Essay von Peter Thommen (1981)
Im Rückblick der Geschichte geht es immer um Konflikte und Kriege mit und zwischen Körpern, auch wenn Maschinenmaterial dazwischen gesetzt wird. Nebst der Bedrohung der Zivilbevölkerung sind vor allem auch männliche Körper bedroht, infolge der direkten Auseinandersetzungen.
Sexualität heisst Körper und umfasst mehr als die Genitalien eines Menschen. In der historischen Sexualforschung, die ihren Anfang in Berlin zu Anfang des 20. Jahrhunderts nahm, waren denn auch nachfolgende Bereiche Gegenstand der Sexualforschung und der Sexualpolitik: Arbeitsbedingungen, Wohnungsbedingungen, Verhütungsmittel, Sexualinformation und Abtreibungsmöglichkeiten (Legalisierung).
Diese Bereiche sind seit der industriellen Entwicklung zentrale Lebensbereiche der Menschen und beeinflussen auch das Zusammenleben untereinander. Die ganze Freizeitbewegung und Freizeit-Industrie dient der kommerziellen Nutzbarmachung von Entspannungsbedürfnissen der Arbeitenden (Männer wie Frauen).
Es kommt nicht von ungefähr, dass Schüler zwischen den einzelnen Lektionen immer wieder Bewegungs- und Entspannungsbedürfnisse ausleben, die die Anspannung und Ruhe im Schulzimmer ausgleichen sollen. Oft werden dann auch Konflikte ausgetragen, die, verhindert durch das Lehrprogramm, nicht ‚aufgearbeitet‘ werden können.
Die ökonomische Dimension und die Zusammenhänge zeigen sich aber nicht nur in der Freizeit an den Bars, Massagesalons und Lichtspiel- und Musikangeboten. Politiker machen ganz bewusst Sexualität zum Gegenstand ihres Wirkens. Indem sie die Wohnsituation beeinflussen, indem sie Frauen durch Verbot der Abtreibung und Verhinderung von Aufklärung in Lebenssituationen hineindrängen, wo diese schön mit ihrem Einzelschicksal beschäftigt bleiben.
Soweit eine Skizze der ‚äusseren Problemkreise‘. Nun besitzt aber auch jeder einzelne Mensch einen Regelkreis für seine Bedürfnisse, die ihn von innen steuern und der von innen einen Einfluss auf sein Verhalten gegenüber den Mitmenschen hat. Für diesen Bereich hat die bürgerliche Wissenschaft und Forschung den Begriff der Triebe geschaffen. Diese Triebe sind aber nicht hoffnungslos chaotisch und müssen die Menschen auch nicht ‚übermannen‘. Sie müssen aber auch nicht ‚abgeleitet‘, ‚auf andere Bahnen‘ geleitet, oder einfach nur ‚abreagiert‘ werden.
Es besteht aber im bisherigen sozialen Gefüge (Familie, Verein, Schule, Arbeitsplatz) kein Bereich, in welchem diese Bedürfnisse, die Ausdruck der Triebe sind, bewusst gesteuert und bewusst erlebt werden können und letztlich eben auch erlernt werden, wie alle andern Fertigkeiten im Leben auch. Die Psychoanalyse hat aber zweifelsfrei nachgewiesen, dass diese ‚Arbeit‘ unter grossen zwischenmenschlichen Entbehrungen und unter Verdrängung dennoch ‚bewerkstelligt‘ wird. Diese Arbeit müsste schon im Schulalter beginnen, statt die Menschen auf ökonomische Notwendigkeiten (Arbeitskraft, Verteidigungskraft) allein ‚abzurichten‘.
Die vergangenen 50 Jahre (gerechnet 1981 PT) seit der internationalen Sexpol-Bewegung, die übrigens eng mit der Friedensbewegung und Abrüstungsorganisationen zusammengearbeitet hat, haben gezeigt, dass alle Teile der menschlichen Gemeinschaft sich wehren mussten und um Selbstverwirklichung kämpfen: Frauen, Kinder, Zigeuner, Arbeitende, Homosexuelle, Lesben, kurz: Alle Menschen, die dem ‚abendländischen‘ patriarchalen, und vor allem phallischen Mann nicht gerecht werden.
Nun heisst Frieden eben auch Befriedigung. Unsere Gesellschaftsordnung ist darauf ausgerichtet, Männer zu befriedigen, ökonomisch, sexuell, in der Freizeit, in der Kultur, im Krieg. Dabei geht es immer wieder um phallische sexuelle Befriedigung: Urwüchsige Körper, „stark wie Kruppstahl“, nicht umzubringen und gesund müssen sie sein, nicht weich(lich), keine Schlappschwänze und sie dürfen vor allem der Männerrolle nicht untreu werden, wie zum Beispiel die Homosexuellen, denn das ist Verrat am ’natürlichen‘ System. Militaristische Sprache verrät sich immer wieder an phallischen Ausdrücken und Hintergründen, wenn nicht in der Armee, so doch im Sport. Der Sport ist eine besonders eindrückliche Angelegenheit, weil viele unbewusste Wünsche und eigene AntTRIEBE in andere Körper (‚Hände‘) gelegt werden können und damit von einzelnen Helden sich selber abgerungen (!) werden. Olympische Spitzenleistungen sind extrem phallisch-orgiastisch orientierte Leistungen!
Es gibt nun spezielle Bereiche, wo homosexuelle Männer diesem Leistungsstreben auf ganz andere als gewohnte, normale Weise begegnen. Ich gehe davon aus, dass die ‚Front‘ des gesellschaftlichen Kampfes vor allem beim Mann verläuft. Er verteidigt, greift an. Oder er lässt sich im sexuellen Bereich allenfalls ‚hinreissen‘.
Homosexuelle Männer haben zwei Sexualpraktiken, die speziell in diesem Zusammenhang erwähnenswert sind. Einmal das ‚Schwanzlutschen‘. Ich erinnere an den Prozess der Basler Polizei gegen die Homosexuellen Arbeitsgruppen Basel wegen der offenen Darstellung dieses Vorganges. Ein Polizist lutscht statt eines Messmockens (als Werbung für die Herbstmesse) an einem Pornoschwanz. Eine Provokation auf dem Titelbild des HABS-Infos. Diese Kombination von mächtigem Mann und ‚homosexueller Praktik‘ (Frauen tun das ja auch!) forderte zum Kampf von Seiten der Polizei. Was ist das Schändliche an dieser (homosexuellen) Handlung? Ein Mann befriedigt einen anderen Mann, ohne dass dieser sich einen weiblichen Körper erobert und in ihn eindringt. Es findet eine Befriedigung im ursprünglichen Sinne statt.
Eine weitere Tabuhandlung bildet die ‚anale Hingabe‘ eines Mannes. Die anale Vergewaltigung ist ein historisch belegtes und immer wieder praktiziertes Sexualverhalten zwischen Macht austragenden kriegerischen Männern. Nebst der Unterwerfung eines anderen Mannes, oder der vaginalen Eroberung von Frauen in besiegten Gebieten, gibt es aber auch eine anale Hingabe. Hingabe auch im Sinne von geben und nehmen (annehmen, aufnehmen). In der Psychoanalyse kennen wir den Begriff des ‚Analsadismus‘. Anale Wünsche, Zersetzungs-, Tötungswünsche sind damit verbunden. Bei heterosexuellen Männern ist dieser Bereich eigentlich am höchsten mit Angst verbunden (es frage sich jedeR selbst). Ich frage mich als Homosexueller, warum eigentlich die hetero Männer sich Domina-Frauen zurecht gemacht haben, um sich ihnen unterwerfen zu können. Sind das nicht verdeckte homosexuelle Wünsche, die sich da äussern? Die Frauen müssen ja alle Utensilien ‚gewalttätiger‘ Männer (Väter?) am Lager haben und auch selbst sich In Leder (= harte Haut) kleiden, sie müssen fesseln und schlagen. Unter Umgehung der von Angst besetzten Analität wird da auch von dominanten Männern die Rolle getauscht. Das Spiegelverkehren würde aber richtigerweise ‚anale Hingabe‘ bedeuten und diese Hingabe wäre für die Männer ein wesentliches Erlebnis. Einen Menschen (Mann) ‚hereinkommen‘ lassen, an sich herankommen lassen, ohne ihn abzuwehren, oder zu töten, oder wie eine Frau zu vergewaltigen. Viele Männer können sich die Position einer Frau für sich selber überhaupt nicht vorstellen, obwohl sie dieselbe aktiv handelnd durchaus als das Lustvollste preisen. Ich setze hier ein grosses Fragezeichen in der Gleichberechtigung. Sexismus wird hier als Problem des Mannes eindeutig definiert.
Ich komme zurück auf oben genanntes Wort ‚hinreissen‘. Es definiert gleichzeitig eine Art Hingabe und männliche Aktion! Doch die Hingabe tritt dahinter zurück… Es dürfte klar geworden sein, dass die homosexuellen Männer zwischen allen Stühlen der sexuellen Befriedigung sitzen. Nicht nur ihre körperlich umfassendere Sinnlichkeit löst bei normalen Männern Angst und Abwehr aus, nein auch die Sexualpraktiken, die viele auch unbewusst hinter Homosexuellen spüren, sind gefährlich, lästig. Besonders feindlich reagieren Männer mit unbewussten Wünschen in dieser Richtung.
Es ist nun wichtig, zu sehen, dass es durchaus Menschen mit homosexueller Lebenseinstellung gibt, die auch homosexuell praktizieren. Weitaus wichtiger ist aber das Wissen um die vielen Männer mit heterosexueller Lebenseinstellung und homosexuellen Praktiken und Wünschen. Das zeigt sich vor allem bei den jungen Männern, die sich prostituieren. Sie lassen sich vom Homosexuellen befriedigen, lehnen es aber meistens ab, selbst aktiv zu werden, allerhöchstens lassen sie sich ‚zu manuellen Arbeiten hinreissen‘.
Es wäre nun eine Diskussion über die Wirkung des Geschilderten auf die heterosexuellen Frauen am Platz. Diese möchte ich hier auslassen und dieselben zu eigenen Gedanken anregen (vor allem die Mütter).
Ich möchte wieder zur allgemeinen Sexualpolitik zurückkehren und dabei heterosexuelles Verhalten überspringen, da oben immer wieder mit einbezogen. Es ist klar, dass vorab mit Klischees gearbeitet wurde und dass ich auch heterosexuelles Verhalten differenzierter begreife.
Internationale Sexualpolitik und damit auch Friedens-, respektive Kriegspolitik wird vor allem mit der Geburtenregelung betrieben. Drittweltländer streben an, weniger Kinder zu kriegen, sich nicht zu sehr zu vermehren, um ihre ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Infrastrukturen nicht übermässig zu strapazieren. Dabei bekommt die einzelne Arbeitskraft, aufgrund ihrer zahlenmässigen Minderung, automatisch mehr Wert. Diese Aufwertung der Arbeitskraft finden wir vor allem in Mitteleuropa mit der Kleinfamilie. Was haben nun aber die Kapitaleigner gemacht, um dieser Aufwertung entgegenzusteuern? Abgesehen davon, dass sie ihre Fabrikation ins Ausland verlegt haben, haben sie den Einheimischen ein Schnippchen mit der ‚Einfuhr‘ von Gastarbeitern geschlagen. Es sind Arbeiter gerufen worden und dennoch sind Menschen (mit Familien, mit Sexualität) gekommen. Ich komme weiter unten auf diese Lage zurück, denn jetzt möchte ich die Familie näher betrachten.
Sie sei die Kernzelle des Staates und sie ist wichtige Produktionsstätte (nebst den Waffenfabriken) für die Armee. Das erstere ist eine Lüge, warum, das sehen wir später. Nach den beiden Weltkriegen haben sich viele tausend Mütter geschworen, dass sie nie wieder Kinder als Kriegsmaterial zur Verfügung stellen werden. Viele Mütter in der Dritten Welt schwören sich täglich, sie würden keine weiteren Kinder mehr gebären, die elendiglich an Unterversorgung krepieren. Doch gerade auf die frischen, saftigen, guten-Blutes-Kinder haben es die Militaristen abgesehen. Aber nur auf die edlen (adligen) kriegstauglichen. Das Blut werde ich auch noch separat beleuchten müssen.
Die Keimzelle des Staates ist der Männer-Verein, eine homo (gleich)-artige Gesellschaft, die ihre Gleichheit durch eine Hierarchie in ungleiche Stufen unterteilt. Dies ändert auch die Frau darin bisher noch sehr wenig. Die einzige Parallele zwischen Staat und Familie ist die Hierarchie, vom Patriarchen (Präsidenten, Vorsitzenden, Chef, etc.) bis hinunter zum Kleinkind. Schon beim viel beschworenen Blut stimmt es nicht mehr.
Dies ist ja ein ganz besonderer Saft. Die ‚Blutsgemeinschaft‘ in der Familie verhindert sexuelle Kontakte, bringt aber auch Abhängigkeiten und Pflichten mit sich. Andererseits – und das finde ich für die Friedenspolitik weit wichtiger – verstösst sie ‚Artfremdes‘. Schon innerhalb der Familie spielt der Gruppenzwang, mit Bezug auf das Blut. Nur in den ökonomisch abhängigen Schichten des aufkommenden Proletariates sind diese Blutsbande durch Platznot, Geldnot, soziale Not, etc. ‚entwertet‘ worden. (Uneheliche Kinder, Kinderbanden, ledige Mütter, etc.) Doch dem wurde mit sozial-caritativen Programmen ein Riegel geschoben.
Während sich früher Zwistigkeiten von Familie zu Familie und von Dorf zu Dorf entwickelten, sind wir heute tatsächlich in einer neuen Situation. Es sind nicht mehr der Homosexuelle, allenfalls die Lesbe und andere Gruppen, die als am Rande stehend begriffen werden und die Familie und das Blut ‚bedrohen‘.
Homosexuelle haben allerdings die Familie als solche und vor allem die Fortpflanzung – das Paradepferd der Biologisten – Lügen gestraft. Sie haben darauf hingewiesen, dass Sexualität nicht Kinder und nochmals Kinder für die Arbeitgeber, sowie Beschäftigung – sprich Lebenssinn – bedeuten. Die Politik mit den Kindern würde ein eigenes separates Kapitel füllen. Sie müssen zwar alle geboren werden, dürfen aber später an der sozialen und ökonomischen Not ‚für den lieben Gott‘ zugrunde gehen.
Homosexuelle suchen intime Beziehungen mit fremdem Blut, mit Aussenstehenden, mit ‚jedermann‘. Das ist die Schande und der Vorwurf. Sie begegnen fremden Männern nicht mit dem Gewehr und mit Misstrauen, nein sie haben Lust und suchen mit dem anderen Mann Entspannung, BeFRIEDigung.
Ich habe oben schon mal Wörter gebraucht, die früher einmal in grosser Mode waren: Blutsgemeinschaft, artfremd. Den letzten Teil des zweiten Wortes möchte ich wieder aufnehmen und zu den Fremdlingen, den Flüchtlingen, den Fremdarbeitern, etc. kommen.
Die fleissigen und strebsamen Schweizer haben sich auf 1 bis 3 Kinder beschränkt. Nun kommen fremde Familien nach, die aus anderen sozialen Notwendigkeiten eine grössere Anzahl Kinder hervorbringen. Nun sind es plötzlich diese, die das einheimische Blut bedrohen. Es wird zuwenig Schweizer geben, ist die grosse Angst. Wie wenn die heutigen Schweizer an ihrem Blut zu erkennen wären. Sicher ist es vernünftig, wenn diese Ausländer sich bei uns in der Kinderzahl einschränken. Vernünftig für sie, weil hohe Kosten damit verbunden sind und weil viele Kinder nur im unteren Bereich der Arbeitsplätze Anerkennung und Lohn erhalten werden. (Siehe die vielen Italiener/Spanier der zweiten Generation, die im Verkauf tätig sind) Andererseits werten viele Arbeitskräfte sich laufend ab, da das Angebot grösser wird als die Nachfrage. Vor allem bei einer ‚Gesundschrumpfung‘ der Wirtschaft.
Eine solche ‚rassistische‘ Sexualpolitik kann nicht nur bei uns entstehen, sie läuft schon weltweit. Darum geht es in der Weltgeschichte, unbequeme Indianer und Eingeborene zu dezimieren oder zu vertreiben, durch enge Reservate, Sterilisierungsprogramme, die weit über eine vernünftige Bevölkerungspolitik hinausgehen. Krieg gegen die Bevölkerung mit der Waffe der Sexualpolitik.
Es geht letztlich immer wieder um die ‚Verhinderung des Unterganges des Abendlandes‘ und der ‚Bewahrung der weissen Rasse‘. Genauso wie bei den Fahrenden und dem Hilfswerk der Pro Juventute „Kinder der Landstrasse“ droht eine faschistische Verwirklichung bevölkerungspolitischer Anliegen. Die Pro Juventute wollte, übrigens mit Bundeshilfe, und ‚in guter Absicht‘ das Problem der Fahrenden mittels Erzwingung der Sesshaftigkeit lösen.
Schon Rom sei wegen der homosexuellen ‚Ausschweifungen‘ untergegangen. Wenn nicht spätestens hier klar wird, dass ‚Problemlösungen‘, und das sind nun mal alle geschilderten Fälle, ebenso wie Kriege und Aufrüstung, dass dies alles Flickwerk ist und bleibt, dann sehe ich für eine Friedenspolitik im umfassenden Sinne keine Chancen. Friede heisst auch Befriedigung, von Bedürfnissen ökonomischer, sozialer und sexueller Art. Unzusammenhängende Triebe dürfen nicht ausgegrenzt werden und verdrängt, ebenso nicht Gruppen, die als am Rand definiert werden. Die phantasierte Mehrheit ist eine Lüge. (Das waren – im Alter von damals 31 Jahren – meine ersten Textausflüge in „linke Politik“! P.T.)