Mit ‘Männer’ getaggte Artikel

bis zum eigenen Begehren

Montag, 01. April 2013

Oder: „Wer könnten wir sein, wenn wir anders sind als die Norm?“ 

Carolin Emcke hat 2012 ein vielbeachtetes und sehr persönliches Buch darüber, „wie wir begehren“ veröffentlicht. Wie immer finden Bücher von lesbisch begehrenden Frauen eine „andere“ Beachtung im heterosexuellen Publikum, als solche üblicher Autorinnen. Besonders dann, wenn sie die Partnerin einer bekannten Frau ist…

„Von außen betrachtet bin ich homosexuell. Im öffentlichen Diskurs, wenn dieses Begehren verortet werden soll, bin ich »lesbisch«, »schwul«, »eine Lesbe«, das ist dann schon ein Substantiv. Mal abgesehen davon, dass ich mich selbst so nie bezeichnen würde, ist, wie ich begehre, auf einmal keine Handlung mehr, lebendig, dynamisch, wandelbar. Wie ich begehre, das ist dann eine Identität“ (zeitmagazin, 15.3.12)

Emckes Buch wurde in den wichtigen Medien diskutiert und ich gebe hier ein paar Links zur ergänzenden und vorausgehenden Information: Verena Lueken, FAZ 4.3.2012, bei „perlentaucher“ eine Übersicht über verschiedene Ein-schätzungen, Kim Kindermann im deutschlandfunk, 15.3.2012, Daniel Schreiber in Cicero 18.3.2012, Christina Bauer (Fachärztin für Psycho-therapie), Jan Feddersen in der taz vom 10.3.2012, Ellen Kositza in Sezession, 20.3.2012,

SRF2-Reflexe (Audio), 3.4.2012: „Es ist eine sensible Erzählung über ihr Erwachsenwerden, über die Entdeckung ihrer Homosexualität und ihre Liebe zur klassischen Musik. Emcke bettet das ein in Überlegungen über das Recht auf Anderssein.“

L-talk (cb) vom 8.2.2013. Die obige Auswahl von Rezensionen enthält auch Kritik an ihrem Buch.

Ich kann dieses Buch einer „frauenbegehrenden Frau“ als „Schwuler“ lesen. Damit meine ich meinen ganz persönlichen Erfahrungsschatz. Mein Blick richtet sich auf ihre Darstellung von homosexuellen Männern in dem Buch und ihr Verhältnis zu ihnen. Alles nach dem Motto: Wer sich exponiert, der/die wird kritisiert. Dies zeigt sich auch in der „hetera-sexuellen“ Sicht von Ellen Kositza (> oben)!

„Es ist ein Balanceakt zwischen der Forderung nach Anerkennung als Gleiche und der nach Anerkennung als Andere und der Erwartung, dass andere erkennen können, wann das eine und wann das andere angemessen ist, wann es sich richtig anfühlt, als schwul oder als weiblich oder als muslimisch wahrgenommen zu werden, und wann es sich verletzend anfühlt.“ ( Emcke, zeitmagazin, 15.3.12)

Mit dem obigen Zitat ist gleichzeitig auch die weibliche Sichtweise angegeben. Eine Sichtweise, die „gleitend“ ist und für mich irgendwie typisch für eine Erziehung zu weiblichem Status in einer heTerrorsexuellen Gesellschaft. Nichts ist sicher, alles offen und ein „Dank fürs Begehrtwerden durch den Mann“ nicht selbstverständlich. Ich spiele hier auf etwas an, was mir im Gespräch mit bisexuellen Männern aufgefallen ist. Männer untereinander bedanken sich in der Regel nicht für die Befriedigung durch den Anderen. Ich habe hier gegenüber bisexuellen Männern immer irgendeine unsichtbare Wand gespürt, die mich letztlich von ihrem Begehren trennte, obwohl wir uns im Sex sehr nahe waren.

Ihre Freundinnen wollen als Dank den Beweis einer Liebe, die frau Mutter ihnen wohl schon in Aussicht gestellt hat. Oder als „Sichersein“, den Bedürfnissen eines Mannes entsprochen zu haben. Frauen ficken mit der Liebe und erwarten das auch vom Mann. Dies klingt in der Rezension von Ellen Kositza irgendwie an. Wahrscheinlich geht es schwulen Männern ähnlich!? Ich habe dazu noch ein wunderbares Zitat von Martin Dannecker gefunden: …dass die Frau vor allem einen Sexualkörper, der Mann hingegen vor allem ein Sexualorgan, aber keinen sexuellen Körper hat.“ (1)

Die heterosexuelle Sichtweise von Männersex und schwulem Sex findet sich in Spuren auch bei Emckes Diskurs um die Missbrauchsdiskussion. Sie greift alte Klischees von Pädophilen auf, die Knaben missbrauchen. Und während sie kindlich-unschuldig mit ihren heterosexuellen Jugenderfahrungen umgeht, ignoriert sie die weibliche Dimension dieses Problems und handelt es politisch korrekt nur an den Männern ab. Andererseits schreibt sie wieder Sätze wie: „Es hätte ja bedeuten können, explizit zu machen, dass Jugendliche als Objekte der Lust gelten konnten, dass unsere Körper begehrenswert sein könnten. Dass wir selbst hätten begehren können, das war gänzlich unvorstellbar.

In einer Welt, in der Sexualität tabuisiert wird, in der die Lust als ambivalente, unheimliche Leerstelle firmiert, kann über Formen der Lust nicht verhandelt werden. (2)

Nur leise klingt zwischen den Zeilen an, dass dabei unwichtig ist, ob das alles in einer „reformpädagogischen“ Odenwaldschule, oder in einem strengen katho-lischen Internat abgeht. Totschweigen verhindert durch den verunmöglichten Dialog auch die verbale Distanzsuche zwischen den Mächtigen und den Ohnmächtigen, um zu verhandeln. Das hat Folgen!

„In einer sexuell repressiven Welt, ob muslimisch oder katholisch, in der das Entdecken der eigenen Lust unterbunden, die Pubertät abgebrochen oder in ewiger Zeitschleife gehalten wird, verbleiben erwachsene Männer in einem infantilisierten Zustand des Vor-Begehrens, gehüllt in einen Kokon der aner-zogenen Scham.“

Hier klingt für mich auch die traditionelle Rolle der Frau an, die – aus-schliesslich auf den Mann vertröstet, dann meist auch gleich den „Täter“ an ihrem Körper hat. Zwischen Frauen scheint das nicht stattzufinden, aber wiederum zwischen Knaben und Männern ist es „zwingend“. Sie beschreibt das als „symmetrischen“ und „asymmetrischen“ Gegensatz.

Des … „ängstlich-ahnungslosen Sehnens nach Anerkennung von dem verehrten Lehrer. Hier leugnen die Täter die eigenen Taten, weil sie das Macht- und Gewaltverhältnis leugnen. Den asymmetrischen Missbrauch, die Vergewal-tigung verklären sie so zu symmetrischem Begehren.“

In der männlichen Sozialisation wurde anstelle des Dialogs oder einer genitalen Lust (bei der hetero-korrekt die Penetration als Gefahr in der Fantasie auf-scheint) die Rauferei und die gewaltsame Annäherung an den gleichge-schlechtlichen Körper entwickelt und bis heute als „normal“ empfunden. (Mit Recht erwähnt Judith Butler in einem Text, dass das Tabu der Homosexualität in der Familie noch vor dem Inzesttabu etabliert wird.)

Seltsamerweise war über den Roman und Film von Christa Winsloe, „Mädchen in Uniform“ seit ihrem Erscheinen niemals von „sexuellem Missbrauch“ die Rede. Unter Mädchen gibt es keinen Penis und vor allem nur „eine Inter-natsschülerin, die für eine Lehrerin starke Gefühle entwickelt“. Mann und Frau lasse sich das auf der Zunge zergehen! Frau verzeihe mir den Ausdruck: Frauen ficken halt mit Gefühlen, was bei Entzug aber genauso schmerzhaft sein kann…

Ich möchte dieses Thema mit einem Hinweis auf das Gedicht „Erlkönig“ abschliessen, in dem es neu-psychoanalytisch um sexuellen Missbrauch eines Knaben durch einen Mann geht. Hingegen in dem Märchen „Hänsel und Gretel“ kann Frau nichts davon erkennen, obwohl die Hexe nicht an dem Finger von Hänsel, sondern an seinem Penis interessiert ist, ob der schon „richtig gross“ werden kann!

Carolin Emcke liebt es, Un-Eindeutigkeiten zu beschreiben und zu umschreiben. So wie sie selbst sich schon immer verstanden hat. Gender. Rumbalgen mit Jungs und alles offen lassen. Gewertet und eingeordnet wird am Ende – und nie gemeinsam…

Interessant sind ihre Beschreibungen aus Gaza, wo sie von Einheimischen begleitet wird. Sie erlebt zunächst die Begegnung mit Frauen, die traditionell gekleidet, sie mit ihren kurzen Haaren und Hosen, nicht als „Ihresgleiche“ erkennen können. Noch interessanter ist ihre Begegnung mit einen Mann, den sie wiederum nicht als „Hetero“ erkennen kann!

„Und da stand er nun vor uns, und wir schauten fassungslos auf diese Erscheinung, als sei er eine Fata Morgana, die sich gleich in gestaltloses Flirren auflösen würde: Ibrahim trug eine Jeans, einen strahlend weissen, puffigen Daunen-Anorak und eine überdimensionale Sonnenbrille, die George Michael bei seinen Konzerten in den Achtzigern hätte tragen können.“

„Schon bei den ersten Sätzen zur Begrüssung … war klar, was nicht klar sein durfte: Ibrahim war schwul. Ein Schwuler in Gaza.“

Für sie war er ein Gender, der nach europäischen Massstäben ein Schwuler war, während in Gaza natürlich kein Mensch für so einen wie ihn eine Bezeichnung hatte. Und der langsame Annäherungsprozess zu ihm als Dolmetscher verharrte in einer Art sexlosem Raum, wie es auch „territo-riumslose“ Räume auf Flughäfen für Durchreisende gibt.

„Vielleicht wusste Ibrahim nicht, wie er wirkte? Woher sollte er das auch wissen? Aber musste er nicht zumindest bemerken, dass er anders aussah, sich anders gab als alle anderen jungen Männer um ihn herum? Wie konnte das sein? Wusste er nicht, wie schwul er sich gab? War er überhaupt schwul?“

Das erinnert mich an die frühen Beschreibungen orientalischer und arabischer Händler, die sich mit allerhand Tand schmückten, farbig kleideten und sich mit duftendem Parfum versorgten…

„War das Tabu zum Opfer seiner selbst geworden: Wurde Homosexualität derart unterdrückt, dass Hamas es nicht einmal erkannte, wenn ein Schwuler vor ihnen stand? Wenn über Homosexualität nicht gesprochen werden darf, dann darf auch nicht gesprochen werden, was Homosexualität ausmacht.“ (3)

Nicht einmal auf eine beiläufige aber direkte Frage nach Homosexuellen konnte der „Mann“ antworten, offenbar gab es keine entsprechende Identität oder Gender für ihn. Sehr wahrscheinlich gab es für ihn einen anderen Begriff, eine andere Auffassung, eine andere Sicht. Als Junge nahm ich zwar typische Homosexuelle zur Kenntnis, aber da ich ja nicht so erschien wie dieselben, empfand ich mich auch nicht als schwul. Ich bin zwar in der Schule und auf dem Weg gemobbt worden, aber keineR sagte je etwas über das Warum! Dabei sagte mir ein Schülerkollege später, er hätte schon immer gewusst, dass ich schwul sei.

Nach einem Angriff der Israelis auf Gaza, reiste Emcke wieder ein und begegnete erneut diesem Ibrahim. Und es war, als sei er so geschockt worden, als er ihr gegenüber erklärte, dass er schwul sei. (Leider gibt sie das Original-Wort nicht an.) Er hätte es bisher noch niemandem gesagt. Die Geschichte von Ibrahim geht in dem Buch weiter, bis zu seiner Flucht nach Europa. Die Scham von zuhause verwandelte sich: „er war froh, sich seiner Homosexualität nicht mehr schämen zu müssen, aber musste sie deswegen gleich schamlos sein?

Was mich an der Geschichte mit Ibrahim störte, ja ärgerte, war das Schweigen über die Gründe der Diskriminierung männlicher Homosexualität in Gaza. Auch wird die historische Entwicklung der Diskriminierung, erst von Männern, dann auch von Frauen völlig ignoriert. Denn Frauen waren traditionellerweise kein Teil des öffentlichen Lebensraumes! Und da Emcke sich vor allem als „queer“ versteht, musste sie auch die Geschichte mit dem § 175 in der BRD, der sich auf Männer beschränkte erst nachlesen. Die Tatsache, worauf die sozial-politische Kriminalisierung der Männer wirklich beruht, erfahren wir von ihr auf S.116, fast in der Mitte des Buches. Und welcheR LeserIN findet da noch die Verbindung zum vorher erwähnten sexuellen Missbrauch?

„Was an den männlichen biologischen Verschiedenheiten wird denn in den Begegnungsformen so bedrohlich? Analverkehr? Das ist ja keine sexuelle Praxis, die ausschliesslich Schwulen vorbehalten ist, das kann auch Frauen Lust bereiten. Oder ist es die misogyne Angst vor Penetration, die Vorstellung, dass Männer nicht nur gefickt werden können, sondern dass Männer gefickt und dadurch erregt werden könnten, die als staatsgefährdend gilt?“

Die Begehrensformen werden nicht weiter ausgeführt. Weiter hinten findet sich dann ein Satz, der mich wieder ärgert: (wie die Fragezeichen im vorhergehenden Zitat) „Homosexuelle Frauen begehren Frauen, weil sie begehren – nicht, weil sie nicht begehren.“ (S. 127) Er wird zur zentralen Aussage erst dann, wenn er wie folgt lauten würde: Menschen begehren das gleiche Geschlecht, weil sie Identität begehren, nicht, weil sie nicht begehren! (P.Thommen) (4) Emcke formuliert das so: „Aber mit Frauen ist es einfach aufregender.“ (S. 142) Und sie hat auch eine Erklärung für sich formuliert.

In einem Kapitel über Prostitution und Huren formuliert sie ihr Entsetzen über die heterosexuellen Verhältnisse und wie sie sich mit den Nutten identifiziert. (5) Frauen verstehen aber nicht den Unterschied zwischen der heterosexuellen Prostitution und der homosexuellen! Diese bietet nicht das gleiche wie in der Ehe, sondern etwas „anderes“ und sie findet nicht unter den gleichen Bedingungen statt.

S. 192 sortiert sie ihre frühen Erfahrungen neu: „Ich wollte andere Mädchen oder Frauen lieben dürfen. Und dieses Verlangen, ohne dass ich das darin enthaltene Lustvolle erkannt hätte, dieses tiefe Verlangen taucht auch auf, immer wieder, bei verschiedenen, meist älteren Frauen, nur verband ich es nie mit der Vorstellung von Homosexualität. Ich verband es nicht einmal bewusst mit „Liebe“.

Diese Definition gilt es zu respektieren, sie ist authentisch und glaubhaft. Aber es gibt auch noch schwule Sichtweisen, Erlebnisweisen, die zwar auch „gleichgeschlechtlich“ konnotiert sind, aber viel „sexueller“ ausgeprägt. Und wenn ich sexuell meine, dann bitte nicht nur „ficken“! Und hier verweise ich nochmals auf Martin Danneckers Zitat!  Peter Thommen_63, Buchhändler

 

Carolin Emcke moderiert regelmässig öffentliche Diskussionen zu verschiedensten Themen. Hier über Religion und Sexualität, worin auch die Analität erwähnt wird.

P.S. Das Buch gibt Anlass zu weiteren Diskussionen dieser Art. Es enthält weitere Erzähl- und Themen-Stränge.

Carolin Emcke: Wie wir begehren, Fischer 2012, 256 S.

 

1) Die Geschlechtsspezifische Durchsetzung des Genitalprimats findet (nach Freud) „ihren Niederschlag auch darin .., dass die Frau vor allem einen Sexualkörper, der Mann hingegen vor allem ein Sexualorgan, aber keinen sexuellen Körper hat.“

(Indem das Sexualziel darin besteht, mit dem Penis in die Vagina einzudringen, was – wie Dannecker daraus folgert – den Penis zu seinem einzigen Sexual-organ macht.)

„Historisch betrachtet erscheint das durchaus zutreffend. Ein ganzes Bündel von Phänomenen deutet darauf hin, dass heterosexuelle Männer bis vor kurzem keinen sexuellen Körper hatten, jedenfalls nicht in dem Sinn, wie er Frauen und homosexuellen Männern eigen ist. Das will sagen, dass sich der Körper der heterosexuellen Männer der Sexualisierung entzog. Ein sexualisierbarer Körper erschien lange gleichbedeutend mit einem Frauenkörper oder einem „Schwulenkörper“ … Martin Dannecker: Männliche und weibliche Sexualität, in: Quindeau/Sigusch: Freud und das Sexuelle, S. 87)

2) Es gibt Knaben, die haben NICHT kein Begehren, sondern eben ein Begehren nach Männern, auch neben der Bereitschaft für Frauen! Aber das ist für Frau Emcke wiederum so unwichtig, wie ihr lesbisches Begehren es für die Heterokultur ist. Und es gibt nicht nur Männer, die Knaben missbrauchen, sondern auch Knaben, die Männer ficken wollen! Doch das trauen sich viele Schwule nicht öffentlich auszusprechen! Damit nimmt man/Frau uns Männern aber einfach einen Teil unserer sexuellen Biografie weg! Kriminalisiert und entsorgt in der Schublade „Missbrauch“!

3) Sinngemäss kann davon geschrieben werden, dass, wenn über männliches Begehren, vor allem nicht über dasjenige des Jüngeren zum Älteren, nicht gesprochen werden darf, dann darf auch nicht darüber gesprochen werden, was diese Liebe (Gerontophilie) ausmacht! Praktischerweise wird sie im Wort „Pädophilie“ gefasst und generell als Missbrauch entsorgt.

4) Und nicht erst politisch-korrekt ab 16, oder gar 18 Jahren! Ich wiederhole, es geht hier ums Begehren und nicht um „strafbare Handlungen“!

5) S. 145-153

der junge auf der heissen sohle

Samstag, 14. Mai 2011

Hitze ist fast immer Ausdruck von Körperlichkeit und Sexualität. Dieser Roman wird geprägt von Sonnenhitze, Wut und Branntwein… obwohl die Sexualität eigentlich “abwesend” ist. (In der Zeit der Prohibition in den USA – 1919-33)

Die Geschichte ist so heterosexuell wie irgend möglich. Aber die Hitze schlägt auf den jungen Mann ein wie Blitze, oder hält ihn in Leidenschaften gefangen. Daneben wirken seine sexuellen Kontakte mit Mädchen oder jungen Frauen schal und warm. Das männliche Feuer brennt IN ihm und das macht die Geschichte wiederum zu einer Auseinander-Setzung, die nach Einheit mit dem eigenen Geschlecht sucht. Wozu denn in die (weibliche) Ferne schweifen, wo doch das Gut(e) so nahe liegt?

“Dog Star” von David Windham ist kein schwuler Roman. Und doch geht es um Männer und ihre Rolle, gegenüber der Mutter, den Geschwistern, “den Frauen” und den anderen Männern in einer Kleinstadt der USA. Da wo alles seine Ordnung und seine Gewohnheiten hat. Blackie ist einer Besserungsanstalt entflohen, in welcher er einen nahen Freund durch dessen Selbstmord verlor. Er kehrt zurück in sein Nest, das nicht mehr sein Zuhause sein kann. Weder im Sex mit einem Mädchen, noch in Arbeit oder Nichtstun, kann er einen Sinn des Lebens finden. In dieser Enge verformt sich Männlichkeit zu Heldentum oder Tod. Sehr schön sind diese Elemente in ihrer Wirkung beschrieben, in einer Sprache, die einem das alles sehen, riechen und schmecken lässt!

“Seit er sich erinnern konnte, hatte er in Garagen und unter Häusern mit kleinen Mädchen gespielt. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass Liebe damit zusammenhing. Er war erfreut und überrascht.

“Nachts im Park war er mit ihnen – sein Glück überall versuchend – so weit gegangen, wie er (jetzt) mit Mabel gegangen war. Es war ein Abenteuer, aber es war das Gegenteil von dem, was er unter Liebe verstand. Liebe war etwas Grosses und Starkes, ohne jede Verbindung zu Handlungen, die vertraut waren und sichtbar, und einen Namen hatten. Liebe war ein Entkommen aus dem Alltag, nicht ein Teil davon.”

Er betrachtete Mabel, als hätte er sie nie zuvor gesehen, und liess seine Hände an ihrem zarten, festen Körper hinab gleiten, bevor er antwortete. Er glaubte es nicht wirklich, und doch machte es ihn unglaublich glücklich, Liebe auf das zu reduzieren, was da vor ihm stand, um angeschaut und von seinen Händen angefasst zu werden.

Ich liebe dich auch“, sagte er.”

Natürlich hatte er sowas nie zu einem Jungen gesagt. So treibt er sich also in der Stadt, unter den Jungs, den Ganoven und der Familie herum, die Stärke von Whitey suchend, die er durch dessen Selbstmord verloren und die er offenbar in einem Vater nie hatte. Sich auf Spiele einlassend, die ihm Ansehen, Respekt oder gar Geld bringen sollen.

Blackie durchlebt das, was Schwule nie erleben wollen und zieht trotzdem am Ende die Konsequenz da, wo Schwule erst mühsam anfangen müssen, mit “heterolike” und “straight-acting”. ..

Ein Buch also, aus schon historischen Zeiten, aber mit der Macht des Heterrors, der Jungs bis heute bis in den Tod treiben kann.  

Peter Thommen (61)

Donald Windham: Dog Star *, Lilienfeld Verlag 2010, 220 S.  CHF ca. 26.–

* vom Hundsstern am Himmel hergeleitet

Das Buch ist auch im gay-mega-store Basel zu haben.

Eine Besprechung von Zwei Menschen folgt!

Lieber Sacha Sperling!

Sonntag, 10. April 2011

Eigentlich heisst Du ganz anders, aber das macht nichts. Es ist Dir sowieso egal, mit welchem Namen man Dich anspricht. Hauptsache, Du hast genug Shuger, um Dir die nächste Linie rein zu ziehen. Oder eines der Mädchen. Ich kann mir vorstellen, dass Du – mal auf den Geschmack gekommen – wohl auch mit achtzehn oder zwanzig Jahren nicht so schnell von diesen Gören loskommen kannst.

Ich habe mir die Kritiken der Heteros kurz durchgesehen – am Computer zuhause im Internet. Die übertreffen sich gegenseitig im Lob über Deinen Text. Skandal ist nur der Vorname, der dauernd zitiert wird. Ich denke, Du hast es den Heteros mal ordentlich gezeigt, wie werdende Männer mit minderjährigen Mädchen Sex machen („flach legen“), die knapp über dem Schutzalter, oder meistens auch drunter sind.

Beim Homosex hast Du Dich vorsichtigerweise an einen Gleichaltrigen gehalten. So kann keineR „Pädophilie – Pädophilie“ schreien und Dich um Deinen Ruf bringen, den Du noch gar nicht hast. Als Schwuler frage ich mich nur, ob die LeserInnen, die Deine Abenteuer lesen und so toll finden, vielleicht auch „pädophil“ sind. Also, ich bin es trotz Deiner literarischen Ambitionen nicht geworden.

Doch lass uns konkret werden! Du hast einen blöden Vater und eine Tussi-Mutter, die Dich sogar auffordert, Geld aus ihrer Tasche zu nehmen. Die Schule interessiert Dich eigentlich nicht und auf den Parties der Geld-Gesellschaft langweilst Du Dich nur – mit Not kriegst Du einen Kondom in die Hände, um irgendein Girl zu beeindrucken. Stiefgeschwister magst Du auch nicht besonders. Da kommt Dir der Augustin gerade recht. Zusammen macht vieles mehr Spass, nicht nur das wixen. Man merkt, dass Du in Deiner Jugend nur wenig Sozialkontakte gehabt hast und diese vor allem innerhalb Deiner Gesellschaftsschicht. So quasi „inzestuös“. Das lag wohl auch am Verhältnis zu Deiner Mutter, die eher als Liebhaberin rüberkommt, die ihrem Macker alles durchgehen lässt und sich dann beim Selben ausweint, wie schmerzlich das alles sei. Das tun viele Mütter dann – bei ihren Söhnen…

Als Schwuler habe ich so meine Vorstellungen vom Verliebtsein und den Gefühlen zwischen Männern. Dein Augustin ist sicher sehr nett und ein treuer Verbündeter Eurer Abenteuer. Aber mehr liegt da nicht drin. Gelinde gesagt, Du hast null Ahnung von Männerliebe und Deine Kenntnisse über den schwulen Sex, sind pubertäre Wunschträume. Aber auch Deine Erfolge bei den Mädchen möchte ich im Namen der Heteros anzweifeln. Gut, welcher Hetero hat eine Ahnung von der Psyche, oder gar dem Körper eines Mädchens? Aber dass Du keine Ahnung von Männern hast, erstaunt mich dann doch sehr. Da habe ich mit Heteros schon mehr erlebt! Ich denke, Du hast wohl Dein Männerpaar nicht bewusst aufs Ficken verzichten lassen. Das waren eher Deine unbewussten Ängste um Dein heterosexuelles Renommé. Vielleicht würdest Du minderjährige Mädchen anders flachlegen, wenn Du auch mal selber flachgelegen wärest – nicht nur um Dir einen blasen zu lassen.

Ich will offen zugeben, dass ich als eingefleischter Schwuler weder mit Deinen Drogen, noch mit Deinen hetera Zicken etwas anfangen konnte. Weder mit den Schülerinnen, noch mit der Lehrerin. Aber etwas habe ich bestimmt gelernt: Schon beim Alkohol werden viele Heteromacker sehr viel zugänglicher, als sie jemals zugeben würden. Da haben sich Generationen von denen schnell am Riemen gerissen – und es dann vergessen. Auch ohne geldgestopfte Eltern, Tabletten und Schnee…

Ja, Deine Geschichte erinnert mich sehr an meine frühere Schulzeit. Ich hatte auch mal einen weiblichen Schulschatz, aber interessiert haben mich mehr die Schwänze der Schulkollegen unter der Dusche nach dem Turnen. Ich musste nie mit einer SM per Cellphone Schluss machen. Ich konnte höchstens den einen oder anderen davon mal zum wixen verleiten. Und von den Schul-Lagern und ihren sexuellen Eskapaden habe ich immer nur gehört, aber nie selber so was erlebt.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass sich in Deinem Buch zwei Heteros mal mit Homosexualität versuchen, aber daran scheitern, weil sie ja die Drogen geiler finden. Sie werden sich weiterhin mit Mädchen langweilen. Nachdem Du weder in der Familie, noch in der Schule wirklich geliebt wurdest, hast Du das auch beim Augustin nicht gefunden. Ah! Hast Du vielleicht zufällig den Film Brokeback Mountain gesehen? Ich zwar auch nicht, aber man sagt, die Sexualität zwischen jenen Männern sei da eigentlich gar nicht vorgekommen, nur die Liebe. Tja, Heteros eben, brechen oft zu früh vor dem Orgasmus, äh der Liebe ihrer Partner das Ganze ab. Ich weiss gar nicht mehr, ob der Augustin schneller gekommen ist als Du, oder ob Ihr auch mal gemeinsam ejakuliert habt.

Jedenfalls pädophil ist Dein Buch sicher nicht, auch kein Schwulenporno. Du kannst es also getrost jedem Hetero verkaufen und Deine Lesungen vor Publikum werden vor allem mit den Drogen beeindrucken, so dass die Homosexualität für die meisten kein Problem darstellt.

Tja, das war’s dann schon. Für Nachhilfeunterricht bin ich nicht zuständig. Aber vielleicht hast Du einfach nicht die richtigen Homepages und Foren im Internet gefunden, um zu recherchieren. Das erinnert mich an Profile, in welchen steht: „Anfänger sucht Anfänger, um gemeinsam Erfahrungen zu machen. Aber weisst Du, diese Methode mag zwar romantisch sein, bringts aber nicht wirklich im Leben! Und jetzt bist Du ja bald über Dein Buch hinausgewachsen und Mann geworden. Entweder hörst Du auf mit schreiben, oder Du versuchst es wirklich mal mit einem Schwulen!

Herzlich, Dein Peter Thommen (61)

P.S. hetero Kritiken: „jede Menge Sex“ ? ahem: gähn!

Sacha Sperling: Ich dich auch nicht, Piper 2011, 224 S. € 17.95, ca. CH 25.-

weitere schwule Kritiken:

„Sacha lernt Augustin kennen, gehört dadurch zufällig zu den Coolen, zieht mit ihm um die Häuser und durch die Clubs, experimentiert mit Speed und Mädchen. Doch Sacha verliebt sich in seinen Kumpel, hoffnungslos, dieser spielt zwar nur mit ihm. Wie hier das Lebensgefühl zwischen übermütigen Träumen und stumpfer Illusionsleere fast filmisch erzählt wird, ist unbedingt lesenswert. „Die Sehnsucht nach Apokalypse und Popcorn“, so bringt es Sacha in einem der vielen lakonisch-treffenden Sätze auf den Punkt. Was in einzelnen Szenen brillant und unvergesslich ist, lässt einen als Genzes dann aber doch etwas unbefriedigt zurück. Vielleicht ein allzu arrangierter Skandal-Voyeurismus. Dass Schriftsteller und Hauptdarsteller den selben Vornahmen tragen, ist nämlich auch nur ein raffiniertes Spiel, so trendy wie belanglos. Sacha Sperling heisst eigentlich Yasha Kurys, ist der Sohn eines erfolgreichen Künstlerpaars. So schreibt man heute einen Bestseller. Einen, der seinen Erfolg verdient hat.“ (René Gerber im Cruiser Mai, 2011, S. 9)

Loetscher: war meine zeit meine zeit

Sonntag, 27. März 2011

Hugo Loetscher (1929-2009) ist ein schweizer Schriftsteller der Vorkriegsgenerationen. Er hätte mein Vater sein können. Er begann in den sechziger Jahren zu publizieren und bereiste später die halbe Welt, um zu entdecken, dass es jenseits des zürcher Sihlflusses noch andere Ufer gab. Vom „anderen Ufer“ berichtete er in seinem Roman „Der Immune“ (1975). Ich erfuhr sehr viel später davon, denn Loetscher war gar nicht als „homosexueller“ Schriftsteller bekannt.

„getabstract.com“ bietet eine Zusammenfassung dieses Romans, worin Loetscher erstmals von der Weltläufigkeit seines Denkens und Lebens erzählt. „In seinem quasi autobiografischen Hauptwerk blickt der Zürcher Autor und Kosmopolit Hugo Loetscher auf sein Leben als Journalist zurück. Der Immune, die Hauptfigur des Romans, leidet an seiner Überempfindlichkeit und versucht sich abzuhärten, indem er sich allen möglichen Situationen, auch den unangenehmsten, schonungslos aussetzt.“

Das kommt mir irgendwie bekannt vor! Viele Homosexuelle versuchen, sich abzuhärten, mittels zusätzlicher Leistungen, die sie erbringen, grösserer Krativität – aber auch grösserer Destruktivität und Dekonstruktivität ihrer eigenen Persönlichkeit. Vor allem wenn ich an die letzten Jungautoren denke, deren Leben ohne Drogen und HIV nicht zu beschreiben wäre.

„Der Waschküchenschlüssel“ (1973) blickt eindringlich auf Schweizerische Eigenheiten und wie ein Junggeselle in dieser Waschküchenordnung ein heilloses Durcheinander erzielt.

Loetschers letztes Buch erschien einige Tage nach seinem Tod. Anlass genug für mich, in seinen Lebenserinnerungen zu lesen. Ich erwartete nichts „schwules“ von ihm. Lediglich einige Skurrilitäten eines Junggesellenlebens eben. Eines bürgerlich-anerkannten Philosophen, Journalisten, Kulturkritiker und Schriftstellers. Ich las das Buch mit Unterbrüchen über ein halbes Jahr. Das Leben ist kein Trip, kein Orgasmus und auch kein Paradies. Es hat seine Langweiligkeiten und Längen, wie dieses Buch auch. Aber es überraschte mit einigen Rosinen und Erdbeeren, für die es sich für mich gelohnt hat, Zeit mit ihm zu verbringen.

Damit in der Hektik des „heterosexuellen Literaturbetriebes“ die rosa Gedanken Loetschers aus diesem Buch nicht verloren gehen mögen, zitiere ich sie für Euch!

 

„Da dringt das Sonnenlicht in den Regentropfen ein und bricht; an der Innenwand des Tropfens wird ein Teil des Lichtes reflektiert; unter nochmaliger Brechung tritt das Licht aus dem Tropfen, und das weisse Licht wird in seine Farbkomponenten zerlegt.

Ob auch ein Mensch erst Farbe bekennt, wenn er mehrfach gebrochen wird?

Doch dann sah ich die Regenbogenfarben nicht an einem Himmel, an dem sie erlöschen, sondern auf einer Flagge. Die weht von Balkonen, Strassenlaternen, Brückengeländern, Haltestellen, wurde als Kopftuch und Umgang getragen – es war die Fahne der Homosexuellen, welche mit ihr ein öffentliches Bekenntnis ablegten, stolz der Tag, stolz die Woche, stolz die Parade. Die Farbpalette stand dafür, dass unterschiedliche Menschen sich zusammenfinden: die Roten, die Orangen, die Gelben, die Blauen, die Grünen und auch diejenigen, die lila sind.“ (S. 33-34)

(Über die Homoszene in Zürich nach dem Krieg) „Ein Programm anderer Art bot das einzige schwule Nachtlokal. Da schlenderte nicht nur ich an der Türe vorbei, noch eine Kehrtwendung, sich vergewissernd, wer herumstand, bevor man eintrat. Es wurde geflüstert: die, die solche Lokale aufsuchen, werden von der Polizei registriert. Drinnen vernahm man Genaueres. Verschärfte Kontrolle der Pissoirs. In Paris soll verboten werden, dass Männer miteinander tanzen. Die Amerikaner glauben nicht an den Kinsey-Report, so viel Prozent können es nicht sein, die derartige Erfahrungen eingestehen. An der Wand die Reproduktion von Ganymed, entführt vom Adler, und im Himmel erwartungsvoll Zeus, für „Menschen unserer Art“, Gruppenbilder von Heiligabend im Klublokal, „damit im Schein der Kerzen Weihnachten nicht ein Fest der Einsamen ist“. Einer überredet den Typen neben ihm, den Arm auf seiner Schulter: „Auch Shakespeare war so und erst Michalangelo“. Worauf einer aus einer dunklen Ecke kommentiert: „Schwul ist nicht abendfüllend. Vielleicht reicht’s für eine Nacht. Es ist nicht alles schwul, was glänzt.“ Ein rauchgeschwängertes Gedränge, so dass sich nicht nur von Barstuhl zu Barstuhl Schenkel an Schenkel presst.“ (S. 65)

„Was aber, wenn das Ufer, von dem ich komme, nicht das jenseitige Ufer der Sihl ist, wenn es eine andere Art Ufer ist, eines, das jenseits der gängigen Moralität liegt – was, wenn ich nicht liebe, wie diese die Majorität tut.

Ich war zu unzähligen Ufern unterwegs, die anders sind. Dabei hat mich gelegentlich der Reiseführer begleitet, der Auskunft gab: In welchem Land steht auf Homosexualität die Todesstrafe, und in welchem kann man „wegen Zuwiderhandlung gegen den Anstand“ zu Zwangsarbeit verurteilt werden. Wo wurde die Gesetzgebung liberalisiert und wo ist Diskriminierung strafbar – ja, und wie hoch ist das Schutzalter, nicht unwichtig, ob dabei Geld mit im Spiel ist.

Einschlägige Tipps für diesen Ort oder jene Stadt, nicht nur für Hotels oder guesthouses. Adressen von Bars und Clubs, in denen sich eher Ältere und Bärtige treffen, wo Studenten und Pornostars zusammenkommen, oder wo Stricher ihre Dienste offerieren. Aufgelistet, was empfohlen wird an Diskothek und Darkroom, was den Lederfetischisten oder den Liebhaber von gogo boys erwartet. Ob Strip oder Tabledance. Was an Dresscode respektiert werden muss: Leder, blue jeans oder military look. Hat das Kino eine Grossleinwand, oder nur Kabinen? Welche Sauna wartet mit „bösen Buben“ auf, die Sado bieten, oder massieren einfach Männer Männer, und werden mit der Eintrittskarte auch Kondome abgegeben? Hinweise auf Spezialevents wie Transvestiten-Show oder Unterwäsche-Partys. Welcher escort service ist europa- und weltweit zu empfehlen, und weshalb gilt diese Bahnhofs- oder jene Parkbekanntschaft nach Eindunkeln als gefährlich? Und natürlich die Nummer für das Überfalltelefon oder die Aidshilfe.

Wo aber war ich nicht überall dabei, ohne anwesend zu sein. Zum Beispiel als einer, weil er einem Mann beigewohnt hatte, rücklings von einem Felsen gestürzt wurde, worauf einer im Namen Jahwes den ersten Stein warf und ein zweiter den zweiten, bis die ganze Gemeinde steinigte.

Stand ich nicht oben an einer andern Grube. Beide, in flagranti ertappt, waren eingegraben bis zur Hüfte. Am lautesten johlte der neben mir, als er, Allah ist gross, mit seinem Wurf den Kopf des einen traf; er hielt den nächsten Stein zur Kontrolle hin, der durfte nicht grösser als seine Hand sein. Das war vorgeschrieben, um den Tod hinauszuzögern.

Und was für ein Auflauf an Schaulustigen, als ein Sodomit vom Gerichtsdiener aufs Rad geflochten und auf den brennenden Holzstoss geschoben wurde. Der Schrei des Verurteilten ging unter in der Litanei, die die Gerechtigkeit der Heiligen pries: ein christliches ora pro nobis.

Hätte ich nicht auch angestanden, um den amerikanischen Ex-Kombattanten im Gefängnis zu besuchen, auch wenn nur ein kurzes Gespräch durch eine Trennscheibe hindurch toleriert worden wäre? Hinter dem Glas der Sergeant, der vor seinen Richtern bekannte: „Ich habe im Vietnamkrieg einen Mann getötet und wurde dafür ausgezeichnet, ich habe in den USA einen Mann geküsst, dafür kam ich ins Gefängnis.“

Haben Eier und Tomaten nicht auch mich getroffen, obwohl ich nicht mitmarschierte bei den Pride-Paraden – ob in Moskau oder Bukarest, oder sonst wo. Auch mir haben sie ein Transparent entrissen. Auch auf mich, der ich vor dem Bildschirm sass, haben bekennende Patrioten und militante Christen eingeschlagen, für einmal war ich froh um die Wasserspeier der Polizei.

Zu einem Drink aber habe ich live eingeladen (frag auch den Jungen in der Ecke, was er mag, den mit den zerschlissenen Jeans und der Schirmmütze im Gesicht). Im Stonewall an der Christopher Street im New Yorker Greenwich Village. Hier, in diesem Szenetreff, trank ich auf die gays, die eines Nachts die Polizei nicht mehr hinnahmen. Die Polizisten verhafteten schon wegen eines Kusses oder wegen Händchenhaltens und nahmen sic mit höhnender Vorliebe Transvestiten vor. Die Gays schlugen zurück, nicht mehr nur Schwarze und Hispanics. Ein paar tausend gegen ein paar hundert Polizisten. Flaschen und Steine gegen Gummigeschosse und Knüppel. Nicht bloss Handgemenge, sondern Tumult und Aufruhr. Drei Tage Rebellion – gay power.

Das war etwas anderes als die Razzien im Nachkriegs-Zürich mit seinem Schwulenregister. Wegen der Homosexuellen würden sich Geschlechtskrankheiten ausbreiten. Daher Verhaftungen und Zwangsuntersuchungen. Ein lokales Kapitel der Brunnenvergiftung, das sich wiederholte, als Aids als Schwulenepidemie diffamiert wurde. Bis die Immunschwäche international auf die Hetero-Agenda kam und afrikanische Heime sich mit Aids-Waisen füllten.“ (S. 188-190, Auszug aus einem vieles übergreifenden Homo-Thema-Kapitel, bis S. 208)

„Das Café Pierre Loti gibt es noch. Nur dass jetzt eine Schwebebahn zur Eyüp-Sultan-Moschee hinunterführt. Damals stieg ich zu Fuss den Hügel hina, strekcenweise auf einem Trampelpfad, durch den Friedhof, der sich den Hang entlangzieht. Unter alten Zypressen blumenlose Gräber, manche mit hohem Gras überwachsen. Mit Blüten und Muscheln verziert die Grabplatten der Frauen, die Stelen der Männer mit einem Turbanmotiv gekrönt, der schiefe Turban ein Zeichen, dass der Tote geköpft worden war. Ich versuchte, einem Alten auszuweichen, der sich mir in den Weg stellte. Ein struppiges Gesicht, der Mund fast zahnlos, als Gürtel eine Schnur, die Hose ausgefranst, barfuss, das eine Bein nachschleppend. Schliesslich folge ich ihm in seine Behausung, eine Unterschlupfhöhle mit einer Grabplatte als Dach. Die Matratze zerschlissen, ein paar Kerzenstummel, auf dem Boden ein angeschlagenes Emailbecken. Er hinkte in eine Ecke und holte hinter abgegessenen Melonenschalen etwas hervor, streckte es mir hin: „Ich war damals ein Junge. Von Pierre. Von Loti.“ Ein Roman des französischen Schriftstellers, der in jenem Café viel geschrieben hat und sich gern mit Jungen umgab. Das Buch in rotes Leder gebunden, mit Goldschnitt. Der Mann, der mir zum Abschied die offene Hand hinhielt, bettelte nicht, er verkaufte eine Erinnerung.“ (S. 172-173)

 

Ist es nicht faszinierend, wie ein Schriftsteller seine Erinnerungen weitergibt? Wie er wiederum sich an die Erinnerungen Anderer erinnert? Wie ein ganz normaler bürgerlicher Schriftsteller sich an Geschichte und Subkultur anheftet, sich mit ihr identifiziert und auch ein Teil von ihr ist, wiewohl er zu den Tatzeiten abwesend war? Und über welche Symbole er sich mit Anderen verbunden fühlt.  Peter Thommen (61)

Hugo Loetscher. War meine zeit meine zeit, 410 S. Diogenes 2009, € 21.90, ca. CHF 36.-

 

Pierre Loti (1850-1923), französischer Schriftsteller, erwähnt von Hugo Loetscher