Braun/Martin: Gemischte Gefühle, 2000

In unseren Familien und den Medien (der Gesellschaft) ist zwar Sexualität präsent, aber die Kinder und Jugendlichen werden – nach unausgesprochener Uebereinstimmung – asexuell geboren und durchleben eine Zeit der „Unschuld“. Daher ist es ganz logisch, dass auch sie ein „coming out als Sexualwesen“ haben. Die Erwartungen an ihre „natürliche Heterosexualität“ sind da, nur der Zeitpunkt ist das Problem. Entweder wird das übersehen, oder durch Totschweigen hinausgezögert. Das zeigt die Diskussion um die neuen speziellen Kondome für Jugendliche wieder ganz deutlich.

Über die Entstehung der sexuellen Orientierung gibt es zahlreiche Theorien. Eine interessante hat der Schweizer Fritz Morgenthaler (1919-1982) vorgelegt: Danach spielt das Bewusstsein der Trennung vom mütterlichen Körper, das erst einige Zeit nach der Geburt entsteht, die entscheidende Rolle. Die einen finden sich damit ab und suchen immer wieder einen mütterlichen Körper, die anderen entwickeln Autonomie und „verschaffen sich ihre Lustgefühle selbst. Diese Säuglinge belegen die eigene Person, das eigene Geschlecht mit sexuellen Gefühlen.“ (zit. N. Braun/Martin, S. 21-22)

„Es gibt nur Sexualität, die entlang sehr variationsreicher Entwicklungslinien schliesslich ihre, für jeden Einzelnen signifikante Ausdrucksform findet.“ (Morgenthaler)

„Anders als viele Lesben und Schwule haben Heterosexuelle eine „öffentliche Szene“, in der sie ihre Partner und Partnerinnen finden – das Leben. In der Schule, im Büro, in der Firma, während einer Reise, auf einer Party, beim Sport, in der Strassenbahn, auf dem Wochenmarkt … und in dieser Normalität finden sich die meisten Paare.“ (Braun/Martin, S. 22)

An diesen Orten finden aber auch sehr viele sexuelle Grenzüberschreitungen statt, weil nicht immer allen (möglichen) Beteiligten klar ist, was der/die Andere wirklich will. Daher ist das Verhalten auch nicht immer „normal“, weil ja aus der harmlosen Situation heraus, „der Faden für das sexuelle Interesse“ dann „eindeutig“ aufgenommen werden muss. Da können weltengrosse Spalten klaffen – nach einem solchen „(hetero)sexuellen coming out“.

Natürlich ist in dem Buch von Braun/Martin auch vieles über Homosexualität, Bisexualität, ihre Szenen, auch über Ausländer, Kulturen und Beziehungen zu lesen. Ohne akademische Ansprüche, aber wissenschaftlich fundiert.

Gemischte Gefühle. Ein Lesebuch zur sexuellen Orientierung. TB rororo, 2000, 300 S. Nur bei ARCADOS (antiquarisch noch mehrfach erhältlich) für CHF 12.-

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