Biologie & Homosexualität

Juli 21st, 2013

Der Titel eines schmalen Bändchens das von Heinz-Jürgen Voss, einem Biologen und Geschlechterforscher im unrast-verlag im Februar dieses Jahres publiziert wurde.

Gedacht für die Diskussion über „Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext“. Ob der Text allerdings die Diskussionen in den Medien und unter Schwulen erreichen wird, bleibt offen. Der „Gesch-lechterdschungel“, der sich in den letzten Jahren eröffnet hat, wird nur noch von wenigen wirklich überblickt!

In der aktuellen Diskussion um die „Homo-Ehe“ ist der Streit um Natur und Natürlichkeit von Männersexualität* erneut heftig entbrannt. Soll jetzt die Homo-Ehe endlich das beweisen und „besetzen“, was die „Normalen“ heftigst für sich alleine verteidigen?

Vorab sei angemerkt, dass erfolgreiche Fortpflanzung weder ihre Natürlichkeit, noch die Unnatürlichkeit alles Anderen zu beweisen imstande ist. Ich glaube es war Dominique Fernandez, der darauf hingewiesen hat, dass Freud ein Zeitgenosse der aufkommenden kapital-intensiven (-istischen) Produktions-weise gewesen war. Voss weist selbst darauf hin, dass in der christlichen Glaubenslehre das menschliche Sexualverhalten völlig auf die „Produktion“ reduziert worden ist, egal ob das nun Lust bereitete, oder mühsame Pflicht war.

Bei Magnus Hirschfeld habe ich den historischen Verlauf der religiösen Verfolgung von Sexualität zwischen Männern nachlesen können. Aber irgendwann hatten die Kirchen die Macht darüber verloren und die Unterdrückung setzte sich im „irdischen“ Bereich fort!

Sexualhistorisch wurden die Bezeichnungen für Abweichendes vor dem Begriff der Normalität „erfunden“. Es gab also ursprünglich nur ein „Sammelsurium“ von Vorstellungen über die Fortpflanzung, woraus die Bezeichnungen für die Beteiligten abgeleitet worden sind.

Jedenfalls waren die sexuellen Betätigungen zwischen Männern lange vorher „da“ – also bevor Begriffe und Bezeichnungen dafür gesucht und dann ange-wendet wurden!

Michel Foucault hatte ein Konzept der „Bio-Politiken“ in seinen Büchern über „Sexualität und Wahrheit“  und „Überwachen und Strafen“ (dt. 1977 und 1983) entwickelt.

„Dieser Beitrag setzt hier an. Er fokussiert Fragen um die „Natürlichkeit“, die „biologische Bedingtheit“ gleichgeschlechtlichen Begehrens und Handelns, behält dabei aber auch die gesellschaftlichen Entwicklungen im Blick. Damit wird nachvollziehbar, wie sich in der bürgerlichen Gesellschaft die Idee durchsetzen konnte, Sexuelles mit physischen und physiologischen Merkmalen theoretisch zu verbinden, Abweichungen von einer Norm zu konstruieren und tilgen zu wollen. Praktische Möglichkeiten zur Auslöschung von Abweichungen wurden zunächst theoretisch erarbeitet und ihre Anwendung ausführlich diskutiert; schliesslich wurden sie – äusserst qualvoll für die betroffenen Menschen – umgesetzt.“ (Voss, Einleitung, S. 5) (1)

Wesentlich in der historischen Diskussion (siehe auch bei Hirschfeld: Die religiöse Verfolgung…) ist der Begriff der „Sodomie“. Hierunter konnte alles verstanden werden, von Ketzerei gegen den Glauben, Politisches, Analverkehr mit Männern und Frauen, bis zum Sex mit Tieren, die als einzige Tat in der deutschen Sprache noch unter diesem Begriff übrig geblieben ist! (im Französischen: sodomiser = Analverkehr) Die Biologie hatte sich also längst „brauchen lassen“, bevor der Begriff „Homosexualität“ überhaupt in der Neuzeit formuliert worden ist.

„Geistesgeschichtlich wird die Renaissance (ab dem 15. Jh.) als Ausgangspunkt der europäischen Moderne gesehen. In dieser Zeit sind auch die Anfänge der modernen Kolonialismus und des Rassismus zu verorten. Ökonomisch gilt die Moderne ab der Industrialisierung seit Mitte des 18. Jh. und der damit verbundenen dominanten Verbreitung kapitalistischer Produktionsverhältnisse als durchgesetzt. Politisch setzte sich die Moderne – die Herrschaft der Bürgerlichen in der Gesellschaft – Ende des 18. Jh. mit der französischen Revolution und schliesslich mit der Herausbildung von Natio-nalstaaten im 19. Jh. durch.“ (Voss, S. 7)

„Diese Eckdaten im Blick zu haben ist bedeutsam, da die Konstituierung des „Homosexuellen“, die schliesslich insbesondere über einen biologischen und medizinischen Diskurs erfolgte, nicht von den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ablösbar ist.“ (Voss, S. 7)

Ursprünglich wurden „Handlungen“ von Individuen – also unter Männern – verboten! Noch genauer, von Männern, die aus den Vorstellungen der Gesellschaft und ihren „Nominierten“ heraus-„gefallen“ waren und erst mit Strafe und Unterweisung „korrektioniert“ werden mussten. Grob gesagt geht es in der Bibel niemals um „Homosexuelle“ – und historisch sehr lange darum, dass quasi Normale einzelne Handlungen begangen hatten, von denen sie dauerhaft abzubringen waren. (2)

„Die wirtschaftlichen Veränderungen bildeten die Grundlage für die Herausbildung erster Ansätze von „Subkulturen“ gleichgeschlechtlich Begehrender, die Verfolgungswellen gegenüber den Sodomiten bildeten einen weiteren und massiv identitätsstiftenden Hintergrund.“ (Voss, S. 8)

Hier wird es enorm wichtig, darauf hin zu weisen, dass sich allmählich die Handlung Schritt für Schritt auf den Handelnden als Identität übertrug! Subkulturen wie die geschlechtsgetrennten Pissoirs, oder der Park, oder die nach Geschlechtern getrennten Schlafräume (seit vorgeschichtlichen Zeiten!) bildeten einen Raum, in welchem auch Männer bewegten und gleichgeschlechtlich aktiv waren, deren Identität nicht eine „sodomitische“ oder „homosexuelle“ war, oder gar eine daraus wurde!

Geschätzte dreissig Prozent der User auf einer schwulen Plattform im Internet definieren sich selbst nicht als „gay“. Und trotzdem wird die Plattform als „schwule Plattform“ definiert. Nicht nur das „Beichtgeheimnis“ und das intensive Sprechen über Handlungen formten eine Identität. Auch ein Schweigen kann Identität stiften, oder eine solche gerade verhindern. Damit bleibt dann ein Mann ein „Mann“ – obwohl er sich auch „unmännlich“ betätigt…

Vor allem in Bezug auf „Biologie und Homosexualität“ sollte klar(er) werden, dass es dabei immer um „alle“ Männer geht, nicht nur um die „spezifizierten“. Schliesslich haben alle Männer eine Prostata und nicht nur „die Homosexuellen“!

Während also im Bereich des Kirchenrechts und bis zur Moderne keine „handlungsadäquate“ Identität existierte, „änderte sich das mit der Moderne, eng verknüpft mit der Entwicklung kapitalistischer gesellschaftlicher Verhältnisse und moderner Staatlichkeit…“ (Voss, S. 10.)

Ich kann mich erinnern, im Strafgesetzbuch des Kantons Basel-Stadt (also vor 1942) gelesen zu haben, dass die gelegentliche Prostitution als „Abhalten von Schule und Arbeit“ mit einer Busse bestraft worden ist – egal welches Geschlecht die Person hatte.

„Im Lauf des 19. Jh. änderten sich auch die Strafsysteme und man ging von Körperstrafen ab – und auch das ist relevant für die Etablierung klarer Identitäten und die zunehmende Bedeutung der Medizin hierbei.“ (Voss, S. 11)

„Die Medizin wurde bezüglich Homosexualität zur klassifizierenden und entscheidenden Instanz. Einer der Ersten, die sich dazu auf den (natur-) wissenschaftlichen Stand der Zeit beriefen und diesen weiter entwickelten, war Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895).“ (Voss, S. 11) (3)

Während in der Zeit nach Ulrichs die allgemeinen medizinischen, biologischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse und Forschungen immer breiter werden, engt sich der Blick von Voss auf die Homosexualität als solche ein.

Nach den Hinweisen auf die Kolonialpolitiken und den sich entwickelnden Rassismus, weist er nun auf die Eugenik und die Sichtweise der sogenannten „Degenerationserscheinungen“ hin. Voss stellt die Theorien chronologisch vor. Erst die konstitutionelle Bisexualität, dann die Rolle des Keimdrüsengewebes (Hoden und Eierstöcke) und seine Absonderungen bis zu den Hormonen. Auch die operationellen und medizinischen Versuche auf diesem Gebiet werden aufgeführt!

Als verhängnisvoll erweist sich historisch der Drang nach Beschreibung von Personen, von denen mann-männliche sexuelle Aktionen bekannt geworden sind. Was ich hier bereits „Sexismus“ nennen muss, entspricht völlig den Entwicklungslinien von Rassismus und „Verbrechensforschung“ (Physiognomik, nach Lavater und Huter). Mann glaubte an äussere „Erken-nungszeichen“ und begann äussere Handlungen mit inneren „Orientierungen“ gleich zu setzen.

Später ortete die „Wissenschaft“ die sexuelle Orientierung in Hormonen und im Gehirn. Günter Dörner hatte in der DDR mit seinen endokrinologischen Expe-rimenten umstrittene Ergebnisse publiziert.

Bei der Entwicklung der Genforschung stellte sich erneut die Frage nach der Vererbung und Natürlichkeit „sexueller Handlungen“. Voss lässt sich auf die evolutionsbiologische Diskussion ein: „ … dabei werden dann ausgewählt nur diejenigen Ergebnisse der Zwillingsstudien und der Genetik präsentiert, die die These der Erblichkeit zumindest teilweise stützen. Die Studienergebnisse, die der These widersprechen, werden in der Regel gar nicht angeführt.“ (Voss, S. 62)

Emanzipatorisches Streiten: „Deutlich wird auf jeden Fall, dass die Selbstermächtigung der Lesben und Schwulen bei Bezug auf biologisch-medizinische Wissenschaften beschränkt ist… Ob die in zahlreichen Ländern zu beobachtenden neueren gesellschaftlichen Entwicklungen, die eine stärkere soziale Anerkennung von Homosexualität versprechen, zu grundlegenden Änderungen führen, bleibt abzuwarten.“ (Voss, S. 67)

Heinz-Jürgen Voss fügt am Schluss noch eine zusammenfassende Darstellung der zentralen Studien zur Biologie männlicher und weiblicher Homosexualität an, sowie eine Liste der zitierten und der von ihm empfohlenen Literatur.

Ich denke, dass die Einschätzung „homosexueller Handlungen“ von „nicht homosexuellen Männern“ noch ein wichtiger Schritt sein wird, der die Diskussion um „Natürlichkeit“ beruhigen könnte. Denn schliesslich dreht sich die Forschung auch nicht nur um die „Minderheit der notorischen“ Heterosexuellen! Inzwischen werden die Männer weiterhin denken, dass es viele Möglichkeiten der sexuellen Entspannung gibt – auch mit anderen Männern! 🙂

Peter Thommen_63

 

Heinz Jürgen Voss: Biologie & Homosexualität. Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext, unrast Verlag 2013, 88 S.  ca. CHF 9.80

 

(1) Siehe auch meinen Text über Braunschweig: Das Dritte Geschlecht, PDF, S. 8!

(2) Puff, Helmut: „Und solt man alle die so das tuend verbrennen, es bliben nicht funffzig mannen in Basel… (Forum HS+Literatur, Nr. 10, S. 83-92)

(3) Für die Schweiz sei auf Heinrich Hössli (1784-1864) hingewiesen!

*Die Diskussion im Frauenbereich muss redlicherweise von diesen geführt werden!

 

P.S. Über die „Medizinialisierung“ homosexueller Handlungen in der Schweiz muss ich auf die Publikation „Männergeschichten“ (Buchverlag der Basler Zeitung, 1988) verweisen:

Rolf Trechsel: Die Medizinalisierung der Homosexualität, S. 204-206

Sigi Friedli: Psychiatrie und Homosexualität, der Fall Ernst Rüdin (Friedmatt, Basel), S. 207-212)

Rolf Trechsel: Die Kastration Schwuler in der Schweiz, S. 213-25

Ein im Wesentlichen noch unaufgearbeitetes Kapitel!

Nordafrikanisches Liebesleben im Wandel

Mai 27th, 2013

Shereen el Feki hat ein aktuelles Buch mit sehr viel historischen, ethnologischen und sexuellen Informationen geschrieben, das ich mit Spannung gelesen habe.

Die Sexualkultur unter Moslems ist darin sehr anschaulich beschrieben, sowie die Doppelmoral, die sich aus Religion und Wirklichkeit ergibt. Neben der Situation von Frauen beschreibt sie auch die desolate Wirklichkeit von Männern. Unter der heute gültigen Kultur leiden beide Geschlechter, weil sie eine Ideologie für Gläubige (mönchisch) und keine mit Bezug auf Alltagserfahrungen mehr ist. Aberglaube, Unwissen und „vorauseilender Gehorsam“ sind wichtig! (Also Handlungen, die etwas Positives durch „Gehorsam“ in Aussicht stellen. Ein typisches Familienritual, wie ich meine!)

Obwohl der Islam und sein Prophet ihren Gläubigen sexuelle Freuden gönnt, lassen die sich aber nicht so einfach umsetzen und geniessen! Daher wogt ein stetiger Streit mit sogenannten religiösen Autoritäten, die angeblich wissen wollen, was „halal“ (gottgefällig) und was „haram“ (sündhaft) sei…

Mich interessieren solche Kulturschilderungen, weil sie das Grab unserer eigenen Vergangenheit öffnen und Erinnerungs- und Rekonstruktionshilfen für unsere Kultur sind, von denen die meisten nichts mehr wissen…

Bis heute sind die Bedürfnisse von Frauen und Männern sehr verschieden und müssen erst „koordiniert“ und eingeübt werden. Von „natürlicher Ergänzung“ kann keine Rede sein – abgesehen von der Penetration zur Fortpflanzung. Heterosexualität ist ein Konstrukt. Im Zusammenleben wie im Sexualleben. Rituale haben das menschliche Gespräch historisch zunehmend ersetzt.

Als Schwuler erkenne ich in den Schilderungen Fekis auch die verschütteten homosexuellen/homosozialen Elemente aller Männer wieder, an denen sie von Müttern, Gesellschaft, Freundinnen und Ehefrauen vorbeigemogelt werden.

Mir fällt bei den Gebräuchen der Moslems auch auf, dass es darum geht, den Sexualorganen mit Beschneidungen Gewalt anzutun, um sie früh zu zähmen. Aber um als erwachsen gelten und erwachsenen Sex haben zu können, braucht es weitere. (Ähnlich wie mit den religiösen Riten der Taufe/Konfirmation/Ehe) Es geht auch darum, dass vorehelicher Sex unter Kindern oder Jugendlichen „verhindert“ werden soll. Aber wer soll damit vor wem geschützt werden? Die Frauen vor Empfängnis und/oder die Männer vor Homosexualität?

Klar ist mir geworden, dass die Religionen ihre Macht auf Sexualeinschränkungen aufbauen. Dem Kind wird versprochen, es erhalte für den Gehorsam dann später eine Erfüllung im Sex und in der Liebe. Und dem Erwachsenen wird wiederum versprochen, er erhalte gegen seinen Glauben nach dem misslichen Leben, ein ewiges Paradies im Himmel…

In der administrativen und religiösen „Vergewaltigung“ in der Geschichte der Sexualität erkenne ich die heutige Sehnsucht von westlichen Schwulen und Bisexuellen, tatsächlich „entjungfert“ zu werden und von sexuellen Übergriffen zu träumen, letztlich um die Verantwortung dafür nicht übernehmen zu müssen. Nach dem Schmerz wird verlangt, aber nicht nach der Fähigkeit, (da)mit Sex(uell) umzugehen!

Feki Zit

in englisch und deutsch

Das schliesst unsafen Sex, barebacking und das „Schlampe“ spielen ebenfalls mit ein. (Phil Langer nennt das „beschädigte schwule Identität durch Risikoverhalten!“) Dies spielt – wie beim normalen hetero Verhalten unter so vielen Vorschriften, eine wichtige Rolle.

„Zu starke Sexualität“ wird angeblich gebremst und erzeugt bei beiden Geschlechtern offenbar Ängste, die mit Gewalt überwunden werden müssen, was wiederum ein verängstigtes Bedürfnis nach Gewalt erzeugt…

Wobei ich den Eindruck bekomme, dass Frau(en) sich in Kairo wohl um eine weibliche Identität bemühen, aber die Männer z.B. unberücksichtigt bleiben, wenn es um die Einheit mit anderen Männern geht, oder bei der Untersuchung von Spermien auf deren „Fruchtigkeit“. Traditionell wird alles über die Frau abgehandelt, sie muss sich rechtfertigen.

Wichtig und interessant ist die Feststellung El Fekis, dass sexuelle Übergriffe und Missbrauch keine sexuelle Identität verändern oder gar eine HS erst herstellen können, (Pädophilie-Vorwurf) wie das bei uns und offenbar auch dort geglaubt werden will.

Manchmal erscheint mir die Situation der ägyptischen Frauen wie diejenige von verklemmten und versteckten Schwulen. Die Gesundheits-Politik ist ähnlich wie die unserer Schwulenbewegungen anfangs des letzten Jahrhunderts.

Feki hat ein eigenes Kapitel über gleichgeschlechtlichen Sex und über Transgender geschrieben. Auch über die AktivistINNen und ihre Vorstellungen, wie sich diese auch von unseren westlichen Vorstellungen unterscheiden. Ähnlich wie früher in der Schwulenbewegung bei uns, will sozusagen keineR eine Homo-Ehe und deren Rechte einfordern, sondern überhaupt mal ein Recht auf Privatleben einklagen – nämlich für ALLE. Damit ist der Bezug zur Alle umfassenden Politik in der Gesellschaft so nahe wie er mal bei der Schwulenbewegung war.

Ein interessantes Buch für die Diskussion um die Homo-Ehe, für die Arbeit mit MigrantINNen, über Geschlechtsrollen, über Bisexualität, über Parallelsexualitäten (mit m und w), über Rollenverhalten. Generell wichtig für die Gender-Diskussionen!

Es ist anspruchsvoll, sich durch die dargestellte Frauensexualitätsgeschichten durchzuarbeiten, was nicht jedem zusagen mag. Aber wir sind nun mal alle von Frauen geboren und hängen da mit drin („schwul = weiblich“) – auch wenn wir keinen Sex mit ihnen haben!

Shereen el Feki: Sex und die Zitadelle, Hanser, 2013 (orig. engl. – jetzt auch frz.)

Es ist kein „wissenschaftliches“ Buch, sondern sehr leicht verständlich geschrieben und spannend zu lesen! Für viele aber dennoch eine Herausforderung!  Peter Thommen_63

Aktualisiert 11.6.2013

Shereen El Feki: Wie man eine Epidemie unter schlechten Gesetzen bekämpft! HIV

Ein Interview mit El Feki in englisch, über ihr Buch

bis zum eigenen Begehren

April 1st, 2013

Oder: „Wer könnten wir sein, wenn wir anders sind als die Norm?“ 

Carolin Emcke hat 2012 ein vielbeachtetes und sehr persönliches Buch darüber, „wie wir begehren“ veröffentlicht. Wie immer finden Bücher von lesbisch begehrenden Frauen eine „andere“ Beachtung im heterosexuellen Publikum, als solche üblicher Autorinnen. Besonders dann, wenn sie die Partnerin einer bekannten Frau ist…

„Von außen betrachtet bin ich homosexuell. Im öffentlichen Diskurs, wenn dieses Begehren verortet werden soll, bin ich »lesbisch«, »schwul«, »eine Lesbe«, das ist dann schon ein Substantiv. Mal abgesehen davon, dass ich mich selbst so nie bezeichnen würde, ist, wie ich begehre, auf einmal keine Handlung mehr, lebendig, dynamisch, wandelbar. Wie ich begehre, das ist dann eine Identität“ (zeitmagazin, 15.3.12)

Emckes Buch wurde in den wichtigen Medien diskutiert und ich gebe hier ein paar Links zur ergänzenden und vorausgehenden Information: Verena Lueken, FAZ 4.3.2012, bei „perlentaucher“ eine Übersicht über verschiedene Ein-schätzungen, Kim Kindermann im deutschlandfunk, 15.3.2012, Daniel Schreiber in Cicero 18.3.2012, Christina Bauer (Fachärztin für Psycho-therapie), Jan Feddersen in der taz vom 10.3.2012, Ellen Kositza in Sezession, 20.3.2012,

SRF2-Reflexe (Audio), 3.4.2012: „Es ist eine sensible Erzählung über ihr Erwachsenwerden, über die Entdeckung ihrer Homosexualität und ihre Liebe zur klassischen Musik. Emcke bettet das ein in Überlegungen über das Recht auf Anderssein.“

L-talk (cb) vom 8.2.2013. Die obige Auswahl von Rezensionen enthält auch Kritik an ihrem Buch.

Ich kann dieses Buch einer „frauenbegehrenden Frau“ als „Schwuler“ lesen. Damit meine ich meinen ganz persönlichen Erfahrungsschatz. Mein Blick richtet sich auf ihre Darstellung von homosexuellen Männern in dem Buch und ihr Verhältnis zu ihnen. Alles nach dem Motto: Wer sich exponiert, der/die wird kritisiert. Dies zeigt sich auch in der „hetera-sexuellen“ Sicht von Ellen Kositza (> oben)!

„Es ist ein Balanceakt zwischen der Forderung nach Anerkennung als Gleiche und der nach Anerkennung als Andere und der Erwartung, dass andere erkennen können, wann das eine und wann das andere angemessen ist, wann es sich richtig anfühlt, als schwul oder als weiblich oder als muslimisch wahrgenommen zu werden, und wann es sich verletzend anfühlt.“ ( Emcke, zeitmagazin, 15.3.12)

Mit dem obigen Zitat ist gleichzeitig auch die weibliche Sichtweise angegeben. Eine Sichtweise, die „gleitend“ ist und für mich irgendwie typisch für eine Erziehung zu weiblichem Status in einer heTerrorsexuellen Gesellschaft. Nichts ist sicher, alles offen und ein „Dank fürs Begehrtwerden durch den Mann“ nicht selbstverständlich. Ich spiele hier auf etwas an, was mir im Gespräch mit bisexuellen Männern aufgefallen ist. Männer untereinander bedanken sich in der Regel nicht für die Befriedigung durch den Anderen. Ich habe hier gegenüber bisexuellen Männern immer irgendeine unsichtbare Wand gespürt, die mich letztlich von ihrem Begehren trennte, obwohl wir uns im Sex sehr nahe waren.

Ihre Freundinnen wollen als Dank den Beweis einer Liebe, die frau Mutter ihnen wohl schon in Aussicht gestellt hat. Oder als „Sichersein“, den Bedürfnissen eines Mannes entsprochen zu haben. Frauen ficken mit der Liebe und erwarten das auch vom Mann. Dies klingt in der Rezension von Ellen Kositza irgendwie an. Wahrscheinlich geht es schwulen Männern ähnlich!? Ich habe dazu noch ein wunderbares Zitat von Martin Dannecker gefunden: …dass die Frau vor allem einen Sexualkörper, der Mann hingegen vor allem ein Sexualorgan, aber keinen sexuellen Körper hat.“ (1)

Die heterosexuelle Sichtweise von Männersex und schwulem Sex findet sich in Spuren auch bei Emckes Diskurs um die Missbrauchsdiskussion. Sie greift alte Klischees von Pädophilen auf, die Knaben missbrauchen. Und während sie kindlich-unschuldig mit ihren heterosexuellen Jugenderfahrungen umgeht, ignoriert sie die weibliche Dimension dieses Problems und handelt es politisch korrekt nur an den Männern ab. Andererseits schreibt sie wieder Sätze wie: „Es hätte ja bedeuten können, explizit zu machen, dass Jugendliche als Objekte der Lust gelten konnten, dass unsere Körper begehrenswert sein könnten. Dass wir selbst hätten begehren können, das war gänzlich unvorstellbar.

In einer Welt, in der Sexualität tabuisiert wird, in der die Lust als ambivalente, unheimliche Leerstelle firmiert, kann über Formen der Lust nicht verhandelt werden. (2)

Nur leise klingt zwischen den Zeilen an, dass dabei unwichtig ist, ob das alles in einer „reformpädagogischen“ Odenwaldschule, oder in einem strengen katho-lischen Internat abgeht. Totschweigen verhindert durch den verunmöglichten Dialog auch die verbale Distanzsuche zwischen den Mächtigen und den Ohnmächtigen, um zu verhandeln. Das hat Folgen!

„In einer sexuell repressiven Welt, ob muslimisch oder katholisch, in der das Entdecken der eigenen Lust unterbunden, die Pubertät abgebrochen oder in ewiger Zeitschleife gehalten wird, verbleiben erwachsene Männer in einem infantilisierten Zustand des Vor-Begehrens, gehüllt in einen Kokon der aner-zogenen Scham.“

Hier klingt für mich auch die traditionelle Rolle der Frau an, die – aus-schliesslich auf den Mann vertröstet, dann meist auch gleich den „Täter“ an ihrem Körper hat. Zwischen Frauen scheint das nicht stattzufinden, aber wiederum zwischen Knaben und Männern ist es „zwingend“. Sie beschreibt das als „symmetrischen“ und „asymmetrischen“ Gegensatz.

Des … „ängstlich-ahnungslosen Sehnens nach Anerkennung von dem verehrten Lehrer. Hier leugnen die Täter die eigenen Taten, weil sie das Macht- und Gewaltverhältnis leugnen. Den asymmetrischen Missbrauch, die Vergewal-tigung verklären sie so zu symmetrischem Begehren.“

In der männlichen Sozialisation wurde anstelle des Dialogs oder einer genitalen Lust (bei der hetero-korrekt die Penetration als Gefahr in der Fantasie auf-scheint) die Rauferei und die gewaltsame Annäherung an den gleichge-schlechtlichen Körper entwickelt und bis heute als „normal“ empfunden. (Mit Recht erwähnt Judith Butler in einem Text, dass das Tabu der Homosexualität in der Familie noch vor dem Inzesttabu etabliert wird.)

Seltsamerweise war über den Roman und Film von Christa Winsloe, „Mädchen in Uniform“ seit ihrem Erscheinen niemals von „sexuellem Missbrauch“ die Rede. Unter Mädchen gibt es keinen Penis und vor allem nur „eine Inter-natsschülerin, die für eine Lehrerin starke Gefühle entwickelt“. Mann und Frau lasse sich das auf der Zunge zergehen! Frau verzeihe mir den Ausdruck: Frauen ficken halt mit Gefühlen, was bei Entzug aber genauso schmerzhaft sein kann…

Ich möchte dieses Thema mit einem Hinweis auf das Gedicht „Erlkönig“ abschliessen, in dem es neu-psychoanalytisch um sexuellen Missbrauch eines Knaben durch einen Mann geht. Hingegen in dem Märchen „Hänsel und Gretel“ kann Frau nichts davon erkennen, obwohl die Hexe nicht an dem Finger von Hänsel, sondern an seinem Penis interessiert ist, ob der schon „richtig gross“ werden kann!

Carolin Emcke liebt es, Un-Eindeutigkeiten zu beschreiben und zu umschreiben. So wie sie selbst sich schon immer verstanden hat. Gender. Rumbalgen mit Jungs und alles offen lassen. Gewertet und eingeordnet wird am Ende – und nie gemeinsam…

Interessant sind ihre Beschreibungen aus Gaza, wo sie von Einheimischen begleitet wird. Sie erlebt zunächst die Begegnung mit Frauen, die traditionell gekleidet, sie mit ihren kurzen Haaren und Hosen, nicht als „Ihresgleiche“ erkennen können. Noch interessanter ist ihre Begegnung mit einen Mann, den sie wiederum nicht als „Hetero“ erkennen kann!

„Und da stand er nun vor uns, und wir schauten fassungslos auf diese Erscheinung, als sei er eine Fata Morgana, die sich gleich in gestaltloses Flirren auflösen würde: Ibrahim trug eine Jeans, einen strahlend weissen, puffigen Daunen-Anorak und eine überdimensionale Sonnenbrille, die George Michael bei seinen Konzerten in den Achtzigern hätte tragen können.“

„Schon bei den ersten Sätzen zur Begrüssung … war klar, was nicht klar sein durfte: Ibrahim war schwul. Ein Schwuler in Gaza.“

Für sie war er ein Gender, der nach europäischen Massstäben ein Schwuler war, während in Gaza natürlich kein Mensch für so einen wie ihn eine Bezeichnung hatte. Und der langsame Annäherungsprozess zu ihm als Dolmetscher verharrte in einer Art sexlosem Raum, wie es auch „territo-riumslose“ Räume auf Flughäfen für Durchreisende gibt.

„Vielleicht wusste Ibrahim nicht, wie er wirkte? Woher sollte er das auch wissen? Aber musste er nicht zumindest bemerken, dass er anders aussah, sich anders gab als alle anderen jungen Männer um ihn herum? Wie konnte das sein? Wusste er nicht, wie schwul er sich gab? War er überhaupt schwul?“

Das erinnert mich an die frühen Beschreibungen orientalischer und arabischer Händler, die sich mit allerhand Tand schmückten, farbig kleideten und sich mit duftendem Parfum versorgten…

„War das Tabu zum Opfer seiner selbst geworden: Wurde Homosexualität derart unterdrückt, dass Hamas es nicht einmal erkannte, wenn ein Schwuler vor ihnen stand? Wenn über Homosexualität nicht gesprochen werden darf, dann darf auch nicht gesprochen werden, was Homosexualität ausmacht.“ (3)

Nicht einmal auf eine beiläufige aber direkte Frage nach Homosexuellen konnte der „Mann“ antworten, offenbar gab es keine entsprechende Identität oder Gender für ihn. Sehr wahrscheinlich gab es für ihn einen anderen Begriff, eine andere Auffassung, eine andere Sicht. Als Junge nahm ich zwar typische Homosexuelle zur Kenntnis, aber da ich ja nicht so erschien wie dieselben, empfand ich mich auch nicht als schwul. Ich bin zwar in der Schule und auf dem Weg gemobbt worden, aber keineR sagte je etwas über das Warum! Dabei sagte mir ein Schülerkollege später, er hätte schon immer gewusst, dass ich schwul sei.

Nach einem Angriff der Israelis auf Gaza, reiste Emcke wieder ein und begegnete erneut diesem Ibrahim. Und es war, als sei er so geschockt worden, als er ihr gegenüber erklärte, dass er schwul sei. (Leider gibt sie das Original-Wort nicht an.) Er hätte es bisher noch niemandem gesagt. Die Geschichte von Ibrahim geht in dem Buch weiter, bis zu seiner Flucht nach Europa. Die Scham von zuhause verwandelte sich: „er war froh, sich seiner Homosexualität nicht mehr schämen zu müssen, aber musste sie deswegen gleich schamlos sein?

Was mich an der Geschichte mit Ibrahim störte, ja ärgerte, war das Schweigen über die Gründe der Diskriminierung männlicher Homosexualität in Gaza. Auch wird die historische Entwicklung der Diskriminierung, erst von Männern, dann auch von Frauen völlig ignoriert. Denn Frauen waren traditionellerweise kein Teil des öffentlichen Lebensraumes! Und da Emcke sich vor allem als „queer“ versteht, musste sie auch die Geschichte mit dem § 175 in der BRD, der sich auf Männer beschränkte erst nachlesen. Die Tatsache, worauf die sozial-politische Kriminalisierung der Männer wirklich beruht, erfahren wir von ihr auf S.116, fast in der Mitte des Buches. Und welcheR LeserIN findet da noch die Verbindung zum vorher erwähnten sexuellen Missbrauch?

„Was an den männlichen biologischen Verschiedenheiten wird denn in den Begegnungsformen so bedrohlich? Analverkehr? Das ist ja keine sexuelle Praxis, die ausschliesslich Schwulen vorbehalten ist, das kann auch Frauen Lust bereiten. Oder ist es die misogyne Angst vor Penetration, die Vorstellung, dass Männer nicht nur gefickt werden können, sondern dass Männer gefickt und dadurch erregt werden könnten, die als staatsgefährdend gilt?“

Die Begehrensformen werden nicht weiter ausgeführt. Weiter hinten findet sich dann ein Satz, der mich wieder ärgert: (wie die Fragezeichen im vorhergehenden Zitat) „Homosexuelle Frauen begehren Frauen, weil sie begehren – nicht, weil sie nicht begehren.“ (S. 127) Er wird zur zentralen Aussage erst dann, wenn er wie folgt lauten würde: Menschen begehren das gleiche Geschlecht, weil sie Identität begehren, nicht, weil sie nicht begehren! (P.Thommen) (4) Emcke formuliert das so: „Aber mit Frauen ist es einfach aufregender.“ (S. 142) Und sie hat auch eine Erklärung für sich formuliert.

In einem Kapitel über Prostitution und Huren formuliert sie ihr Entsetzen über die heterosexuellen Verhältnisse und wie sie sich mit den Nutten identifiziert. (5) Frauen verstehen aber nicht den Unterschied zwischen der heterosexuellen Prostitution und der homosexuellen! Diese bietet nicht das gleiche wie in der Ehe, sondern etwas „anderes“ und sie findet nicht unter den gleichen Bedingungen statt.

S. 192 sortiert sie ihre frühen Erfahrungen neu: „Ich wollte andere Mädchen oder Frauen lieben dürfen. Und dieses Verlangen, ohne dass ich das darin enthaltene Lustvolle erkannt hätte, dieses tiefe Verlangen taucht auch auf, immer wieder, bei verschiedenen, meist älteren Frauen, nur verband ich es nie mit der Vorstellung von Homosexualität. Ich verband es nicht einmal bewusst mit „Liebe“.

Diese Definition gilt es zu respektieren, sie ist authentisch und glaubhaft. Aber es gibt auch noch schwule Sichtweisen, Erlebnisweisen, die zwar auch „gleichgeschlechtlich“ konnotiert sind, aber viel „sexueller“ ausgeprägt. Und wenn ich sexuell meine, dann bitte nicht nur „ficken“! Und hier verweise ich nochmals auf Martin Danneckers Zitat!  Peter Thommen_63, Buchhändler

 

Carolin Emcke moderiert regelmässig öffentliche Diskussionen zu verschiedensten Themen. Hier über Religion und Sexualität, worin auch die Analität erwähnt wird.

P.S. Das Buch gibt Anlass zu weiteren Diskussionen dieser Art. Es enthält weitere Erzähl- und Themen-Stränge.

Carolin Emcke: Wie wir begehren, Fischer 2012, 256 S.

 

1) Die Geschlechtsspezifische Durchsetzung des Genitalprimats findet (nach Freud) „ihren Niederschlag auch darin .., dass die Frau vor allem einen Sexualkörper, der Mann hingegen vor allem ein Sexualorgan, aber keinen sexuellen Körper hat.“

(Indem das Sexualziel darin besteht, mit dem Penis in die Vagina einzudringen, was – wie Dannecker daraus folgert – den Penis zu seinem einzigen Sexual-organ macht.)

„Historisch betrachtet erscheint das durchaus zutreffend. Ein ganzes Bündel von Phänomenen deutet darauf hin, dass heterosexuelle Männer bis vor kurzem keinen sexuellen Körper hatten, jedenfalls nicht in dem Sinn, wie er Frauen und homosexuellen Männern eigen ist. Das will sagen, dass sich der Körper der heterosexuellen Männer der Sexualisierung entzog. Ein sexualisierbarer Körper erschien lange gleichbedeutend mit einem Frauenkörper oder einem „Schwulenkörper“ … Martin Dannecker: Männliche und weibliche Sexualität, in: Quindeau/Sigusch: Freud und das Sexuelle, S. 87)

2) Es gibt Knaben, die haben NICHT kein Begehren, sondern eben ein Begehren nach Männern, auch neben der Bereitschaft für Frauen! Aber das ist für Frau Emcke wiederum so unwichtig, wie ihr lesbisches Begehren es für die Heterokultur ist. Und es gibt nicht nur Männer, die Knaben missbrauchen, sondern auch Knaben, die Männer ficken wollen! Doch das trauen sich viele Schwule nicht öffentlich auszusprechen! Damit nimmt man/Frau uns Männern aber einfach einen Teil unserer sexuellen Biografie weg! Kriminalisiert und entsorgt in der Schublade „Missbrauch“!

3) Sinngemäss kann davon geschrieben werden, dass, wenn über männliches Begehren, vor allem nicht über dasjenige des Jüngeren zum Älteren, nicht gesprochen werden darf, dann darf auch nicht darüber gesprochen werden, was diese Liebe (Gerontophilie) ausmacht! Praktischerweise wird sie im Wort „Pädophilie“ gefasst und generell als Missbrauch entsorgt.

4) Und nicht erst politisch-korrekt ab 16, oder gar 18 Jahren! Ich wiederhole, es geht hier ums Begehren und nicht um „strafbare Handlungen“!

5) S. 145-153

Kultur, Ästhetik, Gender

März 23rd, 2013

„Mediale Selbstentwürfe von Homosexuellen“ 2013

Hier mehr über den Inhalt

privat

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Mein Kind liebt anders. Ein Ratgeber

Februar 22nd, 2013

Ein Ratgeber für Eltern homosexueller Kinder. Leider erfahren die meisten Eltern von der sexuellen Orientierung ihrer Kinder erst, wenn diese bereits angenommen und weitgehend verarbeitet worden ist. Damit ergibt sich eine Differenz zwischen ihnen, die auch nicht mehr aufzuholen ist. Die meisten Eltern sind nicht neugierig, was ihr Kind alles mitbringt, auch in der Sexualität. Sie haben schon Pläne für deren späteres Leben und welche Rolle sie ihnen auch später in Bezug auf sie selber zudenken! (Enkelkinder, Grossmutti, etc.)

Es handelt sich dabei immer um denselben heterrorsexuellen Kreislauf, mit denen sich Eltern auch ihr „ewiges Leben“ vorstellen. Weiterleben in den eigenen Kindern…

Diese Fantasien sind meist schon sehr weit gediehen, wenn das Kind dann überhaupt wagt, sich zu melden mit seiner Realität. Aggressive Reaktionen, Verzweiflung, Angst oder Hass sind dabei die „normalen“ Begleiterscheinungen in den heterosexuellen Familien. Rauchfleisch bietet mit seinem Buch wenigstens einen Ansatzpunkt für eine Realitätstherapie, die aber nur wenige Eltern wirklich in Angriff nehmen wollen…

Rauchfleisch gibt eine informative Einleitung über die Theorien und ihre Ernsthaftigkeit. Im weiteren behandelt er die bekannten Geschlechterklischees über Schwule und Lesben und kommt zur Erkenntnis, dass sie weitgehend nicht mehr „stimmen“, auch wenn sie noch vorhanden sind und oft auch von später heterosexuellen Kindern ausgefüllt werden.

Bei den Konflikten zwischen homosexuellen Kindern und Eltern wird sichtbar, dass es auch versöhnliche Szenen geben kann. Aber dass sich Mütter gegen ihre Partner wenden und sich mit den Kindern solidarisieren ist nicht häufig. Der klassische Konflikt ist der zwischen Sohn und Vater, über denjenigen zwischen Mutter und Tochter ist weiterhin weniger bekannt. Aber es gibt nicht nur den familiären Konflikt, der von Geschlechtsrollen und –Bildern gesteuert wird. Die Familie ist auch selber Teil der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung, wie Claudia Müller in ihrer Studie feststellt. (1) Mütter reagieren in der Regel „verhaltener“ als die Männer mit direkten Aggressionen.

Separat wird die Gewalt gegen „Schwules“ in der Schule thematisiert und mit Tipps ergänzt. Leider sind Pädagogen recht zurückhaltend mit diesem Thema, obwohl es auch Studien und Besuchsgruppen mit Erfahrungen darüber gibt! (2) Aber auch im Beruf und im öffentlichen Raum gibt es Gefahr für „Unmännliches“, sofern es eben sichtbar wird.

Speziell nimmt sich Rauchfleisch auch der Diskriminierung durch die „abrahamischen Religionen“ an.

„Die Zeiten sind vorbei, in denen homosexuelle Menschen in erheblichem Masse diskriminiert wurden und gefährdet waren. Heute wird etliches unternommen, z.B. in Schulen, um die Gewalt gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen einzudämmen bzw. zu unterbinden. Auch in den Kirchen und im Hinblick auf die rechtliche Situation ist derzeit in unserer Gesellschaft viel im Fluss. Sie können Ihrer lesbischen Tochter oder Ihrem schwulen Sohn eine grosse Hilfe sein, wenn Sie Ihr Kind in schwierigen Situationen unterstützen und sich für die Verhütung von Gewalt, z.B. im Rahmen von Präventionsprojekten, einsetzen.“ (S. 66)

Am Ende eines jeden Kapitels bringt Rauchfleisch das Wichtigste übersichtlich auf den Punkt

„Je offener hingegen das Klima im Elternhaus ist, in dem die Kinder aufwachsen, desto unproblematischer ist es für sie (die Kinder, Th) sich ihrer gleichgeschlechtlichen Orientierung bewusst zu werden, sie zu akzeptieren und in die zweite Phase des coming out einzutreten, in der sie ihr Umfeld über ihre Homosexualität informieren. Häufig sind es nicht die Eltern, denen sich die Kinder zuerst anvertrauen, sondern die Kameradinnen und Freunde, bei denen die homosexuellen Kinder spüren, dass sie von deren Seite keine Ablehnung, sondern Akzeptanz und Unterstützung erfahren werden.“ (S. 71)

Das „coming out“ der Eltern ist etwas ganz spezielles. Hier wird die politische Dimension der Sexualität in der Gesellschaft definitiv sichtbar. Wie ist das Verhalten gegenüber den Verwandten, Nachbarn und an diversen Anlässen. Besonders wenn danach gefragt wird, ob die Kinder nun Heiratsabsichten haben oder nicht! Bei der Gleichstellung mit der Hetero-Ehe wäre es ein leichtes, zu antworten, wenn das Geschlecht der Partner jeweils offenbleiben könnte! 😉

Die Vernetzung der Schwulen und Lesben mit Anderen war in der Schwulenbewegung etwas Wichtiges. Heute hat dies leider an Bedeutung verloren. Eltern vernetzen sich noch weniger. Aus Scham und aus bürgerlicher Feigheit vor dem „gesellschaftlichen Feind“! 😉

Die Beziehungen zwischen Eltern und ihren homosexuellen Kindern sollten möglichst positiv verändert werden können. Dies ist ein offen referiertes Postulat von Rauchfleisch, hängt aber weitgehend von einer Kooperationsbereitschaft der Eltern ab. Sogenannte „geschlossene“ Familien bekunden auch Mühe im Umgang mit den gleichgeschlechtlichen PartnerINNen ihrer Kinder. Ganz zu schweigen von den „Schwiegereltern“.

Nun, die Schwulen haben da meist eine pragmatische Vorgehensweise gewählt. Was nicht unbedingt sein musste, wurde einfach unterlassen. Manchmal kann es auch peinlich sein, wie „Schwiegereltern“ oder „Schwager“ miteinander umzugehen versuchen. Und zwei Männer legen wohl auf Anderes mehr Wert als zwei Frauen…

„Wie ich in Kapitel 1 ausgeführt habe, stellen bisexuelle Menschen eine eigenständige Gruppe dar. Sie sind weder Heterosexuelle, die Eskapade in „exotische Gefilde (nämlich in homosexuelle Beziehungen) unternehmen, wie ihnen mitunter von Heterosexuellen vorgeworfen wird. Noch sind sie verklemmte Lesben und Schwule, die sich in heterosexuellen Beziehungen verstecken, weil sie nicht den Mut haben, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen, wie die Kritik von Seiten der Lesben und Schwulen mitunter lautet. Beide Ansichten sind indes falsch und werden bisexuellen Menschen nicht gerecht. Ihr sexuelles Begehren und ihre erotischen und sexuellen Fantasien richten sich nämlich auf beide Geschlechter.“ (S. 137)

Das ist zwar eine an sich richtige Feststellung, ermangelt aber der realistischen gesellschaftspolitischen Einordnung. Sie unterschlägt auch die Erfahrungen, die Homosexuelle mit Bisexuellen im Allgemeinen machen und auch die Haltung, die Bisexuelle ihren gelegentlichen, oder parallelen PartnerInnen gegenüber zum Ausdruck bringen. Mit Schuldzuweisungen kommen wir nicht weiter. Ich möchte hier nur die unterschiedliche Wertzuschreibung anführen, die der weiblichen und der männlichen Homosexualität entgegengebracht wird. Das schlägt quasi auf beides zurück!

„Die Irritation, die bisexuelle Menschen spüren, betrifft indes nicht nur sie selbst. Wenn sie, wie im fingierten Beispiel Ihr Sohn, in einer heterosexuellen Partnerschaft leben, hat die Entdeckung der Bisexualität auch direkte Konsequenzen für den heterosexuellen Ehepartner. Im Falle Ihres Sohnes würde die Ehefrau mit einer Situation konfrontiert sein, der sie völlig unvorbereitet gegenübersteht. Dass sich ihr Mann unter Umständen in eine andere Frau verlieben könnte, mag ein Gedanke sein, mit dem sie sich schon beschäftigt hat. An einen Mann als Konkurrenten hat sie aber vermutlich noch nie gedacht. Das verunsichert die Ehefrau eines bisexuellen Mannes im Allgemeinen enorm, zumal sie – wahrscheinlich zu Recht – spürt, dass sie keine Chance hat, wenn sie gegen einen anderen Mann „antritt“.“ (S. 137/138)

Die Regel besteht darin, dass eine „doppelte Frau“ wohl eher von einem Ehemann akzeptiert wird, als ein „doppelter Mann“ von einer Ehefrau. Daher werden aussereheliche Partner meistens geheim gehalten. Von den Kindern der Beteiligten mal ganz zu schweigen. Hier kommt nun das bürgerlich-eheliche Element sehr stark zum Ausdruck! Bisexualität ist ebenso ein Spiel wie die Heterosexualität. Abgesehen von der bürgerlich verstandenen „Liebe“ sind die Teilnehmer austauschbar. Frauen eher noch als Männer. Daher sind homosexuelle Teilnehmer einer heterosexuellen Beziehung auch marginalisiert und entwertet. Das ist die Folge der heterosexuellen Dominanz, die sich wiederum auf die Fortpflanzung stützt.

Als homosexueller Partner von heterosexuellen Männern weiss ich aber seit Jahren, dass die Homosexualität eine Ergänzung der heterosexuellen Bedürfnisse und Partner darstellt und nicht einen schalen Ersatz derselben. Die Praktik vieler bisexueller Männer, zwischen den Freundinnen „über den Hag zu fressen“ und dann wieder eine zeitlang brav hetero-monogam zu sein, drückt dies gut aus. Vielleicht meinte Rauchfleisch Ähnliches wie ich, wenn er ein Kapitel über die „Homosexualität als eine besondere Begabung“ angefügt hat. Verschiedenheit von Anderen als quasi „evolutive Chance“ (Diversity) in Teamarbeit und Gesellschaft.

Die Regenbogenfamilien mit den jeweiligen in die Partnerschaft gebrachten Kinder, sowie mögliche gegenseitige Adoptionen gehören heute berücksichtigt und diskutiert. Womit gesellschaftspolitisch klar ist, dass sich Homosexuelle auch fortpflanzen können, oder wollen. Meist wird ja nur das Gegenteil behauptet…

Letztlich enthält Rauchfleischs Buch noch ein Kapitel, das selten Erwähnung findet: Lesbische Mütter/homosexuelle Väter und ihre homosexuellen Kinder. So einfach das auf den ersten Blick erscheinen mag, so kompliziert kann es aber auch werden.

„Eine völlig andere, für alle Beteiligten ungleich schwierigere Situation besteht indes, wenn Sie Ihre Homo- oder Bisexualität nicht offen leben. Bereits die vage Vermutung, Ihr Kind könnte homosexuell sein, aber erst recht die Gewissheit, dass dies eine Tatsache ist, wird Sie in diesem Fall wahrscheinlich in grosse innere Probleme stürzen, sehen Sie sich doch mit mehreren, für Sie heiklen Problemen konfrontiert:

So könnte sich die Umgebung beispielsweise fragen, „woher“ denn die Homosexualität Ihres Kindes kommt, ob unter Umständen Sie homosexuell sind. Oder Ihr Kind könnte im Verlauf seines coming outs Ihnen diese Frage stellen…“ (S. 163/164)

Es gibt in der erotischen homosexuellen Literatur immer mal wieder Szenen, in denen sich die Familie in der homosexuellen Szene begegnet. Aber das ist nicht die Regel. Ich selber bin auch schon einigen Jungs begegnet, die sich in ihre Väter verliebt haben und unbedingt mit ihnen Sex haben wollten, aber nicht wussten, wie sie es ihnen sagen sollten. Und ich kenne auch einen Fall in einer Familie in Österreich, in der das Inzesttabu überschritten oder ignoriert wurde. Es ist schwierig, mit solchen Situationen umzugeben, aber auch ich hatte als junger Teenager keine andere Wahl, als von meinen Cousins zu schwärmen, oder gar einen zu verführen! 😉

Es ist in jedem Falle zu empfehlen, dass sich Familien – egal welcher Zusammensetzung – sozial öffnen und Aussenkontakte zulassen. Wir sollen ja nicht in ihnen versauern.  Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

Udo Rauchfleisch. Mein Kind liebt anders, Patmos 2012, 184 S. CHF 19.–

Siehe auch meine kritische Einordnung auf gaybasel: Die Bringschuld der Eltern

sowie: Kinder dürfen SO und „anders“ lieben

1) Claudia Müller (Pädagogin): Mein Sohn liebt Männer, 2008, eine qualitative Studie über 5 Mütter)

2) Stefan Timmermanns: Keine Angst, die beissen nicht! Evaluation schwul-lesbischer Aufklärungsprojekte in Schulen, lambda-nrw 2003

männer kaufen – nicht nur in zürich

Dezember 5th, 2012

Zum Buch von Oliver Demont:  (vergriffen!)

Man kann das Buch kaufen wegen der Fotos von Walter Pfeiffer. Man kann das Buch kaufen wegen der grafischen Gestaltung. Wegen des textlichen Inhalts muss keineR dieses Buch kaufen…

Ich habe heute darin gelesen, aber nichts neues erfahren, was nicht schon in vergangenen Jahren und auch aus anderen Teilen der Welt geschildert wurde. Neu sind die einfachere Reisemöglichkeit der Escorts/Stricher in andere Länder und die zentralen Kommunikations-möglichkeiten der neuen Elektronik.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie selbstverständlich die darin geschilderten Verhältnisse der jungen Männer akzeptiert werden, wenn es nicht um Sex als Erwerb geht. Sei es in einer Lehre, auf wechselnden Jobs, oder in wechselnden Familien- oder Beziehungsverhältnissen. Da schreit kein Huhn und kein Hahn! Erinnern möchte ich nur an die sogenannten „Verdingkinder“, für die man/frau sich aus heutiger Distanz ja problemlos entschuldigen kann. Andere mögen in Büchern von Jeremias Gotthelf lesen gehen…

Weibliche und männliche Medienleute, PolitikerInnen, SexualschützerInnen und GesetzeshüterInnen sind ausgezeichnet im Ausblenden der realen gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Heterror diskriminiert die Homosexualität, produziert  „TäterInnen“ und „OpferInnen“, die je nach politischer Korrektheit ihre Rollen wechseln können.

Der gleiche Heterror beutet dazu noch Freier und Escorts/Stricher gemeinsam aus – also beide, wiederum in wechselnden Rollen. Mit Vorschriften und Kontrollen und Mitleid mal mit den Einen oder den Anderen…

Nur über die wirtschaftlichen Verhältnisse wird einfach geschwiegen. Da muss dann das Sexualstrafrecht herhalten und sich von der Politik ficken lassen. Was das Strafrecht wiederum unbenommen an die Betroffenen weitergibt. Wie es sich im hierarchischen und monetär bestimmenden Markt so richtig gehört. Der mediale Aufschrei macht betroffen, doch ausser Gesetzen ändert sich nie irgendetwas. Auch nicht die fehlende Selbstbestimmung der Beteiligten. Ich betrachte es als ein Menschenrecht, seinen Körper zu verkaufen, ob Kopf, Hände oder Schwanz.

„Es gibt persische und türkische Sprichwörter, die besagen, wie vorteilhaft es ist, der Geliebte eines Grossen zu sein, eins, das in freier Übersetzung lautet: „Das meiste erreicht ein Mann mit seinem Gesäss, entweder indem er sich darauf setzt und arbeitet, oder indem er es einem grossen Herrn zur Verfügung stellt.“  (Hirschfeld 1914)

Peter Thommen_62, und alt geworden ohne Stricher

Interview mit Demont   Besprechung von schmerzwach

zum Thema Geschäft mit der Homosexualität siehe auch „von gayromeo zu planetromeo“

was unsere zeit interessant macht

November 14th, 2012

„Die Franzosen neigen dazu, über Manieren zu schreiben, die Deutschen über Wissen, und die Briten über Sex. Amerikaner schreiben über Familien, insbesondere schwule Amerikaner. Somit ist der bedeutendste Beitrag des schwulen Schriftstellers zur Literatur – der Bildungsroman, der von wachsender Selbsterkenntnis und vom coming out erzählt, im Wesentlichen ein Familienroman. Und eine weitere Erfindung geht auf das Konto schwuler amerikanischer Schriftsteller: Die New York Camp-Surreal Romance. Typisch für diese literarische Ausprägung ist die Beschreibung einer verzweifelten Flucht vor der Familie, sowie die Sehnsucht, soziale Beziehungen allein selbstbestimmt zu knüpfen und zu pflegen. Dennoch schleicht sich die Familie, gewollt oder ungewollt, immer wieder in den Text ein, sei es in Form von verträumten Passagen oder reumütigen Anspielungen. Man könnte meinen, im Zentrum schwuler Prosa, und dazu zähle ich ebenso – und vielleicht sogar insbesondere – Pornografie, stünden Väter und Brüder. Im Roman tauchen sie als Fremde oder Gefährten oder Liebhaber auf, auch wenn sie hier selbstverständlich maskiert und idealisiert sind.

Das menschliche Bedürfnis nach Romantik, nach erotischer Anziehung, gehört zu den Grundlagen des Geschichtenerzählens. … Überall in unserem Alltag umgibt sie uns, sie liegt in den flüchtigen Berührungen vorbeiziehender Paare, in den Skandalen und Hochzeitsanzeigen der Zeitungen, in Dankesansprachen bei Preisverleihungen. Daher sind die jüngeren und weniger weltgewandten Schwulen überrascht, wenn Heteros schon bei der geringsten öffentlichen Andeutung schwuler Romantik Verärgerung zeigen. Schwule glauben, es gibt genug Platz für alle; die meisten Heteros machen dagegen nur unter der Bedingung Platz für Schwule, dass diese vorgeben, gar nicht zu existieren. Seiner Ehefrau für ihre Unterstützung zu danken, ist völlig normal; einem männlichen Liebhaber zu danken, ist ein subversiver Akt.

Und doch, trotz des Mangels der Heterosexuellen an Verständnis und ihrer unumwundenen Intoleranz gegenüber Schwulen, verstehen Schwule die Heteros, denn egal wie unser Orientierung sein mag, wir alle wachsen als Teilnehmer der heterosexuellen Kultur auf. Man kann von Geburt an homosexuell sein, doch schwul ist man erst, wenn man willentlich die schwule Welt mit ihrer ganz eigenen Kultur betritt. Schwule verstehen Heteros, aber Heteros verstehen Schwule nicht mehr, als Weisse die Schwarzen verstehe, oder New Yorker die Kalifornier, selbst wenn sie in bester Absicht handeln. Das Schwule ist eine einzigartige Minderheit: streng fakultativ. Sträubt man sich in dem Augenblick, in dem man Farbe bekennen soll, dann erfährt womöglich niemand, wer man wirklich ist.  …

Wenn sich also die schwule und die heterosexuelle Welt berühren, dann nur in der auf Erfahrung beruhenden Sensibilität der Schwulen. Doch haben die beiden eine entscheidende Gemeinsamkeit: das Bedürfnis nach Freundschaft und nicht-erotischer Zuneigung: nach einem wahren Kameraden, einem Kumpel. … Das amerikanische schwule Leben hat – in etwas, das ich seinen fesselndsten Ikonoklasmus bezeichnen würde, die heterosexuelle Verbindung von Romantik und Freundschaft übertroffen. Dein Liebhaber ist dein Kumpel – und wer weiss, ob nicht die Vater- oder Bruder-Liebhaber dazu gedacht sind, die einzigen lebenslangen Beziehungen zu erotisieren, ebenso wie dazu, die weniger dauerhaften Beziehungen des Liebeslebens zu lindern: um Wildheit und Sanftheit, Rivalität und Bündnis gemeinsam in Einklang zu bringen. …

Wenn in Boston die Arbeit an erster Stelle steht, in San Francisco der Sex und in Los Angeles das Geld, dann kann New York sich nicht entscheiden. Die Stadt braucht alle drei zugleich, und meine Figuren brauchen das auch. Doch eines benötigen vielleicht mehr als alles andere: Kameradschaft.

Ich habe Männer gekannt, deren Bedürfnisse sie in eine Vielzahl von sexuellen Abenteuern mit Männern getrieben haben, die sie kaum kannten (je weniger, desto besser), und Männer, denen eine sexuelle Kommunikation allein durch persönliche Gefühlstiefe möglich war. Männer, die alles tun würden, ausser küssen, und Männer, die kaum etwas anderes taten. Männer, die bei allem mitmachten, und Männer, die sich nur selbst berühren konnten. Doch alle waren sie unterwegs in der Szene, und behandelten die Metropole als ihren persönlichen Club der einsamen Herzen. Manchmal glaube ich, sie suchen jemanden, der besser ist als sie; manchmal denke ich, nein, sie suchen sich selbst. Und zuweilen sind beide Suchen eins. Genau das ist es, was unsere Zeit interessant macht.“ (Ethan Morddens Einführung zu seinem Buch: Gay and the City) („Buddies“)

Die einzelnen Kapitel:

Von der Pflege und Erziehung von Eltern und Geschwistern. Eine Einführung, in der meine Wenigkeit die Regeln meines Aufwachsens und comin out’s darlegt – Geständnisse eines Theaterbesuchers – Das ideale Paar. Nach den Gemeinschaften von Geschwistern und Bauarbeitern, untersuche ich eine weitere Bruderschaft – Ein Wochenende mit Heteros – Ich bin der Schnüffler. Eine drollige Erzählung, die inmitten der Handlung ein Traktat über Sexualität enthält – Stadtauf stadtab. Durch die schwule Metropole – Blutige Anfänger. Hier werden die Jahre von Stonewall durchkämmt – Der geilste Mann der Welt – Der Autor nimmt den Abschied

Gmünder 2008/1986, 250 S. ca. CHF 27.-

bücher sind keine bananen

Juni 12th, 2012

Ich habe über dreissig Jahre lang meine Kunden dabei beobachten können, wie sie sich einem Buch annähern – oder auch den Magazinen und den DVDs.

Grundsätzlich – und unabhängig vom Alter – durchstreifen Männer, die auf Männer aus sind, die heterosexuellen Welten und Medien, um irgendwo auf ein Bild, einen Text oder eine Information zu stossen, die sie „verwenden“ könnten. Ausgeprägt war das zu Zeiten, als es „schwule“ Postkarten gab. Da haben eifrige Sammler alle möglichen Läden abgeklappert, um zu diesen Objekten in der so praktischen Grösse zu kommen.

In der heterosexuellen Wüste etwas Wasser finden, um sich zu erquicken, oder eine schöne Erinnerung, ein schönes Bild, das man mit nach Hause nehmen kann, um es zu besitzen. Selbst in Lokalen mit anderen Schwulen, oder mit einem Medienangebot, das sich speziell an sie richtet, pflegen Schwule wie in einem Warenhaus zu wandeln. Der kurze Überblick beim Eintreten verrät den Kenner: Diese habe ich schon gehabt, jene sind zu tuntig, zu alt oder zu jung, aber –  „für mich“ sollte es doch auch etwas geben!

So läuft es auf den ständig wechselnden Parties auch. Je grösser die Auswahl, desto höher die Chance, auf „den Richtigen“ zu stossen? Ich kannte Schwule, die sich schon früher nicht mit einer „Szene“ begnügten. Sie „machten“ die Badeanstalten, die Klappen, die öffentlichen Plätze unsicher, um Heteros aufzugabeln, die noch kein anderer Schwuler vor ihnen gehabt hatte. Der Schwulen waren ihnen zu wenige…

Noch jede Generation hat diese Verhaltensweise übernommen – bis zum heutigen Tag! Der entscheidende Punkt aber ist, wann dieses „Beuteraster“ aufgegeben wird – aufgegeben werden muss, zugunsten echter menschlicher Neugier auf ein interessantes Gegenüber, auf eine Überraschung in der Persönlichkeit, die nicht schon von vornherein – nur das eine hinten hinein – oder vorneherum das Ritual festlegt, das einem ein Lustobjekt, oder einen Fetisch zum Geniessen zuführt. Wo nicht der augenblickliche Erfolg befriedigt, sondern wo ein Bewusstsein für Community, oder für Entdeckung und Überraschung für etwas ganz anderes, einen zum Ausgehen treibt.

Ich vergleiche das gerne mit einem Kreuzworträtsel, das eigentlich immer die gleichen Wörter in neuer Kombination erraten lässt. Erfolg durch Übung und Gewohnheit ist garantiert. Das Spiel, das auch die Heteros mit den Frauen spielen…

Dagegen ist ein Buch etwas ganz anderes!

Es muss entdeckt, erfühlt, erlesen werden – und mit ausdauern der Erwartungen. So wie es – heute – mit „realen“ Personen nur selten noch geschieht. Doch diesen Aufwand zu betreiben, dazu sind Junghomos immer seltener bereit. Entweder sofort alles – mit Heiratsversprechen und eing. Partnerschaft – oder dann gar nichts, oder nur um irgendeines hohen Zugeständnisses wille – oder nur den Quickie der nichts kostet. Bananen sind eine objektive Grösse, die allen als süss und sättigend empfohlen werden können. Aber ein Buch erschliesst seine Qualität erst mit dem realen Lesen. Und wie im Leben, ist der Erfolg eben nicht im voraus garantiert. Oder er ist ganz anders als erwartet.

Auch ich bin manchmal mit meinen Empfehlungen daneben. Aber das sehe ich erst hinterher, wenn der Leser (falls er) wiederkommt und mir ein Echo gibt. Aber dann hat er das Buch schon gelesen und bezahlt – auf MEIN Risiko natürlich! 😉

Ganz einfach machen es sich Leser mit der wichtigtuerischen Frage: „Muss man das gelesen haben?“ So wie ein Spiessbürger fragt, ob er diesen oder jenen unbedingt kennen sollte, weil es für ihn Vorteile bringt – welche Leute das sind, das ist ihm vorab egal.

Keiner kann alle Bücher „vorher“ lesen, um dann zu wissen, was er „nachher“ hätte gelesen haben müssen! Diesen Umstand machen sich zB Buchversandfirmen zu nutze, indem sie einfach die Werbetexte von Verlagen übernehmen – für die sie ja nicht verantwortlich gemacht werden können – und das Risiko den Käufern zuschieben. Auch der Hinweis auf Bücher, die von Käufern „auch noch“ bestellt wurden, ist nutzlos, denn vielleicht hat er diese gar nicht für sich selbst bestellt. Da ist guter Rat teuer – im doppelten Sinne.

Mit den Büchern ist es wie mit den Menschen. Keiner ist für alle empfehlenswert und doch kann er diesem und jenem etwas bringen. Das geht nur durch reale Erfahrungen und deren Tausch. Durch Gespräche und Argumente. Werbung ist wie Partyklatsch und Kritiken wie üble Nachrede. Was dem einen auf den Leib geschrieben ist, ist für einen Anderen wie Klopapier. In Bananen kann man einfach hinein beissen und weiss sofort, ob sie süss und appetitlich sind.

Ein Buchladen ist kein Warenhaus, das man „er – leben“ und wo man einfach nur wählen kann – aus tausend Dingen, die jedem etwas bringen. Schon oft hatte ich die Fantasie, eine Turnhalle zu mieten und ein paar Lastwagen mit Pornos darin abzuladen. Dann Schwule darin einzuschliessen und sie wühlen zu lassen. Ganz bestimmt würden sie erst aufmerken, wenn sie auch das unterste Bild im grossen Haufen endlich haben sehen können! 😉

Es gibt Leute, die treten in meinen Laden ein, fangen links unten bei der Türe an und hören erst wieder rechts oben vor dem Ausgang auf. Sie kommen still und gehen – meistens fragenden Gesichtes – wieder hinaus. Da war leider nichts zu finden, das sie angelacht, oder angemacht hätte. Dabei vermitteln solche oft das Gefühl, als hätten sie ein Recht auf etwas, das sie selber nicht zu wissen glauben, aber von Anderen erwarten dürften.

Nicht jeder mag angesprochen und gefragt werden. Aber wenn er denn nur preisgibt, was er vorher gelesen und ob es ihm gefallen hat, dann ist da schon ein Weg zu anderen oder ähnlichen Büchern vorgespurt. Ob einer „vorher“ überhaupt etwas gelesen hatte? Mir kommt es auch immer wie ein Abenteuer vor! Hat einer alles angeguckt und steht enttäuscht vor dem Regal. Dann wag ich, ihn zu fragen. Und manchmal hat einer letztlich mit mir zusammen zu einem Text gefunden, den er gar nicht gesucht hatte.

Doch wie soll sich ein Gespräch entwickeln, wenn die Kommunikation gestört und das Abenteuer nur im Beutemachen zu finden ist? Wie ist ein Mensch zum Reden zu bringen, so dass er wiederum und seinerseits davon profitieren kann? Es ist bei Büchern und Menschen gleich: Nicht immer ist drin, was draufsteht!

Da erinnere ich mich nostalgisch an die Anfänge im Elletlui, wo der Barman mit allen sprach und nebst dem Getränk auch noch seine Wünsche nach und nach erfahren hat. Gar mancher Gast ist da vermittelt worden und ist am Ende des Drinks zu zweit hinausgegangen. Und manchmal geht ein Kunde auch mit zwei oder drei Büchern wieder zum Laden hinaus, weil ich – zufällig – von ihm erfahren habe, welcher Art von Leselust sein „Fetisch“ ist! Die Freude verdoppelt sich.

Doch ich fürchte, diese Bereitschaft – und die Fähigkeit dazu, nehmen nur ab. Und die „Therapie“ des Buchhändlers wird endlich durch die Werbung völlig ersetzt. Das Buch prostituiert sich selbst an seine Leser. So wie es die Menschen schon lange gegenseitig tun.

Peter Thommen, Buchhändler_62

35 Jahre Erfahrung und Information

Mai 13th, 2012

Im April 1977 öffnete der erste offiziell schwule Buchladen der Schweiz an der Rebgasse in Basel seine Tür und bot ein kleines Sortiment von Büchern und neu erscheinenden schwulen Magazinen an…

Interview in "Männer" Mai 2012 (klick f Vergr.)

Damals war das Schutzalter zwischen Männern auf 20 Jahre und sexuelle Darstellungen war verboten.  Es gab „Homo-Register“ und regelmässig Probleme mit der Polizei.

(In Zürich gab es den BS-Laden von Bruno Scherer seit 1976 und in Berlin öffnete „Eisenherz“ 1978)

 

Eine starke Frau und ein kindlicher Liebhaber

März 22nd, 2012

Zum Verständnis der Geschichte: Im Januar meldete Blick die Story einer Handballtrainerin, die sich auf ein Verhältnis mit einem ihrer Schüler eingelassen hatte, damals 13 Jahre alt. Die Frau erhielt von der österreichischen Justiz wegen Verführung eines Minderjährigen 22 Monate auf Bewährung. *

Renata Juras hat als betroffene „Täterin“ ein Buch geschrieben, in dem sie auf ihr LehrerIN-Schüler-Verhältnis eingeht. Wir sollten davon ausgehen, dass der Text nicht identisch ist mit den Strafakten. Ich schildere daher auch nur meinen persönlichen Eindruck über einen sicher sorgfältig edierten Text.

Als Schwuler ist mir aufgefallen, wie sehr die Lehrerin eine männliche Rolle spielt. Ob das etwas mit ihrer kroatischen Herkunft zu tun hat, sei mal dahingestellt. Für einen Jungen kann das eine „queere“ Funktion bekommen. Ich meine damit eine Dimension über die Geschlechtsrolle hinaus ins Spekulative. So wie meine Freundschaften zu älteren Frauen eine Alternative zu meiner Mutterbeziehung waren und sind – neben meiner homosexuellen Orientierung.

In der Geschichte wird anfangs nur erzählt, dass die Mutter des Jungen einen Freund hat. Sein Stiefvater ist abwesend und kommt erst am Ende ins Spiel. Bis zur Mitte des Buches verläuft alles „normal“ und zufällig. Bis sie auf klare Signale des Jungen stösst. Interessant ist, wie sie diese interpretiert. Bald klärt der Junge bei seiner Mutter ab, ob sie etwas gegen diese Beziehung habe. Viele Heteros finden alles auch relativ „normal“ – abgesehen vom Alter des Liebhabers vielleicht. Erst um das neunte Kapitel herum kommt die Autorin auf ihre persönlichen Beweggründe und Leidenschaften zu sprechen.

Aus der männlichen Perspektive ist es nicht gut, wenn ein Junge von seiner Mutter an eine andere einfach „weitergereicht“ wird. Vor allem, wenn auch in der Freizeit eine Frau die dominierende Bezugsperson spielt. Die nicht unbedingt bewusste allgemeine Homophobie in den Familien erleichtert das. (Ich las darüber eine witzige Kolumne) Mir erscheint alles wie ein stummer „Pakt unter Frauen“.

Begeisterte Leserbriefe zu solchen „Liebesverhältnissen“ in der Presse und online, bestätigen mir auch, dass Freud seinen Ödipus nur nach den Äusserlichkeiten formuliert hat. Nach seiner hetero Theorie begehren die Kinder jeweils ihren verschieden geschlechtlichen Elternteil. Aber der „innere“ Anteil der erotischen Dynamik wird dabei übersehen. Wenn doch Kinder wirklich „unschuldig“ sein sollten, dann müssen sie von den Eltern – oder eben dann von den „bösen Pädophilen ausserhalb sexualisiert“ worden sein, wie das Frauen immer monieren – aber zwischen der Homo- und der „heiligen Heterosexualität“ einen grossen Unterschied machen. Als Schwuler stehe ich da ausserhalb und kann nur Fragen stellen. Solche, die sich die ältere Geliebte offensichtlich niemals stellen musste.

Wenden wir uns also der Sichtweise der Autorin/Täterin zu. Von Sex war bisher noch nicht die Rede, nur von Ahnungen, von überwältigenden Gefühlen! Sie schildert ihre inneren Beweggründe, warum sie sich auf den Jungen eingelassen hat, wie folgt.

„Ich wusste lange genug, dass ich diesen Jungen liebte. Dieser Kuss war wie die Antwort auf die Frage, ob unser Traum doch Wirklichkeit sein konnte.“ (S. 85)

„Er war zärtlich, klar und offenbar wild entschlossen. Wieder fühlte ich mich jünger als er, im Ungewissen, was nun passieren würde. Er liess meine Hand nicht los und ich fühlte den Puls in seinen Fingerspitzen. Ich wusste, wie alt er war, aber ich wusste in diesem Moment nicht, dass das Gesetz unsere körperliche Liebe verbot. Ich wusste, dass er zum ersten Mal mit einer Frau zusammen war. Ich wusste dass er mein Spieler war. Aber ich spürte nur einen Mann und eine Frau.“ (S. 85)

Aus dem bisherigen Buchtext geht nicht hervor, dass sich die beiden über ihre Vergangenheit ausgetauscht hätten. Sie konnte eigentlich nichts davon wissen. Oder erst im Nachhinein. Und das mit dem Gesetz musste sie – wenn nicht als Mutter oder bereits Ehefrau – wenigstens als Trainerin wissen –  sie hatte es einfach verdrängt. Aber soweit geht ihre textuelle Offenbarung nicht.

„Ich spürte, wie Tränen aufstiegen, fühlte mich vollkommen verletzlich, ausgeliefert und unsicher. Ich war siebenundzwanzig Jahre älter als Ervin. Diese Realität traf mich härter als in den letzten Tagen.“ (S. 86)

So wie sie oben nur Mann und Frau spürte, so übernimmt sie auch hier – trotz ihrer männlichen Trainer-Rolle und ihrer persönlichen Dominanz – die verletzliche Mädchenrolle, wie es ihr in der Heterosexualität zusteht. Sie redeten bei alle Treffen eigentlich „nicht viel“.

„Als ich zur Tür hinausging, wusste ich, dass Ervin aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken war.“ (S. 87)

Als Schwuler staune ich immer wieder, wie überzeugt Frauen über Männer dies und jenes „wissen“. Und für fast alle Frauen gibt es eben nur Männer – keine Schwulen, oder wenigstens Bisexuelle. Und als Schwuler, der auch sehr viel mit heterosexuell orientierten Männern Sex hat (lieben wäre für sie zu schwul!), weiss ich und lese ich immer wieder in Foren, wie unverstanden sie sich oft von Frauen in ihrer Sexualität fühlen. Eigentlich ist es eben „nur ein Spiel“.

Jungs – und um die geht es mir, weil Mädchen höchstens als eigenes Rollenspiel bei der Täterin hier auftauchen, wollen in erster Linie so sein wie Erwachsene. Diese Rolle wird ihnen auch sozial und familiär aufgetragen. Und Renata gesteht diese ihrem kindlichen Liebhaber sofort zu. Noch bevor sie wirklich wissen was sie selbst wollen, wollen Kinder „den gleichen Sex“ nachmachen wie die Erwachsenen, die ihn aber wiederum für sich reserviert haben. Den „richtigen“ Sex. Aber der ist normalerweise in der Familie nicht und ausserhalb nur schwer zu haben. Es kommt eher vor, dass der Vater mit seinem Sohn zu einer „Fachfrau“ geht und diese auch noch bezahlt. Mütter gehen eh mit ihren Söhnen nirgendwo hin, sie würden sonst eifersüchtig. Solche Gedanken bewegen mich beim lesen dieser Geschichte. Es gäbe wohl noch mehr anzuführen…

Bald folgt der offizielle „Treff der Mütter“:

„Ich versuchte, mich in ihre Lage zu versetzen. Wenn meine Tochter Emily in einen einundvierzigjährigen Mann verliebt gewesen wäre, wäre ich mit Sicherheit ausgeflippt und hätte den Mann zum Teufel geschickt. … Ein Mann, auch wenn er jung ist, weiss besser, was er will. Und vor allem weiss er ganz genau, was er nicht will.“ (S. 91/92)

Das vermisse ich oft bei Gerichtsberichten über Knaben, die von Männern „sexuell missbraucht“ worden sind. Im Grunde genommen ist die Homosexualität ja schon der sexuelle Missbrauch. So einfach ist das. Und was ist mit den schwulen Männern, die sich als Junge erst in die Heterosexualität mit Frauen verirren?

Die Schwiegermutter: „Weisst Du, Renata, ich habe die ganze Sache wahrscheinlich schon viel früher bemerkt als du. Ich habe euch ja oft genug beim Training zugesehen. Ervin hat dich ständig mit seinen Blicken verfolgt.“  (Wie aufmerksam!)

Judith hatte unsere Liebe tatsächlich früher erkannt als Ervin und ich. Aber schliesslich war sie seine Mutter. Ich wusste nur zu gut, wie es sich anfühlt, wenn man sein Kind liebt und kennt.“ (S. 92)

Als Schwuler ist mir schon längst klar, dass Mütter die homosexuelle „Orientierung“ ihrer Söhne erkennen müssen, „wenn sie sie lieben“ (?). Doch die meisten geben auf Befragung an, sie hätten keine Ahnung gehabt. Wenige schweigen sie tot und einige wehren sich wie Löwinnen dagegen. Und auch in dem Buch über die Frau und den Jungen schwebt eine Stimmung von: Worüber nicht geredet wird, das kann es nicht geben. Drum hat die Täterin ja auch ein Buch geschrieben – weil es ihre Liebe geben soll. Und das ist auch gut so! Und worüber darin nicht geschrieben wird, das hat es auch nicht gegeben. 😉

„Und habt ihr euch schon geküsst?“ fragt eine Tochter von Renata bei der kritischen Familienkonferenz zuhause.

„Ich lächelte verlegen und nahm meine beiden grossen Mädchen fest in die Arme. Wir waren nicht länger nur zwei Generationen von Frauen, sondern drei Frauen, die die gleiche Sprache sprachen.“ (S. 98)

Es war im Buch natürlich nie die Rede davon, dass Knaben und Frauen NICHT die gleiche Sprache sprechen! Und jetzt endlich kommt ihr „Noch-Ehemann“ ins Spiel. „Wäre meine Familie dagegen gewesen, hätte ich mich gegen meine Liebe entschieden.“ (S. 99)

Ihr Noch-Ehemann nahm die Sache gefasst und fragte sie nur, ob sie glücklich sei. Und hier endlich werden Schuldgefühle sichtbar: „Ich bin sehr glücklich, aber ich habe Schuldgefühle.“ Und nachdem er weiss, wer es ist: „Denkst du jetzt, ich bin eine Rabenmutter?“ (S. 108)

Schön, wenn die eigenen Töchter, der eigene Noch-Ehemann, nahe Bekannte, die „Schwiegermutter“ alle einem nicht den Krieg erklären, wie das bei einem gleichgeschlechtlichen Verhältnis garantiert der Fall wäre. Doch da waren noch Familienangehörige der anderen Familie einzuweihen. Der Stiefvater von Ervin hatte gefragt, ob sie beide schon miteinander geschlafen hätten. (Im Buch ist bis hierhin immer noch nichts Sexuelles erwähnt worden).

„Ervin sah mich nun direkt an. Ich stieg versehentlich kurz auf die Bremse und das Auto hoppelte. Und? Nichts. Ich habe die Wahrheit gesagt.“ (S. 114)

Der Stiefvater und die Liebhaberin sind sich nicht sympathisch. Das hatte sie schon vorher irgendwie gespürt. Es war nett, dass man sich mal in einem Café und kurz vor einem Training kennengelernt hatte. Dieser Stefan erstattet dann auch Anzeige. Es war ja eigentlich auch Pflicht für ihn. Die Frauen alle dachten gar nicht erst an so was.

Die Einvernahme soll etwa eine Stunde gedauert haben. „Ich habe die Wahrheit gesagt, wie du mir geraten hast. Ich sagte, dass es stimmt“. Er sah mich mit trotziger Miene an. „Ich habe ganz ruhig gesagt, dass wir zusammen sind und dass wir Sex gehabt haben.“ Dann hat die Frau noch gefragt, ob Zwang oder Gewalt im Spiel waren. Da hab ich natürlich verneint.“ Ervin sah abwesend und nachdenklich aus. Er zögerte kurz. „Da hab ich deutlich gespürt, dass sie mir in dem Moment nicht richtig geglaubt haben.“ (S. 129)

Wir erfahren erstmals am Ende des zweiten Drittels des Buches, dass die beiden auch Sex gehabt haben. Doch nur über den Umweg über die Aussage Ervins vor der österreichischen Polizei. Hier erinnere ich mich an Jungs, die niemals so lange warten könnten, bis sie zu ihrem Sex kommen. Mein Ex hätte niemals so lange gewartet – im Alter von 15 Jahren. Und die Jungs sind mit Eifer dabei, ihr Können zu erproben oder zu beweisen. Auch mit Männern! Aber für diese Frau und andere zählt nur die Liebe, die nirgendwo als „unsere Liebe“ formuliert worden ist, soweit ich mich erinnere.

Ja, ich weiss, es gibt immer Ausnahmen. Was sagte nun die Mutter des glücklichen Jungen vor der Polizei aus? „Na ja, als sie Mama gefragt haben, warum sie das mit uns erlaubt hat, hat sie gemeint, dass sie nichts dagegen tun kann und will, wenn ihr Sohn sich verliebt. … Dass sie mich nicht rund um die Uhr einsperren und beobachten kann. Sie hat gesagt, dass sie es vorzieht, offen mit mir zu reden und so eine gewisse Kontrolle zu behalten. Ervin nahm meine Hand. „Am Schluss hat sie noch gesagt, dass sie die Anzeige von Stefan dumm findet.“ (S. 130)

Das Liebespaar wusste angeblich nicht, dass ihre „wahre Liebe“ von Gesetzes wegen strafbar war. Mich erstaunt nur, dass es bei homosexuellen Liebesverhältnissen immer alle wissen! Immerhin darf Frau in Österreich  ab 14 Jahren schon Liebhaber haben, sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechts. Für Männer war es lange Zeit höher. Und die „Gleichbestrafung“ musste schwer erkämpft werden.

„Ervin wollte für mich da sein. So sollte es sein, fand ich, ein Mann sollte seine Frau beschützen wollen. Ich wusste, dass Ervin genau darunter leiden würde: Mir nicht helfen zu können. Es würde ihm seine Machtlosigkeit vor Augen führen und seine Schuldgefühle übergross werden lassen. Er fühlte sich für die Situation verantwortlich.“ (S. 132)

Als Schwuler kann ich nur feststellen, in gleichgeschlechtlichen Verhältnissen gilt all das nicht. Es geht dort vor allem darum, den Jungs beizubringen, dass sie in jedem Fall sexuell missbraucht worden sind. Aber eigentlich geht es darum, dass nicht politisch richtig gefickt wird. Und da kann dann auch kein Verständnis aufkommen für eine „wahre Liebe“, die nicht weiss, dass sie dafür bestraft wird. Wenn Renata sich fragt, warum Stefan (der Stiefvater von Ervin und Anzeigensteller) „so etwas tut“, so fragen sich viele heterosexuelle Frauen bei homosexuellen Verhältnissen genau umgekehrt: Warum sollte frau „so etwas nicht tun?“ Immerhin dachte die Täterin darüber nach, „dass Stefan vielleicht Angst davor hatte, seinen Sohn an mich zu verlieren.“  (S. 135) Frauen sind sich immer ganz gewiss, dass sie ihre Söhne – an Männer – verlieren…

Es blieb noch das Gespräch mit der Fussballmannschaft. „Jungs, hört mal zu, begann ich, „ich möchte mit euch reden, aber nur mit den älteren Spielern. Die Kleinen können schon gehen.“ Ich wollte nicht, dass die Jungs Jahrgang 99 und 2000 mit dieser Geschichte belastet wurden.“ (S. 137)

Tja, die grossen Jungs werden es den Kleinen wohl voller Stolz erzählt haben. Wie kann Frau nur so naiv denken und handeln? Und die kleinen Jungs sind ja auch nicht blind. Werden aber gerne von Müttern dafür gehalten. Nichts desto trotz macht es sie glücklich, dass Ervin dann ein Kind von ihr will und dass die Liebe über alles gesiegt hat.

Bei fast allen homosexuellen Liebesverhältnissen siegt aber das Gesetz. Und dabei ist egal, ob es die grosse Liebe, das Erstemal oder Unkenntnis war.

Peter Thommen_62

 

Renata Juras: 41 und 14, edition a, Österreich, 184 S. CHF 24.-

 

* Fortsetzung der Vorbemerkungen:  Weitere Fälle wurden von Blick als „Sex-Lehrerinnen“ bezeichnet und nur ein Fall enthielt die Bezeichnung „Kinderschänderin“. Aufgefallen sind mir Leser-Reaktionen darauf, die schon immer von solchen Partnerinnen in der Jugend geträumt haben wollen…

Zum Verständnis des Autors dieser Besprechungs: Ich bin 62 Jahre alt, von Kind an homosexuell und dann konsequent schwul. Das hielt mich aber nicht davon ab, mich in die Lehrerin des ersten Schuljahres und diejenige des letzten Schuljahres ein wenig zu verlieben. Meine Grossmutter war meine erste alternative Mutter und seit etwa 40 Jahren hatte ich immer wieder zufällige Freundschaften mit älteren Frauen. Mehr nicht.

Anfangs 30 hatte mich ein 15jähriger Junge angemacht und ich war etwa 2 Jahre mit ihm zusammen. Meine Präferenz ist bei Anfang 20…  Ich selbst hatte nie Sex mit älteren Männern oder Frauen.

Es wird immer nur über „Pädophilie“ geschrieben – es muss auch die Gerontophilie von seiten der Jüngeren geben, wir können nicht alles einfach im „sexuellen Missbrauch“ entsorgen.

Dalida, ein bewegendes Lied über einen 18jährigen Liebhaber (es war ursprünglich ein 16jähriger)

Alles wird gut, wenn der Knabe und seine Liebhaberin ein Kind erwarten!

Hier live auf youtube, mit dem gemeinsamen Kind – als Beispiel zusammen mit anderen jung mit ältere  Verliebten.

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Ein weiteres Buch zum Thema ältere Frau – jüngerer Liebhaber (im gesetzlich erlaubten Bereich)

Alissa Nutting, Tampa (HoCa 2013)  Eine junge Frau jagt 14jährige Jungs. Sie tut dies letztlich als „Phantasie“ ab und bleibt unbehelligt!