coming outs von vorgestern

7. April 2010

Die monotheistischen Religionen zeigen immer wieder, wie gross ihre Probleme sind, sich der immer rascheren Entwicklung unserer Zivilisationen anzupassen. Ausser vielleicht den Baha’i ist jede Religion davon überzeugt, die alleingültigen Wahrheiten zu „besitzen“. Baha’i versteht sich als Glaubensgemeinschaft, die alle Religionen umfassen möchte…

Wir vergessen meistens, dass unsere Religionen aus der „Kinderzeit“ menschlicher Zivilisationen stammen und auch Abbild und Grundsystem ihres Zusammenlebens von damals darstellen. Bei den Islamisten versuchen einzelne Individuen „weltpolitische“ Probleme für irgendwelche Führer oder Führungscliquen zu lösen. Bei den Juden und Christen waren Kriege und zuletzt in Europa „christliche“ Massenvernichtung nie ein grosses Problem, das zeigt die Historie. Aber auch im individuellen Verhalten und an individuellen Aeusserlichkeiten krallen sich diese Religionen auf kindliche Art fest. Da nützen die überlieferten Wissenschaften mit den „arabischen Zahlen“ auch nicht mehr viel…

So wie Kinder sich ab einem bestimmten Alter für die Geschlechtsunterschiede interessieren, so kämpfen diese Religionen auch für eindeutige Geschlechtsmerkmale, unverrückbare Geschlechtsrollen – und sei dies mit Bärten, Gewändern und fast tödlich bedrohter Geschlechtertrennung. Obwohl der christliche Gott immer wieder als MannundFrau begriffen werden soll, ist doch gerade in der Bibel die Geschlechtertrennung ein tragendes Element. Und bei Mohammed, der die Familienregeln klar zugunsten der Männer abgeändert hat und sich also nicht auf Urzeiten seiner Kultur berufen kann, sind die Geschlechtervorschriften nicht so streng zu bestrafen, wie seine Interpreten das immer vorgeben. Nicht umsonst hat er immer wieder mehrere Augenzeugen verlangt, um über ein Vergehen gültig urteilen zu können. Er hat auch einmal angeordnet, dass die Knaben in der Moschee möglichst nicht vorne platziert werden sollten, sondern unauffällig dazwischen, und die Frauen von ihnen getrennt, damit beide die Männer nicht von ihren religiösen Gedanken ablenken würden…

So wie die Unschuld unserer Kinder noch immer das Problem der christlich-abendländischen Gesellschaft darstellt, die nicht akzeptieren will, dass aus sexuellen Handlungen heraus geborene Wesen nicht asexuell sein können und auch den „verdorbenen“ Erwachsenen ihre Unschuld nicht mehr zurückgeben können, trotz Kindes-Anbetung, Verehrung und Mütterlichkeitsideologie über Maria. Wenn wir nämlich genauer hinsehen, so werden zwar keine Steine und Naturerscheinungen angebetet wie bei Animisten, aber die Rituale und Zwangsvorschriften sind in etwa vergleichbar. Ob jemand Räucherstäbchen vor Figuren entzündet, oder sich mehrmals verbeugt vor einem Altar, um die Wohlgefälligkeit eines Gottes zu erlangen ist wenig unterschiedlich. Da nützt das Zitat von Jesus wenig, wenn er sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, bin ich mitten unter ihnen.“ Die kosmologisch riesigen Bauten von der Basilika bis zum Tadj Mahal zeugen nur vom Grössenwahn kleingläubiger Menschen!

Völlig unbeachtet bleibt die Tatsache, dass heute nicht mehr die Alten das Wissen zum Ueberleben besitzen, sondern, dass die Jungen sich dieses immer wieder neu erwerben müssen, damit sie die Traditionen der Alten ersetzen können, die in einer sich so schnell entwickelnden Welt rasch lebensuntauglich werden.

Aber der Mensch ist ein Wesen, das sich lieber alter Gewohnheiten bedient, als nach neuen Wegen zu suchen. Gut, die Suche ist zeitlich beschränkt! ;)

In jeder Ideologie verkommen neue Erkenntnisse und Erfahrungen zur Ketzerei, oder werden als „Lügen“ gebrandmarkt, um am alten Glauben festhalten zu können, der schon längst keinen Bezug mehr zu den damaligen Erfahrungen herstellen kann. Das ist nicht nur beim Kommunismus so. Auch in der Finanzwirtschaft haben wir selbiges erlebt!

Ueberall wo sich aktuelle Erfahrung und Glaube konfrontieren, braucht es die reale Auseinandersetzung mit Tatsachen. Auffälligerweise führt dies jeweils zu einem coming out, das einen Konflikt darstellt, um die gewaltsam einbrechende Realität in eine bestimmte Glaubenswelt zu verarbeiten. Aehnlich der griechischen Tragödie, die früher allgemeinmenschliche Konflikte auf der Bühne aufführen liess, um den Zuschauern eine „Katharsis“ (Läuterung der Seele) zu ermöglichen, mittels welcher sie lernen konnten, mit ihren Leidenschaften umzugehen, unter Anleitung der damaligen Dichter und Denker.

Heute erleben wir ständig das coming out von vorgestern durch religiöse Führer, die sich auf irgendwelche Götter und deren Vorschriften berufen, weil sie von Tatsachen und bedrohlichen sozialen Entwicklungen überfordert sind. Apokalyptische (voraussagende) Beschreibungen sollten dazu dienen, nicht von Traditionen Abschied zu nehmen. Kinder berufen sich bis zu einem gewissen Alter auch immer auf ihre „Alten“, wenn sie noch nicht selbständig geworden sind. Der Mensch greift immer auf Vertrautes zurück, wenn er nicht mehr weiter weiss. Das ist nicht nur bei Kopftüchern so.

Was mir völlig schräg hereinkommt, ist die aktuelle Kleider- und Automode. Die Farben verschwinden allmählich und die Mode „diktiert“ überall: schwarz. Auf der einen Seite werden die schwarzen Umhänge von Frauen kritisiert und bekämpft, aber die einheimischen Leute ziehen sich das auch über – einfach in tragbare Kleidungsstücke aufgeteilt.

Während die Einen sich auf uralte Vorschriften berufen, tun die Anderen dies aus innerpsychischen Gründen, denn die Farbenwahl ist bestimmt durch den Charakter eines Menschen. Die Religiösen wollen nichts falsch machen und die heutigen Konsumenten glauben, mit schwarz könnten sie nichts falsch machen…

So können wir bald die Fotos, die Anfang des letzten Jahrhunderts gemacht wurden, mit heute vergleichen. Schwarze Autos, schwarze Anzüge, schwarze Hüte und Mäntel.

Ich kann mich gut erinnern, wie das „Sagging“ (der Hosenboden hinten herabhängend), die Jeans ablöste, die zerrissen und halb verrottet getragen wurden in den letzten Jahren – bevor die wirtschaftliche Armut öffentlich wurde. Nun, die Jungs von heute tragen in dem leeren Hosenstück keine Windeln, aber sie benehmen sich ähnlich! ;)

Zur aktuellen Kindesmissbrauchs-Psychose passt das verbreitete rasieren der Körper und Schamhaare. Erwachsene Menschen (und nicht nur die “kindgemässen” Frauen) tilgen die Spuren ihres Alters und machen sich zu kindlichen Wesen. Suche nach Unschuld?

Allen beschriebenen Phänomenen ist gemeinsam, dass Täter und Schuldige gesucht werden, sich die Menschen in „Schuldbewusste“ und Unschuldige teilen und am ganzen unterdrückenden Psycho-System in Wirtschaft und Gesellschaft sich nichts ändert. Die Individuen passen sich einmal mehr den Verhältnissen an. Aber das war schon vor hundert Jahren so und auch beim Heraufkommen faschistischer Gesellschaften. Nichts gelernt aus der Vergangenheit… :-(

Peter Thommen60, Basel

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