Hörmann, Samstag ist ein guter Tag

Schwulsein hat keinen Nulltarif.  Besprechung von Peter Thommen (Januar 2006)

Gleichgeschlechtliche sexuelle Bedürfnisse sind überall in der Gesellschaft vorhanden, aber nicht als solche erkennbar, denn nicht jedeR gibt seine Wünsche so offen zu, wie seine/ihre heterosexuellen Bedürfnisse! Drum braucht es heute die anonymen Handy-Apparate und das Internet, um diese „anderen“ Kontakte zu suchen und allenfalls auch umsetzen zu können.Diese Bedürfnisse gehen weit über diejenigen zwischen Homosexuellen hinaus und die anderen „sowas Wünschenden“ haben „die Schwulen“ schon längst an Zahl übertroffen!

Der grösste Erfolg der Homobewegung ist, dass sie bald nicht mehr so richtig nötig sein wird“ (Jan Feddersen zum CSD 2005, zitiert von Rainer Hörmann in seinem neuen Buch, S. 14)

„Nicht jede Veränderung ist von Nachteil und wer weiss, vielleicht ist das – ein Schlagwort des Soziologen Rüdiger Lautmann – ja wirklich ein erstrebenswerter Endpunkt. Nur, dass sich derzeit die meisten darunter weniger die Durchsetzung der Bisexualität als neue Sexualnorm unserer Gesellschaft vorstellen dürften, denn als ein Aufgehen in der ‚Normalität’, in der man als homosexueller Mann (als Mann mit homosexuellen Bedürfnissen, PT) ‚einfach’ leben kann.“ (Hörmann, S. 15)

Internet und Handy sollen alles „einfach“ machen. Und mit ihren Bedürfnissen wollen viele Männer „einfach leben“. So wie mit einem Talent für Fussball, Zeichnen, oder fürs Programmieren…

„Damit dürfte auch der aktuelle Zustand der schwulen Welt am besten beschrieben sein: Es ist eine Sehnsucht nach „Normalität“, die fast alle (sogar die sexuellen Aktivitäten) homosexueller Männer durchzieht. So menschlich verständlich dieser Wunsch sein mag, so politisch und gesellschaftlich folgenreich ist er – und so naiv.“ (Hörmann, S. 15)

Bei dieser Beschreibung ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die neuzeitliche Art der Eroberung von Homosexualität nicht mehr nur daraus besteht, sich selber auszugrenzen, oder sich von Anderen ausgrenzen zu lassen. Heute geht es darum, diese homosexuellen Bedürfnisse in die Normalität der „heterosexuellen Welt“ hineinziehen zu wollen und heimlich beanspruchen zu können – wenn auch mit viel Doppelmoral und „Organisationstalent“!

Hörmann meint, dass in der Qualität des eigenen Andersseins nicht nur kreative Potenziale enthalten sind, sondern auch die Fähigkeit, „andersartige Schwule/Männer“ als solche zu akzeptieren.
Hier stellt sich ganz unbequem die Frage in den Weg, ob dieses Normalsein und die Suche nach dem „Normalen im anderen Partner“ nicht der wesentliche Hemmschuh für eine „dauerhafte“ Partnerschaft zwischen Homosexuellen, wie übrigens auch zwischen Heterosexuellen sein könnte! (Ganz zu schweigen davon, wie Heterosexuelle mit dem für sie jeweils neuen „Anderssein von PartnerIn oder Kindern, meist Probleme aus ihrer eigenen un-verrückten und unhinterfragten Normalität heraus haben! – Mein Vater konnte mich damals besser akzeptieren, als auch er ein Aussenseiter als getrennt lebender und später dann geschiedener Mann geworden war!)

„Gleichzeitig ist die „sichtbare schwule Welt“ längst „zersplittert in einen Kosmos unzähliger Einzelkämpfer, Gruppen, Oertlichkeiten, Lebensstile. Dies gilt vor allem für die Grossstädte, in denen sich schwules Leben zusammenballt, aber auch für kleinere Städte und Regionen, wo Mobilität und moderne Kommunikation wie das Internet es ermöglichen, schwul zu leben, ohne dass dies räumlich auf die Schwulenkneipe oder die Schwulengruppe (sofern es so was überhaupt noch gibt) vor Ort bezogen sein müsste.“ (Hörmann, S. 18)

„Die heute möglichen Lebensstile und sexuellen Vorlieben ordnen Schwule in verschiedene soziale Bereiche, die sich nicht zwangsläufig überlappen. Die Subkultur ‚Szene’ (Auch die Internet-Szene! PT), bildet neue Subkulturen aus. Längst haben Fetischschwule, Bären, Schwule über 40 und HIV-Positive ihre eigenen Zirkel, die nebeneinander her agieren.“ (Hörmann, S. 19)

Wer hätte das gedacht! Eine Art Fortsetzung der „heterosexuellen Normalität“ auf schwul, die sich auch aufteilt in Subkulturen des Rotlichtmilieus und der „unsichtbaren“ Homosex-Szenen wie Autobahnraststätten und deren Klappen, Sex im Auto (wieder wie in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts!) und der „Studios“ für Callboys…
Dabei „lappen“ die Bedürfnisse bei Hetero- und Homosexuellen einfach aus dem Rahmen ihrer jeweils vorgegebenen Normalität „aus“: Es werden Hengste und Analstuten gesucht, Blasdiener, Glanzturnhosen, Sockenwixer, Schuhlecker, sowie die verschiedensten „Fabrikate“ männlicher Körper – unbeschnitten oder rasiert…
Zusätzlich bewegen sich Männer mit homosexuellen Bedürfnissen in Fitness-Szenen, Sportvereinen, Theater und Kleinkunst, die alle auch ohne das Label „schwul“ zu haben sind!

„Statt endlos zu betonen, ‚ausser Sex“ hätten wir nichts gemeinsam, könnte man ja auch mal süffisant anmerken: Immerhin haben wir den Sex gemeinsam.“ (Hörmann, S. 20)

Und ich möchte gelb anfärben: Auch die unten/oben Rolle, die Maschinenfunktionen, das Ficken als Erlebnis des Eindringens – nicht in neues Bewusststein, sondern in die alten stinkenden Rituale der Heterosexualität!

„Schwulsein ist eine Erfolgsstory, ein Rest an Diskriminierung ärgerlich, aber nicht wirklich tragisch, weswegen wir unentwegt Party feiern, Sex machen und alle im Alter von 23-27 sind, wobei nur noch das blondierte und gegel-te Haar von unserem markanten Waschbrettbauch ablenkt.“ (Hörmann, S. 22)

„Mainstream-Medien mögen es, wenn Schlagersänger und Politiker sich rechtschaffen um Einhaltung gesellschaftlich gewünschter Rollenmuster bemühen und ehrlich im Interview gestehen, ihr Schwulsein sei doch gar nichts Besonderes. Da strotzt die schwule Welt vor Selbstbewusstsein, nur um dann doch nur „nichts besonderes“ sein zu wollen?“ (Hörmann, S. 23/24)

Wer die Schwulenbewegung und ihre politischen Exponenten als Nebenwiderspruch, oder überhaupt widersprüchlich zur Gesellschaft denunziert, muss zu seinem Erstaunen zur Kenntnis nehmen, dass die bürgerlichen „Heirats-Schwulen“ es nicht weniger sind! Ich erinnere an die Ausgrenzung der Schwulen bei den Linken! Da war auch stets was von dem Nebenwiderspruch zu hören! Interessant, dass bürgerliche Schwule die Homosexualität heute auch als „bürgerlichen Nebenwiderspruch“ im Zaume halten wollen!

„Die Antworten auf die Frage, wie wir uns selbst eigentlich sehen wollen, stehen dagegen noch am Anfang.“ (Hörmann, S. 24)

Der Vorwurf eines „schwulen Ghettos“ wird regelmässig von denjenigen kolportiert, die selber in einem – allerdings persönlich frei(?) gewählten „privaten Ghetto“ leben! Es gibt in keiner bekannten Stadt der westlichen Hemisphäre ein schwules Ghetto! Ausserdem vergessen viele, dass so ein Ghetto – von der jüdischen Tradition her – nicht nur einschliesst, sondern auch ausschliesst. Der Vorwurf wird meiner Ansicht nach vor allem vom Vorurteil gespeist, dass der, welcher ihn erhebt, für sich und seinen Fetisch in dem als so bezeichneten Ghetto keinen Platz gefunden hat! Wenn er sich selber in seine „Green-Berets-Gruppe“, in seine „Bareback-City“ oder in die schummrigen Bäume einer Autobahnraststätte zurückzieht, empfindet er das seltsamerweise nie als „Selbst-Ghettoisierung“!

„Man betritt die schwule Welt wie ein Kaufhaus, um sich das Passende auszusuchen. Leider funktioniert Leben so nicht und wird es auch nie. Wer schwul sein will, erbt mit den Freuden auch deren Vergangenheit. Natürlich kann man diese verdrängen.“ (Hörmann, S. 29)

Aber die Gegenwart hält bereits die Warnungen aus der Vergangenheit bereit! Der klassische „Kinderschänder“ wandert bereits mitten unter uns, und in Polen ist der rosa Winkel der Nationalsozialisten wenigstens schon „farbangebend“ in der Politik!
„In einer Umfrage zählen die polnischen Bürger Homosexuelle zu den zehn grössten Gefahren, die dem Land drohen. Kindergärtnerinnen sagen, dass ihre Kleinen ein neues Schimpfwort verwenden. Vor ein paar Jahren sagten sie noch „Jude“, wenn sie etwas wirklich Gemeines äussern wollten. Jetzt rufen sie „Schwuler“.“ (Berliner Zeitung, 19.11.2005)

„Zu wissen, um welchen Preis die heutigen Freiheiten erkämpft oder möglicherweise auch nur gewonnen wurden, scheint mir ein gutes Mittel, um zu verhindern, dass in der Selbstverständlichkeit der schwulen Welt ihr kritisches Potenzial untergeht.
‚Anderssein’ könnte dann nicht so sehr als Zustand, der überwunden werden will, sondern als, im Falle der schwulen Welt, erstrebenswerte Lebensweise angesehen werden.“ (Hörmann, S. 29/30)

„’Ich bin nicht schwul! Ich stehe auf Mädchen!’ schreibt Felix, ein fünfzehjähriger Junge in sein Tagebuch, kurz bevor er aus dem fünften Stock seines Elternhauses in den Tod springt. Es ist der tragische Ausweg eines Aussenseiters, der keinen Anschluss an seine Kameraden findet, der sich verbiegt um zu gefallen.“ (Hörmann, S. 31)

Normalität um den Preis des Verdrängens und des Verleugnens von Unnormalität! Die Tunte und der Szeneschwule von einst stürzten sich in die homosexuellen Abenteuer, um dann wieder morgens in der heterosexuellen Normalität zu erwachen! Allerdings vergassen sie damals nie, den Unterschied zu sehen und sich diesem angeblichen Nebenwiderspruch auch im Alltag oder auf der Strasse zu stellen!

„Er ist zu dick, zu affektiert, und er bewegt sich ‚so weich wie ein Mädchen’, sagt einer seiner Klassenkameraden. Sie grölen ihm ‚schwuler Bock’ und ‚fette Schwuchtel’ hinterher. Auf dem Schulhof, auf dem Nachhauseweg. Tatsächlich schwärmt Felix für Claudia, für Annika. Für Lulu schreibt er Liebesgedichte. Ihnen seine Liebe zu gestehen schafft er aber nicht…
Der Selbstmord zeigt aber auch, welcher Druck heutzutage auf Jugendlichen lastet, die eigene Rolle, die eigene Identität und vor allem auch die eigene sexuelle Orientierung zu finden. Nicht nur was das coming out von Schwulen anbelangt, sondern auch, was Jungen mit heterosexueller Orientierung betrifft. Für sie wächst gleichermassen der Zwang, alles zu vermeiden, was sie als ‚schwul’ erscheinen lassen könnte.“ (Hörmann, S. 32)

Das Klima „heterosexueller Normalität“ stresst nicht nur die tatsächlichen Abweichler und grenzt sie nach faschistischer Manier brutal aus. Dieses Klima der heterosexuellen Normalität missbraucht Vorurteile, um auch andere „heterosexuelle“ Mitglieder ihrer Normalitätsgemeinschaft zu stressen und sogar in den Freitod zu treiben. Das kann zB auch ein Behinderter oder „sonst ein Unpassender“ sein, der von Rechtsextremen (?) zum „Krüppel“ geschlagen wird, einfach weil grad nicht so ein Schwuler zur Hand war!

Wer in einem solchen fundamentalistischen Sozialklima der Normalität huldigt, sich devot vor ihr auf den Boden wirft, seine Körperhaare vom Kopf bis zu den Schamhaaren rasiert und in Markenturnschuhe hineinwixt, ist vor lauter Gehorsam und Anpassung nicht mehr fähig, die Selbstdiskriminierung oder psychische Selbstbehinderung durch seine Fetische zu realisieren. Er ist wie ein „Drogenkonsument“ im weitesten Sinne! Es ist egal, ob die „Order/Befehle/Drogen“ von einem Drogendealer oder von einem „Master“ kommen. Der Abhängige/Verliebte („Du kannst nur einen lieben, dem Du glaubst!“ Posting in einem Forum) will oder kann keine Selbstverantwortung mehr übernehmen. Entweder ist er unfähig, unwillig oder zu kaputt. Das hat seine aktenkundigen Auswirkungen auf die Aidsinfektionen. Barebacker stellen es jedem angeblich frei, Selbstverantwortung zu übernehmen! Tatsächlich aber spielen sie nur russisches Roulette! Das Schicksal übernimmt diese Verantwortung für die Betroffenen und diesem hat bekanntlich noch nie jemand den Prozess gemacht!
Was in den Tiefen der Gesellschaft brodelt, wird in den oberen Etagen einfach „sauberer, diskreter und unauffälliger“ betrieben…

„Die Frage stellt sich, wie und warum sich dieses verzerrte negative Bild von Schwulen unter Jugendlichen breit machen konnte. Oder, um nicht so zu tun, als wäre es schon einmal anders gewesen: Warum erhält sich die Ablehnung von Schwulen bis heute?“ (Hörmann, S. 33)

„In den siebziger Jahren war der Begriff ‚schwul’ von der Homosexuellenbewegung gerade deshalb als Bezeichnung übernommen worden, um ihn der Deutungshoheit der repressiven Mehrheit zu entziehen und die Definition selbst bestimmen zu können.“ (Hörmann, S. 34)

„Es ist also die Fraktion der Schweigenden, die etwas sind, was sie aber nicht benennen wollen. Oder zumindest anderen Schwulen das Recht absprechen, es zu sagen, so oft es ihnen passt. Ist das nicht merkwürdig?“ (Hörmann, S. 34)

Was machen denn alle die Integrationsbeauftragten für Ausländerfragen? Was tut die jüdische Gemeinde, wenn sie einlädt zu Besichtigungen von Synagogen? Sie geben Menschen und Kulturen ein Gesicht, das diese selber bestimmt und definiert haben! Damit lassen sich Vorurteile durch Tatsachen und Begegnungen verändern!
Die Fraktion der Schweigenden und die „unsichtbaren“ Normal-Homosexuellen aber, die von vielen nicht (für) wahrgenommen oder „erkannt“ werden (wollen), schaffen wieder Leerräume, die erneut von Vorurteilen gefüllt werden, damit jederzeit wieder damit gezündelt werden kann.

„Kein künstliches Gehabe, sondern Natürlichkeit (was immer das nach obiger Betrachtung auch heissen mag! PT) steht im Vordergrund. Sie laufen trotzdem nicht wie Gorillas herum. Die drei sind gut gekleidet, haben ein gepflegtes Äusseres und die Haare liegen meistens perfekt.“ (du&ich April 2004, zitiert von Hörmann, S. 37)

„In Punkto Homosexualität würde das bedeuten, dass die Verweigerung des Etiketts ‚schwul’ darauf zielt, die Anerkennung der Gleichaltrigen (oder der eigenen Eltern PT) nicht zu verlieren. Indem man vordergründig ‚so ist wie alle’, geniesst man den Schutz, dass die Mehrheit ‚natürlich’ davon ausgeht, man sei heterosexuell. So erfüllt man die ideologische Forderung nach ‚Flexibilität’ durch Nichts sagen und erspart sich im besten Fall auch all die (negativen) Konsequenzen, die ein eindeutiges Bekenntnis mit sich bringen könnte.“ (Hörmann, S. 39)

„Was die schwule Welt anbelangt, so trifft diese neue ‚Flexibilität’ einer jüngeren Generation, die hofft, damit gut und möglichst unbeschadet durchs Leben zu kommen, auf ein Duckmäusertum einer älteren Generation von Homosexuellen, die immer noch glaubt, allzu lautes Auftreten würde den Zorn der heterosexuellen Mehrheit heraufbeschwören.“ (Hörmann, S. 39/40)

Fragt sich nur, wo alle die ehemaligen „Schwulenbewegten“ geblieben sind, die auf die Strasse gingen, im Fernsehen diskutierten, oder Behörden und Institutionen auf Trab brachten! Sowohl die „Duckmäuser-Schwulen“ als auch die „Flexibilitäts-Schwulen“ müssen ihr Sexualleben irgendwie organisieren! Von den einen wissen wir, dass Ferien in warmen Ländern ein beliebter Ausweg sind, von den Anderen wird wohl ein Grossteil ihre sexuellen Bedürfnisse über das Internet oder die wöchentliche DVD-Miete „abwickeln“…

„Es ist nur eine Vermutung meinerseits, aber schätzungsweise ist das Bild von Homosexualität bei deutschen Schülern massgeblich von Filmen wie (T)Raumschiff Surprise und Der Schuh des Manitu geprägt, also von Filmen, die sich alter Stereotype von weibischer Tuckigkeit bedienen, um Lächerlichkeit zu erzeugen.“ (Hörmann, S. 40)

„Dahinter liegt freilich ein Problem, das sich auch durch Verweigerung, sich als schwul zu bezeichnen nicht lösen lässt: das Problem, dass bestimmte (männliche PT) Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft dominieren und alles, was sich ihnen nicht fügt, mit dem Vorurteil konfrontiert wird, schwach und minderwertig zu sein.“ (Hörmann, S. 41)

Etwas scheinen die Männer mit den homosexuellen Bedürfnissen in den letzten Jahrzehnten nicht verlernt zu haben – und bis auf weiteres auch nicht verlernen zu wollen: Die Kunst der Verdrängung. Sie re-agieren als Spiegelbild zu Familie und Gesellschaft, welche vor allem und zuerst „diese Lebensweise“ und Lebensmöglichkeiten verdrängt! So führt eine direkte Linie von der einen Verdrängung zur anderen. Viele quälen sich schon als Teenies mit heimlichen Liebeswünschen herum, stressen Sexualpartner mit „Diskretion“ und Versteck-Ritualen… Alles das, was mann früher oder später in den „unästhetischen“ Gesichtszügen alternder Schwuler lesen kann.

„Zur schwulen Identität (und zumal zu einer homosexuellen Lebensweise, die ihr Schwulsein leugnet) gehört anscheinend auch eine ausgeprägte Fähigkeit des Weghörens und eine Gabe, sich die Dinge schönzureden.“ (Hörmann, S. 44)

„Es ist, menschlich gesehen, natürlich immer angenehmer, sich an die schönen Dinge zu erinnern. Und Schwule haben wahrscheinlich häufiger negative Erfahrungen, oder auch schlichtweg Ängste (ganz unabhängig, ob sie begründet sind oder nicht) und darum häufiger Anlass zu Verdrängung.“ (Hörmann, S., 44)

„Schon seit langem weist die Forschung auf den Umstand hin, dass zur schwulen Sozialisation das Wissen gehört, Gefahren aus dem Weg zu gehen.“ (Hörmann, S. 45)

„Ich kenne keinen einzigen Schwulen, der nicht die Situation kennt, im Bus stillzuhalten, wenn einige Rowdies (meist im Suff) ihre homofeindlichen Sprüche ablassen, die Strassenseite zu wechseln, wenn einem ‚verdächtige’ Leute entgegenkommen, und geflissentlich die Rufe von Kids zu überhören und das Ausspucken vor einem auf der Strasse zu übersehen.“ (Hörmann, S. 45/46) …

„Manchmal befürchte ich, dass die uns gegenüber gewährte Toleranz auch deswegen so gern gewährt wird, weil man darauf vertrauen kann, dass die jahrhundertelang antrainierten Reflexe, nicht anzuecken und nicht aufzufallen, immer noch wirksam sind… (Hörmann, S. 46)

„Es ist eine legitime Strategie des Einzelnen, sich durch Abtauchen oder Unkenntlichmachen vor den Folgen von Gewalt schützen zu wollen. Für die Gesamtheit betrachtet ist sie allerdings nutzlos. Das sollten sich gerade jene Schwule gesagt sein lassen, die hoffen, im Mantel der Normalität der Diskriminierung zu entgehen. Denn die schreckliche Wahrheit hinter den psychischen und physischen Angriffen auf Schwule ist, dass für die Täter die Frage, ob jemand wirklich schwul ist, gar keine Rolle spielt!“ (Hörmann, S. 54/55)

Immer wieder wurden auch Normale als „Ersatz-Schwule“ zusammengeschlagen. Wenn kein „richtiger Schwuler“ für die Frustabfuhr zur Verfügung steht, wird einfach einer „zum Schwulen erklärt!“
Typisch bürgerlich, dass es keine Solidarität gibt unter Schwulen – genauso wie vielfach auch unter Frauen nicht! Die Angegriffenen sind „einfach selber schuld“. Diese Meinung ändert sich nach meiner Erfahrung immer erst dann, wenn jemand selber „betroffen“ ist. Dann wird über diese mangelnde Solidarität laut geklagt!
Wenn sich aus der allgemeinen „Normalität“ plötzlich verschiedene Schwule exponieren und solidarisieren würden (nicht nur einer!), dann gäbe es einen Überraschungseffekt!
Im übrigen ist nicht einzusehen, warum heute nicht auch heterosexuelle Männer ihren homophoben „Angehörigen“ entgegentreten können! Aber der kulturell-gesellschaftliche Druck muss so gross sein, dass unter den ärgsten Diskriminierern auch gleichzeitig die feigsten Drückeberger auszumachen sind! Ein System das also vorzüglich funktioniert!

„Zwischen der Männlichkeit, die mit Lederklamotten, Schaftstiefeln und Ketten über der Schulter inszeniert wurde und wird, und der Sehnsucht nach neuer Maskulinität, die den nackten Oberkörper darbietet, ist der entscheidende Unterschied jedoch nicht so sehr, dass Verhüllung durch Enthüllung ersetzt wurde. Vielmehr ist der im Fitness-Studio trainierte Körper ein Akt der Selbstdisziplinierung und ein sichtbares Zeichen der Körperbeherrschung… Das Vorbild ist dabei das Ideal eines harten männlichen Körpers, dem Weichheit fremd ist.“ (Hörmann, S. 69)

„Der Erfolg besteht darin, wie es Birgit Richard in ihrem lesenswerten Aufsatz ‚Metrosexual’ beschreibt, dass ‚hetero- und homosexuelle Männer auf dem Markt kompatibel werden’ (S. 164) und folglich die gleichen Produkte an sie vermarktet werden können.“ (Hörmann, S. 68)

„Und möglicherweise ist die Toleranz gegenüber Homosexuellen hauptsächlich darin zu suchen, dass sich Schwule durchaus als systemkonform erweisen.“ (Hörmann, S. 72)

„Stillhalten und Unsichtbarkeit .. scheinen Lebenshaltungen, in denen sich das ungewünschte Anders-Sein sozusagen von selbst auflöst.“ (Hörmann, S. 77)

Es scheint, dass diejenigen Schwulen, die sich an Männlichkeit anpassen, sich als die „neuen“ Schwulen begreifen, die sich nicht mehr mit Diskriminierung und Gewalt auseinandersetzen müssen/wollen. Sie sind auch nicht mehr an einem coming out interessiert (weil Heteros haben das angeblich auch nicht! 😉 und bewegen sich vor allem in einer Umgebung, die fast nie ihre Vorurteile verraten muss und daher gar nicht genau einschätzbar und verlässlich ist! Diese „Waghalsigkeit“ durch den heterosexuellen Dschungel kann aber jederzeit abrupt enden! Meistens gerade in einem sehr ungünstigen Lebensaugenblick!

„In unserer derzeitigen Gesellschaft nimmt die übersteigerte Betonung von Jugendlichkeit mit den Attributen von Leistungsfähigkeit, Fitness und Spontaneität und Schönheit durchaus ideologische Züge an.“ (Hörmann, S. 82)

„Wer kriminalisiert und verfolgt wird, hat keinen Freiraum, um über Sozialstrukturen nachzudenken, oder um sie gar aufzubauen. Während der Aids-Krise musste zunächst über Krankenbetten und Gräber und nicht über Altersheimplätze nachgedacht werden.“ (Hörmann, S. 82)

„Einerseits huldigt die schwule Welt einem Ideal von Jugendlichkeit, andererseits hat eine Mehrheit der älteren Schwulen vom Leben der Jugendlichen und umgekehrt die Jungen von den Alten von heute wenig Ahnung.“ (Hörmann, S. 86)

Das Jugendleben wird uns in allen Variationen in allen Medien täglich vorgeführt. Aber vom Älterwerden haben wirklich die meisten keine Ahnung. Fast alle können sich vorstellen, als jung mit einem jungen Liebhaber glücklich zu werden. Aber wie das dann in 10, 20 oder gar mehr Jahrzehnten einmal aussehen könnte, das kümmert keinen! Und der älter werdende Partner kann ja auch nicht periodisch durch eine jüngere Ausgabe ersetzt werden! Spätestens im „treuen“ Partner als Gegenüber muss das eigene Alter ja auch mal sichtbar werden! An dieser Fata Morgana ewiger Jugend basteln vor allem schwule Medien- und Szene-Schaffende, meist selber so ab 35… 😉

Keiner hat sich bis jetzt gefragt, ob denn „später bewusst gewordene Schwule“ auch mal so eine „sexuell freie Jugend“ wie die Heteros gehabt haben. Wer erst mit 20, oder als Verheirateter sein coming out gemacht hat, ist in seiner Jugend entweder auf dem falschen Gleis gefahren, oder hat aus Verklemmtheit nichts davon gehabt! Es könnte interessant werden, ob die heutigen schwulen Teenies einmal von ihrer „gelebten Jugend“ Abschied zu nehmen und älter zu werden bereit sind! Zurzeit haben wir etwa 3 Generationen von Schwulen, die parallel leben, von denen aber immer nur der „jüngere Teil“ sichtbar und zur Kenntnis genommen wird!

„Nun hören schwule Männer inzwischen Safersex-Ratschläge wahrscheinlich so ungern wie Raucher Hinweise auf Krebs oder Impotenz…
Auffällig an der Altersverteilung der Erstdiagnosen bei MSM (Männern die mit Männern Sex haben) ist eine Zunahme von HIV in der Altersgruppe der 30-49 Jährigen der letzten Jahre…“ (Hörmann, S. 102)

„Nach über zwei Jahrzehnten der Aidskrise sonnt man sich im Glücksversprechen der lebensverlängernden antiretroviralen Therapie und testet schon mal , ob’s auch ohne Kondom noch geht.“ (Hörmann, S. 103)

„Vielleicht sollten weniger die Aengste vor Aids neu geschürt, als ein Bewusstsein für die eigene Verletzlichkeit entwickelt werden: Individuell und erst recht kollektiv.“ (Hörmann, S. 105)

„Ausgehöhlt wird auf Dauer ein Verständnis von Sexualität als ein fürsorgliches Miteinander, zu dem es auch gehört, die Folgen einer Handlung in Hinsicht auf den Anderen zu bedenken, um diesen (und nicht nur sich selbst) vor Schaden zu schützen.“ (Hörmann, S. 106)

Es kann nur vermutet werden, „woher“ die 30-49 Jährigen jeweils „kommen“: Entweder aus gescheiterten, scheinbar intakten, oder auslaufenden Beziehungen – oder es sind solche, welche sich „schliesslich“ in diesem Alter als „beziehungsunfähig“ betrachten. Jedenfalls müssen in der Kontaktkette längere Zeit immer wieder unsafe Praktiken angewendet worden sein…
Wer unfähig ist, sich zu irgendeiner Gruppe von Schwulen, oder Männern mit homosexuellen Bedürfnissen zugehörig zu fühlen, zeigt damit wirkliche Schwäche – stand in einer Forumsdiskussion zu lesen (purplemoon.ch).
Das dürfte dazu passen, dass Leute „schwach“ werden, um wenigstens zu einem Partner zu „gehören“, oder diese Schwäche ist ein Weg zur endgültigen Zugehörigkeit zur HIV+Gruppe… Getreu der heterosexuellen Vorstellung, dass nur zwei Hälften zusammen ein Ganzes ergeben können!

„Ohne Zweifel, Reisen ist ein zentraler Bestandteil der schwulen Welt.“ (Hörmann, S. 108)

Am Wohnort will man nichts miteinander zu tun haben. Um sich dann umso herzlicher, Bussi, Bussi, beim Hamburger Ledertreffen auf der Cap San Diego oder der Rosa Carnevalssitzung in Köln in die Arme zu fallen. Ob’s zuhause immer noch am Schönsten ist, darf bezweifelt werden.“ (Hörmann, S. 109)

„Mittlerweile glaube ich, vor allem die Grossereignisse vermitteln noch jenes Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich anscheinend im ‚normalen’ schwulen Alltag nicht mehr einstellen will.“ (Hörmann, S. 112)
„… da fällt es möglicherweise gar nicht auf, dass am Ort, an dem man lebt und arbeitet, das schwule Leben stillsteht, zerfällt, oder sich gar nicht ausbildet.“ (Hörmann, S. 113)

„In dem Masse, wie unsere eigene Wahrnehmung auf grosse Events und das Reiseerlebnis schwuler Freuden anderswo, sich verengt und letztlich unser Handeln bestimmt, verliert das, was ich als „schwules Leben vor Ort“ bezeichnet habe, an Bedeutung.“ (Hörmann, S. 115)

Viele Paare, Single-„Gays“ oder Männer, die sich nicht als „schwul“ verstehen, sind nicht nur im Internet, sondern auch in der Welt draussen unterwegs. Sie geniessen Billigflug und Intercity. Sei es in die nächstgrössere Stadt, oder auf einen anderen Kontinent. Zuhause ist es offensichtlich nicht so schön! Das „Inzesttabu“, wie ich die Zwänge in der lokalen Szene benenne, ist sehr stark! Entweder kennt man einander „schon zu gut“, um noch Sex zu haben, oder man hat nix miteinander „am Hut“, um auch noch miteinander reden zu wollen! (Oder man ist über Sex nicht hinausgekommen!) Die Grossanlässe sollen fremde Gesichter und fremde Welten für diejenigen herbringen, die nicht hinaus reisen können!

„Das Internet hat nicht nur die „klassische“ Kontaktanzeige in Magazinen und Zeitungen ersetzt. Als ‚virtueller Raum’ ist es an die Seite getreten von anderen ‚Orten’ schwulen Lebens, allen voran die schwule Kneipe.“ (Hörmann, S. 118)

„Anderen hilft der Umweg Internet über die Scheu ‚direkter Konfrontation’ hinweg. (Hörmann, S. 119) – „Interessanterweise ist es die zwischenmenschliche Sphäre, die den Argwohn weckt, während der sonstige Gebrauch des Internets mit erstaunlicher Gutgläubigkeit betrieben wird.“ (Hörmann, S. 121) – „Die Ernüchterungen des reellen Lebens bleiben dem Internet-User sowenig erspart wie hoffentlich dessen Freuden!“ (Hörmann, S. 124) – „Der überbordenden virtuellen Präsenz von Schwulen entspricht ein schleichender Rückzug aus der Gemeinschaft der wirklichen Welt.“ (Hörmann, S. 125)

Wenn ich die Wünsche der vielen, sich in der Anonymität gut versteckten Männer, überblicke, dann gibt es eine kleine Minderheit von Fundamentalisten, die einen Mann fürs Leben suchen. So wie Heteros ihre Frau fürs Leben suchen, heiraten und dann auch an sie glauben wollen! Die Mehrheit der Wünsche im Internet weist aber auf „nur momentane“ Befriedigungswünsche hin! „Möchte wieder mal eine tabulose Session haben!“ – „Wer kann es mir besorgen, ich brauche es dringend!“ Die beiden Wünsche repräsentieren zwei Schwerpunkte in der „Bewältigung“ der Sexualität: Die Sehnsucht dieser „Normalität“ zu entfliehen und die Dringlichkeit des aktuellen Begehrens – das entweder temporär wieder unterdrückt wird, oder für einige Zeit wieder unter dem Alltag verschwindet…

„Ein grosser Teil einst ‚typisch schwuler’ Verhaltensweisen, Fetische, Einstellungen sind schon immer oder auch erst seit kurzem, kultureller Teil einer (heterosexuellen) Mehrheitsgesellschaft. Kurzum: Die „Normalität“ von Homosexualität wird bezahlt mit einem Verlust der Exklusivität, die dem Schwulsein einst anhaftete… In ihr löst sich Homosexualität auf und verschwindet oder wird zumindest unsichtbar.“ (Hörmann, S. 130)

„Schwulsein bedeutet heutzutage zu glauben, dass mich etwas – eine geteilte Erfahrung oder eine geteilte Geschichte – mit anderen Menschen verbindet… Zumindest unterstelle ich es.“ (Hörmann, S. 135) – „Man könnte es auch Hoffnung oder Vertrauen nennen… Weil es jedem frei gestellt ist, daran zu glauben, er habe etwa mit anderen Schwulen gemein, kann der Glaube auch nicht eingeklagt werden. (Hörmann, S. 136) – „So ist es ein Bekenntnis, sich anderen Schwulen zugehörig zu erklären… Das ist aber zunächst nicht zwangsläufig und schon gar nicht selbstverständlich.“ (Hörmann, S. 137) – „Schwulsein heisst auch, eine Art Vertrauensvorschuss für sich zu erwarten, bzw. diese Erwartung anderer an sich selbst nicht zu verneinen, von den anderen nicht ausgegrenzt zu werden.“ (Hörmann, S. 138)

Der Glaube, die Liebe und die Hoffnung werden vor allem von einem „Obergeliebten“, einem Schönling, oder einem Geil-ing erwartet. Diese Erwartung ist nicht mehr fähig, sich an eine Gruppe oder gar abstrakt an einen sozialen Organismus zu wenden! Parallel dazu werden Erscheinungstypen von Schwulen abgewehrt, denen man – entsprechend der Abwehr in der Heterogesellschaft – auf keinen Fall zugehörig sein möchte! Allerhöchstens kann ein schwuler Sportverein, oder ein Chor, oder höher in der Gesellschaft, eine Gruppe von Geschäftsleuten mit gemeinsamen und auch caritativen Zielen noch akzeptiert werden.

„Kurz gesagt: „Die Gesellschaft“ darf andere ausgrenzen, „die Anderen“ aber nicht die Gesellschaft. Viele Homosexuelle glauben an dieses Prinzip der Mehrheitsgesellschaft.“ (Hörmann, S. 141)

„Die schwule Welt hat gerade erst begonnen, zu sich selbst zu kommen. Ans Ende gekommen ist sie jedenfalls noch lange nicht. Das darf man als Schwuler getrost glauben.“ (Hörmann, S. 147)

Dem ist eigentlich nichts mehr beizufügen!

Peter Thommen, Schwulenaktivist Basel



Hörmann, Rainer: Samstag ist ein guter Tag zum Schwulsein.

Zum Zustand der schwulen Welt. Das Ikea-Symptom – Wohin mit dem Schwulsein? – Normal, die neue Heimlichkeit – Von schwuler Kunst, zu verdrängen – 150% hetero! – Jugendwahn – Ein K(r)ampf, der Schwule alt aussehen lässt – Der schwule Traum von Unverletzlichkeit (AIDS) – Sehnsucht nach Ferien und Reisen (Transit) – „Schwul“ – Internet, zwischen Schein und Sein – Credo (Community, Milieu, Szene), weniger Konfession, als Wertegmeinschaft.
„Eine sehr gute, weil nicht beschönigende Bestandesaufnahme unserer Welt. Hörmann nennt die Dinge beim Namen und kennt keine Gnade. Als gesellschaftliche Studie und als Reflexionshilfe gleichermassen geeignet. (XTRA! Wien, 11/05)

Queverlag  2005, 154 S. CHF 26.–

Leave a Reply

*