keine schwulen am tag der heterosexuellen arbeit


“Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen.” Wilhelm Reich, 1947

Ein Soziologe sprach dieses Jahr an der Maikundgebung in Basel. Er sprach von der Fremdbestimmung durch die Kapitalverhältnisse und Arbeitsbedingungen. Er sprach von der Finanzierbarkeit einer Familie und den Chancen ihrer Kinder.

Noch nie hat - meines Wissens - ein Sexologe an einer Maikundgebung gesprochen. Von der Fremdbestimmung durch zuviel Arbeitszeit und der entfremdeten oder gar fehlenden Sexualkultur. Kein Sexologe würde wahrscheinlich von der Fremdbestimmung der Schwulen in den heterosexuellen Verhältnissen reden, oder den Bedingungen und Chancen schwuler Kinder oder Jugendlicher in Schulen und Lehre…

Wilhelm Reich hat den Begriff der “Sexualökonomie” politisch eingeführt und damit auch die traditionell “triebgesteuerte” Entspannung von der Arbeit bewusst der Vewaltung der Betroffenen überantwortet. Aber wie sollen ArbeiterInnen Zeit und Musse finden, ihre Sexualökonomie zu regeln, wenn es den Mächtigen nicht mal gelingt, die Finanz- und Arbeitsökonomie zu regeln? Das frei zirkulierende Kapital hat überall WanderarbeiterInnen geschaffen. Zum Beispiel die Polen in Island oder die Deutschen in der Schweiz. Nicht nur in der Volksrepublik der Chinesen.

Zudem wurde die “freie Zeit” der Arbeitenden in den vergangenen Jahrzehnten bewusst dem Konsumismus überantwortet, um Sexualität, Liebe und Wissen zu verdrängen und zusätzlichen ökonomisch-materiellen Nutzen zu “generieren”…

Viele Menschen wissen nicht mehr, was sie in der wieder kürzer werdenden Zeit ohne Arbeitsverpflichtung anfangen sollen. Erstmals muss dann die Arbeitskraft wieder regeneriert werden. Dann muss das Leben organisiert werden und vielleicht reicht es noch für einen Quickie im Bett oder bei der Nutte im Rotlichtmilieu. Von Sexualkultur in der Familie ist keine Rede. Aber vom Pornografieverbot im Internet zum Schutze der Jugend, die aber bereits eigene Bilder und Filmchen mit den neuen Konsumgütern aus den Billiglohnländern produziert.

1979 erschienen die in der HABS organisierten Schwulen erstmals an der Maikundgebung. Während Arbeiter sich ihrer internationalen Unterdrückungsgeschichte erinnerten, erinnerten die Schwulen an die Geschichte des rosa Winkels in den Konzentrationslagern des Faschismus im Ausland - durch Verteilung von rosa Flugblättern. Die Schwulen- und Lesbendiskriminierung durch das höhere “Schutzalter” für sexuelle Handlungen im Inland war erst in zweiter Linie massgebend. Nichtmal das Bundesgericht hatte daran Anstoss genommen. Obwohl dies den Gleichbehandlungsgrundsatz in der Verfassung verletzte!

Erst die in Aussicht gestellte Revision des Sexualstrafrechts (und mit ihm des Art. 194 StGB) brachte Bewegung in die Schwulenorganisationen, die sich bis in die ausgehenden 60er Jahre bedeckt hielten. Durch eine längere Serie von Morden an Homosexuellen in den 60er und bis in die 70er Jahre waren die Opfer ins gesellschaftliche Gerede und damit die Homosexuellen auch unter politischen Rechtfertigungsdruck gekommen.

“Nur die Arbeiterbewegung ist fähig und willens, die heutige Gesellschaft in Richtung Demokratie und Freiheit zu verändern. Nur die unten sind, ohne Zweitvilla und Aktienpaket, sind bereit, für die Veränderung einzustehen. Die Homosexuellen haben sich in die richtige Reihe eingefügt. Denn nur eine Gesellschaft, die aus Herrschern und Beherrschten besteht, braucht Sündenböcke, die für alle Unzulänglichkeiten des Systems herhalten müssen.” (Martin Herter in der Basler AZ vom 15. Mai 1979) So ist das also bei “den Linken” angekommen.

“Das schwule Anliegen am 1. Mai ist ganz klar: Heteros müssen mit unserer Arbeitsleistung auch unsere andere Lebensweise akzeptieren und nicht nur in den uns zugewiesenen Arbeitsbereichen von uns profitieren. Mit dem Argument: Euer Privatleben interessiert uns nicht. Ich darf daran erinnern, wie es schon den Juden ergangen ist: Sie durften früher die „Drecksarbeit“ des zinsbaren Geldverleihens für die moralisch sauberen Christen übernehmen”, schrieb ich am 3. Mai 1996 im Senfblatt.

“Meine Anwesenheit am 1. Mai und das Mitlaufen in der Demo von der Mustermesse bis zum Marktplatz bescherte mir immer zwiespältige Gefühle. Die Arbeiter schrien „Solidarität“, sogar internationale, und die Lautsprecher schepperten.

Doch einander anfassen und Solidarität leben, das konnten sie in der Oeffentlichkeit nicht. Diese Wärme, die Schwule untereinander erzeugen konnten (!), kannten sie nicht. Und für die Schwulen war ihre eigene sexuelle Wärme zu flau, um wirksame Kräfte gegen gesellschaftliche Ächtung und Diskriminierung zu mobilisieren, ” schrieb ich am 2. Mai 1997 im Senfblatt.

“„Schwul – aber ein guter Freisinniger“ hiess es 1972 im linken Magazin „focus“ aus Zürich und die Vertreter der HAZ grenzten sich zu den Bürgerlichen ab. „Schwul – aber ein guter Werktätiger“, sowas schreibt sich auch heute noch zum ersten Mal!” (2.Mai 1997)

“Es gibt für uns zwei zentrale 1. Mai-Themen: Die Arbeit, die wir bis heute selbst leisten mussten und die die Heten verweigern: Uns selbst zu mutigen und emanzipierten Homosexuellen heranzuziehen. Diese Arbeit, die wir leisten für die Heten und für die wir noch keine gesellschaftliche Anerkennung bekommen haben! Im Gegenteil – unsere Lebensweise ist unerwünscht, allwo Heten für die ihrige „Lebensweise“ Kinderzulagen bezahlt bekommen und Anrecht auf einen Kinderplatz im Hort haben”, schrieb ich am 1. Mai 1998 im Senfblatt.

“Ausländer in unserer Gesellschaft sind an jedem 1. Mai zentrales Thema für Reden und Solidaritätsappelle! Schwule und Lesben sind DIE Ausländer der Inländer. Und unter den „wirklichen“ Ausländern (um dieses Wort vollends ad absurdum zu führen) sind deren Homosexuelle nochmals „mehr“ Ausländer – und womöglich noch von den Inländern „verführt worden“.” (1. Mai 1998)

Diese Anliegen und einige weitere, die in meinen Texten zum 1. Mai von 1996-1998 zu finden sind, stehen noch heute zur politischen Diskussion! Und von einer “schwulen Internationale”, bei deren weltweit näherer Betrachtung noch viele Homosexuelle verjagt (Zimbabwe), verleumdet (Russland, Ostländer, Uganda) und sogar getötet (Jamaika, Brasilien) werden, wird öffentlich gar nicht geredet. Schon gar nicht bei der Beschwörung “internationaler Solidarität”. Peter Thommen, Schwulenaktivist (59), Basel

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