Erster Mai – Tag der SchwulenArbeit! 1998-96
Die Schwulenbewegung der 70er Jahre versuchte, sich an die Arbeiterbewegung anzulehnen und rief als Teilnehmer an 1. Mai-Kundgebungen damit auch Verwunderung hervor. Teilweise setzten Linke in ihren Publikationen zu Argumentationen über Homosexuelle und Klassenkampf an. Weiter passierte nicht mehr viel…
Die Schwulenbewegung von heute hat – wie die Arbeiter – Männerchöre und Turnvereine hervorgebracht. Für einen Teil ist auch die Kirche lieb Kind, sie soll ihnen Segen und bürgerliche Integration bringen.
Es gibt für uns zwei zentrale 1. Mai-Themen: Die Arbeit, die wir bis heute selbst leisten mussten und die die Heten verweigern: Uns selbst zu mutigen und emanzipierten Homosexuellen heranzuziehen. Diese Arbeit, die wir leisten für die Heten und für die wir noch keine gesellschaftliche Anerkennung bekommen haben! Im Gegenteil – unsere Lebensweise ist unerwünscht, allwo Heten für die ihrige „Lebenweise“ Kinderzulagen bezahlt bekommen und Anrecht auf einen Kinderplatz im Hort haben.
Die Forderung an Väter und Mütter, auch ihre homosexuellen Kinder als solche (anzu)erkennen und ihnen die Aufmerksamkeit und Fürsorge zu schenken, auf die sie Anspruch haben! Will heissen, dass ALLE Eltern sich über Homosexualität informieren müssen - genauso wie über Abtreibung oder Verhütung. Alle Heterosexuellen müssen etwas über Schwule und Lesben lernen, wenn es diesen besser gehen soll. Da ist Menschenpflicht. Noch heute findet eine massenhafte Verweigerung statt. Wobei die PolitikerInnen die traurigste Rolle spielen: Sie sind – aus egoistischer Angst – konservativer als es die Bevölkerung ist!
Schulleitern und Pädagogen fährt ein grusliger Schauer den Rücken hinab, wenn es um Bücher für die Bibliothek zum Thema Homosexualität oder um Information in den Klassen geht. Die Information von Kindern und Jugendlichen gehört zu deren Menschenrechten! Homosexuelle SchülerInnen-Gruppen sind noch immer unvorstellbar!
Ausländer in unserer Gesellschaft sind an jedem 1. Mai zentrales Thema für Reden und Solidaritätsappelle! Schwule und Lesben sind DIE Ausländer der Inländer. Und unter den „wirklichen“ Ausländern (um dieses Wort vollends ad absurdum zu führen) sind deren Homosexuelle nochmals „mehr“ Ausländer – und womöglich noch von den schweizer Inländern „verführt worden“.
In einer multikulturellen Gesellschaft müssen alle über alle Minderheiten informiert werden, sonst werden sie untereinander zu Feinden. Auch Ausländer dürfen Schwule, Lesben – und übrigens auch Juden – nicht diskriminieren. Aber jemand/jefrau muss es ihnen auch beibringen. (Senf, 7. Jg. Nr. 18, 01.05.1998)
Schwule und Arbeiter – zum Tag der Arbeit 1997
„Schwul – aber ein guter Freisinniger“ hiess es 1972 im linken Magazin „focus“ aus Zürich und die Vertreter der HAZ grenzten sich zu den Bürgerlichen ab. „Schwul – aber ein guter Werktätiger“, sowas schreibt sich auch heute noch zum ersten Mal!
Die Bürgerlichen redeten damals nicht über Schwule und die Linken fanden sie zu apolitisch. „Zur Materialistischen Analyse der Schwulenunterdrückung“ war der Titel eines Buches aus dem „rosa Winkel Verlag“ in Berlin, das ganz quer in der damaligen politischen Landschaft stand. Die feminine Konsumtunte war so gar nicht das, was der Arbeiter sich als Verbündete(n) im Klassenkampf vorstellte. Das Konzentrationslager als gemeinsame Hölle im Antifaschismus war ein mühsamer Anknüpfungspunkt für politische Diskussionen. Da waren vor allem die Juden und die ZwangsarbeiterInnen, die vor den Sinti und Rome, den Zeugen Jehovas und schliesslich auch den Schwulen und Lesben als politische Opfer beklagt wurden.
Doch Schwule wussten mit einem Arsch mehr anzufangen als ein Beamter oder Funktionär! Das wiederum assoziierte Perversion und moralischen Schmutz, zu dem Arbeiter mit schmutzigen Händen auf Distanz gingen…
Und trotzdem waren Schwule in der Arbeiterbewegung tätig und kamen wohl hie und da als Anführer nach vorne. Doch Gewerkschaften und streikende Arbeiter hatten nichts zu tun mit einem privaten Sexualleben…
Die russische Revolution hatte den Schwulenparagraphen im Arbeiterparadies abgeschafft. Stalin und seine Kumpane führten ihn wieder ein.
Meine Anwesenheit am 1. Mai und das Mitlaufen in der Demo von der Mustermesse bis zum Marktplatz bescherte mir immer zwiespältige Gefühle. Die Arbeiter schrien „Solidarität“, sogar internationale, und die Lautsprecher schepperten.
Doch einander anfassen und Solidarität leben, das konnten sie in der Oeffentlichkeit nicht. Diese Wärme, die Schwule untereinander erzeugen konnten (!), kannten sie nicht. Und für die Schwulen war ihre eigene sexuelle Wärme zu flau, um wirksame Kräfte gegen gesellschaftliche Ächtung und Diskriminierung zu mobilisieren.
Ging es dem Arbeiter letztlich um seinen ureigenen Arbeitsplatz, so liefen die Schwulen irgendeinem Schwanz (oder Arsch) nach. Heute stehen die Schwulen nach wie vor ohne Produktivitätsausweis (Kinder!) da. Und diejenigen, die Kinder zeugen oder gar adoptieren wollen, als Schwule, die werden politisch ignoriert, oder als erziehungsunfähig verdammt.
Heute stehen die Arbeiter auch ohne Produktivität (Arbeit) da. Und auch diejenigen werden diskriminiert, die sogar arbeiten „wollen“! Beiden gemeinsam stellt sich die ethische und politische Frage: Muss die Lebensberechtigung weiterhin durch (Re-)Produktion erkauft werden? Oder gibt es „anständige“ Alternativen dazu? Arbeiter wollen sich verkaufen, um (wieder) zu sozialem Wert zu kommen. Schwule wollen sein wie die Heten, um überhaupt zu sozialem Wert zu kommen.
Während sich Mütter um billige Textilien prügeln, die in Sklavenarbeit in der Dritten Welt hergestellt wurden, kaufen die Schwulen wie wild Calvin Klein-Klamotten, die aus Ex-Jugoslawien kommen und überschütten sich mit den teuersten Parfüms… Nicht für den Auftritt am Arbeitsplatz natürlich!
Wechseln wir die Szenen! Am 1. Mai sind erfahrungsgemäss ausländische Arbeiter auf der Strasse. Sie kommen aus Kulturen und Gesellschaften, in denen sexuelle Kontakte unter Männern verschwiegen, oder mit Verachtung oder drastischen Körperstrafen sanktioniert werden. Schwule Kurden, schwule Türken, schwule Tamilen, schwule Jugoslawen, schwule Albaner, schwule Flüchtlinge, schwule Moslems und schwule Angehörige anderer Religionen müssen sich reproduzieren, wenn sie im Ausland – bei uns – überleben wollen. Schwule sind für viele dieser „Fremden“ aber auch willkommene Sexualobjekte, nachts im Park, spätabends nach der Arbeit, privat in der Wohnung…
Schwule leben zwischen Anpassung und moralisch verworfener Lust. Und sie arbeiten brav als Coiffeure, Geschäftsherren, Manager, Krankenpfleger, BVB-Chauffeure, Gärtner, Tierpfleger, Lehrer, Ärzte, Wissenschaftler, Verkäufer, Nachtwächter, Radio-Moderatoren, Fernsehansager, Pfarrer, Parlamentarier, Rotkreuzdelegierte, Diplomaten, Polizisten, Anwälte, Bauarbeiter, Strassenkehrer, Pöstler, Kulturschaffende…
Wenn wir Schwulen – wie die Juden – einen Staat gründen wollten, wir hätten bei Gott alles an Berufen, was wir brauchten. Doch der Staat und die Gesellschaft brauchen uns angeblich nicht! Wir gelten solange als überflüssig, wie es heutzutage die Arbeiter geworden sind. Haben wir, vor unserem coming out, uns angepasst und nach aussen heterosexuell gelebt, hat man uns nichts vorenthalten – weder Ehe noch Kinder.
Haben die Arbeiter, vor ihrer Entlassung, einfach nur gearbeitet, ohne auf ihre Interessen zu schauen, dann hat man ihnen den Arbeitsplatz auch nicht vorenthalten.
Die Schwulen – da ohne Familie und Kinder – müssen noch vor den verheirateten Arbeitern die Arbeitsplätze freigeben. Ist das das letzte Stück „Gerechtigkeit“ in ungerechten Verhältnissen? (SENF, 6. Jg. Nr. 18, 2. Mai 1997)
Keine Schwulen am 1. Mai 1996
1979 zeigten sich die Schwulen erstmals in Basel an einer Maikundgebung. Wir verteilten Flugblätter und bezogen uns auf den „rosa Winkel“ der Nationalsozialisten. („Am Morgen früh schon versammelte sich eine ansehnliche Gruppe zu einem gemeinsamen Frühstück in der Cafeteria am Totentanz 17. Gegen 10 h besammelten wir uns auf dem Münsterplatz. Nebst den traditionellen Arbeiter-Zügen fanden sich noch viele Gruppen und Grüppchen, AKW-Gegner, Frauengruppen ein. Die HABS ordnete sich hinter den Frauen im Zug ein und marschierte mit bis zum Marktplatz.
Unterwegs wurden eifrig Flugblätter verteilt, die auf die historische Diskriminierung im 3. Reich hinwiesen. Es fand sich darin auch eine Erklärung der Bedeutung des „rosa Winkels“, der in mehrfacher Ausführung als Transparent mitgeführt wurde. Viele Leute zeigten sich interessiert. Erstmals nahm auch eine Lesbengruppe aus Basel teil.“ P. Thommen, Freundes Anzeiger 21, 1979)
1979 war das „Schutzalter 20“ (ab 1942) für Homosexuelle (m/w) das zentrale politische Thema, das 1992 mit dem neuen Sexualstrafrecht „erledigt“ wurde: Sexuelle Selbstbestimmung* ab 16!
Ich fühlte mich immer, wenn ich an einem 1. Mai-Umzug mitmachte, oder ihm, wie dieses Jahr am Claraplatz begegnete, komisch. Da laufen die Männer, ein paar Frauen und auch Kinder, in einer Kolonne vom Messeplatz zum Marktplatz.
Sie schreien „Hoch – die – inter – natio-nale – Solid – dari – tät!“ Ein paar Polizisten drumherum, zur Verkehrssicherheit, runden das bild mit den Transparenten in verschiedenen Sprachen ab.
Was bedeutet Solidarität? Es bedeutet, dass sich Männer für Frauen und beide für Kinder einsetzen. Es bedeutet, dass nicht nur geschrien, sondern auch demonstriert wird! Transparente hoch halten bringt keine Solidarität, auch wenn sie gut fotografiert anderntags in der Zeitung stehen!
Solidarität bedeutet, dass Männer keine niedrigeren Löhne für Frauen akzeptieren. Solidarität bedeutet, dass die Frau nicht doppelte Arbeit, zuhause auch noch machen muss…
Solidarität bedeutet auch, dass diejenigen, die sowas anheischig machen, sich auch untereinander solidarisch fühlen. Doch wer von den Männern, wer von den Frauen, wer von den Ausländern ergreift die Hand des Nachbarn und „demonstriert“ Solidarität? Wir Schwulen versuchten dies früher mit „Händchenhalten“ und „Arm in Arm“ durch die Strassen flanieren. Aber beides doch nichts mit Politik zu tun? Das war öffentliche Exhibition von Sexualität. Schwule? Igitt! Das war ein schöner Schock für die Genossen, damals – Schwule in der hohen internationalen Solidarität… Schwulidarität?
Die Solidarität der Arbeitenden hatatte schon damals einen Pferdefuss, als die Gastarbeiter zu billigeren Löhnen gerufen wurden. Nochmals zu erinnern an die viel älteren „Frauenlöhne“. War es der Arbeiterklasse nicht wichtig genug?
Kinder am 1. Mai? Viele von ihnen dürfen zuhause „mitarbeiten“, dürfen Prospekte in der Stadt verteilen, oder Zeitungen austragen. Oder wie ich, zuhause dem Vater beim hauswarten helfen (Rasenmähen, Putzen), ohne dadurch mehr Mitsprache bei der eigenen Lebensgestaltung zu bekommen. Immer die nächsthöhere gesellschaftliche Stufe vor Augen, dürfen ganze (Ausländer-)Familien „zusammen“ arbeiten. Heute immer mehr auch wie in der Dritten Welt: Jüngere arbeiten für die arbeitslosen Alten…
Erst durften wir die billigen Produkte aus den Billiglohnländern kaufen. Jetzt sollen wir auch noch die billigen Löhne wie diese ArbeiterInnen bekommen? Sollen wir wirklich mit den Japanern, den Singapurern und ihrem faschistischen Gesellschaftssystem in Konkurrenz treten? Sollen wir die fast „arbeitskosten-losen“ Löhne in Asien und Portugal ausspielen lassen? „Das neue Arbeitsgesetz bringt Liberalisierungen der Nachtarbeit und der unregelmässigen Arbeitszeiten (von vielen Schwulen schon immer akzeptiert! PT), sowie eine Zersplitterung des Arbeitstages. Dies sind Umstände, die ein soziales Zusammenleben stören oder verhindern können.“ (Aus dem 1. Mai-Flugblatt der Gruppe „Solidarität“)
Was hat ein Arbeitskampf mit den Schwulen zu tun? Offensichtlich nichts, auf den ersten Blick. Was interessiert sich die „Arbeiterklasse“ für schwulen Sex? Müssen Schwule heute um ihren Arbeitsplatz auch bangen?
Schwule mussten schon immer um ihren Arbeitsplatz bangen! Die Diskriminierung lief schön diskret innerhalb der gesellschaftlichen Moral und gegen die schwule Lebensweise. Nur wer offensichtlich auf die Fähigkeiten oder den praktischen Einsatz eines Schwulen angewiesen war, hielt ihn sich bei der Stange und mit der unausgesprochenen Abmachung, über das Privatleben zu schweigen.
Die Anpassungsfähigkeit der Schwulen beginnt in der Familie und zieht sich über die Schule bis ins Arbeitsleben. Nicht alle können sich unentbehrlich machen. Aber auch nicht alle wollen ihre Lebensweise vor der Umwelt „privatisieren“ und sich anpassen.
Heterosexuelle veranstalten um ihre Sexualität jeweils eine Riesenkomedi: Verlobung, Heirat, Geburt, Taufe. Aber in ihrem Sprachgebrauch hat das ja nichts mit ficken zu tun?
Da bleiben wir Schwulen schön im dunklen Park, auf stinkigen Toiletten und in schummrigen Bars. Unser Leben ist es nicht wert, an die Oeffentlichkeit gezerrt zu werden. Wir müssen uns dessen schämen?
Andererseits möchten die Heterosexuellen selten auf unsere Arbeitsleistung, ja auf die moralisch geforderte zusätzliche „Mehrleistung“ sogar, verzichten. Schwule haben keine Familie, also sind sie rund um die Uhr einsatzfähig, sie können Ferien dann nehmen, wenn die Familienväter und -mütter wieder aus den Schulferien zurückkehren.
Das schwule Anliegen am 1. Mai ist ganz klar: Heteros müssen mit unserer Arbeitsleistung auch unsere andere Lebensweise akzeptieren und nicht nur in den uns zugewiesenen Arbeitsbereichen von uns profitieren. Mit dem Argument: Euer Privatleben interessiert uns nicht. Ich darf daran erinnern, wie es schon den Juden ergangen ist: Sie durften früher die „Drecksarbeit“ des zinsbaren Geldverleihens für die moralisch sauberen Christen übernehmen.
Es kann ja sein, dass unsere Arbeit einmal geschätzt wird, obwohl wir auch heiraten, scheiden, erben und vererben können. Ob die Arbeitgeber über die Pensionsbezüge unserer überlebenden „Witwen“ dannzumal erfreut sein werden?
Wird unser jährlicher comig out-day schon überall akzeptiert? Wundern sich die Heten schon nicht mehr über den CSD und den schwulen Mardi Gras? Wann versammeln sich Familie und Freunde, um unseren privaten coming out-Tag wie einen zweiten Geburtstag zu feiern? Wann werden Säle reserviert für das Jubiläum mit dem Lebenspartner? Wann versammeln schwule Greise ihre ehemaligen Lover und ihre Freunde zu Feiern? Kommen die Arbeitskollegen und Chefs auch hin?
Und letztlich: Ist eine Beschäftigung in einem offensichtlich schwulen Lokal/Betrieb ein Schandfleck in der späteren beruflichen Karriere? Alles Fragen, die an ienem Tag der heterosexuellen Arbeit zu stellen sind. Jedes Jahr wieder!
P.S. Unser Verhältnis zu den Gastarbeitern/Ausländern aus anderen Kulturen und deren Verhältnis zu ihren eigenen Schwulen wäre nochmals ein wichtiges Kapitel zum 1. Mai.
* Interessanterweise verwendete nur Elisabeth Kopp (Bundesrätin, 1984-1989) diese Formulierung in der Oeffentlichkeit.
(SENF, 5. Jg. Nr. 18, 3. Mai 1996)
Schwule am 1. Mai 1979 - von Martin Herter (1954-2001)
Am 1. Mai sind sie mit der organisierten Arbeiterschaft, den Parteien, den Mietern und den Frauen mitmarschiert: Die Schwulen, die Mitglieder der „habs“ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Basel). Ihr prächtig-makabres Transparent trug keine Parole; das nach unten gerichtete rosa Dreieck, das Nazi-Zeichen für Schwule im KZ, drückte mehr aus als tausend Worte. Schwarz: Asozialer; braun: Zigeuner; violett: Bibelforscher; rosa: Homosexueller. Selbst in der Hölle der Vernichtungslager herrschte noch deutsche Gründlichkeit. Bis zum Gang in die Gaskammern dauerte der Spott der SS-Schergen, der Schinder in ihren männlichen Totenkopf-Uniformen.
Das rosa Dreieck heute, in einer sich aufgeschlossen und liberal gebenden Gesellschaft, ist eine Provokation. Doch die Tatsache an sich, dass sich Schwule auf die Strasse getrauen und für ihre Sache offen einstehen, wirkt noch für viele provokativ. Auch für Genossen, die auf ihrem Banner die Hoffnung auf eine Gesellschaft ohne Unterdrückung geschrieben haben.
„Für eine soziale Schweiz“: Das Motto des vergangenen 1. Mai hat für die bewussten Homosexuellen mehr Inhalt als für viele „Linksaussen-Möchtegern-Revolutionäre“. Denn tagtäglich erleben sie was es heisst, diskriminiert, verspottet und kaputtgemacht zu werden. Wieviele Schwule wurden schon von ihrem Arbeitsplatz zum Teufel gejagt, bloss weil sie eben schwul sind. Man erinnert sich an die heftigen Reaktionen nach der Aufdeckung des Cincera-Archivs (2). Die Polizei in den meisten Schweizer Kantonen verfügt über Schwulen-Karteien (2). Die Tatsache ist bekannt, doch wer protestiert? Noch immer wird Homosexualität in der Liste der psychischen Krankheiten aufgeführt. Artikel 157 des Militärstrafgesetzes bestraft homosexuelle Handlungen während des Militärdienstes (3), doch wer im „Dienst“ eine Serviertochter verführt, gilt als Held der Schweizer Armee. Die Liste der Schickanen, des „zur-Sau-machens“ lässt sich beliebig fortsetzen.
Der 1. Mai ist der Tag der organisierten, klassenbewussten (das Wort klingt heute staubig und abgedroschen, seine Bedeutung aber hat es nicht verloren) Arbeiterinnen und Arbeiter. Es ist kein Zufall, dass sich die Schwulen der Arbeiterbewegung anschliessen. Wer könnte sich eine Homosexuellen-Delegation an einer Arbeitgeber-Konferenz vorstellen, obwohl es sicher viele schwule Unternehmer gibt? Nur die Arbeiterbewegung ist fähig und willens, die heutige Gesellschaft in Richtung Demokratie und Freiheit zu verändern. Nur die unten sind, ohne Zweitvilla und Aktienpaket, sind bereit, für die Veränderung einzustehen. Die Homosexuellen haben sich in die richtige Reihe eingefügt. Denn nur eine Gesellschaft, die aus Herrschern und Beherrschten versteht, braucht Sündenböcke, die für alle Unzulänglichkeiten des Systems herhalten müssen. Martin Herter in der AZ Basel, Nr. 93, 15. Mai 1979, Titelseite
(abgedruckt in: SENF, 5. Jg. Nr. 18, 3. Mai 1996)