„Die Entdeckung der Liebe und der Bücher“ ist ein Bericht über die Anfänge von Faszination im Leben eines Jungen. Er war sechs, als er von Männern auf der Piazza eines Provinzdorfes das erstemal das Wort „homosexuell“ hörte. Er war noch „ein kleiner Junge, dazu ziemlich naiv und in Sachen Sex völlig ahnungslos.“
Der Mann, der es aussprach, meinte, Frauen möge er alle, denn er wäre durch und durch homosexuell. Der Junge glaubte dass sei eine Aussage über „ausgeprägte sexuelle Fähigkeiten. Nun schloss er für einige Jahre schlichtweg aus, dass er homosexuell sein könnte.
Das sind so typische kulturelle Missverständnisse. Er meinte wohl, er möge die Frauen, aber er habe keinen Sex mit ihnen. So wie eben viele «ihre besten Freundinnen haben».
Fortunato begann sein „Liebesleben“ mit Faszinationen von älteren Jungs und später von Männern und begann Bücher zu lesen. Das öffnete ihm die Enge der Provinz. Er begann mit Marcel Proust (Auf der Suche der verlorenen Zeit) und weiter mit Truman Capote, Thomas Mann (Tonio Kröger), W.S. Maugham, Michel Tournier (Zwillingssterne), André Gide und James Baldwin (Giovannis Zimmer). Aber auch Roland Barthes (Fragmente einer Sprache der Liebe), Virginia Woolf, James Purdy, Ingeborg Bachmann und Nathalia Ginzburg. Endlich ein schwuler Autor: Pier Vittorio Tondelli: Altri libertini.
Mich wundert immer wieder, wie sich Junghomos in der Literatur der heterosexuellen Kultur „verlieren können“. Gut, Männerliebe ist ein fester Bestand dieser Kultur – auch wenn sie sich anders nennt und meint! 😉
Er erinnert sich an Worte seiner Mutter: „Als junges Mädchen dachten alle im Dorf, ich sei eingebildet und stolz, dabei war ich lediglich schüchtern.“
„In der Faszination für Gino witterte ich etwas Exzentrisches. Ich begnügte mich nicht damit, ihn begehrenswert zu finden, ich wollte sein wie er, wollte er sein. Im Rausch der Verliebtheit sah ich uns als zwei Teile derselben Einheit. Gino verkörperte die starke, ungestüme, entschlossene Seite, ich die zerbrechliche, reflektierende, problematische. Gleichzeitig aber teilte einer das innere Wesen des anderen. Ich erkannte in den verborgensten Winkeln meiner Persönlichkeit seine Stärke, das gleiche Ungestüme und Entschlossene, während ich in den tiefen Bereichen seiner Blickedie schon immer da gewesene Zugehörigkeit zu meinem zerbrechlichen, scheuen Wesen wahrnahm.“ (S. 50-51)
Dann entdeckt er die Psychoanalye und wieder dieses ominöse Wort darin… Er durchläuft die Schulen und landet an der Universität in Rom und dort geht es weiter mit WGs und Studenten. Aber die „Szene“ gefällt ihm nicht. P. Thommen_75
Mario Fortunato: Die Entdeckung der Liebe und der Bücher, Wagenbach 2001 (WAT 395), 141 S. ISBN 3-8031-2395-X (vergriffen) „Amore, romanzi e altre scoperte“, Einaudi 1999
Einige der Texte sind auch im Buch: «Die Kunst leichter zu werden» Goldmann 2000, abgedruckt. (vergr.)