barebacking als indiz für eine gescheiterte emanzipation!

Der Sex ohne Schutz gegen Aids, der sich seit Jahren als „besonderer Fetisch“ unter schwulen, bisexuellen und heterosexuellen Männern verbreitet, ist ein Anzeichen dafür, dass seit dem Internet die Präventionskampagnen in der „gayszene“ so ziemlich erfolglos verlaufen.

Zum Einen werden wichtige Zielgruppen über die Gayszene nicht mehr erreicht, weil diese sich mehr und mehr auflöst. Zum Anderen ist die Gayszene im Internet völlig privat und so ziemlich „vogelfrei“ geworden.

Während sich bürgerliche Homosexuelle und die „Hetero-Szene“ mit der „Homo-Ehe“ als „eingetragene Partnerschaft“ zur „allgemeinen Problem-Lösung“ zufrieden geben, wuchert die private Szene für homosexuelle Aktivitäten als Fetisch-Subkultur und Flucht vor der gesellschaftlichen (besonders gesundheitlichen) Realität ins Internet, umso mehr! Wenn es je zu beweisen gab, dass Homosexualität sich nicht weiter emanzipieren konnte und kann, dann ist es in der „weltgrössten Dokumentation darüber“ abzulesen. Keine Organisationen mehr, die schwule Interessen in der Politik vertreten und öffentlich ihre Stimmen erheben! Keine „gay community“ mehr, die auf die Bedürfnisse der „homosexuell Aktiven“ eingeht und sie vor „Heterosexualisierung“ schützt. Die Sexualität zwischen Männern ist zu einem Heterofick – einfach von hinten – verkommen. Das nennen viele „Normalisierung“. Aber heterosexuelle Lebensweisen ergeben auch heterosexuelle Probleme. Die häusliche und beziehungsabhängige Gewalt (und vertrauensseliger ungeschützter Sex) zwischen Männern ist seit den eingetragenen Partnerschaften merklich sichtbarer und fassbarer geworden. Drogengebrauch und Risikoverhalten haben zugenommen.

Derweil gibt es weder Bücher noch soziale Gruppenarbeit, die es den homosexuell Aktiven ermöglichen, ihre Biografie aufzuarbeiten, ihre Enttäuschungen und falschen Hoffnungen zu verarbeiten. Die Jugendgruppen als Auffangeinrichtung für kommende Generationen sind zusammengebrochen und die Partyszene bietet einfach nur ein organisiertes „Jagdrevier“ auf kleinerem Raum…

Nach der „grossen Akzeptanz“ der Homosexualität durch den Staat in Form des Partnerschaftsgesetzes scheint sich das reale Leben in dieser Sexualität in der realen Gesellschaft zunehmend zu verflüchtigen. Jüngere Homo- und Bisexuelle wollen gar nicht mehr schwul sein oder werden, sondern möglichst „so wie die Heterosexuellen“ leben. Entweder bedeutet das, dass sie andere Jungs und Männer „in Besitz nehmen“, wie Heteros ihre Freundinnen und Frauen, oder dass sie eben ihre sexuellen Bedürfnisse verleugnen, um akzeptiert zu werden. Sie scheuen die Auseinandersetzung mit ihrer Familie und mit der Gesellschaft. Dies wird sogar noch als „Rücksicht auf Heterosexuelle“ propagiert! Der Begriff der „ausgrenzenden Einschlägigkeit“ darf als Umkehrung der Realität verstanden werden: Nicht Heterosexuelle grenzen Schwule aus, sondern diese grenzen die Heterosexuellen aus…

Dabei fällt mir ein Satz ein von einem intelligenten italienischen Schwulen. Sinngemäss hat er in einem Essay über das schwule und das jüdische Ghetto formuliert: Was ist schwieriger? In der Norm zu bleiben, oder aus diesem Paradies hinauskomplimentiert zu werden? Da stellt sich die Frage viel feiner: Wer ist nun im sogenannten Ghetto? Die „Normlinge“, die dauernd aufpassen müssen, oder die Abnormen, die ihre Freiheit ausserhalb finden? (Giovanni Dall’Orto) („Keiner von uns „Ghettoisierten“ diskriminiert die Heterosexuellen, „unsere Welt“ zu frequentieren. Es sind die Normalen, die draussen bleiben, weil sie Angst haben, man würde von ihnen denken, sie seien „so wie wir“! Sie wollen auch nicht mit uns gesehen werden… Alle, die eine dicke Lippe schwingen und labern, Schwule würden sich selber ghettoisieren, sind das Opfer einer Verwechslung: Sie verwechseln „das drinnen“ mit „dem draussen“! - Sh. Ital. Originaltext unten!)

Diese „Verwechslung“ wird neuestens unter dem Druck herrschenden Verhältnisse auch von Junghomos übernommen und gegen die „eigenen Leute“ verwendet. Die neuste Partyorganisation bezeichnet Flyers mit erotischen Photos (oberkörperfrei) sogar schon als „pornografisch“!

Homosexualität ist schon längere Zeit keine Krankheit mehr. Umso mehr aber haben sich Fetische und ihre Ghettos vielfältig im Internet etabliert! Dabei wird immer von „Fantasien“ geschrieben, die ausgelebt werden wollen. Wir wissen von den aktuellen Terroristen, dass sie von religiösen Fantasien geleitet werden, dass ihre Welt aus religiöser Perspektive so zusammenschrumpft, dass sie zu Terroristen werden.

Barebacker (Sex ohne Schutz) sind auf irgendwelche Sexfantasien fixiert, die – so glauben sie – sie das Recht haben, ungeschützt ausleben zu können. Damit werden Grenzen überschritten, die ähnlich den Religiösen, zu Racheverhalten führen, die aber nicht die diskriminierenden Verhältnisse (Gesellschaft) treffen, sondern die eigenen Leute. Denn für die gesellschaftliche Auseinandersetzung sind sie zu feige! Ich habe noch selten ein Gesicht von einem Barebacker in einem Profil gefunden!

Mit barebacking sind WIR alle in einem Teufelskreis gelandet, der die stille gesellschaftliche „Meinung“ vollzieht: Die Schwulen, die sollen sich doch alle selber umbringen – und das ist gut so!

Dass weit mehr Homosexualität von Männern gelebt wird, die nicht als Schwule auftreten, oder gar als vorbildliche Heterosexuelle daher leben, wird geflissentlich übersehen.

Auf der anderen Seite empfinde ich es dann als bizarr, dass sich viele HIV+ kaum an die Oeffentlichkeit wagen, oder offen über ihre Infektion sprechen. Ja viele HIV+ beklagen sich über mangelnde Solidarität und über reale Ausgrenzung, wenn es um Dates und Sex geht. Kürzer formuliert: Die Homo-Bi-und-Heterosexuellen wollen nicht wissen, dass jemand HIV+ ist. Sie wollen in der Illusion bleiben, „er sei doch gesund und man sehe es ihm ja nicht an“! Andernfalls werden sie schlapp. 

Dazu passt die heterosexuelle (Partner) Moral: Wer verheiratet ist ist eh treu, vielleicht noch mit Ausnahmen. Und AIDS – das haben nur diejenigen, die „mit jedem ins Bett gehen“, oder „in der Szene verkehren“. (Verheerende Szeneinformation: Jeder sechste in der Szene sei infiziert!)

Wer all das nicht tut, ist gesund. Dabei wird übersehen, dass die Infektion nicht durch grossen Partnerwechsel, oder „wegen der Szene“ verbreitet wird, sondern durch ungeschützten Sex.

Aber wieder fährt die heterosexuelle Moral ein: Richtiger Sex ist ficken – und das möglichst tief in den Darm! Mann will sich doch richtig spüren, oder etwas von der Männlichkeit des Anderen abbekommen. Oder man ist eine „Maulhure“, die literweise fremdes Sperma benötigt, um möglichst regelmässig eine Portion Männlichkeit - „jus d’homme“ - zu erhalten.

Dass es noch andere Formen sexueller Aktivitäten zwischen Männern gibt, die auch befriedigend sein können und keinen Kondom erfordern, ist nirgendwo ein Thema. Immer wieder fällt mir in Chats auf, dass es eine ganze Anzahl von Heterosexuellen und Bi’s gibt, die Homosexuelle als „Gratisnutten“ entdeckt haben. Da ist nie die Frage, was gemeinsam gemacht werden soll, sondern nur: „Ich möchte gerne geblasen werden, sofort!“ – Wen kann ich schnell irgendwo ficken? Oder: „Wir könnten dich und mich addieren, unsere Kleidung subtrahieren, deine Beine werd ich teilen und dich dann mal nehmen!“ (18, bi)

Eines ist sicher. Die „von oben verordnete Prävention“ wird vielfach als moralisierend empfunden und als Diskriminierung der eigenen Sexualphantasien beklagt. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass „normales Umgehen“ mit seiner Sexualität und seinem Körper von homosexuell aktiven Männern nirgendwo gelernt werden kann und wird. Wie bei den Heterosexuellen ist dieser Bereich „privatisiert“. Mit den entsprechenden gesundheitlichen Folgen: Zu hohe Erwartungen an eine Sexualität, die für viele Enttäuschungen im Leben „entschädigen“ soll, aber diese niemals erfüllen kann.

Peter Thommen, Schwulenaktivist Basel (60)


Nachtrag: Die Safersex Regeln werden zwar verstanden. Doch leider sehen immer mehr Männer denn sinn dieser Anweisungen nicht mehr ein!

Hier eine interessante Replik/Kritik meines Textes: “Rückwärtsbewegung”, von Steven Milverton


Als weiterführende Lektüre empfehle ich: Phil C. Langer: Beschädigte Identität – Dynamiken des sexuellen Risikoverhaltens schwuler und bisexueller Männer, 2009 - € 39.90

(Zu ermässigtem Preis in der Schweiz bei ARCADOS erhältlich!)


Giovanni Dall’Orto: Lettera dal ghetto gay: (Schlussabschnitt)„Nessuno di noi “ghettizzati” discrimina le persone eterosessuali impedendo loro di frequentare il nostro mondo: sono le persone “normali” a restarne accuratamente fuori, per paura che si pensi che sono “come noi”; sono loro che non vogliono farsi vedere assieme a noi per le strade del paesello per paura che si dica che sono “così”…
A questo punto il gioco è finalmente chiaro: signori e signore che avete la parola “ghetto” a fior di labbra, e che la sputate come insulto ogni volta che nominate l’omosessualità, abbiamo capito il vostro errore. Avete scambiato l’interno con l’esterno.Adorate stare incarcerati nel ghetto (e questo sì che è un ghetto vero, perché è obbligatorio, perché chi osa uscirne viene disprezzato) meschino, barbaro, razzista e idiota in cui grufola gran parte della società eterosessuale.
Siete incatenati a quel mondo, e di fronte a quel portone che vi tiene rinchiusi avete la faccia tosta di dire che siamo noi che ci siamo chiusi fuori, “autoghettizzandoci”.
Chiusi fuori, noi? Davvero?
Strano.
Io avrei detto l’esatto contrario…“

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