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eine schöne Fresse!

Samstag, März 28th, 2015

Was man damit anfangen kann, das erzählt uns Edouard Louis in seinem autobiographisch gefärbten Roman „das Ende von Eddy“. Für viele ist nicht klar, warum er ein „Ende“ beschreibt. Das tut er, weil er mit seiner Kindheit und Jugend endgültig abgerechnet hat. Der Roman ist seine Abrechnung mit allem und allen. Darum hat er sich auch einen neuen Autorennamen zugelegt.

Ich habe die Geschichte von Eddy erzählt, ein Porträt des Dorfes gezeichnet, in dem er aufwächst, der Menschen, die ihn umgeben, um die Erfahrung des Dominiertwerdens greifbar zu machen.“ (1)

Das heisst also, dass er sein „persönliches“ Drama in den politischen Zusammenhang stellt. So wie es die Schwulenbewegung gemacht hat. „Im Flur fragten sie mich, wer ich sei, ob ich wirklich Bellegueule sei, über den alle reden. Sie stellten mir jene Frage, die ich mir dann selbst stellte, monate-, jahrelang, bist du der Schwule?“ (2)

Wie viele schwule Kinder fragte er sich, woher das kam, was andere „Schwuli“ nannten: „Meine Eltern nannten das „Getue“. Sie sagten: Lass doch das Getue. Sie wunderten sich. Warum benimmt Eddy sich wie eine Tussi? Sie sagten: Reg dich ab, muss das sein, dieses tuntige Gefuchtel. Sie dachten, es sei meine Entscheidung, dass ich mich so benahm, als wäre das eine Ästhetik, die ich kultivierte, um sie zu ärgern.“ (3)

Die Metapher vom „schwulen Kind“ gibt es noch gar nicht. Die Eltern stossen sich daran, weil es ihnen etwas sichtbar macht, das sie ja „gar nie vermittelt haben“! Nach der bewährten Hetero/a-Legende: So etwas gibt es in unserer Familie gar nicht.

Auch der Versuch, sich in die Mädchenkleider seiner Schwester zu stürzen, erschien ihm schliesslich zu absurd.

In der Mittelschule ausserhalb seines Dorfes war er mit neuen Leuten konfrontiert, die ihn neu taxierten. Ein Schüler liess ihn vor den Kollegen auf und ab laufen. Er sagte zu ihnen: „Passt mal auf, wie der läuft, total schwuchtelig, und er versprach ihnen, sie würden was zu lachen haben. Als ich mich weigern wollte, machte er mir klar, dass ich keine Wahl hatte und dafür büssen würde, wenn ich mich weigerte. Wenn du es nicht machst, kriegst du ein paar aufs Maul.“ (4)

Es ist erstaunlich, wie das Kind und der Jugendliche sich an der Rolle der Männer, dem Dorf und seiner Familie abarbeiten musste. Er porträtiert die Mutter, die Familie und die Menschen um ihn herum mit Geschichten aus ihrem Leben – bis ins Schlafzimmer der Eltern. Auch die sexuellen Übergriffe von heterosexuellen Jungs bekommen ihren Platz. Wir sehen, wie gewisse Sexualfantasien entstehen, sich verstärken und etablieren können.

EdLouis

Edouard Louis

Alles was man nicht hören wollte, wurde als Privat-angelegenheit ausgelegt. Mich hat es interessiert, diese Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem neu auszuloten.“

In allen Ländern, in denen der Roman bisher erschienen ist, wurden beide Themen, Klasse und Homosexualität, immer zusammen gesehen. Genau darum ging es mir ja auch, zu zeigen, wie sich beides bedingt. Schwul zu sein im Iran, in Russland, im Marais in Paris, in Berlin, oder in einem kleinen Dorf in Nordfrankreich, ist eben nicht dasselbe.“ (1)

Er versucht erfolglos zu fliehen. Er versucht auch, eine Freundin zu haben. Erst der Wegzug an eine höhere Schule und in ein Internat ermöglichen es ihm schliesslich, mit seiner Vergangenheit abzuschliessen. Und mit dem Namen Edouard Louis ist sein Leben als Edouard Bellegueule definitiv beendet.

Edouard Louis: Das Ende von Eddy, S. Fischer 2015, 205 S. ISBN 978-3-10-002277-6

Auch die französische Ausgabe ist lieferbar! Und die italienische besorgt ARCADOS auch!

1) Edouard Louis im Interview mit Friederike Schilbach

2) EL, dt. S. 13

3) EL, dt. S. 24 (hierzu sh. im Interview bei France Culture wie er – ab min 9’55 mit den Händen spricht!)

4) EL, dt. S. 32

Besprechung im „Spiegel“

SRF2 Kultur

Interview mit dlf

Epilog

Erfreulich, wie ein Junge die Worte wieder findet, die schon frühere Generationen formuliert haben! Und die „Tränen“ der Heteros darüber sind so heuchlerisch. Jedesmal müssten sie sich fragen, wer die Verantwortung dafür trägt und jedesmal wird das ausgeblendet. Auch wenn geschrieben wird: „Seine Tränen sind politisch!“ Denn niemals hatte es Konsequenzen in der Politik. Es wurden die juristischen Vergewaltigungen beseitigt, denn damit drang nichts mehr in die Medien und die Öffentlichkeit. Selbst die anale Vergewaltigung durch Heteros wird in keinen Interviews, die ich gesehen habe, thematisiert. Denn eigentlich ist ja immer der Schwule der Täter an den Heteros. Und so soll es ja auch weiterhin bleiben. Auch in der Sicht von Frauen. Denn wenn es „gebürtige Schwule“ geben würde, stimmte das Bild nicht mehr vom verführten und sexuell missbrauchten männlichen Kind! Es wäre zu revolutionär.  Peter Thommen

 Der Text als PDF

bis zum eigenen Begehren

Montag, April 1st, 2013

Oder: „Wer könnten wir sein, wenn wir anders sind als die Norm?“ 

Carolin Emcke hat 2012 ein vielbeachtetes und sehr persönliches Buch darüber, „wie wir begehren“ veröffentlicht. Wie immer finden Bücher von lesbisch begehrenden Frauen eine „andere“ Beachtung im heterosexuellen Publikum, als solche üblicher Autorinnen. Besonders dann, wenn sie die Partnerin einer bekannten Frau ist…

„Von außen betrachtet bin ich homosexuell. Im öffentlichen Diskurs, wenn dieses Begehren verortet werden soll, bin ich »lesbisch«, »schwul«, »eine Lesbe«, das ist dann schon ein Substantiv. Mal abgesehen davon, dass ich mich selbst so nie bezeichnen würde, ist, wie ich begehre, auf einmal keine Handlung mehr, lebendig, dynamisch, wandelbar. Wie ich begehre, das ist dann eine Identität“ (zeitmagazin, 15.3.12)

Emckes Buch wurde in den wichtigen Medien diskutiert und ich gebe hier ein paar Links zur ergänzenden und vorausgehenden Information: Verena Lueken, FAZ 4.3.2012, bei „perlentaucher“ eine Übersicht über verschiedene Ein-schätzungen, Kim Kindermann im deutschlandfunk, 15.3.2012, Daniel Schreiber in Cicero 18.3.2012, Christina Bauer (Fachärztin für Psycho-therapie), Jan Feddersen in der taz vom 10.3.2012, Ellen Kositza in Sezession, 20.3.2012,

SRF2-Reflexe (Audio), 3.4.2012: „Es ist eine sensible Erzählung über ihr Erwachsenwerden, über die Entdeckung ihrer Homosexualität und ihre Liebe zur klassischen Musik. Emcke bettet das ein in Überlegungen über das Recht auf Anderssein.“

L-talk (cb) vom 8.2.2013. Die obige Auswahl von Rezensionen enthält auch Kritik an ihrem Buch.

Ich kann dieses Buch einer „frauenbegehrenden Frau“ als „Schwuler“ lesen. Damit meine ich meinen ganz persönlichen Erfahrungsschatz. Mein Blick richtet sich auf ihre Darstellung von homosexuellen Männern in dem Buch und ihr Verhältnis zu ihnen. Alles nach dem Motto: Wer sich exponiert, der/die wird kritisiert. Dies zeigt sich auch in der „hetera-sexuellen“ Sicht von Ellen Kositza (> oben)!

„Es ist ein Balanceakt zwischen der Forderung nach Anerkennung als Gleiche und der nach Anerkennung als Andere und der Erwartung, dass andere erkennen können, wann das eine und wann das andere angemessen ist, wann es sich richtig anfühlt, als schwul oder als weiblich oder als muslimisch wahrgenommen zu werden, und wann es sich verletzend anfühlt.“ ( Emcke, zeitmagazin, 15.3.12)

Mit dem obigen Zitat ist gleichzeitig auch die weibliche Sichtweise angegeben. Eine Sichtweise, die „gleitend“ ist und für mich irgendwie typisch für eine Erziehung zu weiblichem Status in einer heTerrorsexuellen Gesellschaft. Nichts ist sicher, alles offen und ein „Dank fürs Begehrtwerden durch den Mann“ nicht selbstverständlich. Ich spiele hier auf etwas an, was mir im Gespräch mit bisexuellen Männern aufgefallen ist. Männer untereinander bedanken sich in der Regel nicht für die Befriedigung durch den Anderen. Ich habe hier gegenüber bisexuellen Männern immer irgendeine unsichtbare Wand gespürt, die mich letztlich von ihrem Begehren trennte, obwohl wir uns im Sex sehr nahe waren.

Ihre Freundinnen wollen als Dank den Beweis einer Liebe, die frau Mutter ihnen wohl schon in Aussicht gestellt hat. Oder als „Sichersein“, den Bedürfnissen eines Mannes entsprochen zu haben. Frauen ficken mit der Liebe und erwarten das auch vom Mann. Dies klingt in der Rezension von Ellen Kositza irgendwie an. Wahrscheinlich geht es schwulen Männern ähnlich!? Ich habe dazu noch ein wunderbares Zitat von Martin Dannecker gefunden: …dass die Frau vor allem einen Sexualkörper, der Mann hingegen vor allem ein Sexualorgan, aber keinen sexuellen Körper hat.“ (1)

Die heterosexuelle Sichtweise von Männersex und schwulem Sex findet sich in Spuren auch bei Emckes Diskurs um die Missbrauchsdiskussion. Sie greift alte Klischees von Pädophilen auf, die Knaben missbrauchen. Und während sie kindlich-unschuldig mit ihren heterosexuellen Jugenderfahrungen umgeht, ignoriert sie die weibliche Dimension dieses Problems und handelt es politisch korrekt nur an den Männern ab. Andererseits schreibt sie wieder Sätze wie: „Es hätte ja bedeuten können, explizit zu machen, dass Jugendliche als Objekte der Lust gelten konnten, dass unsere Körper begehrenswert sein könnten. Dass wir selbst hätten begehren können, das war gänzlich unvorstellbar.

In einer Welt, in der Sexualität tabuisiert wird, in der die Lust als ambivalente, unheimliche Leerstelle firmiert, kann über Formen der Lust nicht verhandelt werden. (2)

Nur leise klingt zwischen den Zeilen an, dass dabei unwichtig ist, ob das alles in einer „reformpädagogischen“ Odenwaldschule, oder in einem strengen katho-lischen Internat abgeht. Totschweigen verhindert durch den verunmöglichten Dialog auch die verbale Distanzsuche zwischen den Mächtigen und den Ohnmächtigen, um zu verhandeln. Das hat Folgen!

„In einer sexuell repressiven Welt, ob muslimisch oder katholisch, in der das Entdecken der eigenen Lust unterbunden, die Pubertät abgebrochen oder in ewiger Zeitschleife gehalten wird, verbleiben erwachsene Männer in einem infantilisierten Zustand des Vor-Begehrens, gehüllt in einen Kokon der aner-zogenen Scham.“

Hier klingt für mich auch die traditionelle Rolle der Frau an, die – aus-schliesslich auf den Mann vertröstet, dann meist auch gleich den „Täter“ an ihrem Körper hat. Zwischen Frauen scheint das nicht stattzufinden, aber wiederum zwischen Knaben und Männern ist es „zwingend“. Sie beschreibt das als „symmetrischen“ und „asymmetrischen“ Gegensatz.

Des … „ängstlich-ahnungslosen Sehnens nach Anerkennung von dem verehrten Lehrer. Hier leugnen die Täter die eigenen Taten, weil sie das Macht- und Gewaltverhältnis leugnen. Den asymmetrischen Missbrauch, die Vergewal-tigung verklären sie so zu symmetrischem Begehren.“

In der männlichen Sozialisation wurde anstelle des Dialogs oder einer genitalen Lust (bei der hetero-korrekt die Penetration als Gefahr in der Fantasie auf-scheint) die Rauferei und die gewaltsame Annäherung an den gleichge-schlechtlichen Körper entwickelt und bis heute als „normal“ empfunden. (Mit Recht erwähnt Judith Butler in einem Text, dass das Tabu der Homosexualität in der Familie noch vor dem Inzesttabu etabliert wird.)

Seltsamerweise war über den Roman und Film von Christa Winsloe, „Mädchen in Uniform“ seit ihrem Erscheinen niemals von „sexuellem Missbrauch“ die Rede. Unter Mädchen gibt es keinen Penis und vor allem nur „eine Inter-natsschülerin, die für eine Lehrerin starke Gefühle entwickelt“. Mann und Frau lasse sich das auf der Zunge zergehen! Frau verzeihe mir den Ausdruck: Frauen ficken halt mit Gefühlen, was bei Entzug aber genauso schmerzhaft sein kann…

Ich möchte dieses Thema mit einem Hinweis auf das Gedicht „Erlkönig“ abschliessen, in dem es neu-psychoanalytisch um sexuellen Missbrauch eines Knaben durch einen Mann geht. Hingegen in dem Märchen „Hänsel und Gretel“ kann Frau nichts davon erkennen, obwohl die Hexe nicht an dem Finger von Hänsel, sondern an seinem Penis interessiert ist, ob der schon „richtig gross“ werden kann!

Carolin Emcke liebt es, Un-Eindeutigkeiten zu beschreiben und zu umschreiben. So wie sie selbst sich schon immer verstanden hat. Gender. Rumbalgen mit Jungs und alles offen lassen. Gewertet und eingeordnet wird am Ende – und nie gemeinsam…

Interessant sind ihre Beschreibungen aus Gaza, wo sie von Einheimischen begleitet wird. Sie erlebt zunächst die Begegnung mit Frauen, die traditionell gekleidet, sie mit ihren kurzen Haaren und Hosen, nicht als „Ihresgleiche“ erkennen können. Noch interessanter ist ihre Begegnung mit einen Mann, den sie wiederum nicht als „Hetero“ erkennen kann!

„Und da stand er nun vor uns, und wir schauten fassungslos auf diese Erscheinung, als sei er eine Fata Morgana, die sich gleich in gestaltloses Flirren auflösen würde: Ibrahim trug eine Jeans, einen strahlend weissen, puffigen Daunen-Anorak und eine überdimensionale Sonnenbrille, die George Michael bei seinen Konzerten in den Achtzigern hätte tragen können.“

„Schon bei den ersten Sätzen zur Begrüssung … war klar, was nicht klar sein durfte: Ibrahim war schwul. Ein Schwuler in Gaza.“

Für sie war er ein Gender, der nach europäischen Massstäben ein Schwuler war, während in Gaza natürlich kein Mensch für so einen wie ihn eine Bezeichnung hatte. Und der langsame Annäherungsprozess zu ihm als Dolmetscher verharrte in einer Art sexlosem Raum, wie es auch „territo-riumslose“ Räume auf Flughäfen für Durchreisende gibt.

„Vielleicht wusste Ibrahim nicht, wie er wirkte? Woher sollte er das auch wissen? Aber musste er nicht zumindest bemerken, dass er anders aussah, sich anders gab als alle anderen jungen Männer um ihn herum? Wie konnte das sein? Wusste er nicht, wie schwul er sich gab? War er überhaupt schwul?“

Das erinnert mich an die frühen Beschreibungen orientalischer und arabischer Händler, die sich mit allerhand Tand schmückten, farbig kleideten und sich mit duftendem Parfum versorgten…

„War das Tabu zum Opfer seiner selbst geworden: Wurde Homosexualität derart unterdrückt, dass Hamas es nicht einmal erkannte, wenn ein Schwuler vor ihnen stand? Wenn über Homosexualität nicht gesprochen werden darf, dann darf auch nicht gesprochen werden, was Homosexualität ausmacht.“ (3)

Nicht einmal auf eine beiläufige aber direkte Frage nach Homosexuellen konnte der „Mann“ antworten, offenbar gab es keine entsprechende Identität oder Gender für ihn. Sehr wahrscheinlich gab es für ihn einen anderen Begriff, eine andere Auffassung, eine andere Sicht. Als Junge nahm ich zwar typische Homosexuelle zur Kenntnis, aber da ich ja nicht so erschien wie dieselben, empfand ich mich auch nicht als schwul. Ich bin zwar in der Schule und auf dem Weg gemobbt worden, aber keineR sagte je etwas über das Warum! Dabei sagte mir ein Schülerkollege später, er hätte schon immer gewusst, dass ich schwul sei.

Nach einem Angriff der Israelis auf Gaza, reiste Emcke wieder ein und begegnete erneut diesem Ibrahim. Und es war, als sei er so geschockt worden, als er ihr gegenüber erklärte, dass er schwul sei. (Leider gibt sie das Original-Wort nicht an.) Er hätte es bisher noch niemandem gesagt. Die Geschichte von Ibrahim geht in dem Buch weiter, bis zu seiner Flucht nach Europa. Die Scham von zuhause verwandelte sich: „er war froh, sich seiner Homosexualität nicht mehr schämen zu müssen, aber musste sie deswegen gleich schamlos sein?

Was mich an der Geschichte mit Ibrahim störte, ja ärgerte, war das Schweigen über die Gründe der Diskriminierung männlicher Homosexualität in Gaza. Auch wird die historische Entwicklung der Diskriminierung, erst von Männern, dann auch von Frauen völlig ignoriert. Denn Frauen waren traditionellerweise kein Teil des öffentlichen Lebensraumes! Und da Emcke sich vor allem als „queer“ versteht, musste sie auch die Geschichte mit dem § 175 in der BRD, der sich auf Männer beschränkte erst nachlesen. Die Tatsache, worauf die sozial-politische Kriminalisierung der Männer wirklich beruht, erfahren wir von ihr auf S.116, fast in der Mitte des Buches. Und welcheR LeserIN findet da noch die Verbindung zum vorher erwähnten sexuellen Missbrauch?

„Was an den männlichen biologischen Verschiedenheiten wird denn in den Begegnungsformen so bedrohlich? Analverkehr? Das ist ja keine sexuelle Praxis, die ausschliesslich Schwulen vorbehalten ist, das kann auch Frauen Lust bereiten. Oder ist es die misogyne Angst vor Penetration, die Vorstellung, dass Männer nicht nur gefickt werden können, sondern dass Männer gefickt und dadurch erregt werden könnten, die als staatsgefährdend gilt?“

Die Begehrensformen werden nicht weiter ausgeführt. Weiter hinten findet sich dann ein Satz, der mich wieder ärgert: (wie die Fragezeichen im vorhergehenden Zitat) „Homosexuelle Frauen begehren Frauen, weil sie begehren – nicht, weil sie nicht begehren.“ (S. 127) Er wird zur zentralen Aussage erst dann, wenn er wie folgt lauten würde: Menschen begehren das gleiche Geschlecht, weil sie Identität begehren, nicht, weil sie nicht begehren! (P.Thommen) (4) Emcke formuliert das so: „Aber mit Frauen ist es einfach aufregender.“ (S. 142) Und sie hat auch eine Erklärung für sich formuliert.

In einem Kapitel über Prostitution und Huren formuliert sie ihr Entsetzen über die heterosexuellen Verhältnisse und wie sie sich mit den Nutten identifiziert. (5) Frauen verstehen aber nicht den Unterschied zwischen der heterosexuellen Prostitution und der homosexuellen! Diese bietet nicht das gleiche wie in der Ehe, sondern etwas „anderes“ und sie findet nicht unter den gleichen Bedingungen statt.

S. 192 sortiert sie ihre frühen Erfahrungen neu: „Ich wollte andere Mädchen oder Frauen lieben dürfen. Und dieses Verlangen, ohne dass ich das darin enthaltene Lustvolle erkannt hätte, dieses tiefe Verlangen taucht auch auf, immer wieder, bei verschiedenen, meist älteren Frauen, nur verband ich es nie mit der Vorstellung von Homosexualität. Ich verband es nicht einmal bewusst mit „Liebe“.

Diese Definition gilt es zu respektieren, sie ist authentisch und glaubhaft. Aber es gibt auch noch schwule Sichtweisen, Erlebnisweisen, die zwar auch „gleichgeschlechtlich“ konnotiert sind, aber viel „sexueller“ ausgeprägt. Und wenn ich sexuell meine, dann bitte nicht nur „ficken“! Und hier verweise ich nochmals auf Martin Danneckers Zitat!  Peter Thommen_63, Buchhändler

 

Carolin Emcke moderiert regelmässig öffentliche Diskussionen zu verschiedensten Themen. Hier über Religion und Sexualität, worin auch die Analität erwähnt wird.

P.S. Das Buch gibt Anlass zu weiteren Diskussionen dieser Art. Es enthält weitere Erzähl- und Themen-Stränge.

Carolin Emcke: Wie wir begehren, Fischer 2012, 256 S.

 

1) Die Geschlechtsspezifische Durchsetzung des Genitalprimats findet (nach Freud) „ihren Niederschlag auch darin .., dass die Frau vor allem einen Sexualkörper, der Mann hingegen vor allem ein Sexualorgan, aber keinen sexuellen Körper hat.“

(Indem das Sexualziel darin besteht, mit dem Penis in die Vagina einzudringen, was – wie Dannecker daraus folgert – den Penis zu seinem einzigen Sexual-organ macht.)

„Historisch betrachtet erscheint das durchaus zutreffend. Ein ganzes Bündel von Phänomenen deutet darauf hin, dass heterosexuelle Männer bis vor kurzem keinen sexuellen Körper hatten, jedenfalls nicht in dem Sinn, wie er Frauen und homosexuellen Männern eigen ist. Das will sagen, dass sich der Körper der heterosexuellen Männer der Sexualisierung entzog. Ein sexualisierbarer Körper erschien lange gleichbedeutend mit einem Frauenkörper oder einem „Schwulenkörper“ … Martin Dannecker: Männliche und weibliche Sexualität, in: Quindeau/Sigusch: Freud und das Sexuelle, S. 87)

2) Es gibt Knaben, die haben NICHT kein Begehren, sondern eben ein Begehren nach Männern, auch neben der Bereitschaft für Frauen! Aber das ist für Frau Emcke wiederum so unwichtig, wie ihr lesbisches Begehren es für die Heterokultur ist. Und es gibt nicht nur Männer, die Knaben missbrauchen, sondern auch Knaben, die Männer ficken wollen! Doch das trauen sich viele Schwule nicht öffentlich auszusprechen! Damit nimmt man/Frau uns Männern aber einfach einen Teil unserer sexuellen Biografie weg! Kriminalisiert und entsorgt in der Schublade „Missbrauch“!

3) Sinngemäss kann davon geschrieben werden, dass, wenn über männliches Begehren, vor allem nicht über dasjenige des Jüngeren zum Älteren, nicht gesprochen werden darf, dann darf auch nicht darüber gesprochen werden, was diese Liebe (Gerontophilie) ausmacht! Praktischerweise wird sie im Wort „Pädophilie“ gefasst und generell als Missbrauch entsorgt.

4) Und nicht erst politisch-korrekt ab 16, oder gar 18 Jahren! Ich wiederhole, es geht hier ums Begehren und nicht um „strafbare Handlungen“!

5) S. 145-153

Einen Regenbogen im Brillengestell

Sonntag, April 17th, 2011

Das hat nicht jeder. Für Patrick Bowien (30) aber ist das auf dem Titelbild das richtige Symbol für seine Identität als Schwuler. Die an die 60er Jahre erinnernde Frisur lässt zuerst auf einen Mädchenkopf tippen. Aber so ist das mit der Identitätsfindung in der männlichen Homosexualität: Keiner will „so sein“ wie „der Andere“, aber trotzdem müssen wir zueinander finden. Für ihn ist das „gaynau richtig“.

Da hat sich einer daran gemacht, die Geschichte, die Umstände, und selbst HIV aufzuarbeiten und zu sich selbst zu finden. Der Weg ist doch das Ziel! Daneben schrieb mir kürzlich ein 22jähriger Bisexueller, er wisse doch schon alles und brauche keine Bücher zu lesen. Kein Weg führt auch zu keinem Ziel…

Ich war etwas überrascht über Bowiens vertiefte Arbeit, die er in einem Buch veröffentlichte. Etwas überrascht war ich auch, dass der 22jährige Junge befand, er wisse doch schon alles. Zwischen den beiden liegen nur rund 10 Jahre.

„Dieses Buch zu schreiben war eine persönliche Herausforderung. Neben Stress und Verzweiflung brachte es mir jedoch auch Lernen über die Identitätsfindung in der Homosexualität und über das professionelle zielgerichtete Schreiben eines Buches.“ (Vorwort)

Doch dies scheuen die meisten Jungs. Sie möchten ihre sexuelle Orientierung möglichst lange in der Schwebe behalten und sie schliesslich einem Schicksal anheim stellen, das sie dann nicht zu verantworten haben. Nach dem Motto: Etwas bi schadet nie…

Bowiens Arbeit ist eine ausführliche Zusammenstellung der Fakten, wie sie viele schwule Jungs und Männer immer wieder für „Selbstvertiefungsarbeiten“, Semesterarbeiten, oder Schulvorträge zum Zweck ihres coming outs in Ausbildungsinstitutionen erarbeiten. Ein Crashkurs durch Geschichte, Kultur und Politik und wie diese die Homosexualität einordnen. Auf die einschneidende persönliche und politische Rolle von HIV-AIDS geht er in einem ausführlichen Kapitel ein.

Darauf aufbauend beginnt ungefähr in der Mitte des Buches der Text über die Selbstfindung. „Die vorangegangenen Kapitel bildeten die Basis, auf der der homosexuelle Mensch sozialisiert wird. Diese Basis bestimmt das Fremd- und Selbstbild und beeinflusst den Prozess der Identitätsfindung wesentlich.“ (S. 61)

Er beruft sich auf wichtige Autoren der letzten Jahre und Jahrzehnte und zitiert ausführlich aus Büchern von Rauchfleisch, Hofsäss und vor allem Wiesendanger. Sein Studium der Sozialpädagogik gibt ihm auch die Knackpunkte fürs frühe jugendliche coming out vor. Diese werden weitgehend von den pädagogischen Institutionen übersehen. Bowien macht klar, dass viele Jugendliche bis ins Erwachsenenalter hinein der besonderen Beratung bedürfen, um nicht in pubertärer Opposition und an den gnadenlosen Regeln von Heterror und kommerzieller Szene zu scheitern. Er gibt auch handfeste Tipps für Beratungen und heterosexuelle Therapeuten. Aus der Sicht emanzipatorischer Sozialpädagogik ist es besonders wichtig, „nicht auf die Integration von homosexuellen Menschen in die heterosexuelle Gesellschaft hinzuarbeiten, sondern die Autonomie der Homosexuellen zu stärken. Auf diese Weise wäre ein homosexuelles Leben in psychischer Gesundheit in einer Gesellschaft wie sie heute besteht, leichter zu realisieren.“ (S. 87)

Drei personenzentrierte Interviews (nach Rogers) schliessen das Buch ab. Mit homosexuellen Männern der Jahrgänge 1928, 1958 und 1987, die er ausführlich kommentiert.

Bowiens Buch hat mir einmal mehr vor Augen geführt, dass es noch immer einer intellektuellen Anstrengung bedarf, um – jenseits der Nachahmung heterosexueller Normen – ein persönlich eigenständiges und selbstverantwortetes Leben in und mit der Homosexualität zu führen. Diese Anstrengung ist lebenslang gefordert! Die erleichterte „Einbürgerung“ mittels gesetzlicher Lebenspartnerschaften kann dies niemals ersetzen!

Peter Thommen, Schwulenaktivist (61)

Patrick Bowien: Gaynau richtig! Identitätsfindung in der männlichen Homosexualität, Tectum 2011, 120 S., CHF ca. 27.- (€ 19.90)

(Das Buch ist in Basel auch bei gay-mega-store erhältlich)

Siehe auch die Bücher von Wiesendanger: Vertieftes coming out, sowie Das Kind im schwulen Mann

Lieber Sacha Sperling!

Sonntag, April 10th, 2011

Eigentlich heisst Du ganz anders, aber das macht nichts. Es ist Dir sowieso egal, mit welchem Namen man Dich anspricht. Hauptsache, Du hast genug Shuger, um Dir die nächste Linie rein zu ziehen. Oder eines der Mädchen. Ich kann mir vorstellen, dass Du – mal auf den Geschmack gekommen – wohl auch mit achtzehn oder zwanzig Jahren nicht so schnell von diesen Gören loskommen kannst.

Ich habe mir die Kritiken der Heteros kurz durchgesehen – am Computer zuhause im Internet. Die übertreffen sich gegenseitig im Lob über Deinen Text. Skandal ist nur der Vorname, der dauernd zitiert wird. Ich denke, Du hast es den Heteros mal ordentlich gezeigt, wie werdende Männer mit minderjährigen Mädchen Sex machen („flach legen“), die knapp über dem Schutzalter, oder meistens auch drunter sind.

Beim Homosex hast Du Dich vorsichtigerweise an einen Gleichaltrigen gehalten. So kann keineR „Pädophilie – Pädophilie“ schreien und Dich um Deinen Ruf bringen, den Du noch gar nicht hast. Als Schwuler frage ich mich nur, ob die LeserInnen, die Deine Abenteuer lesen und so toll finden, vielleicht auch „pädophil“ sind. Also, ich bin es trotz Deiner literarischen Ambitionen nicht geworden.

Doch lass uns konkret werden! Du hast einen blöden Vater und eine Tussi-Mutter, die Dich sogar auffordert, Geld aus ihrer Tasche zu nehmen. Die Schule interessiert Dich eigentlich nicht und auf den Parties der Geld-Gesellschaft langweilst Du Dich nur – mit Not kriegst Du einen Kondom in die Hände, um irgendein Girl zu beeindrucken. Stiefgeschwister magst Du auch nicht besonders. Da kommt Dir der Augustin gerade recht. Zusammen macht vieles mehr Spass, nicht nur das wixen. Man merkt, dass Du in Deiner Jugend nur wenig Sozialkontakte gehabt hast und diese vor allem innerhalb Deiner Gesellschaftsschicht. So quasi „inzestuös“. Das lag wohl auch am Verhältnis zu Deiner Mutter, die eher als Liebhaberin rüberkommt, die ihrem Macker alles durchgehen lässt und sich dann beim Selben ausweint, wie schmerzlich das alles sei. Das tun viele Mütter dann – bei ihren Söhnen…

Als Schwuler habe ich so meine Vorstellungen vom Verliebtsein und den Gefühlen zwischen Männern. Dein Augustin ist sicher sehr nett und ein treuer Verbündeter Eurer Abenteuer. Aber mehr liegt da nicht drin. Gelinde gesagt, Du hast null Ahnung von Männerliebe und Deine Kenntnisse über den schwulen Sex, sind pubertäre Wunschträume. Aber auch Deine Erfolge bei den Mädchen möchte ich im Namen der Heteros anzweifeln. Gut, welcher Hetero hat eine Ahnung von der Psyche, oder gar dem Körper eines Mädchens? Aber dass Du keine Ahnung von Männern hast, erstaunt mich dann doch sehr. Da habe ich mit Heteros schon mehr erlebt! Ich denke, Du hast wohl Dein Männerpaar nicht bewusst aufs Ficken verzichten lassen. Das waren eher Deine unbewussten Ängste um Dein heterosexuelles Renommé. Vielleicht würdest Du minderjährige Mädchen anders flachlegen, wenn Du auch mal selber flachgelegen wärest – nicht nur um Dir einen blasen zu lassen.

Ich will offen zugeben, dass ich als eingefleischter Schwuler weder mit Deinen Drogen, noch mit Deinen hetera Zicken etwas anfangen konnte. Weder mit den Schülerinnen, noch mit der Lehrerin. Aber etwas habe ich bestimmt gelernt: Schon beim Alkohol werden viele Heteromacker sehr viel zugänglicher, als sie jemals zugeben würden. Da haben sich Generationen von denen schnell am Riemen gerissen – und es dann vergessen. Auch ohne geldgestopfte Eltern, Tabletten und Schnee…

Ja, Deine Geschichte erinnert mich sehr an meine frühere Schulzeit. Ich hatte auch mal einen weiblichen Schulschatz, aber interessiert haben mich mehr die Schwänze der Schulkollegen unter der Dusche nach dem Turnen. Ich musste nie mit einer SM per Cellphone Schluss machen. Ich konnte höchstens den einen oder anderen davon mal zum wixen verleiten. Und von den Schul-Lagern und ihren sexuellen Eskapaden habe ich immer nur gehört, aber nie selber so was erlebt.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass sich in Deinem Buch zwei Heteros mal mit Homosexualität versuchen, aber daran scheitern, weil sie ja die Drogen geiler finden. Sie werden sich weiterhin mit Mädchen langweilen. Nachdem Du weder in der Familie, noch in der Schule wirklich geliebt wurdest, hast Du das auch beim Augustin nicht gefunden. Ah! Hast Du vielleicht zufällig den Film Brokeback Mountain gesehen? Ich zwar auch nicht, aber man sagt, die Sexualität zwischen jenen Männern sei da eigentlich gar nicht vorgekommen, nur die Liebe. Tja, Heteros eben, brechen oft zu früh vor dem Orgasmus, äh der Liebe ihrer Partner das Ganze ab. Ich weiss gar nicht mehr, ob der Augustin schneller gekommen ist als Du, oder ob Ihr auch mal gemeinsam ejakuliert habt.

Jedenfalls pädophil ist Dein Buch sicher nicht, auch kein Schwulenporno. Du kannst es also getrost jedem Hetero verkaufen und Deine Lesungen vor Publikum werden vor allem mit den Drogen beeindrucken, so dass die Homosexualität für die meisten kein Problem darstellt.

Tja, das war’s dann schon. Für Nachhilfeunterricht bin ich nicht zuständig. Aber vielleicht hast Du einfach nicht die richtigen Homepages und Foren im Internet gefunden, um zu recherchieren. Das erinnert mich an Profile, in welchen steht: „Anfänger sucht Anfänger, um gemeinsam Erfahrungen zu machen. Aber weisst Du, diese Methode mag zwar romantisch sein, bringts aber nicht wirklich im Leben! Und jetzt bist Du ja bald über Dein Buch hinausgewachsen und Mann geworden. Entweder hörst Du auf mit schreiben, oder Du versuchst es wirklich mal mit einem Schwulen!

Herzlich, Dein Peter Thommen (61)

P.S. hetero Kritiken: „jede Menge Sex“ ? ahem: gähn!

Sacha Sperling: Ich dich auch nicht, Piper 2011, 224 S. € 17.95, ca. CH 25.-

weitere schwule Kritiken:

„Sacha lernt Augustin kennen, gehört dadurch zufällig zu den Coolen, zieht mit ihm um die Häuser und durch die Clubs, experimentiert mit Speed und Mädchen. Doch Sacha verliebt sich in seinen Kumpel, hoffnungslos, dieser spielt zwar nur mit ihm. Wie hier das Lebensgefühl zwischen übermütigen Träumen und stumpfer Illusionsleere fast filmisch erzählt wird, ist unbedingt lesenswert. „Die Sehnsucht nach Apokalypse und Popcorn“, so bringt es Sacha in einem der vielen lakonisch-treffenden Sätze auf den Punkt. Was in einzelnen Szenen brillant und unvergesslich ist, lässt einen als Genzes dann aber doch etwas unbefriedigt zurück. Vielleicht ein allzu arrangierter Skandal-Voyeurismus. Dass Schriftsteller und Hauptdarsteller den selben Vornahmen tragen, ist nämlich auch nur ein raffiniertes Spiel, so trendy wie belanglos. Sacha Sperling heisst eigentlich Yasha Kurys, ist der Sohn eines erfolgreichen Künstlerpaars. So schreibt man heute einen Bestseller. Einen, der seinen Erfolg verdient hat.“ (René Gerber im Cruiser Mai, 2011, S. 9)

Im Labyrinth des Ichs

Donnerstag, Juni 17th, 2010

Der passende Titel für eine Geschichte über sexuelle Identität bei Jungs. Mittels Dialogen und Szenen, aber auch Monologen und Reflexionen, öffnet sich uns die Welt der Pausenhöfe, der Jungs im Autoritätsstress und bei der Erfahrung von Uebermacht.

Wie freundschaftliche Gefühle sich entwickeln, Verliebtheit und Hass entstehen können, das erzählt uns Charlotte Ulbrich ganz lapidar, auch einfühlend und fesselnd in ihrer Erzählung. Es geht um Jungs und Mädchen, die bereits auf „Eroberung“ aus sind. So zufällig und schräg wie im Leben, bilden sich Cliquen und isolieren sich „Einzelgänger“ und kommen einander in die Quere.

Marco, der Angepasste beschreibt die Entwicklung eines Konflikts an der Schule, der ihn in Loyalitätsprobleme stürzt. Dabei hat er es doch mit dem „Neuen“ – eher besonnenen Dennis – nur gut gemeint. Seine derzeitige Freundin ist ihm auch keine Hilfe. Aber Oruc der Türke wird für ihn wichtig, vor allem als Tätlichkeiten nicht mehr zu verhindern sind. Alles spielt sich in der Welt der Kids ab, die erst sehr spät bei Erwachsenen und bei der Polizei um Hilfe ersuchen, um eine Katastrophe abzuwenden.

Wie gewöhnlich bekommt die Schule von allem gar nichts mit. Die junge Autorin selbst zeigt uns, dass Mädchen einen grossen Einfluss auch auf das Geschehen unter Jungs haben können, wenn sie sich nicht einfach nur einspannen lassen und das „heterosexuelle Spiel“ mit ihnen spielen. Ein wichtiges Buch auch für Mädchen!  Peter Thommen60

Ulbrich, Charlotte (17). Im Labyrinth des Ich’s, Pressel Verlag 2010, 160 S. CHF 16.- (über ARCADOS)

Unerwartete Wirkungen – Fortsetzung bereits in Arbeit!

Adrian Baumgartner: Marco ist sechzehn und wie bei jedem jungen Mann in diesem Alter spielen seine Gefühle verrückt. Nicht nur dass er sich von den Erwachsenen, und zum Teil auch durch seine Freuden und Kollegen nicht mehr verstanden füllt. Jetzt will es auch mit seiner Freundin Kim, nicht mehr so recht klappen. Und erst recht als er sich mit dem Neuen an seiner Schule anfreundet, geraten seine Gefühle aus dem Ruder.

Dieses Buch ist nicht nur sehr unterhaltend, sondern stellt die Gefühlswelt der Jugendlichen ins Rampenlicht. Der Autorin ist mit ihren siebzehn Jahren ein erstaunliches Meisterwerk geglückt, das es sich auf jeden Fall lohnt zum lesen.

So ticken schwule Jungs

Mittwoch, Mai 26th, 2010

Endlich Klartext schreiben, wollte Adrian Baumgartner, ein „Funkyboy“ wie die Plattform aus Deutschland heisst, auf der er ein Dutzend Jugendliche bat, ihre Ansichten, Ideen und Meinungen rund um die Situation „um die Homosexualität“ zu beschreiben. Während eines Jahres versandte er Fragen und liess sie beantworten.

„Auf diese Weise erhoffte ich mir, dass diese Erhebungen ein Buch geben würden, indem nun endlich steht, was die Betroffenen auch denken und selber auch erlebt haben. Und die meisten der Leser davon überzeugt, dass Schwule auch nur ganz menschliche Probleme haben.“ (Vorwort)

Es geht um Fragen wie: Das erste Bewusstwerden, erste Beziehung, wie man am besten sein coming out bewerkstelligt, um Klieschees wie: Wer spielt Mann und wer die Frau, oder wie geht man mit einem „gebrochenen Handgelenk“ um. Aber auch Fragen zur sexuellen Praxis und Einstellung zur Sexualität. Oder wie geht ein Junge mit dem Tod um. Muss einer unbedingt ein coming out haben? Wie würde einer Kindern Sexualunterricht über Homosexualität geben?

Zitat aus den Selbsteinschätzungen der Befragten: „schockiert hat mich, dass einige Fragen immer noch ein Thema sind in der Gesellschaft. Vieles habe ich schon für normal gehalten.“

(Autor:) „Dieses Buch beruft sich auf keine Studie oder Umfragen, sondern wiedergibt die Meinungen, Gedanken und Kritiken von Jugendlichen, an sich selber und an ihrem Umfeld. Ein Buch, das die Homosexualität so sieht wie sie ist, nämlich als normal gegebener Fall, wie die Heterosexualität.“

Ich habe das Buch mit Belustigung, aber auch mit Kopfschütteln gelesen. Sehr gefreut hat mich, wie Adrian Baumgartner ein Projekt durchgezogen hat, das mich durchaus an die ersten Anfänge der Schwulenbewegung erinnert hat.

Zurzeit ist eine kleine Vorauflage erhältlich, als „Books on Demand“ zum Preis von Fr. 18.- 104 S. (bei ARCADOS)