Witt: Schwule über vierzig

„Schwürzig“ – so der Titel eines neuen Buches mit Erzählungen über die coming out’s in den 80er Jahren, die Aengste und Schwärmereien, Rückblicke, Erfahrungen. Reflexionen über die Gegenwart und dann Ausblicke ins Alter. Nicht so deftig erzählt wie –minu und nicht so politisch wie Thommens Senf…

Was die einen verpasst haben, daran erinnern sich die Anderen mit Schmunzeln und Wehmut. Ein optimistischer Versuch, Erfahrungen – möglichst nicht belehrend – weiterzugeben, sowie Einblicke in die Lebensweise „anderer Schwuler“.

Wie war es nur möglich, „ohne Internet, Gay-Portale und Handy zu leben und sich trotzdem zu daten?“ – „Und das ohne Angst, einer Fake-Persönlichkeit zu begegnen.“ Es waren auch die „Testjahre“ für Männerkosmetik, die heute fast alle wie selbstverständlich benützen. Die Zeit für Herz-Schmerz-Geschichten, worin man unzählige Tode starb und endlich merkte, dass das Leben einfach weiterging.

Neckig ist das Kapitel über die Gaby. Der Name ist zum Inbegriff der „besten Freundin“ des Schwulen geworden.

„Man sass also bei Denise, Silke oder Kathrin und redete erst mal eine Stunde um den heissen Brei herum. Dann, nachdem man sich endlich ein Herz gefasst hatte, und Denise, Silke oder Kathrin gepeilt hatten, dass man nichts von ihnen wollte, erzählte man, dass es um Jungs ging und man die total Klasse fände und sich ganz komisch dabei fühlte und überhaupt – man käme sich vor wie ein Aussenseiter.“

„Was genau beim ersten Mal passieren sollte – das wussten wir aus dem Sexualkundeunterricht und natürlich aus – kicher, kicher – Gesprächen mit Freunden. Dumm war nur, dass sich alles Gesagte natürlich auf die heterosexuelle Variante des fleischlichen Miteinanders bezog. Was, bitteschön, würde denn beim ersten schwulen Mal passieren? – Gehörte man wirklich erst dazu, wenn man sich von hinten kennengelernt hatte?“

„Ich weiss nicht mehr, was ich vorher gedacht hatte. Wahrscheinlich, dass alle Schwulen Samstagnacht mit einem Zauberstab zum Leben erweckt werden, Spass haben und dann sechs Tage lang wieder verschwinden. Dass sie in ganz normalen Berufen arbeiten und nicht ständig nur an Sex denken, das wurde mir erst an diesem Abend in dieser Bar bewusst.“

Dieser schräge Humor durchzieht die Kapitel wie ein rosa Faden. Der Autor beschreibt die Lebenssituation der 40er und 50er mit dem Blick fürs Wesentliche – und ohne Moral auch die jeweiligen Nachteile von langen Lebenspartnerschaften, hektischen Sexkontakten und „Szenebewohnern“. Jeder kann in den Spiegel blicken, oder erfahren, wie es die Anderen getrieben haben.

Zum Schluss wird der Autor dann doch noch etwas politisch, wenn er feststellt, dass es für alte Schwule keine Treffs und Clubs gibt, in denen auch sie Spass haben und feiern können.

Und: „Dadurch, dass wir uns und unsere Gefühle in Gesprächen analysieren und ausdrücken mussten, kamen wir uns selbst und unseren Empfindungen ein ganzes Stück näher.“

Dieses schwule Lebensbuch vom coming out bis zum Altenheim kann ich für jedes Lebensalter empfehlen – Jungen wie Alten. Es schafft gedankliche Verbindungen zwischen den Generationen, hilft erinnern und zu verarbeiten, ohne ein Fach- oder gar Therapiebuch zu sein. Trotzdem liegt er nicht so falsch, wenn er uns daran erinnert, was wichtig im vergangenen Leben war. Nämlich die Worte „Ich liebe dich“.

Witt, Oliver: Schwürzig! Von Kerlen, Krisen und anderen Kleinigkeiten, tredition 2010, 190 S. CHF ca. 21.-

siehe auch: Hans-Georg Stümke: Älter werden wir umsonst. Schwules Leben jenseits der Dreissig. Erfahrungen, Inteviews, Berichte. VrW 1998, 280 S. CHF 24.- (jetzt bei Männerschwarm Verlag) 

Auch bei gay-mega-store.ch – Laufenstrasse 19, Basel erhältlich

Leave a Reply

*