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eine schöne Fresse!

Samstag, März 28th, 2015

Was man damit anfangen kann, das erzählt uns Edouard Louis in seinem autobiographisch gefärbten Roman „das Ende von Eddy“. Für viele ist nicht klar, warum er ein „Ende“ beschreibt. Das tut er, weil er mit seiner Kindheit und Jugend endgültig abgerechnet hat. Der Roman ist seine Abrechnung mit allem und allen. Darum hat er sich auch einen neuen Autorennamen zugelegt.

Ich habe die Geschichte von Eddy erzählt, ein Porträt des Dorfes gezeichnet, in dem er aufwächst, der Menschen, die ihn umgeben, um die Erfahrung des Dominiertwerdens greifbar zu machen.“ (1)

Das heisst also, dass er sein „persönliches“ Drama in den politischen Zusammenhang stellt. So wie es die Schwulenbewegung gemacht hat. „Im Flur fragten sie mich, wer ich sei, ob ich wirklich Bellegueule sei, über den alle reden. Sie stellten mir jene Frage, die ich mir dann selbst stellte, monate-, jahrelang, bist du der Schwule?“ (2)

Wie viele schwule Kinder fragte er sich, woher das kam, was andere „Schwuli“ nannten: „Meine Eltern nannten das „Getue“. Sie sagten: Lass doch das Getue. Sie wunderten sich. Warum benimmt Eddy sich wie eine Tussi? Sie sagten: Reg dich ab, muss das sein, dieses tuntige Gefuchtel. Sie dachten, es sei meine Entscheidung, dass ich mich so benahm, als wäre das eine Ästhetik, die ich kultivierte, um sie zu ärgern.“ (3)

Die Metapher vom „schwulen Kind“ gibt es noch gar nicht. Die Eltern stossen sich daran, weil es ihnen etwas sichtbar macht, das sie ja „gar nie vermittelt haben“! Nach der bewährten Hetero/a-Legende: So etwas gibt es in unserer Familie gar nicht.

Auch der Versuch, sich in die Mädchenkleider seiner Schwester zu stürzen, erschien ihm schliesslich zu absurd.

In der Mittelschule ausserhalb seines Dorfes war er mit neuen Leuten konfrontiert, die ihn neu taxierten. Ein Schüler liess ihn vor den Kollegen auf und ab laufen. Er sagte zu ihnen: „Passt mal auf, wie der läuft, total schwuchtelig, und er versprach ihnen, sie würden was zu lachen haben. Als ich mich weigern wollte, machte er mir klar, dass ich keine Wahl hatte und dafür büssen würde, wenn ich mich weigerte. Wenn du es nicht machst, kriegst du ein paar aufs Maul.“ (4)

Es ist erstaunlich, wie das Kind und der Jugendliche sich an der Rolle der Männer, dem Dorf und seiner Familie abarbeiten musste. Er porträtiert die Mutter, die Familie und die Menschen um ihn herum mit Geschichten aus ihrem Leben – bis ins Schlafzimmer der Eltern. Auch die sexuellen Übergriffe von heterosexuellen Jungs bekommen ihren Platz. Wir sehen, wie gewisse Sexualfantasien entstehen, sich verstärken und etablieren können.

EdLouis

Edouard Louis

Alles was man nicht hören wollte, wurde als Privat-angelegenheit ausgelegt. Mich hat es interessiert, diese Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem neu auszuloten.“

In allen Ländern, in denen der Roman bisher erschienen ist, wurden beide Themen, Klasse und Homosexualität, immer zusammen gesehen. Genau darum ging es mir ja auch, zu zeigen, wie sich beides bedingt. Schwul zu sein im Iran, in Russland, im Marais in Paris, in Berlin, oder in einem kleinen Dorf in Nordfrankreich, ist eben nicht dasselbe.“ (1)

Er versucht erfolglos zu fliehen. Er versucht auch, eine Freundin zu haben. Erst der Wegzug an eine höhere Schule und in ein Internat ermöglichen es ihm schliesslich, mit seiner Vergangenheit abzuschliessen. Und mit dem Namen Edouard Louis ist sein Leben als Edouard Bellegueule definitiv beendet.

Edouard Louis: Das Ende von Eddy, S. Fischer 2015, 205 S. ISBN 978-3-10-002277-6

Auch die französische Ausgabe ist lieferbar! Und die italienische besorgt ARCADOS auch!

1) Edouard Louis im Interview mit Friederike Schilbach

2) EL, dt. S. 13

3) EL, dt. S. 24 (hierzu sh. im Interview bei France Culture wie er – ab min 9’55 mit den Händen spricht!)

4) EL, dt. S. 32

Besprechung im „Spiegel“

SRF2 Kultur

Interview mit dlf

Epilog

Erfreulich, wie ein Junge die Worte wieder findet, die schon frühere Generationen formuliert haben! Und die „Tränen“ der Heteros darüber sind so heuchlerisch. Jedesmal müssten sie sich fragen, wer die Verantwortung dafür trägt und jedesmal wird das ausgeblendet. Auch wenn geschrieben wird: „Seine Tränen sind politisch!“ Denn niemals hatte es Konsequenzen in der Politik. Es wurden die juristischen Vergewaltigungen beseitigt, denn damit drang nichts mehr in die Medien und die Öffentlichkeit. Selbst die anale Vergewaltigung durch Heteros wird in keinen Interviews, die ich gesehen habe, thematisiert. Denn eigentlich ist ja immer der Schwule der Täter an den Heteros. Und so soll es ja auch weiterhin bleiben. Auch in der Sicht von Frauen. Denn wenn es „gebürtige Schwule“ geben würde, stimmte das Bild nicht mehr vom verführten und sexuell missbrauchten männlichen Kind! Es wäre zu revolutionär.  Peter Thommen

 Der Text als PDF

coming out ist lebenslang!

Dienstag, Oktober 8th, 2013

Der „coming out day“ wurde 1988 in den USA ins Leben gerufen, um jährlich daran zu erinnern, dass es irgendwann eine Linie im Leben eines Mannes gibt, die ihn zu einer Selbsterkenntnis und zur Wahrnehmung durch Andere führt.

Für die heterosexuelle Kultur ist das etwas ganz Selbstverständliches! Unter Jungs die erste Ejakulation, in der Schule der erste Schulschatz, der „mit einem geht“. Später der erste Kuss und der erste Koitus! Alle freuen sich darüber und Eltern warten meistens auf diese „ersten Male“. Auch nicht mehr solange bis zur Verlobung oder Heirat…

So hat jedeR Hetero/a einen natürlichen Verlauf von coming out als Person, als Sexualpartner und Bezugsperson. Und selbstverständlich sind sie stolz darauf, wollen die Freude der ganzen Welt erzählen! Dazu gibt es triviale und literarische Vorlagen, Filme, und Musik, oder heute das fb, das Iphone und die verschiedensten Apps…

Eigentlich könnten sich ja alle auf denselben Plattformen bewegen. Aber das würde nur „stören“! Da schleichen sich die viertel-, die halb- und die „ganzseidenen“ Heteros lieber in die schwulen Plattformen hinein.

So ist es Tradition, dass die Schwulen ganz eigene Kontaktebenen entwickelt haben. ARCADOS war der erste schwule Buchladen im deutschsprachigen Raum (1977). Wenigstens der erste, der als solcher auch so offen auftrat, mit einer handvoll deutschsprachiger Bücher.

In den 70er Jahren gab es nur furchtbar verkopfte Bücher, vor allem linker Provenienz. (Homosexualität als „Nebenwiderspruch“!) 😛

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In den 80ern kamen dann die „unkomplizierten“ Taschenbücher – sogar in allgemeinen Verlagen wie Rowohlt! Unvergessen „schwul na und?“ von Thomas Grossmann (1981) Sie kamen im outfit jener Zeit daher und vermittelten Luft. Besonders in Erinnerung eine Zeichnung: Ein Vater am Bett einer Domina, mit Hundehalsband: „Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass mein Sohn ein perverser ist? Stell dir vor er ist schwul!“

Ein Jahr später: Männer. LiebeEin Handbuch für Schwule und alle, die es werden wollen.“ von Matthias Frings und Elmar Kraushaar (1982) Sie gaben Einblick in die Szene, die Ikonen und das Privatleben. Sogar die Schwulenbewegung kriegt ihr Kapitel darin. Ein wunderbares Zeitbild.

Dann kam 1984 eine Handreichung für Eltern, wiederum von Thomas Grossmann. Doch ihr Einbezug war schwierig, wegen der Familiensituation.

Schliesslich „Beziehungsweise andersrum schwul – und dann?“ nochmals von Grossmann. In allen diesen Büchern fand eine Auseinandersetzung mit sich und Anderen statt. Der Leser bekam eine vielfältige Sicht auf Biographien und Lebensläufe. Schwulsein öffnete sozusagen die bürgerliche Sicht auf das Leben in seiner schwulen Vielfalt. Doch davon ist heute nicht mehr viel übrig geblieben.

Eigentlich geht es den Schwulen wie den Kindern! Sie erhalten Sexualinformationen, die eigentlich ihrer Lebensweise schon vorgefertigte heterosexuelle Erfahrungen und Empfehlungen vorgesetzt bekommen. Schwulen Sex macht man, mit dem Ziel den Mr. Right gleich fürs Leben zu finden. Dazu braucht es – wie bei den Frauen – viel Kosmetik, sowie Sport, Fitness, Parties und Ferienreisen…

Eine Meditation oder Auseinandersetzung ist nicht mehr nötig. Es kommt auf die Accessoires und die Fetische an. Zudem steht uns das Kamasutra mit allen möglichen Sexualpraktiken zur Verfügung, so dass es uns eigentlich bis 80 nicht langweilig werden kann! Hä?

Schwule sind inzwischen nur noch eine Gruppe unter vielen Sexualorientierungen, wie Asexuelle, Transsexuelle und andere. Wir sind zu einer Minderheit in den Minderheiten geworden. Der Buchladen als Treffpunkt hat sich längst überlebt. Schon ARCADOS wurde übrigens mit dem Vorwurf eines „Pädophilentreffpunktes“ – noch im letzten Jahrhundert – angegriffen. Redet keineR mehr davon heute… So schlimm kann es also nicht gewesen sein! 😉

Es gibt aktuell auch keine Bücher mehr für Jungs, die wissen wollen, was auf sie wartet. Das suchen sie sich im Internet zusammen. Oder stellen ihre Sexualität selbst darin dar. Aber das ist den Heter/as ein Dorn im Auge. Mittels Kriminalisierung von „Kinderpornografie“ (bald bis 18) versucht Frau, dies wieder in den Griff zu bekommen. Meistens fehlt auch die Angabe, was denn genau darunter verstanden werden muss. Kann jedeR die schlimmsten Sachen damit meinen – eine inhaltliche Auseinandersetzung darüber ist obsolet.

Die aktuellen Sexualinformationen werden von den Aidshilfen produziert und verteilt und diese wiederum nehmen Rücksicht auf die Kontrolle aus der Politik. Kein wagemutiger grösserer Verlag mehr und schon keiner, der an schwulen Käufern interessiert ist. Die meisten Kinder- und Jugendbücher zum Thema werden von Frauen geschrieben und sind so ziemlich „asexuell“.

Das relativ neue „Milchbüechli“ (aus Baden) nimmt sich – auch mit Unterstützung staatlicher Stellen – der Sexualinformation – jetzt verschiedenster – Minderheitengruppen an. Aber wenn es um Analverkehr geht, dann sollte schon klar werden, dass es bei Frauen und Männern nicht das gleiche Gefühl und die Wirkung sind. In der aktuellen Nummer fünf gibt es Rat: „In Pornos habe ich gesehen, dass mit Urin Sexspiele gemacht werden, ist das normal?“(J. -17 J.)

Die sehr „weibliche“ Antwort darauf ist: „Um herauszufinden, was dir gefällt, probierst du es am besten aus. Herumexperimentieren macht Spass…“ Klar, dann sind die Leute beschäftigt. Und es muss sich für die Beteiligten „gut anfühlen“. (S. 15)

Jeder Fetisch ist dann „normal“, wenn er auch von allen verstanden wird – und nicht nur Spass macht. Wir halten es allgemein auch mit „der Homosexualität“ so! Anstelle der Fachausdrücke ist der Zusammenhang wichtig. Letztlich ist heute „alles normal“, nur verstehen tut es keineR… (Das erwarte ich schon von StudentINNen und Linken!)

Ganz zu schweigen von der politischen Dimension. Pornokonsum wird bald erst ab 18 Jahren erlaubt sein und vorläufig sind Darstellungen wie „Watersports“ und „das was ins Klo gehört“ ebenso schwer strafbar wie die allseits verfolgte Kinderpornografie. Und Unwissen schützt vor Strafe nicht… (Aber das ist wohl wieder so ein „Nebenwiderspruch“.)

Ein „coming out“ ist also auf allen Ebenen und zu allen Zeiten wichtig. Daher sollten wir aufhören, einen „Spezialtag für jugendliche Schwule“ zu zelebrieren, denn heraus kommen wir in allen Lebensaltern. Ausserdem würde die – zwar politisch korrekte – Trennung zwischen jungen und erwachsenen und älteren Schwulen aufgehoben und die Angst aller voreinander würde gebannt.  (Die öffentliche Vorstellung von den Jungs „und ihren Verführern„!)  Es ist durchsichtig, wieso keineR daran politisch interessiert ist! Aber genauso wie zwischen Hetero- und Homosexualität muss die trennende Ordnung sein, wo kämen wir denn da sonst hin?

Meine Generation hat auf den Forschungen der Heteros aufbauen müssen. Wir waren ihren „Erkenntnissen“ sozusagen ausgeliefert. Inzwischen haben Schwule und Lesben eigene Forschungen und Erkenntnisse zusammengetragen – sie müssten nur noch aufbereitet und in geeigneter Form angeboten werden. Damit nicht jede Generation wieder bei Null anfangen muss!

Ausserdem gibt es heute eine „homosexuelle Sichtweise“ des Ganzen, die ebenso wichtig ist, wie die „weibliche“ Sichtweise zur männlichen.

Dazu braucht es auch reale Kontakte und Vertriebswege, wie zB schwule Buchläden. Denn offenbar interessieren sich Hetero/as nicht so sehr dafür. Da können wir noch so „heterofriendly“ oder „heterolike“ tun, wie wir wollen. Zum Schluss die schon früher gestellte Frage: „Wieso müssen eigentlich immer die Homosexuellen ihr coming out machen? Eigentlich wären es uns die Hetero/as schuldig, ihre Toleranz – jeden Tag – wie selbstverständlich zu „beweisen“. Vor allem und zuerst die Eltern, denn die sind eigentlich an allem „schwuld“! 😛

Peter Thommen-63, Buchhändler, Basel

 

Der Heterror im Umgang mit Homosexualität besteht darin, homosexuelle Jungs nur halb ernst zu nehmen und sie vor erwachsenen Verführern zu bewahren, sowie die erwachsenen Schwulen von ihnen fernzuhalten mit Drohungen von „Pädophilie“!
Damit lernen wir, den heterosexuellen Missbrauch in der Jugend zu vergessen und uns damit abzufinden, dass wir „nicht alt werden können“!!
Es fehlt uns die Verbindung der Generationen, die für Heterosexuelle selbstverständlich und wichtig ist.  
Daraus werden alle Manöver wie Adoptionsverbot und „Schutz vor Ausbeutung“ bis 18 Jahre verständlich. Aus diesem Grund hat die Schwulenbewegung auch das frühere Schutzalter von 20 auf der Strasse bekämpft! Es hat gerade mal 20 Jahre gehalten…

Nordafrikanisches Liebesleben im Wandel

Montag, Mai 27th, 2013

Shereen el Feki hat ein aktuelles Buch mit sehr viel historischen, ethnologischen und sexuellen Informationen geschrieben, das ich mit Spannung gelesen habe.

Die Sexualkultur unter Moslems ist darin sehr anschaulich beschrieben, sowie die Doppelmoral, die sich aus Religion und Wirklichkeit ergibt. Neben der Situation von Frauen beschreibt sie auch die desolate Wirklichkeit von Männern. Unter der heute gültigen Kultur leiden beide Geschlechter, weil sie eine Ideologie für Gläubige (mönchisch) und keine mit Bezug auf Alltagserfahrungen mehr ist. Aberglaube, Unwissen und „vorauseilender Gehorsam“ sind wichtig! (Also Handlungen, die etwas Positives durch „Gehorsam“ in Aussicht stellen. Ein typisches Familienritual, wie ich meine!)

Obwohl der Islam und sein Prophet ihren Gläubigen sexuelle Freuden gönnt, lassen die sich aber nicht so einfach umsetzen und geniessen! Daher wogt ein stetiger Streit mit sogenannten religiösen Autoritäten, die angeblich wissen wollen, was „halal“ (gottgefällig) und was „haram“ (sündhaft) sei…

Mich interessieren solche Kulturschilderungen, weil sie das Grab unserer eigenen Vergangenheit öffnen und Erinnerungs- und Rekonstruktionshilfen für unsere Kultur sind, von denen die meisten nichts mehr wissen…

Bis heute sind die Bedürfnisse von Frauen und Männern sehr verschieden und müssen erst „koordiniert“ und eingeübt werden. Von „natürlicher Ergänzung“ kann keine Rede sein – abgesehen von der Penetration zur Fortpflanzung. Heterosexualität ist ein Konstrukt. Im Zusammenleben wie im Sexualleben. Rituale haben das menschliche Gespräch historisch zunehmend ersetzt.

Als Schwuler erkenne ich in den Schilderungen Fekis auch die verschütteten homosexuellen/homosozialen Elemente aller Männer wieder, an denen sie von Müttern, Gesellschaft, Freundinnen und Ehefrauen vorbeigemogelt werden.

Mir fällt bei den Gebräuchen der Moslems auch auf, dass es darum geht, den Sexualorganen mit Beschneidungen Gewalt anzutun, um sie früh zu zähmen. Aber um als erwachsen gelten und erwachsenen Sex haben zu können, braucht es weitere. (Ähnlich wie mit den religiösen Riten der Taufe/Konfirmation/Ehe) Es geht auch darum, dass vorehelicher Sex unter Kindern oder Jugendlichen „verhindert“ werden soll. Aber wer soll damit vor wem geschützt werden? Die Frauen vor Empfängnis und/oder die Männer vor Homosexualität?

Klar ist mir geworden, dass die Religionen ihre Macht auf Sexualeinschränkungen aufbauen. Dem Kind wird versprochen, es erhalte für den Gehorsam dann später eine Erfüllung im Sex und in der Liebe. Und dem Erwachsenen wird wiederum versprochen, er erhalte gegen seinen Glauben nach dem misslichen Leben, ein ewiges Paradies im Himmel…

In der administrativen und religiösen „Vergewaltigung“ in der Geschichte der Sexualität erkenne ich die heutige Sehnsucht von westlichen Schwulen und Bisexuellen, tatsächlich „entjungfert“ zu werden und von sexuellen Übergriffen zu träumen, letztlich um die Verantwortung dafür nicht übernehmen zu müssen. Nach dem Schmerz wird verlangt, aber nicht nach der Fähigkeit, (da)mit Sex(uell) umzugehen!

Feki Zit

in englisch und deutsch

Das schliesst unsafen Sex, barebacking und das „Schlampe“ spielen ebenfalls mit ein. (Phil Langer nennt das „beschädigte schwule Identität durch Risikoverhalten!“) Dies spielt – wie beim normalen hetero Verhalten unter so vielen Vorschriften, eine wichtige Rolle.

„Zu starke Sexualität“ wird angeblich gebremst und erzeugt bei beiden Geschlechtern offenbar Ängste, die mit Gewalt überwunden werden müssen, was wiederum ein verängstigtes Bedürfnis nach Gewalt erzeugt…

Wobei ich den Eindruck bekomme, dass Frau(en) sich in Kairo wohl um eine weibliche Identität bemühen, aber die Männer z.B. unberücksichtigt bleiben, wenn es um die Einheit mit anderen Männern geht, oder bei der Untersuchung von Spermien auf deren „Fruchtigkeit“. Traditionell wird alles über die Frau abgehandelt, sie muss sich rechtfertigen.

Wichtig und interessant ist die Feststellung El Fekis, dass sexuelle Übergriffe und Missbrauch keine sexuelle Identität verändern oder gar eine HS erst herstellen können, (Pädophilie-Vorwurf) wie das bei uns und offenbar auch dort geglaubt werden will.

Manchmal erscheint mir die Situation der ägyptischen Frauen wie diejenige von verklemmten und versteckten Schwulen. Die Gesundheits-Politik ist ähnlich wie die unserer Schwulenbewegungen anfangs des letzten Jahrhunderts.

Feki hat ein eigenes Kapitel über gleichgeschlechtlichen Sex und über Transgender geschrieben. Auch über die AktivistINNen und ihre Vorstellungen, wie sich diese auch von unseren westlichen Vorstellungen unterscheiden. Ähnlich wie früher in der Schwulenbewegung bei uns, will sozusagen keineR eine Homo-Ehe und deren Rechte einfordern, sondern überhaupt mal ein Recht auf Privatleben einklagen – nämlich für ALLE. Damit ist der Bezug zur Alle umfassenden Politik in der Gesellschaft so nahe wie er mal bei der Schwulenbewegung war.

Ein interessantes Buch für die Diskussion um die Homo-Ehe, für die Arbeit mit MigrantINNen, über Geschlechtsrollen, über Bisexualität, über Parallelsexualitäten (mit m und w), über Rollenverhalten. Generell wichtig für die Gender-Diskussionen!

Es ist anspruchsvoll, sich durch die dargestellte Frauensexualitätsgeschichten durchzuarbeiten, was nicht jedem zusagen mag. Aber wir sind nun mal alle von Frauen geboren und hängen da mit drin („schwul = weiblich“) – auch wenn wir keinen Sex mit ihnen haben!

Shereen el Feki: Sex und die Zitadelle, Hanser, 2013 (orig. engl. – jetzt auch frz.)

Es ist kein „wissenschaftliches“ Buch, sondern sehr leicht verständlich geschrieben und spannend zu lesen! Für viele aber dennoch eine Herausforderung!  Peter Thommen_63

Aktualisiert 11.6.2013

Shereen El Feki: Wie man eine Epidemie unter schlechten Gesetzen bekämpft! HIV

Ein Interview mit El Feki in englisch, über ihr Buch

bis zum eigenen Begehren

Montag, April 1st, 2013

Oder: „Wer könnten wir sein, wenn wir anders sind als die Norm?“ 

Carolin Emcke hat 2012 ein vielbeachtetes und sehr persönliches Buch darüber, „wie wir begehren“ veröffentlicht. Wie immer finden Bücher von lesbisch begehrenden Frauen eine „andere“ Beachtung im heterosexuellen Publikum, als solche üblicher Autorinnen. Besonders dann, wenn sie die Partnerin einer bekannten Frau ist…

„Von außen betrachtet bin ich homosexuell. Im öffentlichen Diskurs, wenn dieses Begehren verortet werden soll, bin ich »lesbisch«, »schwul«, »eine Lesbe«, das ist dann schon ein Substantiv. Mal abgesehen davon, dass ich mich selbst so nie bezeichnen würde, ist, wie ich begehre, auf einmal keine Handlung mehr, lebendig, dynamisch, wandelbar. Wie ich begehre, das ist dann eine Identität“ (zeitmagazin, 15.3.12)

Emckes Buch wurde in den wichtigen Medien diskutiert und ich gebe hier ein paar Links zur ergänzenden und vorausgehenden Information: Verena Lueken, FAZ 4.3.2012, bei „perlentaucher“ eine Übersicht über verschiedene Ein-schätzungen, Kim Kindermann im deutschlandfunk, 15.3.2012, Daniel Schreiber in Cicero 18.3.2012, Christina Bauer (Fachärztin für Psycho-therapie), Jan Feddersen in der taz vom 10.3.2012, Ellen Kositza in Sezession, 20.3.2012,

SRF2-Reflexe (Audio), 3.4.2012: „Es ist eine sensible Erzählung über ihr Erwachsenwerden, über die Entdeckung ihrer Homosexualität und ihre Liebe zur klassischen Musik. Emcke bettet das ein in Überlegungen über das Recht auf Anderssein.“

L-talk (cb) vom 8.2.2013. Die obige Auswahl von Rezensionen enthält auch Kritik an ihrem Buch.

Ich kann dieses Buch einer „frauenbegehrenden Frau“ als „Schwuler“ lesen. Damit meine ich meinen ganz persönlichen Erfahrungsschatz. Mein Blick richtet sich auf ihre Darstellung von homosexuellen Männern in dem Buch und ihr Verhältnis zu ihnen. Alles nach dem Motto: Wer sich exponiert, der/die wird kritisiert. Dies zeigt sich auch in der „hetera-sexuellen“ Sicht von Ellen Kositza (> oben)!

„Es ist ein Balanceakt zwischen der Forderung nach Anerkennung als Gleiche und der nach Anerkennung als Andere und der Erwartung, dass andere erkennen können, wann das eine und wann das andere angemessen ist, wann es sich richtig anfühlt, als schwul oder als weiblich oder als muslimisch wahrgenommen zu werden, und wann es sich verletzend anfühlt.“ ( Emcke, zeitmagazin, 15.3.12)

Mit dem obigen Zitat ist gleichzeitig auch die weibliche Sichtweise angegeben. Eine Sichtweise, die „gleitend“ ist und für mich irgendwie typisch für eine Erziehung zu weiblichem Status in einer heTerrorsexuellen Gesellschaft. Nichts ist sicher, alles offen und ein „Dank fürs Begehrtwerden durch den Mann“ nicht selbstverständlich. Ich spiele hier auf etwas an, was mir im Gespräch mit bisexuellen Männern aufgefallen ist. Männer untereinander bedanken sich in der Regel nicht für die Befriedigung durch den Anderen. Ich habe hier gegenüber bisexuellen Männern immer irgendeine unsichtbare Wand gespürt, die mich letztlich von ihrem Begehren trennte, obwohl wir uns im Sex sehr nahe waren.

Ihre Freundinnen wollen als Dank den Beweis einer Liebe, die frau Mutter ihnen wohl schon in Aussicht gestellt hat. Oder als „Sichersein“, den Bedürfnissen eines Mannes entsprochen zu haben. Frauen ficken mit der Liebe und erwarten das auch vom Mann. Dies klingt in der Rezension von Ellen Kositza irgendwie an. Wahrscheinlich geht es schwulen Männern ähnlich!? Ich habe dazu noch ein wunderbares Zitat von Martin Dannecker gefunden: …dass die Frau vor allem einen Sexualkörper, der Mann hingegen vor allem ein Sexualorgan, aber keinen sexuellen Körper hat.“ (1)

Die heterosexuelle Sichtweise von Männersex und schwulem Sex findet sich in Spuren auch bei Emckes Diskurs um die Missbrauchsdiskussion. Sie greift alte Klischees von Pädophilen auf, die Knaben missbrauchen. Und während sie kindlich-unschuldig mit ihren heterosexuellen Jugenderfahrungen umgeht, ignoriert sie die weibliche Dimension dieses Problems und handelt es politisch korrekt nur an den Männern ab. Andererseits schreibt sie wieder Sätze wie: „Es hätte ja bedeuten können, explizit zu machen, dass Jugendliche als Objekte der Lust gelten konnten, dass unsere Körper begehrenswert sein könnten. Dass wir selbst hätten begehren können, das war gänzlich unvorstellbar.

In einer Welt, in der Sexualität tabuisiert wird, in der die Lust als ambivalente, unheimliche Leerstelle firmiert, kann über Formen der Lust nicht verhandelt werden. (2)

Nur leise klingt zwischen den Zeilen an, dass dabei unwichtig ist, ob das alles in einer „reformpädagogischen“ Odenwaldschule, oder in einem strengen katho-lischen Internat abgeht. Totschweigen verhindert durch den verunmöglichten Dialog auch die verbale Distanzsuche zwischen den Mächtigen und den Ohnmächtigen, um zu verhandeln. Das hat Folgen!

„In einer sexuell repressiven Welt, ob muslimisch oder katholisch, in der das Entdecken der eigenen Lust unterbunden, die Pubertät abgebrochen oder in ewiger Zeitschleife gehalten wird, verbleiben erwachsene Männer in einem infantilisierten Zustand des Vor-Begehrens, gehüllt in einen Kokon der aner-zogenen Scham.“

Hier klingt für mich auch die traditionelle Rolle der Frau an, die – aus-schliesslich auf den Mann vertröstet, dann meist auch gleich den „Täter“ an ihrem Körper hat. Zwischen Frauen scheint das nicht stattzufinden, aber wiederum zwischen Knaben und Männern ist es „zwingend“. Sie beschreibt das als „symmetrischen“ und „asymmetrischen“ Gegensatz.

Des … „ängstlich-ahnungslosen Sehnens nach Anerkennung von dem verehrten Lehrer. Hier leugnen die Täter die eigenen Taten, weil sie das Macht- und Gewaltverhältnis leugnen. Den asymmetrischen Missbrauch, die Vergewal-tigung verklären sie so zu symmetrischem Begehren.“

In der männlichen Sozialisation wurde anstelle des Dialogs oder einer genitalen Lust (bei der hetero-korrekt die Penetration als Gefahr in der Fantasie auf-scheint) die Rauferei und die gewaltsame Annäherung an den gleichge-schlechtlichen Körper entwickelt und bis heute als „normal“ empfunden. (Mit Recht erwähnt Judith Butler in einem Text, dass das Tabu der Homosexualität in der Familie noch vor dem Inzesttabu etabliert wird.)

Seltsamerweise war über den Roman und Film von Christa Winsloe, „Mädchen in Uniform“ seit ihrem Erscheinen niemals von „sexuellem Missbrauch“ die Rede. Unter Mädchen gibt es keinen Penis und vor allem nur „eine Inter-natsschülerin, die für eine Lehrerin starke Gefühle entwickelt“. Mann und Frau lasse sich das auf der Zunge zergehen! Frau verzeihe mir den Ausdruck: Frauen ficken halt mit Gefühlen, was bei Entzug aber genauso schmerzhaft sein kann…

Ich möchte dieses Thema mit einem Hinweis auf das Gedicht „Erlkönig“ abschliessen, in dem es neu-psychoanalytisch um sexuellen Missbrauch eines Knaben durch einen Mann geht. Hingegen in dem Märchen „Hänsel und Gretel“ kann Frau nichts davon erkennen, obwohl die Hexe nicht an dem Finger von Hänsel, sondern an seinem Penis interessiert ist, ob der schon „richtig gross“ werden kann!

Carolin Emcke liebt es, Un-Eindeutigkeiten zu beschreiben und zu umschreiben. So wie sie selbst sich schon immer verstanden hat. Gender. Rumbalgen mit Jungs und alles offen lassen. Gewertet und eingeordnet wird am Ende – und nie gemeinsam…

Interessant sind ihre Beschreibungen aus Gaza, wo sie von Einheimischen begleitet wird. Sie erlebt zunächst die Begegnung mit Frauen, die traditionell gekleidet, sie mit ihren kurzen Haaren und Hosen, nicht als „Ihresgleiche“ erkennen können. Noch interessanter ist ihre Begegnung mit einen Mann, den sie wiederum nicht als „Hetero“ erkennen kann!

„Und da stand er nun vor uns, und wir schauten fassungslos auf diese Erscheinung, als sei er eine Fata Morgana, die sich gleich in gestaltloses Flirren auflösen würde: Ibrahim trug eine Jeans, einen strahlend weissen, puffigen Daunen-Anorak und eine überdimensionale Sonnenbrille, die George Michael bei seinen Konzerten in den Achtzigern hätte tragen können.“

„Schon bei den ersten Sätzen zur Begrüssung … war klar, was nicht klar sein durfte: Ibrahim war schwul. Ein Schwuler in Gaza.“

Für sie war er ein Gender, der nach europäischen Massstäben ein Schwuler war, während in Gaza natürlich kein Mensch für so einen wie ihn eine Bezeichnung hatte. Und der langsame Annäherungsprozess zu ihm als Dolmetscher verharrte in einer Art sexlosem Raum, wie es auch „territo-riumslose“ Räume auf Flughäfen für Durchreisende gibt.

„Vielleicht wusste Ibrahim nicht, wie er wirkte? Woher sollte er das auch wissen? Aber musste er nicht zumindest bemerken, dass er anders aussah, sich anders gab als alle anderen jungen Männer um ihn herum? Wie konnte das sein? Wusste er nicht, wie schwul er sich gab? War er überhaupt schwul?“

Das erinnert mich an die frühen Beschreibungen orientalischer und arabischer Händler, die sich mit allerhand Tand schmückten, farbig kleideten und sich mit duftendem Parfum versorgten…

„War das Tabu zum Opfer seiner selbst geworden: Wurde Homosexualität derart unterdrückt, dass Hamas es nicht einmal erkannte, wenn ein Schwuler vor ihnen stand? Wenn über Homosexualität nicht gesprochen werden darf, dann darf auch nicht gesprochen werden, was Homosexualität ausmacht.“ (3)

Nicht einmal auf eine beiläufige aber direkte Frage nach Homosexuellen konnte der „Mann“ antworten, offenbar gab es keine entsprechende Identität oder Gender für ihn. Sehr wahrscheinlich gab es für ihn einen anderen Begriff, eine andere Auffassung, eine andere Sicht. Als Junge nahm ich zwar typische Homosexuelle zur Kenntnis, aber da ich ja nicht so erschien wie dieselben, empfand ich mich auch nicht als schwul. Ich bin zwar in der Schule und auf dem Weg gemobbt worden, aber keineR sagte je etwas über das Warum! Dabei sagte mir ein Schülerkollege später, er hätte schon immer gewusst, dass ich schwul sei.

Nach einem Angriff der Israelis auf Gaza, reiste Emcke wieder ein und begegnete erneut diesem Ibrahim. Und es war, als sei er so geschockt worden, als er ihr gegenüber erklärte, dass er schwul sei. (Leider gibt sie das Original-Wort nicht an.) Er hätte es bisher noch niemandem gesagt. Die Geschichte von Ibrahim geht in dem Buch weiter, bis zu seiner Flucht nach Europa. Die Scham von zuhause verwandelte sich: „er war froh, sich seiner Homosexualität nicht mehr schämen zu müssen, aber musste sie deswegen gleich schamlos sein?

Was mich an der Geschichte mit Ibrahim störte, ja ärgerte, war das Schweigen über die Gründe der Diskriminierung männlicher Homosexualität in Gaza. Auch wird die historische Entwicklung der Diskriminierung, erst von Männern, dann auch von Frauen völlig ignoriert. Denn Frauen waren traditionellerweise kein Teil des öffentlichen Lebensraumes! Und da Emcke sich vor allem als „queer“ versteht, musste sie auch die Geschichte mit dem § 175 in der BRD, der sich auf Männer beschränkte erst nachlesen. Die Tatsache, worauf die sozial-politische Kriminalisierung der Männer wirklich beruht, erfahren wir von ihr auf S.116, fast in der Mitte des Buches. Und welcheR LeserIN findet da noch die Verbindung zum vorher erwähnten sexuellen Missbrauch?

„Was an den männlichen biologischen Verschiedenheiten wird denn in den Begegnungsformen so bedrohlich? Analverkehr? Das ist ja keine sexuelle Praxis, die ausschliesslich Schwulen vorbehalten ist, das kann auch Frauen Lust bereiten. Oder ist es die misogyne Angst vor Penetration, die Vorstellung, dass Männer nicht nur gefickt werden können, sondern dass Männer gefickt und dadurch erregt werden könnten, die als staatsgefährdend gilt?“

Die Begehrensformen werden nicht weiter ausgeführt. Weiter hinten findet sich dann ein Satz, der mich wieder ärgert: (wie die Fragezeichen im vorhergehenden Zitat) „Homosexuelle Frauen begehren Frauen, weil sie begehren – nicht, weil sie nicht begehren.“ (S. 127) Er wird zur zentralen Aussage erst dann, wenn er wie folgt lauten würde: Menschen begehren das gleiche Geschlecht, weil sie Identität begehren, nicht, weil sie nicht begehren! (P.Thommen) (4) Emcke formuliert das so: „Aber mit Frauen ist es einfach aufregender.“ (S. 142) Und sie hat auch eine Erklärung für sich formuliert.

In einem Kapitel über Prostitution und Huren formuliert sie ihr Entsetzen über die heterosexuellen Verhältnisse und wie sie sich mit den Nutten identifiziert. (5) Frauen verstehen aber nicht den Unterschied zwischen der heterosexuellen Prostitution und der homosexuellen! Diese bietet nicht das gleiche wie in der Ehe, sondern etwas „anderes“ und sie findet nicht unter den gleichen Bedingungen statt.

S. 192 sortiert sie ihre frühen Erfahrungen neu: „Ich wollte andere Mädchen oder Frauen lieben dürfen. Und dieses Verlangen, ohne dass ich das darin enthaltene Lustvolle erkannt hätte, dieses tiefe Verlangen taucht auch auf, immer wieder, bei verschiedenen, meist älteren Frauen, nur verband ich es nie mit der Vorstellung von Homosexualität. Ich verband es nicht einmal bewusst mit „Liebe“.

Diese Definition gilt es zu respektieren, sie ist authentisch und glaubhaft. Aber es gibt auch noch schwule Sichtweisen, Erlebnisweisen, die zwar auch „gleichgeschlechtlich“ konnotiert sind, aber viel „sexueller“ ausgeprägt. Und wenn ich sexuell meine, dann bitte nicht nur „ficken“! Und hier verweise ich nochmals auf Martin Danneckers Zitat!  Peter Thommen_63, Buchhändler

 

Carolin Emcke moderiert regelmässig öffentliche Diskussionen zu verschiedensten Themen. Hier über Religion und Sexualität, worin auch die Analität erwähnt wird.

P.S. Das Buch gibt Anlass zu weiteren Diskussionen dieser Art. Es enthält weitere Erzähl- und Themen-Stränge.

Carolin Emcke: Wie wir begehren, Fischer 2012, 256 S.

 

1) Die Geschlechtsspezifische Durchsetzung des Genitalprimats findet (nach Freud) „ihren Niederschlag auch darin .., dass die Frau vor allem einen Sexualkörper, der Mann hingegen vor allem ein Sexualorgan, aber keinen sexuellen Körper hat.“

(Indem das Sexualziel darin besteht, mit dem Penis in die Vagina einzudringen, was – wie Dannecker daraus folgert – den Penis zu seinem einzigen Sexual-organ macht.)

„Historisch betrachtet erscheint das durchaus zutreffend. Ein ganzes Bündel von Phänomenen deutet darauf hin, dass heterosexuelle Männer bis vor kurzem keinen sexuellen Körper hatten, jedenfalls nicht in dem Sinn, wie er Frauen und homosexuellen Männern eigen ist. Das will sagen, dass sich der Körper der heterosexuellen Männer der Sexualisierung entzog. Ein sexualisierbarer Körper erschien lange gleichbedeutend mit einem Frauenkörper oder einem „Schwulenkörper“ … Martin Dannecker: Männliche und weibliche Sexualität, in: Quindeau/Sigusch: Freud und das Sexuelle, S. 87)

2) Es gibt Knaben, die haben NICHT kein Begehren, sondern eben ein Begehren nach Männern, auch neben der Bereitschaft für Frauen! Aber das ist für Frau Emcke wiederum so unwichtig, wie ihr lesbisches Begehren es für die Heterokultur ist. Und es gibt nicht nur Männer, die Knaben missbrauchen, sondern auch Knaben, die Männer ficken wollen! Doch das trauen sich viele Schwule nicht öffentlich auszusprechen! Damit nimmt man/Frau uns Männern aber einfach einen Teil unserer sexuellen Biografie weg! Kriminalisiert und entsorgt in der Schublade „Missbrauch“!

3) Sinngemäss kann davon geschrieben werden, dass, wenn über männliches Begehren, vor allem nicht über dasjenige des Jüngeren zum Älteren, nicht gesprochen werden darf, dann darf auch nicht darüber gesprochen werden, was diese Liebe (Gerontophilie) ausmacht! Praktischerweise wird sie im Wort „Pädophilie“ gefasst und generell als Missbrauch entsorgt.

4) Und nicht erst politisch-korrekt ab 16, oder gar 18 Jahren! Ich wiederhole, es geht hier ums Begehren und nicht um „strafbare Handlungen“!

5) S. 145-153

was unsere zeit interessant macht

Mittwoch, November 14th, 2012

„Die Franzosen neigen dazu, über Manieren zu schreiben, die Deutschen über Wissen, und die Briten über Sex. Amerikaner schreiben über Familien, insbesondere schwule Amerikaner. Somit ist der bedeutendste Beitrag des schwulen Schriftstellers zur Literatur – der Bildungsroman, der von wachsender Selbsterkenntnis und vom coming out erzählt, im Wesentlichen ein Familienroman. Und eine weitere Erfindung geht auf das Konto schwuler amerikanischer Schriftsteller: Die New York Camp-Surreal Romance. Typisch für diese literarische Ausprägung ist die Beschreibung einer verzweifelten Flucht vor der Familie, sowie die Sehnsucht, soziale Beziehungen allein selbstbestimmt zu knüpfen und zu pflegen. Dennoch schleicht sich die Familie, gewollt oder ungewollt, immer wieder in den Text ein, sei es in Form von verträumten Passagen oder reumütigen Anspielungen. Man könnte meinen, im Zentrum schwuler Prosa, und dazu zähle ich ebenso – und vielleicht sogar insbesondere – Pornografie, stünden Väter und Brüder. Im Roman tauchen sie als Fremde oder Gefährten oder Liebhaber auf, auch wenn sie hier selbstverständlich maskiert und idealisiert sind.

Das menschliche Bedürfnis nach Romantik, nach erotischer Anziehung, gehört zu den Grundlagen des Geschichtenerzählens. … Überall in unserem Alltag umgibt sie uns, sie liegt in den flüchtigen Berührungen vorbeiziehender Paare, in den Skandalen und Hochzeitsanzeigen der Zeitungen, in Dankesansprachen bei Preisverleihungen. Daher sind die jüngeren und weniger weltgewandten Schwulen überrascht, wenn Heteros schon bei der geringsten öffentlichen Andeutung schwuler Romantik Verärgerung zeigen. Schwule glauben, es gibt genug Platz für alle; die meisten Heteros machen dagegen nur unter der Bedingung Platz für Schwule, dass diese vorgeben, gar nicht zu existieren. Seiner Ehefrau für ihre Unterstützung zu danken, ist völlig normal; einem männlichen Liebhaber zu danken, ist ein subversiver Akt.

Und doch, trotz des Mangels der Heterosexuellen an Verständnis und ihrer unumwundenen Intoleranz gegenüber Schwulen, verstehen Schwule die Heteros, denn egal wie unser Orientierung sein mag, wir alle wachsen als Teilnehmer der heterosexuellen Kultur auf. Man kann von Geburt an homosexuell sein, doch schwul ist man erst, wenn man willentlich die schwule Welt mit ihrer ganz eigenen Kultur betritt. Schwule verstehen Heteros, aber Heteros verstehen Schwule nicht mehr, als Weisse die Schwarzen verstehe, oder New Yorker die Kalifornier, selbst wenn sie in bester Absicht handeln. Das Schwule ist eine einzigartige Minderheit: streng fakultativ. Sträubt man sich in dem Augenblick, in dem man Farbe bekennen soll, dann erfährt womöglich niemand, wer man wirklich ist.  …

Wenn sich also die schwule und die heterosexuelle Welt berühren, dann nur in der auf Erfahrung beruhenden Sensibilität der Schwulen. Doch haben die beiden eine entscheidende Gemeinsamkeit: das Bedürfnis nach Freundschaft und nicht-erotischer Zuneigung: nach einem wahren Kameraden, einem Kumpel. … Das amerikanische schwule Leben hat – in etwas, das ich seinen fesselndsten Ikonoklasmus bezeichnen würde, die heterosexuelle Verbindung von Romantik und Freundschaft übertroffen. Dein Liebhaber ist dein Kumpel – und wer weiss, ob nicht die Vater- oder Bruder-Liebhaber dazu gedacht sind, die einzigen lebenslangen Beziehungen zu erotisieren, ebenso wie dazu, die weniger dauerhaften Beziehungen des Liebeslebens zu lindern: um Wildheit und Sanftheit, Rivalität und Bündnis gemeinsam in Einklang zu bringen. …

Wenn in Boston die Arbeit an erster Stelle steht, in San Francisco der Sex und in Los Angeles das Geld, dann kann New York sich nicht entscheiden. Die Stadt braucht alle drei zugleich, und meine Figuren brauchen das auch. Doch eines benötigen vielleicht mehr als alles andere: Kameradschaft.

Ich habe Männer gekannt, deren Bedürfnisse sie in eine Vielzahl von sexuellen Abenteuern mit Männern getrieben haben, die sie kaum kannten (je weniger, desto besser), und Männer, denen eine sexuelle Kommunikation allein durch persönliche Gefühlstiefe möglich war. Männer, die alles tun würden, ausser küssen, und Männer, die kaum etwas anderes taten. Männer, die bei allem mitmachten, und Männer, die sich nur selbst berühren konnten. Doch alle waren sie unterwegs in der Szene, und behandelten die Metropole als ihren persönlichen Club der einsamen Herzen. Manchmal glaube ich, sie suchen jemanden, der besser ist als sie; manchmal denke ich, nein, sie suchen sich selbst. Und zuweilen sind beide Suchen eins. Genau das ist es, was unsere Zeit interessant macht.“ (Ethan Morddens Einführung zu seinem Buch: Gay and the City) („Buddies“)

Die einzelnen Kapitel:

Von der Pflege und Erziehung von Eltern und Geschwistern. Eine Einführung, in der meine Wenigkeit die Regeln meines Aufwachsens und comin out’s darlegt – Geständnisse eines Theaterbesuchers – Das ideale Paar. Nach den Gemeinschaften von Geschwistern und Bauarbeitern, untersuche ich eine weitere Bruderschaft – Ein Wochenende mit Heteros – Ich bin der Schnüffler. Eine drollige Erzählung, die inmitten der Handlung ein Traktat über Sexualität enthält – Stadtauf stadtab. Durch die schwule Metropole – Blutige Anfänger. Hier werden die Jahre von Stonewall durchkämmt – Der geilste Mann der Welt – Der Autor nimmt den Abschied

Gmünder 2008/1986, 250 S. ca. CHF 27.-

der junge auf der heissen sohle

Samstag, Mai 14th, 2011

Hitze ist fast immer Ausdruck von Körperlichkeit und Sexualität. Dieser Roman wird geprägt von Sonnenhitze, Wut und Branntwein… obwohl die Sexualität eigentlich „abwesend“ ist. (In der Zeit der Prohibition in den USA – 1919-33)

Die Geschichte ist so heterosexuell wie irgend möglich. Aber die Hitze schlägt auf den jungen Mann ein wie Blitze, oder hält ihn in Leidenschaften gefangen. Daneben wirken seine sexuellen Kontakte mit Mädchen oder jungen Frauen schal und warm. Das männliche Feuer brennt IN ihm und das macht die Geschichte wiederum zu einer Auseinander-Setzung, die nach Einheit mit dem eigenen Geschlecht sucht. Wozu denn in die (weibliche) Ferne schweifen, wo doch das Gut(e) so nahe liegt?

„Dog Star“ von David Windham ist kein schwuler Roman. Und doch geht es um Männer und ihre Rolle, gegenüber der Mutter, den Geschwistern, „den Frauen“ und den anderen Männern in einer Kleinstadt der USA. Da wo alles seine Ordnung und seine Gewohnheiten hat. Blackie ist einer Besserungsanstalt entflohen, in welcher er einen nahen Freund durch dessen Selbstmord verlor. Er kehrt zurück in sein Nest, das nicht mehr sein Zuhause sein kann. Weder im Sex mit einem Mädchen, noch in Arbeit oder Nichtstun, kann er einen Sinn des Lebens finden. In dieser Enge verformt sich Männlichkeit zu Heldentum oder Tod. Sehr schön sind diese Elemente in ihrer Wirkung beschrieben, in einer Sprache, die einem das alles sehen, riechen und schmecken lässt!

„Seit er sich erinnern konnte, hatte er in Garagen und unter Häusern mit kleinen Mädchen gespielt. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass Liebe damit zusammenhing. Er war erfreut und überrascht.

„Nachts im Park war er mit ihnen – sein Glück überall versuchend – so weit gegangen, wie er (jetzt) mit Mabel gegangen war. Es war ein Abenteuer, aber es war das Gegenteil von dem, was er unter Liebe verstand. Liebe war etwas Grosses und Starkes, ohne jede Verbindung zu Handlungen, die vertraut waren und sichtbar, und einen Namen hatten. Liebe war ein Entkommen aus dem Alltag, nicht ein Teil davon.“

Er betrachtete Mabel, als hätte er sie nie zuvor gesehen, und liess seine Hände an ihrem zarten, festen Körper hinab gleiten, bevor er antwortete. Er glaubte es nicht wirklich, und doch machte es ihn unglaublich glücklich, Liebe auf das zu reduzieren, was da vor ihm stand, um angeschaut und von seinen Händen angefasst zu werden.

Ich liebe dich auch“, sagte er.“

Natürlich hatte er sowas nie zu einem Jungen gesagt. So treibt er sich also in der Stadt, unter den Jungs, den Ganoven und der Familie herum, die Stärke von Whitey suchend, die er durch dessen Selbstmord verloren und die er offenbar in einem Vater nie hatte. Sich auf Spiele einlassend, die ihm Ansehen, Respekt oder gar Geld bringen sollen.

Blackie durchlebt das, was Schwule nie erleben wollen und zieht trotzdem am Ende die Konsequenz da, wo Schwule erst mühsam anfangen müssen, mit „heterolike“ und „straight-acting“. ..

Ein Buch also, aus schon historischen Zeiten, aber mit der Macht des Heterrors, der Jungs bis heute bis in den Tod treiben kann.  

Peter Thommen (61)

Donald Windham: Dog Star *, Lilienfeld Verlag 2010, 220 S.  CHF ca. 26.–

* vom Hundsstern am Himmel hergeleitet

Das Buch ist auch im gay-mega-store Basel zu haben.

Eine Besprechung von Zwei Menschen folgt!