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Nordafrikanisches Liebesleben im Wandel

Montag, Mai 27th, 2013

Shereen el Feki hat ein aktuelles Buch mit sehr viel historischen, ethnologischen und sexuellen Informationen geschrieben, das ich mit Spannung gelesen habe.

Die Sexualkultur unter Moslems ist darin sehr anschaulich beschrieben, sowie die Doppelmoral, die sich aus Religion und Wirklichkeit ergibt. Neben der Situation von Frauen beschreibt sie auch die desolate Wirklichkeit von Männern. Unter der heute gültigen Kultur leiden beide Geschlechter, weil sie eine Ideologie für Gläubige (mönchisch) und keine mit Bezug auf Alltagserfahrungen mehr ist. Aberglaube, Unwissen und „vorauseilender Gehorsam“ sind wichtig! (Also Handlungen, die etwas Positives durch „Gehorsam“ in Aussicht stellen. Ein typisches Familienritual, wie ich meine!)

Obwohl der Islam und sein Prophet ihren Gläubigen sexuelle Freuden gönnt, lassen die sich aber nicht so einfach umsetzen und geniessen! Daher wogt ein stetiger Streit mit sogenannten religiösen Autoritäten, die angeblich wissen wollen, was „halal“ (gottgefällig) und was „haram“ (sündhaft) sei…

Mich interessieren solche Kulturschilderungen, weil sie das Grab unserer eigenen Vergangenheit öffnen und Erinnerungs- und Rekonstruktionshilfen für unsere Kultur sind, von denen die meisten nichts mehr wissen…

Bis heute sind die Bedürfnisse von Frauen und Männern sehr verschieden und müssen erst „koordiniert“ und eingeübt werden. Von „natürlicher Ergänzung“ kann keine Rede sein – abgesehen von der Penetration zur Fortpflanzung. Heterosexualität ist ein Konstrukt. Im Zusammenleben wie im Sexualleben. Rituale haben das menschliche Gespräch historisch zunehmend ersetzt.

Als Schwuler erkenne ich in den Schilderungen Fekis auch die verschütteten homosexuellen/homosozialen Elemente aller Männer wieder, an denen sie von Müttern, Gesellschaft, Freundinnen und Ehefrauen vorbeigemogelt werden.

Mir fällt bei den Gebräuchen der Moslems auch auf, dass es darum geht, den Sexualorganen mit Beschneidungen Gewalt anzutun, um sie früh zu zähmen. Aber um als erwachsen gelten und erwachsenen Sex haben zu können, braucht es weitere. (Ähnlich wie mit den religiösen Riten der Taufe/Konfirmation/Ehe) Es geht auch darum, dass vorehelicher Sex unter Kindern oder Jugendlichen „verhindert“ werden soll. Aber wer soll damit vor wem geschützt werden? Die Frauen vor Empfängnis und/oder die Männer vor Homosexualität?

Klar ist mir geworden, dass die Religionen ihre Macht auf Sexualeinschränkungen aufbauen. Dem Kind wird versprochen, es erhalte für den Gehorsam dann später eine Erfüllung im Sex und in der Liebe. Und dem Erwachsenen wird wiederum versprochen, er erhalte gegen seinen Glauben nach dem misslichen Leben, ein ewiges Paradies im Himmel…

In der administrativen und religiösen „Vergewaltigung“ in der Geschichte der Sexualität erkenne ich die heutige Sehnsucht von westlichen Schwulen und Bisexuellen, tatsächlich „entjungfert“ zu werden und von sexuellen Übergriffen zu träumen, letztlich um die Verantwortung dafür nicht übernehmen zu müssen. Nach dem Schmerz wird verlangt, aber nicht nach der Fähigkeit, (da)mit Sex(uell) umzugehen!

Feki Zit

in englisch und deutsch

Das schliesst unsafen Sex, barebacking und das „Schlampe“ spielen ebenfalls mit ein. (Phil Langer nennt das „beschädigte schwule Identität durch Risikoverhalten!“) Dies spielt – wie beim normalen hetero Verhalten unter so vielen Vorschriften, eine wichtige Rolle.

„Zu starke Sexualität“ wird angeblich gebremst und erzeugt bei beiden Geschlechtern offenbar Ängste, die mit Gewalt überwunden werden müssen, was wiederum ein verängstigtes Bedürfnis nach Gewalt erzeugt…

Wobei ich den Eindruck bekomme, dass Frau(en) sich in Kairo wohl um eine weibliche Identität bemühen, aber die Männer z.B. unberücksichtigt bleiben, wenn es um die Einheit mit anderen Männern geht, oder bei der Untersuchung von Spermien auf deren „Fruchtigkeit“. Traditionell wird alles über die Frau abgehandelt, sie muss sich rechtfertigen.

Wichtig und interessant ist die Feststellung El Fekis, dass sexuelle Übergriffe und Missbrauch keine sexuelle Identität verändern oder gar eine HS erst herstellen können, (Pädophilie-Vorwurf) wie das bei uns und offenbar auch dort geglaubt werden will.

Manchmal erscheint mir die Situation der ägyptischen Frauen wie diejenige von verklemmten und versteckten Schwulen. Die Gesundheits-Politik ist ähnlich wie die unserer Schwulenbewegungen anfangs des letzten Jahrhunderts.

Feki hat ein eigenes Kapitel über gleichgeschlechtlichen Sex und über Transgender geschrieben. Auch über die AktivistINNen und ihre Vorstellungen, wie sich diese auch von unseren westlichen Vorstellungen unterscheiden. Ähnlich wie früher in der Schwulenbewegung bei uns, will sozusagen keineR eine Homo-Ehe und deren Rechte einfordern, sondern überhaupt mal ein Recht auf Privatleben einklagen – nämlich für ALLE. Damit ist der Bezug zur Alle umfassenden Politik in der Gesellschaft so nahe wie er mal bei der Schwulenbewegung war.

Ein interessantes Buch für die Diskussion um die Homo-Ehe, für die Arbeit mit MigrantINNen, über Geschlechtsrollen, über Bisexualität, über Parallelsexualitäten (mit m und w), über Rollenverhalten. Generell wichtig für die Gender-Diskussionen!

Es ist anspruchsvoll, sich durch die dargestellte Frauensexualitätsgeschichten durchzuarbeiten, was nicht jedem zusagen mag. Aber wir sind nun mal alle von Frauen geboren und hängen da mit drin („schwul = weiblich“) – auch wenn wir keinen Sex mit ihnen haben!

Shereen el Feki: Sex und die Zitadelle, Hanser, 2013 (orig. engl. – jetzt auch frz.)

Es ist kein „wissenschaftliches“ Buch, sondern sehr leicht verständlich geschrieben und spannend zu lesen! Für viele aber dennoch eine Herausforderung!  Peter Thommen_63

Aktualisiert 11.6.2013

Shereen El Feki: Wie man eine Epidemie unter schlechten Gesetzen bekämpft! HIV

Ein Interview mit El Feki in englisch, über ihr Buch

Harare ist nicht Mauthausen

Freitag, September 2nd, 2011

Tendai Huchu erzählt uns über einen Friesiersalon in Harare, der wie überall in der Welt ein reales Netzwerk von Menschen darstellt, worüber sie einander mitteilen, klatschen und helfen. Worüber auch Neid, Missgunst und Eifersucht laufen und worin sich manche Biografien kreuzen. In Afrika werden Frauen von Frauen und Männer von Männern frisiert. Als eines Tages ein junger attraktiver Mann auftaucht, der den Kundinnen schöne Augen und moderne Frisuren macht und den weiblichen Angestellten harte Konkurrenz, geraten die Gewohnheiten aus den Fugen. Der Autor schreibt aus der weiblichen Perspektive von Vimbai, die ein uneheliches Kind und einen Haushalt durchzubringen hat. Nicht leicht bei den desaströsen wirtschaftlichen Verhältnissen in Zimbabwe. Wie sehr sind die Leute auf Handreichungen und Beziehungen angewiesen, um überleben zu können! Als Klienten aus dem Staatsapparat und bald auch Ministergattinnen auftauchen, weil sie von dem neuen Coiffeur Dumisani gehört haben, beginnt der kleine Kosmos zu wackeln. Erfahrung wird beiseite geschoben, Ideen und Innovationen von Dumisani bringen das Geschäft zum blühen. Vimbai sieht sich und ihr Karriere in Frage gestellt. Trotzdem nimmt sie den attraktiven Kollegen in Untermiete auf, um etwas Geld dazu zu verdienen. Er kümmert sich auch rührend um ihre Tochter und ist ein rücksichtsvoller Wohnpartner. Beide haben Probleme mit der Familie, weil sie nicht in die Normen passen. Als Dumisanis Bruder heiratet, nimmt er sie als Freundin mit an die Hochzeitsfeier, wo sie von der „Schwiegerfamilie“ mit offenen Armen empfangen wird. Sie schwimmt im Glück, als man ihr zu einem eigenen Salon verhilft. Schon macht sie sich Hoffnungen auf eine eigene Familie, als sie zu forschen beginnt, welches Problem denn ihr Zukünftiger vor ihr verbirgt. In dessen Abwesenheit durchsucht sie sein Zimmer und findet unter der Matratze den Schlüssel zu dem Geheimnis. Als gläubige Frau sucht sie Rat bei einer Regierungsstelle und verwickelt sich in tragischer Weise mit dem Schicksal Dumisanis. Zu spät realisiert sie den Fehler, den sie verschuldet hat und bleibt schliesslich alleine mit ihrem Kind und ihrem neuen Salon zurück. Tendai ist eine schwungvolle Erzählung gelungen, die einem sofort in ihren Bann zieht und bis zum bitteren Ende nicht mehr los lässt. Sie hat mich sehr angerührt!

Peter Thommen, Buchhändler (61)

P.S. Mauthausen? Ach das war doch in der Zeit des Nationalsozialismus. Was geht uns das heute noch an? Lies die Geschichte mit Dumisani!

Tendai Huchu: Der Friseur von Harare, Peter Hammer Verlag 2011 (2010 Weaver Press, Harare), 300 S. ca. CHF 24.-

Aus einem email des Autors: „Brother Peter!! As your service comes to an end (61 is rather premature I say!) others will pick up the rainbow flag. I am glad you have enjoyed the book though causing tears was never my intention 🙂 Dumisani exists, there are hundreds of him in the shadows Peter, but if anything time is on the side of progress and tolerance. Perhaps in your retirement you shall visit Zimbabwe, there is GALZ the gay organisation... Trust me there is more work for you to do apart from reading books and getting fat! Thank you for your support and if I can be of any assistance please do let me know. Tendai

Besprechung von Klaus Jetz auf  lsvd.de

Besprechung in der FAZ vom 27.2.12 (PDF 0,9 MB)