Müller, Claudia: Mein Sohn liebt Männer

von Claudia Müller

(Der kursive Text ist von P.Th.)

„Aus einer gesellschaftlichen Perspektive heraus stellt der Satz ‚Mein Sohn liebt Männer’ einen Balanceakt zwischen Individualität, Autonomie und moralisch Verwerflichem dar.“

„Die Gesellschaft scheint Homosexualität inzwischen zu tolerieren. Doch was passiert, wenn der eigene Sohn plötzlich bekennt, schwul zu sein? Wird dann die politisch korrekte Äusserung ‚Ich habe nichts gegen Schwule’ womöglich zur Makulatur?“ (S. 5)

„Mein Blick richtet sich auf die subjektive Wahrnehmung der homosexuellen Lebensverhältnisse aus der Sicht von Homosexuellen selbst, sowie aus der Sicht von Müttern homosexueller Söhne. Den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden die mit dem Bekenntnis einsetzenden Bewältigungsprozesse der Mütter als Reaktion auf die Homosexualität des Sohnes.“ (S. 6) (Die Interviews fanden von August 2004 – Januar 2005 statt.)

„Ein richtiger Junge geht doch mal in den Keller und probiert dem Papa seine Bohrmaschine aus, oder lässt wenigstens mal das Moped an (…) Interview mit einer Mutter (S. 28)

„Ich sah, was mir vorgelebt wurde: Heterosexuelle Beziehungen, in der Familie, im Fernsehen, überall.“ (Interview mit einem Schwulen, S. 29)

Zitat aus (Manfred Weinberg) (Norbert Gais zur Homo-Ehe) „Bei aller Nächstenliebe aber darf in der Öffentlichkeit nicht der Eindruck entstehen, als sei diese Lebensform etwas ganz selbstverständliches, als sei es richtig, wenn junge Menschen sich für eine solche Lebensform entscheiden. Es ist daher an der Zeit, dass diese Lebensform endlich auch in der Öffentlichkeit als das bezeichnet wird, was sie ist: die Perversion der Sexualität. Die Aufdringlichkeit, mit der sich Homosexuelle öffentlich prostituieren (! pt), ist nur noch schwer zu ertragen. Sie lassen jede Scham vermissen. Der Verlust der sexuellen Scham aber ist immer ein Zeichen von Schwachsinn, wie es Freud formuliert hat. Deshalb muss in der Öffentlichkeit Widerspruch laut werden, damit der Schwachsinn nicht zur Mode wird.“ (2)

„Die Infragestellung gesellschaftlicher Normen und Werte wird auch von Thomas Hofsäss (1, S. 16) thematisiert: Homosexuell zu sein bedeutet somit mehr als eine auf die sexuelle Praxis bezogene Präferenz zu haben, wenngleich sich viele Homosexuelle darauf hin gerne auch sich selbst reduzieren (lassen); es bedeutet vielmehr die massive Infragestellung wesentlicher Grundstrukturen des herrschenden Kultur- und Zivilisationskonzeptes.“

„Der Diskriminierung kommt damit die Funktion der Erhaltung des Bestehenden zu, ohne permanent nach Legitimation suchen zu müssen. Sie ist somit ein Mittel zur sozialen Kontrolle.“ (S. 38)

„In dieser Untersuchung geht es jedoch nicht vordergründig um das Stigma-Management von Homosexuellen, sondern um das ihrer Mütter. Wie kommen Mütter mit der Situation ihrer Söhne als Träger eines Stigmas mit einer Sonderposition zurecht? … Welche Strategien entwickeln Mütter von Homosexuellen, um gesellschaftlichen Erwartungen und Ablehnungen zu begegnen? Gelten Mütter doch eigentlich selbst als die vorherrschende Trägerinstanz gesellschaftlicher Erwartungen.“ (S. 40)

„Viele Schwule sehen in ihren Eltern den ‚verlängerten Arm gesellschaftlicher Homophobie’ und so können Eltern nicht der so nötige Ratgeber in dieser schweren Phase der Selbstfindung sein.“ (S. 46)

Mütter können oft nicht zeigen, wie problematisch es für sie ist, mit homosexuellen Söhnen umzugehen. Aus der „Sicherheit“ ihrer heterosexuellen Orientierung fallen sie in unbekannte Dimensionen unserer Kultur. Meistens ist für sie eine feminin-homosoziale Dimension kein Problem (Frauenräume, Frauenrituale), aber sie kennen diejenigen der Männer nicht! Dabei spielen wohl auch diejenigen Gründe eine Rolle, weswegen sie gerade diesen/ihren Mann geheiratet haben. Sie messen ihren Sohn an ihm – im Guten, im Bösen. Meine Eltern warfen sich gegenseitig die „Schuld“ vor. Wobei die Intention der Mutter mein angeblich „schwacher“ Vater war, der sich „nicht durchsetzen“ konnte, vor allem im Arbeitsbereich. Später erfuhr ich vom Vater, dass sie gegen eine Lehre war und meinte, ich solle arbeiten gehen und Geld heimbringen.

„Den schwierigsten Schritt im coming out stellt der die Offenbarung der Homosexualität gegenüber den Eltern dar. Udo Rauchfleisch zufolge ist ihr Verhalten richtungsweisend für den weiteren Verlauf, vor allem bei der Entwicklung einer gefestigten Identität.“ (S. 55)

„ … ich erzählte ihr daraufhin von dem inneren Kampf, den ich jahrelang geführt hatte. Das Gesicht meiner Mutter konnte ihre Stimmung nicht verbergen: Enttäuschung, Trauer, Sorge, ein wenig Verachtung, vielleicht Ekel.“ (Interview mit Niklas, S. 55)

Viele Mütter wollen, oder können (z.B. eine meiner Lehrerinnen) die Situation nicht einschätzen. Eine wichtige weibliche Strategie ist „wegschauen“, so bei Missbrauch der Kinder, oder antisoziale Strebungen, die sich anbahnen („ich konnte doch nicht einfach“).

„Die Ergebnisse meiner Studie können wegen der kleinen Stichprobe nicht repräsentativ sein. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die Einstellungen, für die diese Mütter eintreten, nicht auf diese kleine Gruppe beschränkt sind.“ (S. 57)

 

Aus 5 Interviews zieht Claudia Müller die Informationen zu zwei typischen Materialsammlungen zusammen.

„Die Darstellung der Ergebnisse bewegt sich zwischen Unterschieden und Ähnlichkeiten und arbeitet anhand der Darstellungen der Mütter die zentralen Gedanken und Einstellungen und die allgemeine Logik von Müttern gegenüber der Homosexualität ihrer Söhne heraus.“ (S. 58)

1. Nach der Trennung von ihrem zweiten Mann bewohnt Frau G. seit einigen Monaten eine Dachwohnung in einer mitteldeutschen Kleinstadt. Sie ist 49 Jahre alt und arbeitet als Sachbearbeiterin und Sekretärin für eine Stadtwirtschaft. Die Motivation zum Gespräch war, ihrem Sohn einen Gefallen zu tun. (S. 59)

2. Frau H. ist 44 Jahre alt, seit 25 Jahren verheiratet, sie lebt mit ihrem Mann und der siebzehnjährigen Tochter in einem kleinen Ort in Mitteldeutschland und arbeitet als Putzkraft in einem Reinigungsunternehmen. Sie glaubte, schon in der Kindheit ihres 25jährigen Sohnes Anzeichen für seine spätere Homosexualität gesehen zu haben. (S. 62)

Bewältigungsstrategien

„In verschiedenen Phasen müssen sich Mütter – sofern sie dies, durch eine Vorahnung bedingt, nicht schon früher getan haben – damit auseinandersetzen, ein schwules Kind zu haben. … Viele Mütter geraten mit dem coming out ihre Kindes unvorbereitet in die Situation, Homosexualität als Lebensform akzeptieren zu müssen. (S. 66)

„ (…) aber warum gerade mein Kind? Ich kann’s, ich kann’s nicht verstehen. Bei anderen gut, wenn andere erzählen, ihre Kinder sind homosexuell, sag ich, na ja was ist denn schon dabei, da fand ich’s nicht so schlimm. Aber wenn’s einen dann selbst betrifft ist es immer etwas anderes, (…) „ (Frau Graf)

„ … wenn Niklas dann verheiratet ist, dann könnte ich mich öfters bei denen aufhalten, das waren so meine Gedanken, aber das war ja dann alles mit einem Schlag weg.“ (Frau Graf)

Eine mir persönlich begegnete Mutter sagte mir in einem Augenblick, sie wäre nach dem coming out ihres Sohnes mit ihrer eigenen Endlichkeit konfrontiert worden. Sie hätte doch so vieles weiterzugeben gehabt. Viele Frauen „haben kein Problem“ mit männlicher Homosexualität, solange die Betroffenen nicht ihre Ehemänner oder Söhne sind!

„Für manche Mütter entsteht ein Problem daraus, wenn sich ihre Vorstellungen nicht mit denen ihres Sohnes decken, während andere es gelassen hinnehmen.“ (S.67/68)

„Von dem Moment an, in dem der Sohn seine Homosexualität offenbart, beginnt meist ein lang andauernder Prozess des Abschiednehmens von Erwartungen und Vorstellungen, die Mütter gemeinhin mit der Zukunft und dem Lebensweg ihres Sohnes verbinden. Je ausgeprägter die Erwartungen in die Zukunft des Sohnes, desto schwerer fällt es den Müttern, die Homosexualität zu akzeptieren.“ (S. 68)

„Es scheint, als hat sich Frau Graf in der erwarteten Ehe ihres Sohnes eine Rückzugsmöglichkeit erhofft. Einen Zufluchtsort, an dem sie sich in unruhigen, konflikthaften Zeiten, die aus ihrer gestörten Ehe erwuchsen, hätte zurückziehen können. Unter diesen Umständen scheint es nicht verwunderlich, wie geschockt sie auf die Offenbarung ihre Sohnes reagierte.“ (S. 68)

Neben der Schuldfrage an sich selbst: „Welche Grenzen setzt seine Homosexualität auch meinem eigenen Alltag? Wie wird meine Umwelt reagieren? Wo muss ich mit Schwierigkeiten rechnen? Kann ich mir ein Leben ohne Enkelkinder vorstellen? Auf viele dieser Fragen hat sie auch zwei Jahre nach dem coming out ihres Sohnes noch keine Antwort gefunden.“ (S. 69)

„Die Liebe und die Beziehung zu ihrem Sohn war für Frau Graf die bisher haltbarste, ehrlichste und strapazierfähigste. Viele Jahre haben sie und ihre Sohn in einem Boot gesessen. Doch mit dem coming out kam eine grosse für sie plötzliche Veränderung. Der Sohn, der gelenkt und gesteuert wurde, sitzt nun in einem anderen, seinem eigenen Boot und fährt einen Kurs, der ihrem so fremd und ihr so ungewiss ist.“ (S. 70)

Frau Hubert ahnte schon sehr früh, dass ihr Sohn schwul werden würde. „Aus dem nüchternen Umgang mit der vermuteten Homosexualität heraus scheint es nicht verwunderlich, dass Frau Hubert weder überrascht, noch schockiert reagierte als ihr Sohn seine Homosexualität schliesslich in einem Brief offenbarte.“ (S. 75)

„Nach der Offenlegung ihres Sohnes hat sich Frau Hubert auf intellektuellem Niveau mit den Lebensbedingungen Homosexueller auseinandergesetzt, ihre Einstellung gründet sich neben der Bekanntschaft zu einem schwulen Pärchen auf der Grundlage ihrer eigenen Lebenseinstellung, die auf Selbstverwirklichung abzielt.“ (S. 76)

„Auf die Angst ihres Sohnes vor der Reaktion des Vaters äussert sie: ‚Na entweder akzeptiert er’s oder er lässt’s bleiben. Ich sag (zum Sohn): Du weisst wie rigoros ich dann auch sein kann. Dann verzichte ich eher auf meinen Ehemann als auf meine Kinder’. (S. 86)

„Die Nagelprobe auf die eigene Toleranz stellt sich aber erst, wenn der eigene Sohn erkärt, schwul zu sein. In diesen Situationen sind häufig starke Gefühle am Werk. Innerhalb von Sekunden brechen für die Mütter Vorstellungen über den gesellschaftlich erwünschten und institutionell vorgezeichneten Lebensweg des Kindes wie ein Kartenhaus zusammen. Die Stigmatisierung durch die Umwelt ruft bei Müttern unterschiedliche Reaktionen und Bewältigungsstrategien hervor.“ (S. 89)

„Die Art wie Mütter auf die Homosexualität ihres Sohnes reagieren und wie sie im weiteren Verlauf damit umgehen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum einen von den Vorkenntnissen, das heisst der Nähe beziehungsweise Distanz zum Thema Homosexualität. … Einen weiteren Aspekt stellen die mütterlichen Erwartungen dar, die mit der Zukunft des Sohnes verbunden werden. Je ausgeprägter die Erwartungen an die Zukunft sind, desto schwerer wird es Müttern fallen, die Homosexualität zu akzeptieren. Darüber hinaus kann sich die Verinnerlichung gesellschaftlicher Normalitätsansprüche und die Identität mit der Gesellschaft erschwerend auf den Umgang auswirken. Vor allem die Idealisierung von Ehe und traditioneller Familie verhindern einen offenen und akzeptierenden Umgang mit dem Thema.“ (S. 94)

Mütter sind stark geprägt von den sie umgebenden Vorstellungen der Gesellschaft, natürlich auch von denen ihrer Männer. Nur wenige wagen „einen Aufstand“ und finden eine individuelle Einstellung dazu! Wir müssen zu einer differenzierteren Betrachtung finden und vor allem Mütter nicht nur in ihrer Mutterrolle betrachten, die sie vorleben! (Peter Thommen)

„Aussagen, dass heute alle Mütter akzeptierend oder ablehnend reagieren, würde eine sozial homogene Gruppe unterstellen, die angesichts der Vielfalt von Lebensumständen als verfehlt angesehen werden muss.“ (S. 99)

Claudia Müller: Mein Sohn liebt Männer. Eine qualitative Studie über die Bewältigungsstrategien von Müttern als Reaktion auf die Homosexualität des Sohnes. VDM 2008, 108 S. ISBN 978-3-639-01491-4

 

(1) Hofsäss, Thomas: Homosexualität und Erziehung. Pädagog. Betrachtung eines Spannungsfeldes in Familie, Schule und Gesellschaft, Verlag für Wissenschaft und Bildung, 1995 (vergr.)

(2) In seiner Schrift Ehe und Familie müssen das Leitbild bleiben bezeichnet der CSU-Abgeordnete Norbert Geis, bis 2002 rechtspolitischer Sprecher der Unionsfraktion, Homosexualität als Verirrung.

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