreffen. (Das hatte ich auch mit meinem Taschenspiegel daselbst mitbekommen.)

„Du musst schauen, dass Du im Alter Geld hast, um die Jungs zu bezahlen!“ hiess es auch schon. Nun erfahre ich, dass es auch schon Jungs gibt, die mit Älteren Sex haben wollen – ohne Geld.

Wer gelernt hat, offen schwul zu leben, der ist nicht nur selbstbewusster, sondern auch anspruchsvoller geworden.“ (1) Das stelle ich heute leider nicht so fest! Viele „Damalige“ sind in Beziehungen, oder in Feriendestinationen entschwunden. Die Ansprüche sind weitgehend gleich bescheiden geblieben.

Damit mag es zusammenhängen, dass keiner meiner Gesprächspartner (für das Buch) sich vorstellen mochte, seinen Lebensabend eines fernen Tages womöglich in einem „normalen“ Alten- und Pflegeheim zu beschliessen und sich dort abermals einen Platz als offen Schwuler erkämpfen zu müssen.“ (1)

Doch wie soll man selbstbestimmt leben können, wenn man sich in einem „schwulen Altenheim“ verkriecht? Und wie sollen Junghomos lernen, dass das Schwulsein nicht plötzlich – vor dem Alter – aufhören tut? „Älter werden wir umsonst“ und aus der etablierten jugendlich-schwulen Fun-Kultur wächst auf die Dauer jeder hinaus.“ (1)

Hans-Georg Stümke kritisiert an Rosa von Praunheims und Martin Danneckers Elaboraten über alte Schwule deren aussichtslose Perspektiven. Alte Schwule wären von Trieben gereizt und in der Szene der Verachtung ausgesetzt. (4) Diese Tendenz ist nicht von der Hand zu weisen. Es gab und gibt auch viele ältere Schwule, die sich die Zuwendung und den Sex mit finanzieller Hilfe „erwerben“. Aber auch jüngere, die sich gerne „aushalten“ lassen und mit demonstrativer Hilfsbedürftigkeit sogar im Internet auftreten. Sowas nenne ich bürgerliche Widersprüche, die es ja auch bei Heterosexuellen gibt! Die Schwulenbewegung war aber angetreten, diese Widersprüche aufzudecken statt zu überkleistern – z.B. mit Prostitutionsverboten…

Das Buch enthält biografische Texte über Erfahrungen, Ansichten zu den (Holz-)Wegen der schwulen Bewegung. Gespräche mit Schwulen im Alter von 30-90 Jahren über Beziehungen, Sex und Liebe, die Bewältigung des Alltags, die Furcht vor dem Alter, die Abgrenzung gegen die Alten (Gerontophobie) und andere Beiträge. Ohne die Einbeziehung der älteren Generationen bleibt die „gay community“ unvollständig und muss immer wieder zwanghaft von vorn anfangen, ihre Erfahrungen zu machen, statt am Erreichten anknüpfend Neues aufzubauen. Junghomos, die Alte diskriminieren, die diskriminieren direkt ihre eigene Zukunft und dies unter den wohlwollenden Augen von Heterosexuellen!

„Schwule Männer im dritten Lebensalter“ lautet die nähere Unter-Bezeichnung von Michael Bochows Buchtitel. „Die Studie hätte nicht durchgeführt werden können, ohne die 42 Männer, die sich – zum Teil mehrere Stunden – interviewen liessen. Jeffrey Weeks und Kevin Porters pionierhafte Studie in Grossbritannien („Between the Acts – Lives of Homosexual Men 1885 – 1967“) gab manche Anregung für die Durchführung dieses Projekts.“ Ob jünger offen schwul, oder erst in einer Ehe und im fortgeschrittenen Alter, es muss uns interessieren, wie einer Kraft schöpft aus einem Beziehungsnetz oder einer schwulen Gemeinschaft!

Claudia Krells Studie beleuchtet die wechselseitigen Einflüsse von homosexuellen Identitäten und Altersbildern. Sie bietet eine Schnittstelle zwischen Homosexualitäts- und Alterssoziologie. So einfach ist das Thema nicht zu erfassen, wie aus einer Anmerkung ersichtlich wird: „Sexuelle Orientierung soll im Sinne von Fiedler * als Geschlechtspartner-Orientierung verstanden werden, die sowohl das Selbstbild als auch soziale Beziehungen betrifft und ist von sexuellen Präferenzen zu unterscheiden mit denen sexuelle Vorlieben wie zum Beispiel bestimmte sexuelle Praktiken bezeichnet werden. Der Einschluss von Sexualität ist insbesondere in Bezug auf das Lesbischsein umstritten, da Sexualität eng mit Herrschaftsverhältnissen verflochten ist.“ (S.11)

Es ist nun eine Tatsache, „dass nun eine Generation von Lesben und Schwulen in die Lebensphase Alter eintritt und mit Fragen des Alternsprozesses konfrontiert ist, die durch ihr Engagement in der Frauen- Lesben- und Schwulenbewegung massgeblich zum Sichtbarwerden von Homosexualität seit den 60er Jahren beigetragen und gegen Diskriminierung gekämpft hat.“ (S. 11)

Homosexualität und Alter haben Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Beide weichen von der Norm des heterosexuellen Fortpflanzers ab und während die Homosexualität meistens lebenslang anhält, ist es mit dem Alter nicht gleichermassen. Wesentlich sind auch die Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Erstere werden meistens „desexualisiert“ und das Vorurteil vom „geilen alten Bock“ kennen ja fast alle. Krell nimmt nicht nur die Forschung über Homosexalität ins Visier, sie befasst sich auch mit den Aspekten der Altersforschung und führt beide zusammen. So ist ihre Doktorarbeit interessant für Hetero- und Homosexuelle und letztlich auch für Gerontologen.

Während im letzten Jahrhundert die Homosexuellen unsichtbar geblieben sind, rutschen sie nun ins Alter – mit unterschiedlichen Prägungen und Biografien, denen Rechnung zu tragen ist. Aktuell sind „die aus der Schwulenbewegung“ und von vorher dran. Ein Teil ist in Ferienorte auf der Welt verteilt. Jüngere suchen sich zu „verpartnern“ und hoffen auch ähnliche Sicherheiten wie Heteros. Nachrutschen werden dann die ehemaligen Junghomos der „Konsumbewegung“. So mischt sich die Zielgruppe über Generationen miteinander.

Peter Thommen_65

* Fiedler, Peter: Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung, Beltz 2004, 520 S.  ISBN 978-3-621-27517-0

1) Stümke, Hans-Georg: Älter werden wir umsonst, Verlag rosa Winkel 1998 (noch bei Männerschwarm), 286 S.  ISBN 3-86149-071-4

2) Bochow, Michael: Ich bin doch schwul … Männerschwarm 2005/2013, 365 S. ISBN 978-3-935596-79-0

3) Krell, Claudia: Alter und Altern bei Homosexuellen, Beltz 2014, 428 S. ISBN 978-3-7799-2937-6

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